Michael Caine: „Wer stiehlt schon gern Müll?“

24.10.2012, 11:44
Viennale 2012 • Michael Caine: „Wer stiehlt schon gern Müll?“
 

Der britische Charakterdarsteller Michael Caine über schauspielerische Grundregeln und divenhafte Restaurantköche, über John Waynes gute Ratschläge und seine Affinität zu Lounge-Music.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Sie haben vor Jahren in einem Ihrer Vorträge zur Kunst des Filmschauspiels einen Grundsatz genannt, den Sie stets beherzigten: niemals blinzeln! Nur so wirke man auf der Leinwand souverän. Ich habe versucht, Ihre letzten Auftritte dahingehend zu überprüfen; es ist, wenn ich nicht gerade selbst geblinzelt habe, tatsächlich so: Sie blinzeln nie.
Michael Caine: Sollte man auch nicht tun. Es sei denn, man will lustig sein – oder irgendwie schüchtern wirken: Hugh Grant blinzelt andauernd, um die Schwäche seiner Figuren zu betonen, die nie wissen, was sie mit einem Mädchen anstellen sollen. Was ich aber auch seit Jahrzehnten predige: Man muss sich, wenn man ein Gegenüber anspielt, immer ein Auge aussuchen, das es dann zu fixieren gilt. Wenn Sie zwischen den beiden Augen Ihres Partners wechseln, sieht das sofort unsicher, nervös aus.

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Solche simplen Tricks kann man sich gut merken.
Caine: Und es beeindruckt die Kollegen: Als ich den Komiker Jim Carrey kennen lernte, trat er auf mich zu, starrte mich an und meinte, ohne auch nur Hallo zu sagen: „Sehen Sie mal. Ich habe mich für Ihr rechtes Auge entschieden.“ Ich antwortete: „Aha, Sie haben die DVD meines Vortrags daheim!“ Er gab’s zu.

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Sie dagegen haben offen zugegeben, dass man, um ein guter Schauspieler zu werden, unbedingt stehlen müsse – aber nur von den besten Vorbildern. Denn bei denen könne man sicher sein, dass sie selbst nur Gutes gestohlen hätten.
Caine: Klar, wer stiehlt schon gern Müll?

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Von wem stehlen Sie denn?
Caine: Von Humphrey Bogart und Marlon Brando. Das sind meine Favoriten. Bogart hab ich leider nie kennen gelernt: Er war tot, bevor ich nach Amerika kam. Brando kannte ich, allerdings nur flüchtig.

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Mit John Wayne dagegen waren Sie eng befreundet: Dessen Schauspielstil scheint aber mit Ihrem nicht viel zu tun zu haben. Wie sind Sie und Wayne zusammen gekommen?
Caine: Als ich 1965 auf Wunsch von Shirley MacLaine, die ausdrücklich mich als Partner für den Film „Gambit“ wollte, erstmals nach Hollywood reiste, musste sie plötzlich weg. Ich kannte in L.A. niemanden, und hing, während ich auf Shirleys Rückkehr wartete, ohne Ansprechpartner eine Woche lang untätig im Beverly Hills Hotel herum. Ich saß in der Lobby und beobachtete die Filmstars, die da ein und aus gingen. Eines Tages kam John Wayne herein. Ich starrte ihn an, und irgendwann sah er auch mich, trat auf mich zu und fragte mich nach meinem Namen. Ich antwortete, er überlegte kurz und fragte mich, ob ich nicht gerade in einem Film namens „Alfie“ gespielt hätte. Ich bejahte, er lobte mich und prognostizierte mir eine große Zukunft. Dann begann er aber damit, mir Ratschläge zu geben: Ich sollte leise sprechen und langsam und lieber zuwenig als zuviel reden. Das sei der beste Weg, ein Filmstar zu werden. Und das Allerwichtigste: Ich sollte nur ja nie Wildlederschuhe tragen. Denn am Pissoir würde garantiert irgendein pinkelnder Nachbar auf mich aufmerksam werden, sich zu mir drehen, um sich vorzustellen, und dabei meine schönen Schuhe bekleckern. Deshalb, so sagte er, zahlte es sich nicht aus, Wildlederschuhe zu tragen.

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Damit war die Basis für eine wunderbare Freundschaft gelegt?
Caine: Ja. Er sagte noch, ich sollte ihn nie John nennen, er sei entweder Mr. Wayne oder „Duke“. Viele Jahre später musste meine Frau ins Spital, Duke Wayne lag zufällig im Nebenzimmer in seinem Sterbebett. So verbrachte ich seine letzten Tage mit ihm.

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Was muss man als Schauspieler können?
Caine: Ich empfehle vor allem: zuzuhören. Es bringt nichts, nur herumzustehen und darauf zu warten, dass man seine vorbereitete Dialogzeile loswerden kann. Es geht ums Zuhören. Ich habe in der U-Bahn mehr übers Schauspielen gelernt als auf jeder drama school – indem ich einfach nur Leute beobachtet und ihnen zugehört habe.

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Wie testet man darstellerische Qualität?
Caine: Stellen Sie sich vor, Sie proben eine Gesprächsszene mit einem Partner, und ein Kollege kommt zufällig vorbei: Wenn der sich entschuldigt dafür, dass er beim Proben stört, machen Sie was falsch. Er sollte sich zwanglos dazusetzen, weil er glaubt, Sie besprechen da gerade irgendwas Alltägliches.

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Sie glauben also an schauspielerischen Realismus?
Caine: Na ja, Schauspielen ist in so hohem Maße technisch, dass man nur bis zu einer bestimmten Stufe des Naturalismus kommen kann. Filmschauspiel ist Aufmerksamkeit, Reaktion und Verhalten.

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Im Film zu spielen ist zudem etwas ganz anderes als dies auf der Bühne zu tun, oder?
Caine: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Überhaupt nichts. Ich war neun Jahre lang am Theater; als junger Schauspieler trat ich wie ein Filmschauspieler auf die Bühne. Der Regisseur unterbrach mich und erklärte mir, dass es da ein paar Leute oben am Balkon gebe, die Geld dafür bezahlt hätten, um zu hören, was ich so zu sagen hätte. Am Theater muss man sogar in intimen Szenen aus voller Kehle, raumfüllend sprechen. Dieser Regisseur hat mir einen guten Tipp mit auf den Weg gegeben. Ich hatte einen Betrunkenen zu spielen; er fragte mich, was ich da täte. Ich antwortete, dass ich versuchte, einen Betrunkenen darzustellen, er fragte zurück: „Aber was tun Sie?“. Ich verstand erst nicht, so erklärte er, dass ich kein Betrunkener sei, sondern ein Schauspieler, der versuche, über die Bühne zu taumeln und mit Zungenschlag zu sprechen. Ein Betrunkener aber sei ein Mann, der versuche, gerade zu gehen und ordentlich zu sprechen. Dies aber, so schloss er, könne er in meiner Darstellung nicht sehen. Das war eine meiner wichtigsten Lektionen.

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Halten Sie die Schauspielerei nicht manchmal für eine etwas eigenartige Profession?
Caine: Für mich war sie immer schon ein großer Spaß. Deshalb wurde ich ja Schauspieler: Ich trat als Teenager einer Amateur-Theatergruppe bei, um Mädchen kennen zu lernen. Ich war 14, verzweifelt und in der Liebe völlig erfolglos. Also dachte ich, wenn man Schauspieler sei, würde sich daran was ändern. Leider dauerte das aber.

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Als Sie ein paar Jahre später Ernst machten mit dem Schauspielen, fanden Sie heraus, dass dieser Beruf in England um 1954 keine besonders hohen Prestigewerte genoss.
Caine: Als ich meinem Vater gestand, dass ich Schauspieler werden wollte, konnte ich ihm ansehen, was er von der Idee hielt. Wer diesen Beruf ergreifen wollte, galt im Weltbild meines Vaters als homosexuell. Aber meine Mutter stand mir bei: Sie meinte, ich könnte werden, was immer ich wollte. Ich heiratete ein Jahr später: Ich frage mich selbst manchmal, ob ich damit nur meinem Vater etwas beweisen wollte. Denn die Ehe war ein Desaster, ich war viel zu jung dafür.

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Ihre Freundschaft zu dem Dramatiker Harold Pinter, der ja vor ein paar Jahren das Drehbuch zum Remake Ihres Klassikers „Sleuth“ verfasst hat, reicht bis in Ihre Jugendtage zurück, oder?
Caine: Ja. Er war Mitte der Fifties auch Schauspieler, nannte sich damals David Baron, und er hatte zwei Einakter namens „The Room“ und „The Dumb Waiter“ geschrieben. Die brachten wir am Londoner Royal Court Theatre 1960 auf die Bühne. Seit damals sind wir Freunde, aber seither hatte ich nie mehr die Gelegenheit, in Pinters Stücken aufzutreten. Harold ist der Grund, warum ich dieses Remake von „Sleuth“ machen wollte. Sein Script unterschied sich enorm vom Original. Das war ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte – und ich meine nicht Geld, denn Geld war in diesem Film nicht drin.

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Haben Sie nie am Sinn dieses Remakes gezweifelt?
Caine: Nein. Als Jude Law mir die Rolle bei einem Abendessen anbot, war ich erst noch skeptisch, aber schon als er anfügte, dass Pinter das Drehbuch geschrieben hatte, war für mich alles klar. Jude wusste, dass Pinter den Film von 1972 nie gesehen hatte. Er kannte nur die Vorlage, Anthony Shaffers Bühnenstück, das er radikal umschrieb. Ich selbst hatte den alten „Sleuth“ seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Es gab in unserer neuen Version also keinerlei Verweise auf das Original, es war daher kein Remake, sondern etwas völlig anderes. Die Figur, die ich spiele, ist weit weg von dem, was Larry Olivier damals gespielt hat.

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Erkennen Sie sich ein wenig auch in Jude Law wieder, der ja 2007 Ihren Part von damals spielte?
Caine: Klar – und ich sagte zu Jude, dass er, wenn er mein Alter erreicht haben werde, im Re-Remake von „Sleuth“ meinen Part spielen könne. Allerdings müsse er sich dabei eines vergegenwärtigen: Der Typ, gegen den er dann anzutreten haben wird, ist noch gar nicht geboren.

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Sie gelten als Musikliebhaber mit Spezialinteressen.
Caine: Ja, ich habe vor fünf Jahren eine CD veröffentlicht, ein Album mit rarer Chill- und Lounge-Music. Das kam so: Bei einem Abendessen mit Elton John in Nizza lief diese Hintergrundmusik, die keiner kannte; nur mir war jeder einzelne Song bekannt. Elton fragte mich, woher ich dieses Wissen hatte, ich meinte nur, dass ich eben ein heimlicher Discjockey sei. Und es ist wahr: Ich stelle mir daheim meine eigenen Platten zusammen, die ich an meine Kinder und Freunde weitergebe. Die sind mittlerweile ganz schön populär. Elton rief, noch während des Essens, den Präsidenten der Plattenfirma Universal an und fragte, ob er mit mir eine Compilation machen wolle. Ein paar Sekunden später legte er auf und sagte, dass ich einen Plattenvertrag hätte. Ich sollte einfach eine Liste von Stücken machen, die ich drauf haben wollte. 2007 ist das Album dann erschienen. Es heißt „Cained“.

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Sie sind Lounge-Music-Connaisseur?
Caine: Klar. Da sind Tracks drauf, von denen kaum jemand wusste, dass sie existieren. Es sind romantische Songs, aber immer mit Beat. Das musste sein, ich bin ja ein alter Disco-Mann. Es ist die einzige Musik, die ich liebe. Ich mochte nie Rock’n’Roll, Heavy Metal interessierte mich auch nicht, weder House noch Urban noch Rap. Als Claude Challe schließlich die erste Chill-Platte veröffentlichte, passend zu seiner Buddha-Bar-Kette, faszinierte mich das so, dass ich begann, selbst welche zu machen – für den Privatgebrauch.

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Was haben Sie noch vor? Filme produzieren? Selbst inszenieren?
Caine: Keinerlei Ambitionen. Ich bin absolut glücklich damit, Schauspieler zu sein – und das werde ich tun, bis mich das Filmgeschäft in die Rente schickt.

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Aber Sie beschäftigen sich doch mit ein paar faszinierenden anderen Dingen: Sie haben etwa nebenbei Restaurants betrieben ...
Caine: ... aber nicht mehr! Die habe ich alle verkauft. Das war mir am Ende zu heiß: Köche sind aufbrausender als Filmstars. Das sind Diven! Manchmal hat sich das schon angefühlt, als müsse man ein Restaurant mit Gloria Swanson eröffnen!

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So schlimm?
Caine: Mein Gott! Es war die Hölle!

Michael Caine, 79,
gehört trotz seiner legendär anspruchslosen Rollenwahl, er hat bereits an die 150 Filme gedreht, zu den Virtuosen des angloamerikanischen Kinos. 1933 als Maurice Joseph Micklewhite in einen Londoner Arbeiterklassenhaushalt geboren, begann er Mitte der 1950er-Jahre seine Schauspielerkarriere, die sich aber erst nach einer Durststrecke von gut zehn Jahren TV-Knochenarbeit tatsächlich zu entwickeln begann. Erste Hauptrollen in britischen Filmen wie der Sex- und Proletariatskomödie „Alfie“ (1965) brachten Caine nach Hollywood, aber seiner Heimat blieb er schon des berühmten Cockney-Akzents wegen, mit dem er seine Parts gern anlegt, langfristig erhalten. Zu Caines herausragenden Arbeiten zählen das Gangsterdrama „Get Carter“ (1971), Brian De Palmas Schocker „Dressed to Kill“ (1980), „Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) und Bob Rafelsons „Blood and Wine“ (1996). Zuletzt trat er mehrfach, darstellerisch überqualifiziert, als Hausdiener Batmans in der „Dark-Knight“-Serie Christopher Nolans (2005-2012) auf.

Das profil-Gespräch wurde im September 2007 im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig geführt und erschien im Frühling 2008 in leicht gekürzter Version in profil.




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