"Volksfest": Ein Krimi von Rainer Nikowitz

30.10.2012, 11:19
Rainer Nikowitz • "Volksfest": Ein Krimi von Rainer Nikowitz
 

Wo Nikowitz draufsteht, ist Nikowitz drin – jetzt auch in Langform. Gernot Bauer über den Krimi-Erstling des profil-Haussatirikers.

Am 13. März 2000 erschien im Politikteil des profil erstmals eine kleine Kolumne in Form eines erfundenen Telefongesprächs zwischen Jörg Haider und einem Vertrauten. Titel: „Hallo Westi“. Die erste Reaktion darauf stammte von Leserbriefschreiberin Sandra Retschitzegger: „So viel hab ich schon lange nicht mehr gelacht! Besser geht‘s gor net! So schaut‘s aus!“ Aus einer einmaligen Fingerübung wurden rund 600 Kolumnen (plus ebenso viele Leserbriefe), vier Sammelbände und Dutzende szenische Lesungen des Autors mit Florian Scheuba.

Als Reinhard Tramontana 2005 starb, wurde Nikowitz dessen Nachfolger als Haussatiriker mit eigenem Spielplatz zum Austoben am Heftende. Der zu Tramontanas Zeiten registrierte Spezialeffekt der retrograden profil-Lektüre blieb: Auch heute wird die letzte Seite gern als erste gelesen. Auch wenn das der am Heftbeginn leitartikelnde Herausgeber nicht glauben will.

Da er offenbar nicht nachhaltig Nein sagen kann und Wochenendschreibtischarbeit liebt, gab Rainer Nikowitz dem Drängen und Drohen des Rowohlt Verlags nach und tat – von den besten Aufdeckerjournalisten seiner Redaktion unbemerkt –, was er ohnehin schon früher tun wollte. Er schrieb klammheimlich einen Krimi. Titel: „Volksfest“. Schön für ihn, schön für den Rowohlt Verlag, schön für die Nikowitz-Fans – allerdings eine journalistische Strapaze für das nach außen und innen unabhängigste Nachrichtenmagazin des Landes; für eine Redaktion, die keine Loyalitäten kennt, sondern nur zumutbare und unzumutbare Wahrheiten, mit Journalisten, die intraredaktionelle Freunderlwirtschaft ablehnen, wo eine Krähe der anderen beide Augen aushackt. Da in einem solchen Milieu ein Journalist zwangsläufig der strengste Kritiker seiner selbst wird, rieten wir dem Kollegen Nikowitz dringend davon ab, sein eigenes Buch in profil zu besprechen.

Hierorts ist gewiss kein Platz für Gefälligkeitsgutachten in literarischen Angelegenheiten. Mit gebotener und auch vorhandener Objektivität muss es freilich zulässig sein, Höchstleistungen aus dem eigenen Stall zu würdigen. Felix Baumgartners Stratosphären-Sprung fanden ja auch dessen Red-Bull-Sponsor-Buddies Mark Webber und Thomas Morgenstern beeindruckend.

Also:
Hiermit sei Rainer Nikowitz’ Kriminalroman „Volksfest“ zum Beispiel den Herren Felix Baumgartner und Thomas Morgenstern dringend zur Lektüre empfohlen – und im Falle einer späteren Übersetzung ins australische Englisch („People’s Party“? „Folk Fete“?) natürlich auch Mark Webber.

Held in Nikowitz’ Roman ist „der Suchanek“.
Natürlich ist er kein richtiger Held, nicht einmal einer wider Willen oder aus Versehen. Der Suchanek ist ein Untergeher ohne Job und Vornamen in seinen Dreißigern, der aus einem Ruhebedürfnis heraus von der niederösterreichischen Provinz in die Wiener Anonymität gezogen und von der eigenen sozialen Verwahrlosung unbeeindruckt ist – auch dank seines Grundnahrungsmittels Marihuana. Nun kehrt er eher widerwillig zurück in seinen Heimatort, um vier Tage auf das Haus seiner urlaubenden Eltern aufzupassen. Das fiktionale Wulzendorf liegt irgendwo östlich von Wien. Nirgendwo sonst nichtet das niederösterreichische Nichts derart intensiv wie hier, wo der lokale Raiffeisen-Silo die höchste Erhebung und in Ermangelung prächtiger Benediktinerstifte auch die Hauptattraktion ist – abgesehen von Kriegerdenkmälern. Besser geht es da den Bürgern von Wulzendorfs Nachbargemeinde Bernhardsau. Dort sind wenigstens noch Original-Einschusslöcher eines vor Jahrzehnten aus dem Gefängnis geflohenen Gangsters zu besichtigen. Wenn etwas in Wulzendorf passiert, so sind es regelmäßige Unfälle der Dorfjugend in aufgemotzten Autos, wobei nicht nur die jungen Wulzendorfer zum Komasaufen tendieren. Die Herrschaftsmacht wird von den ansässigen Großbauern ausgeübt, deren Stellung sich nach der Zahl der besessenen Hektar richtet. Man ahnt es nach den ersten Seiten: Der Schauplatz Niederösterreich hat bei Nikowitz wenig gemein mit dem Bundesland aus der Festschrift zum 20-jährigen Thronjubiläum von Landeshauptmann Erwin Pröll – auch wenn es der Titel des Krimis vermuten ließe.

Das Volksfest mit Autodrom und Bierzelt ist der jährliche Höhepunkt im Wulzendorfer Veranstaltungskalender. Doch ausgerechnet bei Suchaneks Rückkehr nach 15 Jahren will keine rechte Feststimmung aufkommen. Aus schaurigem Grund: Bei einer Brandstiftung kommt die Gattin des Feuerwehrkommandanten, nebenbei Ober-Kampfbeterin der christlichen Fundi-Organisation Legio Mariae, ums Leben. Einziger Zeuge ist Suchanek, der beim nächtlichen Kiffen auf dem Balkon seines Elternhauses eine Gestalt nahe der brennenden Scheune beobachtete. Und so steht er auf einmal im Mittelpunkt des Interesses – der Polizei, der Wulzendorfer und natürlich des Mörders. Der Suchanek reagiert auf seine plötzliche Prominenz wie auf die Diagnose einer schweren Krankheit: verdrängen, verzweifeln, akzeptieren. Als ein weiteres Mordopfer gefunden wird, entwickelt der Lethargiker schließlich investigative Energie, nicht immer zielgerichtet, aber mit Risikobereitschaft und Unterstützung durch seinen lokalen Marihuana-Lieferanten.

Bummelstudenten mögen den Roman als Überlebenskampf eines Artverwandten in fremder Umgebung interpretieren, Katholischer Familienverband und ÖVP NÖ als literaturgewordene Verharmlosung weicher Drogen. Die sehr junge Landjugend wird ­darin mehr Frivolitäten finden als in allen Jungbäuerinnenkalendern zusammen. Tatsächlich ist „Volksfest“ zunächst ein handwerklich perfekter Kriminalroman mit allen notwendigen Ingredienzien: raffinierter Plot, gut entwickelte Charaktere, Tempo, Sus­pense und Surprise.

Zusätzlich gilt:
Wo Nikowitz draufsteht, ist Nikowitz drin – auch in Langform. Witz ist sein Extra. So schildert er die letzten Sekunden vor einer mörderischen Attacke dermaßen gekonnt, dass der Leser im Selbstversuch erkennt, dass Luftanhalten und Lachen gleichzeitig nicht möglich sind. Der spöttische Sound und treffsicher gesetzte Pointen der Dialoge seiner Kolumnen finden sich auch in „Volksfest“.

Gegen Ende des Buchs sinniert Sucha­nek, was er in den vergangenen 60 Stunden so erlebt hat. Aus Sicht des unbestechlichen profil-Rezensenten war es ziemlich viel, auch wenn, so Suchanek, „bei Kiefer Sutherland in dieser Serie in 24 Stunden noch viel mehr passiert. Atomkriegsvermeidung, Erdachsenverschiebungsstopp und Supernovahintanhaltung inklusive.“ Abschließend noch ein kleiner Tipp: Im Gegensatz zum profil wäre „Volksfest“ am besten von der ersten Seite an zu lesen.

Rainer Nikowitz: Volksfest
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 319 Seiten, 9,99 Euro.
Das Buch wird am 8. November im Wiener Rabenhof Theater präsentiert.

herbertwastl, 05. 11. '12 09:41
ja das stimmt ...
nikowitz immer an poleposition am sonntag (sozusagen wie der vettel beim dies-sonntäglichen gp) ...
auch:
wenns rainer nicht glaubt ...




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