"Vor den Lebenden müssen Sie Angst haben!“

1.11.2012, 15:47

Wie wird eine Todesursache wirklich festgestellt? Tina Goebel wollte es genau wissen und begleitete einen Pathologen einen Tag lang bei seiner Arbeit.

Von Tina Goebel

Der Pathologe Roland Sedivy studiert immer sehr genau den Wetterbericht. Denn der verrät ihm, ob er in den nächsten Tagen mit viel oder wenig Arbeit rechnen muss. "Dieses Wochenende gibt es wieder einen Wetterwechsel, da haben wir am Montag bestimmt einige Neuzugänge“, erklärte Sedivy bereits bei der Terminvereinbarung am Telefon. Eine spontane Luftdruckveränderung setzt dem Kreislauf zu, was für betagte oder bereits sehr kranke Menschen schnell zum endgültigen Exitus führen kann.

Tatsächlich sind nach dem besagten Wochenende nur drei Tote in die Pathologie des Landesklinikums St. Pölten eingeliefert worden, die von Sedivy geleitet wird. Der Wetterwechsel hatte doch weniger Auswirkungen.

Roland Sedivy hat einen Toten vorbereiten lassen. Doch der Pathologe will nicht direkt mit der Obduktion beginnen, er will seine Besucher lieber langsam auf den Anblick der Leiche vorbereiten. "Ich nehme mir Zeit, dafür ist mir noch nie jemand im Seziersaal umgefallen“, erklärt er. Ein ausführliches Vorgespräch ist Sedivy wichtig, er legt auch einige drastische Fotos vor, die mir ein laues Gefühl im Magen bescheren. Ich frage mich: Will ich das nun wirklich sehen, wenn bereits die Bilder so heftig wirken? Und wie schlimm wird der Verwesungsgeruch sein? Kippe ich vielleicht als Erste um?

"Ich führe gerne Obduktionen durch, die Organe an sich sind für mich sehr abstrakt, und ich finde es spannend, auffällige Veränderungen zu finden. Ich denke dabei nicht, dass ein Toter vor mir liegt“, so Sedivy, der eine außerordentliche Frohnatur ist und auch kostenlose Gespräche für Hinterbliebene anbietet. "Angehörigen können manchmal medizinische Erklärungen enorm helfen. Manche haben zum Beispiel Schuldgefühle, da sie glauben, zu spät die Rettung geholt zu haben. Wenn ich ihnen dann erklären kann, dass für den Verstorbenen jede Hilfe zu spät gekommen wäre, so nimmt das oft den Angehörigen eine große Last weg.“

Wir machen uns auf den Weg in den Seziersaal. Ein Mitarbeiter bemerkt mein mulmiges Gefühl und will mich aufmuntern: "Sie brauchen sich vor den Toten nicht zu fürchten. Die können ihnen nichts tun. Vor den Lebenden müssen Sie Angst haben. Ich würde zum Beispiel lieber eine Nacht neben einer Leiche verbringen als in einer Jugendherberge.“

Wirklich hilfreich finde ich seine Worte nicht.

Die Tür geht auf. Fünf wuchtige Tische aus Metall beherrschen den großen, kahlen Raum, in dem sich sonst nur noch ein paar Regale voller medizinischer Instrumente befinden. Ein Toter liegt auf dem äußersten linken Tisch, der offenbar schwer übergewichtige Körper ist von einem weißen Leintuch bedeckt, auf dem einige Blutspritzer sichtbar sind. Nur seine kalten, blauen Füße sind zu sehen. Es handelt sich um einen 75-jährigen Mann, der am Tag zuvor gestorben ist. Er verstarb im angrenzenden Krankenhaus, fünf Tage nachdem ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden war. "Die Pathologie stellt eine der wichtigsten Qualitätskontrollen für ein Krankenhaus dar“, erklärt Sedivy. Er muss nun klären, ob nicht vielleicht ein ärztlicher Kunstfehler bei der Operation zum Tod des Mannes geführt hat. Die Todesursache muss laut Gesetz bei jedem Verstorbenen geklärt werden. Kann keine natürliche, eindeutige Todesursache festgestellt werden, so ist eine Obduktion notwendig. Oft genügt dafür jedoch die klinische Diagnostik.

Bei Verdacht auf Fremdverschulden wird eine Anzeige erstattet und die Gerichtsmedizin übernimmt den Fall.

Im Landesklinikum St. Pölten werden ungefähr 30 bis 40 Prozent der im Krankenhaus Verstorbenen obduziert, eine der höchsten Raten des Landes. Das sind ungefähr 250 bis 300 Obduktionen im Jahr, die Sedivy fast allesamt selbst durchführt.

Der Pathologe will das Leichentuch noch nicht abziehen, er bittet zunächst zwei Tische weiter. Dort haben seine Mitarbeiter bereits die Organe des Toten aufbereitet. Anders als es in unzähligen TV-Krimiserien zu sehen ist, wird nämlich nicht am offenen Leichnam obduziert, sondern der gesamte Bauchraum zur besseren Untersuchung entnommen. Da der riesige blutige Haufen an Organen ein drastisches Bild abgibt, wird in Film und Fernsehen gerne auf diese realistische Darstellung verzichtet. Dabei sehen die Innereien nicht sehr viel anders aus, als das frische Fleisch und die Organe, die in einer Fleischerei verkauft werden. Und wie in so einer riecht es auch hier vor allem nach frischem Blut. Der gefürchtete Fäulnisgeruch bleibt aus - weil es sich um einen frisch Verstorbenen handelt.

Nun beginnt Sedivy mit der Obduktion. Er schneidet mit einem großen, scharfen Messer die Lunge auf und sieht sofort, dass der Verstorbene ein Raucher war. Langsam arbeitet er sich an das Herz heran und seziert ein Organ nach dem anderen. Ein Mitarbeiter muss nach jedem Schnitt sofort mit Wasser das Blut wegspülen, da sonst nichts zu erkennen wäre.

Dass der Mann nicht gerade gesund gelebt hat, ließ bereits das Übergewicht erahnen. Wie angeschlagen er wirklich war, zeigt die Öffnung des Herzes, bei der sofort ein kleiner, gekräuselter Draht sichtbar wird. Es handelt sich um einen Herzkatheter. "Sehen Sie sich einmal diese Aorta an, die ist ja fast zu“, weist der Pathologe auf die fortgeschrittene Gefäßverkalkung des Patienten hin. Die dicke weiße Plaqueschicht ist gut zu erkennen. Weiters stellt er fest: Die Leber ist stark verfettet, wohl von der offensichtlichen Fehlernährung oder von Alkohol.

Als der Pathologe die Gallenblase aufschneidet, fallen einige Steine heraus. "Das müssen starke Schmerzen gewesen sein“, meint Sedivy. Der Fall ist für ihn schnell klar: Die Operation an der Hüfte war für das ohnehin schon schwache Herz eine zu starke Belastung. Es konnte einfach nicht mehr genug Sauerstoff in den Körper pumpen. Ein Kunstfehler kann ausgeschlossen werden.

Nachdem die Obduktion abgeschlossen ist, ziehen die Mitarbeiter das Leintuch über dem toten Körper langsam weg. Die frische Narbe an der Hüfte ist deutlich zu erkennen, weiters zieht sich eine lange, grobe Naht über den gesamten Oberkörper. Der Bauch ist eingefallen, die Organe müssen erst wieder eingesetzt werden. Das Gesicht des Mannes ist entspannt, und er sieht aus, als würde er schlafen. Er hat sich kurz vor seinem Tod noch rasiert, er trägt ein kleines Oberlippenbärtchen, das ordentlich gestutzt ist. Vielleicht hat er schon mit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus gerechnet und sich auf ein Wiedersehen mit seinen Enkelkindern gefreut. Ich frage mich, ob er wohl ein schönes, erfülltes Leben hatte. Zumindest in kulinarischer Hinsicht dürfte er es ziemlich genossen haben, das steht nach der Obduktion fest. Ein einigermaßen tröstlicher Gedanke.

Zum Abschluss führt Sedivy noch in die Kühlkammer, in der die Leichen aufbewahrt werden. Es ist ein kleiner Raum, in dem sich einige wuchtige Metalltüren dicht aneinanderreihen.

Ich atme tief ein, um mich auf den Anblick dessen vorzubereiten, was dahinter liegen mag. Als sich die Türe öffnet, bin ich einigermaßen überrascht - ich sehe zunächst eine Sonnenblume. Sie liegt auf einem Leichentuch, das einen sehr kleinen und dünnen Körper bedeckt. "Eine Frau, sie ist wohl an Krebs gestorben“, erklärt Sedivy. Ein Familienangehöriger oder Freund muss die Blume der Verstorbenen beigelegt haben. Es ist ein sehr rührendes Bild, und ich muss sofort an meine Cousine denken, die diesen Februar an Leukämie verstorben ist. Elisabeth war 32 Jahre alt. Sie erfuhr die Diagnose während ihrer zweiten Schwangerschaft. Sie starb, als ihr Baby ein halbes Jahr alt war. Elisabeth lebte überaus gesund, betrieb mit ihrem Mann eine Bio-Landwirtschaft und war eine Pferdenärrin und Reitlehrerin.

Ich beginne zu frösteln, die Temperatur beträgt hier zwei bis fünf Grad. Als Letztes wird eine leere Kühlkammer geöffnet, die für übergewichtige Verstorbene eingerichtet wurde und deutlich größer ist als die anderen. "Die brauchen wir immer öfter“, meint ein Mitarbeiter seufzend, der den Fotografen überreden will, sich doch zu den Leichen in die Kammer zu begeben. Von innen könne er bestimmt bessere Fotos machen. Der Fotograf verneint energisch und wirft mir einen panischen Blick zu. Ich möchte auch nicht unbedingt noch länger in diesem Eiskasten bleiben. Wir verabschieden uns und fahren mit dem Fahrstuhl wieder nach oben. Es wird wirklich Zeit, endlich wieder zu den Lebenden zurückzukehren.





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