Christian Rainer
Sido & Obama mit Arbeit. Arbeitslose arbeitslos

5.11.2012, 13:40
Christian Rainer Sido & Obama mit Arbeit. Arbeitslose arbeitslos
 

Drei Themen, die garantiert nichts miteinander zu tun haben.

Sido. Dass Sido seinen Job bei der „Großen Chance“ wiederbekommen hat, ist ein Skandal. Bekanntlich hatte der Rapper, der als Juror fungierte, Dominic Heinzl nach der ORF-Sendung mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Zuvor hatte er Heinzls Mutter auf das Unflätigste beleidigt. All das im Detail mit Kamera und Mikrofon dokumentiert. Dass Heinzl nicht unmittelbar zusammensackte, sondern wohlkalkuliert einige Sekunden später, tut hier nichts zur Sache.

Tatsache ist nämlich: Wir sprechen von Gewaltanwendung, möglicherweise sogar von versuchter Körperverletzung und Ehrenbeleidigung im Sinne des Strafrechts, das Ganze im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bezeugt von ein paar hunderttausend Jugendlichen und Erwachsenen per TV, YouTube und Zeitungen. Die einzige Konsequenz konnte nur sein, Sido aus der Jury zu entfernen. Das tat Programmdirektorin Kathi Zechner auch umgehend und wortreichst – von wegen Wirkung der Gewalt auf die Jugend, wie das auf ihre eigenen Kinder gewirkt hätte und so fort.

Genau diese Kathi Zechner hat nun die Entscheidung getroffen, Sido nach nur einer Woche Pause wieder als Juror zu installieren. Mit hanebüchener wie peinlicher Argumentation: „Das ist keine Rücknahme der Entscheidung.“ (Was ist es sonst?) „Der Stopp war nötig, weil auf beiden Seiten überzogen wurde.“ (Was heißt hier auf beiden Seiten? Hier wird körperliche Gewalt mit ein wenig Heinzl-Attitüde gleichgesetzt und dadurch verharmlost.) „Wir führen die ausgestreckten Hände beider zusammen.“ (Ausgestreckt war bloß Sidos Arm, und das mit einer Faust. Demnächst wird ein Mordversuch bei Gericht ebenso befriedet werden.)

In Wahrheit schaut Frau Zechner nur auf die Quoten (die Sendung funktioniert ohne Sido wohl nicht) – bei einem Programm, das im ORF ohnehin wenig zu suchen hat, und in absolut unzulässiger Weise. Nicht überraschend ist in diesem Zusammenhang nur: dass der ORF-Generaldirektor mal wieder untergetaucht ist.

Obama.
Soll es überraschen, dass 80 Prozent der Österreicher Obama und nur fünf Prozent Romney wählen würden? Ausgerechnet jene Österreicher, die durchaus für markige Sprüche erfolgreicher Unternehmer anfällig sind (siehe Felix Baumgartners Liebe zu kleinen Diktatoren) und jeden Schwarzen prinzipiell für einen Ausländer halten? Mag auch daran liegen, dass die Hälfte der Österreicher den republikanischen Herausforderer ungestützt nicht einmal beim Namen nennen könnte. Liegt aber dann doch daran, dass der Westen nicht der Westen ist, auch wenn USA und Europa (immer öfter ohne Großbritannien) regelmäßig über einen Kamm geschoren werden. Nur weil sich amerikanische Konsum- und „Kultur“-Güter durchgesetzt haben, gilt das noch lange nicht für Werte und Weltbilder. Der Unterschied beginnt beim Gewicht, das Gott zugemessen wird (man stelle sich einen Atheisten als US-Präsidenten vor!), und endet bei der Bedeutung, die dem Militär oder dem Sozialstaat zugemessen wird. Da liegen die Kontinente an gegenüberliegenden Polen. Was wiederum die Erklärung für vieles ist. Zum Beispiel für den pragmatischen Umgang der USA mit Immigranten (die in den USA oft aus wesentlich abgegrenzteren Ethnien kommen als in Europa). Aber auch für die relative Erfolglosigkeit der Amerikaner mit ihren Investitionen in Osteuropa (das ihnen wesentlich fremder gegenübersteht).

Wer wird die US-Wahl gewinnen? Weil es erheiternd sein könnte, einen profil-Herausgeber bei einem krassen Irrtum zu erwischen: Barack Obama, und das ziemlich ungefährdet.

Arbeitslosigkeit.
Österreich liegt in der europäischen Arbeitslosenstatistik stets unter den Allerbesten (und damit auch in jedem globalen Vergleich). Doch von diesen Zahlen soll man sich nicht einlullen lassen. Nicht bloß, weil in der vergangenen Woche ein gröberer Anstieg vermeldet wurde. Vielmehr ist Arbeitslosigkeit ein wichtiger Indikator für die Stabilität der demokratischen Strukturen eines Landes, und für diese Behauptung braucht es keinen Hinweis auf die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Niemand sollte glauben, dass die Zahl der Beschäftigungslosen nicht innerhalb weniger Jahre auf 30 Prozent steigen kann, sei es durch eine Rezession, sei es durch strukturelle Veränderungen einer Volkswirtschaft. Bei solchen Prozentsätzen wird es schnell heikel. Beziehungsweise umgekehrt: Es gibt kaum Beispiele von Staaten, die längere Perioden mit derartigen Arbeitslosenzahlen als Demokratien überlebt haben.

Dass unsere Demokratie in Stein gemeißelt ist, ist ein ähnlich gefährlicher Trugschluss wie die Überzeugung, dass 67 Jahre ohne Krieg ewigen Frieden bedeuten.

christian.rainer@profil.at

eulenauge, 04. 11. '12 19:57
Krasse Irrtümer
Also mir reicht schon, daß der Homo sapiens ausstirbt, wenn's um zwei Grad wärmer wird - noch mehr Irrtümer brauch' ich eigentlich nicht mehr.
nra4ever, 06. 11. '12 09:33
Re: Krasse Irrtümer
Tut er ja nicht - bekanntlich endet der Maya - Kalender am 21. Dez.! Alles klar? Ausserdem geht vorher eh das Öl aus.
lampshade, 04. 11. '12 19:40
machts euch das mit den händen aus
riet einst ein eishockeytrainer zu petzenden boys und war einigermassen überrascht, als die gleich einwilligten und mit "schere, stein, papier" die sache regelten. was spricht gegen handgreiflichkeiten unter möchtegerngleichhalbstarken? sind ihnen jungs, die sich nur noch im second life zurechtfinden wirklich lieber? mir wären ein paar handgreiflichkeiten unter euch männern lieber als weltvernichtung auf knopfdruck.
Bergdolm, 04. 11. '12 20:43
Re: machts euch das mit den händen aus
Der Trigger an der Pistole ist halt so ein Mittelding ;-)
Blöde Geschichte der Erfindungsreichtum des Homo sapiens.

Ein Ö-Fussballtrainer hat auch einmal von sich gegeben: "Wenns scho net kicken könnts, dann hauts wenigstens eine ..." Der Typ hat sich nicht nur lächerlich damit gemacht.
Tingulv, 04. 11. '12 00:33
Konsequenz: Bundesheer aufrüsten, sofort 150 Eurofighter kaufen!!!
Anfang der 1930er-Jahren waren Deutschland und Österreich wirtschaftlich die schwächsten Länder in Europa, weshalb hier auch der Hitler viele Anhänger fand. Heute sind Griechenland und Spanien die schwächsten Länder, wo sich schon die Massenarbeitslosigkeit massiv ausbreitet. Außerdem kommt es dort zu massiver antideutscher Propaganda. Daher ist es umso wahrscheinlicher, dass dort demnächst ein Kriegslüsterner Diktator an die Macht kommt, der wie Hitler oder Napoleon (der auch nach einer Wirtschaftskrise an die Macht kam) Europa mit Krieg überzieht. Daher sollten wir genauso wie die Schweiz eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit aufbauen, damit der nächste europäische Krieg an uns vorbeizieht, wie der 2. Weltkrieg an der Schweiz.
Bergdolm, 04. 11. '12 08:24
Re: Konsequenz: Bundesheer aufrüsten, sofort 150 Eurofighter kaufen!!!
Dann bauen wir noch riesige Berglandschaften auf, um zusätzlich Schutz durch die Topographie zu bekommen. Auch könnten wir die ganze Welt einladen, ihre Raub-, Flucht- und Blutgelder bei uns zu bunkern. Vielleicht können wir dann die Schweiz noch toppen und uns Ihre vorgeschlagenen 150 Eurofighter doch ersparen.
Tingulv, 04. 11. '12 22:15
Hinweis: Berge haben wir schon.
150 Abfangjäger sind schon erforderlich um ein so kleines Land wie Österreich sinnvoll zu verteidigen (siehe Schweiz), die 15 Stück die wir derzeit haben, fällt allenfalls in die Kategorie „Feigenblatt“.
Raub-, Flucht- und Blutgelder sind zwar amoralisch, haben jedoch die Schweiz vor dem 2. Weltkrieg bewahrt und sind daher eine wunderbare Ergänzung im Sinne einer Umfassenden Landesverteidigung.
Übrigends nichts ist schädlicher, als wenn ein großer Krieg das Land verwüstet.
oupos, 03. 11. '12 21:52
Wer wird die Wahl gewinnen?
"Weil es erheiternd sein könnte, einen profil-Herausgeber bei einem krassen Irrtum zu erwischen" - nein, das ist nicht erheiternd, weil etwa 99% der Österreicher (ungestützt) keine Ahnung haben, wer denn Herr Christian Rainer sein mag - und das zu Recht. Kleingeistigkeit mit violetten Socken zu kompensieren versuchen, das eigene viel zu kleine Ego bei jeder Peinlichkeit aufblähen bis zur Kenntlichkeit, die eigenen überbordenden Minderwertigkeitskomplexe mit beredter Belanglosigkeit camouflieren - es gibt Gründe, warum das profil von Woche zu Woche Leser verliert...
Bergdolm, 04. 11. '12 08:39
Re: Wer wird die Wahl gewinnen?
"Violette Socken"- Ihre Sorgen möchte ich haben.
Ich hoffe, Sie haben sonst auch so eine geniale Beobachtungsgabe.
Printmedien verlieren überall, falls Ihnen das entgangen sein sollte. Ein entsprechender Artikel - nicht von Ch. Rainer - war übrigens im letzten Profil.
manmag, 15. 11. '12 10:21
Re: Wer wird die Wahl gewinnen?
Die meisten mögen ohnehin die Falschen und damit liegt der Herausgeber wenigstens auch diesmla richtig. Sein Obama-Tipp bestätigte sich wie man heute weiß in überzeugender Weise ... und diejenigen die meistens richtig liegen sind bei den meisten selten beliebt.
Zum Fall SiDo kann man nur darauf hinweisen, etwas zu Entschuldigen (z.B. Gewalttätigkeit) ist keine Pflicht die man einfordern kann. Manchmal kann Unnachgiebigkeit durchaus mehr Sinn machen. Hier war es vermutlich wirklich nur die Quote ...
Aus violetten Socken soviele Eigenschaften ableiten zu können zeugt von einer Befähigung zum "Sockentologen". Ich schlage Ihnen vor sich um die Autorenschaft für eine entsprechende Kolumne vorschlagsweise in der Krone zu bewerben.
Bergdolm, 03. 11. '12 16:29
Es kann wirklich schnell gehen
Bei allen drei - unabhängigen - Themenblöcken kann man Ch. Rainer mit seinen Analysen 100% recht geben.

* Der Fall ORF-Sido zeigt, was der "Quote" heute alles untergeordnet wird. Das Schöne daran ist jedoch, dass viele mitbekommen haben, dass man ganz schnell das Gesicht verlieren kann, falls man überhaupt eines hatte.

* Die USA sind - trotz High-Tech und als Supermacht - noch im Mittelalter. "In God We Trust" - der Spruch auf den Dollar-Bills - zeigt, dass sie noch heute von einer Phantasiegestalt gelenkt werden wollen. Deshalb kann man sie nur bedingt erst nehmen, muss sich aber auch vor ihnen fürchten. Obama ist am 6.11. die harmlosere Variante.

* Arbeitslosigkeit kann ganz schnell zur Massenarbeitslosigkeit führen, die das Ende der Demokratie und wahrscheinlich Krieg zur Folge hat.
Tingulv, 03. 11. '12 23:07
Sich nach der Quote zu richten bedeutet, dass …
...man versucht sich im Fernsehen nach den Wünschen des Publikums zu richten.
Die steht im Widerspruch zum Sozialismus, wo eine Elite bestimmt, was gut für alle ist. Dazu im Widerspruch steht die Marktwirtschaft, wo der Kunde entscheidet, welchen Anbieter er bevorzugt und er nicht einen von der Elite bevorzugten Anbieter vorgesetzt bekommt.
Tingulv, 04. 11. '12 00:23
Unser letzter echter Glaube: Der Glaube an unser Geld
Früher stand beispielsweise auf der Vorderseite der 20-USD-Note „Twenty Dollar In Gold - Payable To The Bearer On Demand“, und 1963 wurde der Schriftzug "Redeemable in Lawful Money" ersetzt durch "In God We Trust". Von einem ehemaligen Goldzertifikat bleibt uns nur noch der Glaube an Gott oder in die Umtauschbarkeit eines Fetzen Papiers.
Bergdolm, 04. 11. '12 08:52
Gedanken zur "Quote"
@Tinguly: Wenn wir nur der "Quote" gehorchten, bräuchten wir überhaupt keine Kultur im TV.
Beim Sozialismus mögen "Eliten" entscheiden. In der "freien Marktwirtschaft" hat das Geld die Macht und macht die Regeln.

Nachsatz: Frau Zechner würde ich trotzdem nicht zur "Elite" des Landes zählen, auch wenn sie eine Top-Funktion hat. Sie hat sich nicht nur meines Erachtens für ihren Job vollkommen disqualifiziert.
Tingulv, 04. 11. '12 14:49
Re: Wenn wir nur der "Quote" gehorchten, bräuchten wir überhaupt keine Kultur
Kunst und Kultur sind die größten Quotenhits im TV. Ich denke da nur an die zahlreichen Castingshows, aber offensichtlich ist das für Sie nur entartete Kunst. Sie werden keine Liebe zu den von Ihnen bevorzugten Arten von Kunst und Kultur sähen, in dem Sie der breiten Bevölkerung Ihre Wünsche aufzwingen, denn Zwang verursacht nur Ablehnung, insbesondere, wenn sie dazu mittels Zwangsgewalt eingehobene Gebühren verwenden.
Tingulv, 04. 11. '12 14:54
"In der unbehinderten Marktwirtschaft haben die Unternehmer und Kapitalisten...
weder an der Beeinflussung der öffentlichen Meinung noch an der Bestechung der Regierungsfunktionäre Interesse. Im Staatswesen, das durch Eingriffe der Obrigkeit in das Marktgetriebe Privilegien schafft, die einer Anzahl von Menschen oder Gruppen von Menschen Vorteile auf Kosten der übrigen Bürger bringen, ist jedermann darauf bedacht, bei der Verteilung der Gnaden so gut als möglich abzuschneiden. Nicht selten werden die Unternehmer und Kapitalisten zum Bestechen gezwungen. Sie müssen trachten, die öffentliche Meinung, die Parteien und die Regierung durch Geschenke davon abzuhalten, ihnen Schaden zuzufügen. Zu den öffentlichen Abgaben treten die Abgaben, die die Beamten, die Parteien und die Parteipresse allen, die zahlen können, auferlegen...
Tingulv, 04. 11. '12 14:56
Es liegt in der Natur der Sache, dass man von der Bestechung, die man leistet,..
um verschont zu werden, schließlich zur Bestechung gelangt, die zur Erlangung von einträglichen Privilegien geleistet wird.
Der Tatbestand, dass Unternehmer und Kapitalisten die Regierungsmänner mitunter bestechen, beweist nicht, dass sie herrschen, sondern, dass sie beherrscht werden. Nicht die Herrscher zahlen Tribute, sondern die Beherrschten."
Ludwig von Mises, "Nationalökonomie: Theorie des Handelns und Wirtschaftens", ISBN: 978-3942239004, Seite 172
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