Georg Hoffmann-Ostenhof
Sido und die Weltpolitik

3.11.2012, 09:00
Georg Hoffmann-Ostenhof Sido und die Weltpolitik
 

Über die Kunst der Vergebung: zwei aktuelle Beispiele.

Ich möchte hier über zwei Menschen schreiben, die scheinbar nichts verbindet und die aus so entgegengesetzten Lebenswelten stammen, dass es als Absurdität erscheinen muss, sie in einem Atemzug zu nennen: Fareed Zakaria und Paul Hartmut Würdig alias Sido.

Hier der amerikanische Star-Publizist, der mit den Großen der Welt diskutiert und dem Publikum auf allen Kanälen und in den besten Blättern tagtäglich seine Analysen des internationalen Geschehens liefert. Und da der Prolo aus dem ostdeutschen Plattenbau, der als Rüpelrapper Furore machte und den Fernsehzusehern seit einiger Zeit als Juror in boulevardigen Casting-Shows entgegentritt.

Unterschiedlicher geht’s nicht. Dennoch: Über beide ist eine Geschichte von Verfehlung und Vergebung zu erzählen.

Ich war entsetzt. Mein journalistisches Vorbild war abgestürzt. Man hatte ihn überführt, abgeschrieben zu haben. In einem seiner Kommentare im „Time Magazine“ – über Waffenkontrolle – hatte Zakaria einen ganzen Absatz aus einem Artikel der Zeitschrift „The New Yorker“ übernommen, ohne zu kennzeichnen, dass der aus fremder Feder stammt. Der „Plagiator“, wie Zakaria nun allseits genannt wurde, entschuldigte sich bei seinem Publikum sofort für den „furchtbaren Fehler“, der ihm da unterlaufen war. Es half nichts: Seine Arbeitgeber, der Nachrichtensender CNN, bei dem er eine regelmäßige Politsendung hatte, sowie „Time“ suspendierten ihn stante pede. Eine große publizistische Laufbahn schien an ihr Ende gekommen zu sein.

Eine Karriere, die spektakulärer nicht sein konnte. Zakaria war ein Wunderkind. In Bombay in eine muslimische Familie geboren, brillierte er in jungen Jahren als Student in Harvard, bevor er – noch nicht dreißig – die Herausgabe von „Foreign Affairs“, der gewichtigen amerikanischen Außenpolitik-Zeitschrift, übernahm. Mit seinem Artikel „Why Do They Hate Us“ über die Wurzeln der islamistischen Wut wurde er vor zehn Jahren zur Medien-Celebrity. Zu Recht: Dieser unabhängige Denker, dieser brillante Intellektuelle hat im beginnenden 21. Jahrhundert mehr als alle anderen zum Verständnis dieser so unübersichtlichen Welt beigetragen. Und nun sollte er endgültig weg vom Fenster sein? Mich beschlich das Gefühl eines schweren Verlusts.

Meine beiden zwölfjährigen Töchter Lily und Nora waren entsetzt, als sie von der Absetzung Sidos als Juror in der ORF-Sendung „Die große Chance“ erfuhren. Sie haben ihn als den wirklich Coolen empfunden. Was Zakarias Plagiat, das war Sidos Schlag: Er hatte dem Society-Reporter Dominic Heinzl – wie man im Wienerischen sagt – eine „aufgelegt“. Sicherlich keine Ruhmestat. Im Gegenteil. Als Liebling der Jugendlichen und Kinder in aller Öffentlichkeit der Gewalt zu frönen – das geht nun wirklich nicht. Sido hat sich sofort entschuldigt und die Fans aufgerufen, seine Faustwatschen um Himmels willen nicht positiv zu bewerten. Gewalt sei abzulehnen. Und dennoch wurde er rausgeschmissen.

Als wüster Machorapper, der mit Maske auftrat, war das deutsche Unterschichtkind einer Sinti-Mutter populär geworden. Und die österreichische Philosophin Isolde Charim weiß, warum. Die jungen Leute „verlangen nach Bildern und Erzählungen von intensiveren Lebensformen“. Und genau das konnte Sido bieten, weiß sie: „Wenn Verlierertum gewendet wird, dann kommt es – auch mit Machogeste – als Kraft an, als Heroismus in postheroischen Zeiten.“

Und nicht nur das. Auch seine Mitjuroren sagen das, was die Zuseher erkannten: Sido ist das Zentrum der Show. Er ist der einzige Kompetente. Auf sein Urteil über die tanzenden, singenden oder turnenden Aspiranten auf Berühmtheit kommt es an. Und siehe da: Als er seine Rappermaske fallen gelassen hatte, zeigte sich jäh ein hoch moralischer Mann, der freundlich mitfühlend mit den vielen Benachteiligten umgeht, die da ihre große Chance ergreifen wollen – ein Kontrast zu seinem Pendant im deutschen TV, Dieter Bohlen, der wie Sido fachmännisch urteilt, aber nur allzu oft mit kaltschnäuzigem, die Kandidaten erniedrigendem Zynismus das Publikum unterhält.

Und Sido steht so erfrischend quer zur mediokren und verlogenen österreichischen Adabei-Gesellschaft. Er versetzt ja nicht nur Dominic Heinzl den – gewiss unverzeihlichen – Hieb. Den ebenso mächtigen wie unerträglichen Gesellschaftsreporter der „Krone“, Michael Jeannée – einen engen Freund Heinzls – hat Sido vor aller Öffentlichkeit spektakulär demontiert. Eine Sternstunde des ORF.

Doppeltes Happy-End. Nachdem der Rapper seinen kleinen Rückfall in den Brutalmachismo öffentlich bedauert und sich mit seinem Kontrahenten versöhnt hat, darf er wieder im österreichischen Fernsehen auftreten.
Lily und Nora freuen sich. Viele aber wettern über die ORF-Schamlosigkeit – dem Küniglberg gehe es ja nur um die Quote. Das mag sein. Bloß, und das wird oft vergessen: Sido steigert die Quote durch Qualität.

Auch die Arbeitgeber von Fareed Zakaria haben, nachdem sie erkannt hatten, dass dessen Plagiat ein einmaliger Ausrutscher war, die Suspendierung aufgehoben. Auch da geht es um die Quote – aber eben nicht nur. Der Publizist aus Bombay ist wieder voll da. Gott sei Dank. Zuweilen treffen Medienunternehmen doch auch kluge und reife Entscheidungen. In den USA. Und in Österreich.

georg.ostenhof@profil.at


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