Peter Michael Lingens
So verspielt man Zukunft

3.11.2012, 09:03
Peter Michael Lingens So verspielt man Zukunft
 

Nicht ganz emotionslose Überlegungen zu den Verhandlungen um die Finanzierung der Montanuniversität Leoben.

Die Montanuniversität in Leoben verhandelt derzeit mit Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle um ihr Budget für die nächsten drei Jahre. Nach ihren Berechnungen müsste es unter Fortschreibung der aktuellen Kosten und Berücksichtigung der Inflation 153 Millionen Euro betragen – Töchterle bietet 119 Millionen. Hannes Androsch, der die Verhandlungen als Vorsitzender des Leobner Universitätsrats begleitet, kommentierte das nicht zuletzt aus der Sicht eines betroffenen Unternehmers: „Es ist inakzeptabel!“

Ich möchte es aus der Sicht eines steuerzahlenden Bürgers kommentieren: So verspielt man Österreichs wirtschaftliche Zukunft. Für jeden Laien ist ersichtlich, dass eine Hochschule, die Materialphysik, Mechanik, Informatik, Elektrotechnik, Kunststofftechnik, Metallurgie oder Recycling lehrt, von extremer Bedeutung für all die Unternehmen ist, auf deren Exporterfolgen unser Wohlstand beruht. Österreichs größtes Unternehmen, die OMV (Umsatz: 34,05 Milliarden), braucht Erdölgeologen (die in Leoben derzeit gerade ein Softwareprogramm zur schnelleren Analyse von Bohrdaten entwickeln). Ein Parade­unternehmen wie die ­Ti­roler Planseewerke, führend in der Herstellung superharter Metallteile, arbeitet ebenso ständig mit Leoben zusammen wie der Edelstahlhersteller Böhler-Uddeholm. (Aus solchen Kooperationen erlöst Leoben 24,8 Millionen Euro Eigenmittel.)

Die unmittelbar mit Forschung und Ausbildung in Leoben verbundenen Umsätze liegen bei 42,5 Milliarden Euro. (Zum Vergleich: „Beherbergung und Gastronomie“ setzen 15,1 Milliarden um.) Mittelbar mit der Forschung in Leoben verbunden sind weitere 33 Umsatzmilliarden, denn es gibt kaum eine Industrie dieses Landes, für die das Verhalten von Materialien – ihre Härte, Leitfähigkeit, Alterung usw. – nicht von überragender Bedeutung wäre, und gemäß einer aktuellen Studie aus der Schweiz ist Leoben diesbezüglich unter den besten Forschungsstätten der Welt.

Bei meiner Frau, einer Juristin und Pianistin, die mit Technik wenig am Hut hat, hat es keine Minute gebraucht, um sie zu überzeugen, dass Hochschulen wie Leoben entscheidend für Österreichs wirtschaftliche Zukunft sind. Bei der Regierung scheint diese Erkenntnis bis heute nicht angekommen.

Vielleicht beeindruckt es die Schottergrubenbesitzerin Maria Fekter, die die Dotierung der Hochschulen in Wahrheit entscheidet, dass Leoben mit dem Skilifterzeuger Doppelmayr auch an einem System zum preisgünstigen Transport von Schüttstoffen arbeitet, weil das bei Kies oder Schotter der entscheidende Kostenfaktor ist.

Ich bin ungern polemisch, aber es drängt sich auf: Den 34 Millionen Differenz, um die es in Leoben für drei Jahre geht, stehen 42 Millionen gegenüber, die die Bundesregierung im letzten Jahr für „Öffentlichkeitsarbeit“ ausgegeben hat.

Karlheinz Töchterle ist angesichts der Vorgaben Fekters in einer denkbar undankbaren Lage: Natürlich ist er auch mit den begreiflichen Forderungen aller anderen Universitäten konfrontiert, die insbesondere bei den Studienrichtungen Jus oder Publizistik den Ansturm der Studenten längst nicht mehr bewältigen.

Ich glaube, dass der studierte Altphilologe hier leider eine schmerzliche Priorität setzen muss: Österreich erleidet kaum wirtschaftlichen Schaden, wenn es nur noch die Hälfte der aktuellen Publizisten, Juristen, Politologen oder Soziologen heranbildet – aber es wird mindestens doppelt so viele Absolventen technischer Universitäten und Fachschulen brauchen, wenn unser aller Wohlstand erhalten bleiben soll.

Das Defizit entsteht in der Schule, wo die Kompetenz in den naturwissenschaftlichen Fächern zunehmend der Lesefähigkeit entspricht. Das hängt nicht zuletzt mit den vielen LehrerInnen zusammen, die der Technik etwa so nahestehen wie ich der Esoterik. Von drei Lehrerinnen in meiner Verwandtschaft sind gleich zwei von intensiver Technikfeindlichkeit: Ich versuche seit Jahren vergeblich, ihnen näherzubringen, dass überhaupt nur überlegene Technik die Umwelt grün erhalten oder alternative Energien befördern kann. So wurden in Leoben etwa mit der Firma SKF Keramik-Kugellager entwickelt, die den Vorteil haben, nicht zu korrodieren, und daher Windkraftwerke rentabel machen. Und derzeit ist man auf der Spur einer kostengünstigen Technologie, um das Gold aus Milliarden abgelegter Handys zurückzugewinnen, weil es dort hundertmal so reichlich wie in Goldminen vorkommt. Überlegene Technik schont Ressourcen, statt sie zu vergeuden.

Gentechnik – die in Leoben meines Wissens nicht gelehrt wird, aber zu den wichtigsten Technologien der Zukunft zählt – lässt die Österreicher überhaupt ausrasten und könnte doch einmal dafür verantwortlich sein, dass wir trotz Erderwärmung genügend Nahrung haben.

Ich denke, dass wir nicht nur Integrations-, sondern Technik-Botschafter an den Schulen brauchen, die den Kindern klarmachen, dass nur die Technik das Überleben von 7,1 Milliarden Menschen sichert – auch wenn sie sie durch die Atombombe auch umbringen kann.

peter.lingens@profil.at

thunderwonder, 06. 11. '12 12:13
Nur mehr halb so viele Juristen?
Natürlich würde es gehen.
Nur...

...dauern dann die Verfahren viel länger und der Rechtsschutz wird immer weiter ausgedünnt.
...gibt es weniger Anwälte, die dadurch teurer werden und den Zugang zum Recht erschweren.
...verlieren österreichische Betriebe mehr Geld, da ihre Rechtsabteilungen nicht mehr nachbesetzt werden können.
...usw

Natürlich ist die Industrie (im weitesten Sinn) wichtig. Aber es gibt auch andere wichtige Pfeiler. Die Juristen sind so einer.
roberto., 06. 11. '12 17:48
Re: Nur mehr halb so viele Juristen?
naja, wenn man amerikanische Verhältnisse haben will, braucht man noch mehr juristen, bis jetzt gibt es für die vorhandene arbeit zuviele.
Tingulv, 04. 11. '12 14:21
In den aufstrebenden Volkswirtschaften sind die Ingenieurstudien populär
Europa und die USA verlieren mit jedem Jahr an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Konkurrenz aus Süd- und Ostasiens und Südamerikas, wo die Ingenieurstudiengänge aus allen Nähten platzen, denn die Ingenieurswissenschaften und die ungehemmte Marktwirtschaft genießen dort das höchste Ansehen.
Der Mangel an jungen qualifizierten Ingenieuren und Facharbeitern, ein viel zu teurer Wohlfahrtsstaat der nur den Alten dient, Überalterung und eine selbstbeschädigende „Neid“ -Politik sorgen für ein immer weiteres Zurückfallen.
Wulpe, 04. 11. '12 12:42
Stellenwert der Bildung im Parteienunwesen
Der Bildungssprecher der ÖVP hat keine Matura.

Das sagt alles - leider nicht nur über die ÖVP.
Bergdolm, 04. 11. '12 14:03
ÖVP Bildungssprecher Amon - Minister Töchterle
So ist es nicht, Werner Amon hat schon seine Ausbildungen.
Dennoch ist er ein geistiger Leichtmatrose geblieben. Es ist eigentlich schade, dass die ÖVP keinen kompetenteren und charismatischen Bildungssprecher gefunden hat.

Karlheinz Töchterle im Gegensatz ist kompetent und hat Charisma. Bezeichnender Weise ist er gar kein ÖVP Parteimitglied, soviel ich weiß. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit Fekter, Spindelegger, E. Pröll (Stichwort Karl May) u. Co. nicht so gut kann.
Bergdolm, 03. 11. '12 16:54
Die einen glauben eben an den Weihnachtsmann, die anderen an den Osterhasen
So - oder so ähnlich - kann man den Zugang der Regierungsparteien zum Thema "Bildung" (nicht nur Universitäten, nicht nur Montanuniversität Leoben) beschreiben. Fairerweise muss angemerkt werden, dass auch die Grünen hinter dem Mond leben. Dass FPÖ aber auch Stronach und BZÖ sinnvolle Ideen zu diesen Thema hätten, grenzte an ein Wunder.

Es sind aber auch die Studenten, denen man eine gewisse Weltfremdheit unterstellen kann. Publizistik ist überlaufen, in Zeiten, wo immer mehr Redaktionsstuben leergefegt werden. Das zeigt nicht von hoher Intelligenz.

Sicher, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber wenn man sich die Dümmlinge an den Parteispitzen ansieht, bräuchte es nicht nur ein Wunder sondern gleich mehrere ...
TristeViajero, 04. 11. '12 09:03
Debatte über bedeutsame Studienzweige ...
... geht meiner Ansicht nach am Kern der Sache vorbei wenn immer öfter von 'wirtlschaftlich' relevanten und für den 'Arbeitsmarkt verwertbaren' Studienrichtungen/Universitäten gesprochen wird

Das zeigt doch nur wie sehr auch der Bildungssektor vom alles durchdringenden Raubtierkapitalismus durchdrungen ist.

So wird die Welt & Gesellschaft nicht voran kommen.

Vielmehr bräuchte es meiner Ansicht nach eine Anerkennung und deutliche Höherdotierung sämtlicher Bildungsbudgets (von Krabellstuben bis Hochschulen) einerseits und die Aufrechterhaltung auch 'brotloser' Studienrichtugen - auch solche Denker_innen braucht die Welt.

Ohne Zweifel müssen aber die Studienplätze reguliert werden, was in Form der möglichen Semesteranzahl, zu wiederholender Prüfungungstermine etc. möglich ist.
Bergdolm, 04. 11. '12 09:36
"There is no free lunch"
Wenn uns Österreicher die wissenschaftlich-technische Basis für eine positive Entwicklung der Wirtschaft wichtig ist, wird man sie entsprechend zu dotieren haben.

Man muss entweder Ausgaben umschichten und Prioritäten setzen oder man muss die Einnahmen (sprich Steuern und Gebühren) dafür erhöhen, wenn einem alles wichtig ist.

Ganz nebenbei: Der Raubtierkapitalismus hat sich ja ganz schön viel zur Seite geräumt (und tlw. steuerschonend ins Ausland gebracht).

Aber wir haben ja die Wahl. Und wenn wir es nicht checken, dann sind wir eben selbst schuld. Es ist ja kein Naturgesetz, die (Super-)Reichen zu schonen. Mit "(Ein-)Sparen" werden wir die Wirtschaft und unsere Stellung am Weltmarkt nicht sichern oder gar retten können.
Tingulv, 04. 11. '12 14:24
Re: Die einen glauben eben an den Weihnachtsmann, die anderen an den Osterhasen
Nicht der Raubtierkapitalismus bringt das Geld ins Ausland, sondern Menschen, die sich ihr Geld hart erarbeitet oder erspart haben und es sich nicht vom Staat rauben lassen wollen.
Bergdolm, 04. 11. '12 14:42
Re: Die einen glauben eben an den Weihnachtsmann, die anderen an den Osterhasen
@Tinguly: Ich muss ihnen recht geben. Die "Leistungsträger" haben ihre Gelder schon längst in die Schweiz oder in andere Paradise gebracht. Ihr laufendes Einkommen versteuern sie auch dort, obwohl sie sich dort kaum aufhalten.
Denjenigen, die sich ihr Einkommen "hart erarbeiten", bleibt in den meisten Fällen gar nicht so viel, sodass sich solche "Transaktionen" kaum rechnen würden.
Aber es kann ja auch nicht jeder reich sein und werden - wo kämen wir denn da hin ;-)
Tingulv, 04. 11. '12 22:23
Für mich ist allgemeiner, globaler Reichtum (auch an Naturschätzen) das Menschhe
Sie haben Recht, auch die Einkommenssteuer gehört massiv gesenkt, damit sich Arbeit wieder auszahlt. Das Österreich zur Weltspitze bei der Steuerquote gehört ist an sich schon eine Schande.
Wenn die unselbstständigen Erwerbstätigen nicht schon die Steuer vom Arbeitgeber abgezogen bekommen würden, dann gehe ich davon aus, dass sie die gleichen Tricks anwenden würden, wie die Selbstständigen.
Tingulv, 04. 11. '12 22:25
Für mich ist allgemeiner, globaler Reichtum (auch an Naturschätzen) das Ziel
80 Zeichen in der Überschrift sind schon etwas knapp bemessen.
Efried, 07. 11. '12 16:49
Re: Die einen glauben eben an den Weihnachtsmann, die anderen an den Osterhasen
Die Diskussion ist wirklich oberflächlich: Was sind die Ziele:
1. eine bedarfsgerechte gute Ausbildung
2. hochqualitative Forschung
ad 1. auch wenn die TUs neue Studien erfinden, die Strukturen gleichen denen von vor 100 Jahren. Es würde Sinn machen alles mal neu zu strukturieren und dabei die Fachhochschulen zu integrieren. Die FH-Kapfenberg und die TU-Leoben gehören z.B. dringend zusammen gelegt.
ad 2. Forschung findet nicht nur an TUs statt. Sie ist ggf. günstiger von Privaten erhältlich. Und vor allem ist es nötig die Finanzierung der Ausbildung der Studierenden davon zu trennen. Eine Vermischung der Budgets ist eine Wettbewerbsverzerrung!
Also es braucht klare Ziele und eine Kosten-Nutzen betrachtung!

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