US-Wahl: Was Amerika super macht

6.11.2012, 17:04
US-Präsidentschaftswahl • US-Wahl: Was Amerika super macht
 

Schlechtes Bildungsniveau, miserable Infrastruktur, grassierende Kinderarmut: warum die USA vor dem Niedergang stehen – und warum sie auch unter dem Sieger der Präsidentschaftswahlen die führende Weltmacht bleiben werden.

Von Georg Hoffmann-Ostenhof und Gunther Müller

Sandy, der Sturm mit dem lieblichen Mädchennamen, der vergangene Woche über die amerikanische Ostküste hinwegfegte, hat letztlich auch ins Herz der ideologischen Auseinandersetzung getroffen, die dem gesamten Wahlkampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney zugrunde liegt: Womit kann Amerika aus der Krise geführt werden – mit mehr Staat oder mit noch mehr Privat? Ist „Government“ die Lösung des Problems oder aber das Problem selbst?

Wenn Hurricanes wie soeben Sandy im Big Apple und den übrigen Ostküstenstädten knapp 100 Todesopfer fordern und Schäden in der Höhe von über 20 Milliarden Dollar anrichten, dann gewinnt zumindest vorübergehend der Staat.

Die von der US-Regierung koordinierte Federal Emergency Management Agency (FEMA), nicht erst seit ihrem Versagen während der Katrina-Katastrophe in New Orleans 2005 wenig geschätzt und notorisch unterdotiert, bekommt plötzlich 7,8 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, um die Folgeschäden von Sandy zu beheben. Und Obama mag von sich weisen, politisches Kleingeld aus der Katastrophe schlagen zu wollen. Sein Wahlkampfteam verweist genüsslich auf jenes Video, auf dem sein Gegenspieler Romney in einer Vorwahldebatte klarmacht: Die staatliche FEMA gehöre schleunigst abgeschafft, ­deren Aufgaben den Bundesstaaten oder „noch besser der Privatwirtschaft“ überantwortet.

Wie auch immer das Rennen an diesem Dienstag ausgehen mag: Die tiefe Kluft in der amerikanischen Politik – hier die Befürworter des aktiven Staats, da jene, die diesen hassen und dem Markt voll vertrauen – wird sich auch in den kommenden vier Jahren nicht schließen.

Die strahlende Stadt am Hügel

In einem einzigen Punkt scheinen sich beide Lager einig zu sein: Amerika ist etwas ganz Besonderes, die größte und beste Nation dieses Planeten, die dazu auserkoren ist, die Welt zu führen. Diese Idee der Ausnahmestellung der Vereinigten Staaten geht nicht zuletzt auf den Puritaner John Winthrop zurück, der vor vierhundert Jahren in einer Predigt auf einem Schiff vor Massachusetts in biblischen Worten von der „Stadt auf dem Hügel“ schwärmte, „auf den die Augen der ganzen Menschheit gerichtet sein werden“. Was Winthrop damals als die gewünschte Zukunft Bostons beschrieb, wurde schnell zum geflügelten Wort, das die Größe und den „Exceptionalism“ der USA hervorstreichen sollte.

Der spielte auch im jetzigen Wahlkampf eine nicht unwesentliche Rolle: Mitt Romney warf Amtsinhaber Barack Obama immer wieder vor, die globale Führungsrolle Amerikas aufzugeben. Er begründet das mit den hohen Arbeitslosenzahlen (über acht Prozent) sowie dem langsamen Wirtschaftswachstum (1,2 Prozent) und verspricht eine Wende. Alles Unsinn, kontert der 44. Präsident: Nach der furchtbaren Ära des George W. Bush, in der das Image der USA in der Welt einen absoluten Tiefpunkt erreicht habe, sei Amerika wieder zurück als führende Nation. Am meisten Applaus in seinen Wahlkampfreden erzielte Obama mit folgendem Satz: „So wie das 20. Jahrhundert wird auch das 21. ein für Amerika großartiges Jahrhundert werden.“

Die Lust am Untergang

Amerika, das einzigartige Land, Vorbild für die Welt – das hören die US-Bürger immer gerne, ganz gleich, wie schlecht es ihnen auch gehen mag. Wer es hingegen wagt, offen und konsequent über die realen Probleme zu sprechen, ohne gleich einen schnellen Heilungsprozess in Aussicht zu stellen, der gilt rasch als „unamerikanisch“ und wird dafür in der Wahlkabine abgestraft. So erging es etwa dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter, der Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die „Vertrauenskrise“ beklagte, von der die USA erfasst seien. Sein Herausforderer, der sanguine Ronald Reagan, triumphierte mit dem optimistischen Slogan „It’s Morning in America Again“.

Aber so sehr man in der Neuen Welt am Mythos der Unbesiegbarkeit festhält, so sehr wird auch geradezu obsessiv der Niedergang der Nation heraufbeschworen. 70 bis 80 Prozent der Amerikaner sind davon überzeugt, dass es mit ihrer Heimat bergab geht. Gibt man in der Suchmaschine Google „American Decline“ ein, erhält man innerhalb weniger Hundertstelsekunden 117 Millionen Treffer. Allerdings wird vielfach darauf hingewiesen, dass die Untergangsprophezeiungen keineswegs neu sind.

Bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die pessimistischen Prognosen en vogue. Dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg, als der allseits anerkannte Strategiedenker der USA, Henry Kissinger, warnte: „Eine weitere Ära des Niedergangs, wie wir sie in den vergangenen 15 Jahren erlebt haben, können sich die Vereinigten Staaten schlichtweg nicht leisten. Nur Selbsttäuschung kann uns davon abhalten zuzugeben, dass wir uns im Abstieg befinden.“ Das schrieb er im Jahr 1961. In den achtziger Jahren sah man die Japaner als die kommende Supermacht, die Amerika von der Spitze verdrängt. Und jetzt, da Amerika wieder in einer Krise steckt, ist es China, das angeblich die bestimmende Macht des 21. Jahrhunderts sein wird. Publizistik und Geschichtswissenschaft schwelgen in solchen düsteren Perspektiven.
Was also ist wirklich dran? Verlieren die USA tatsächlich ihre Poleposition?

Hungernde Kinder, zerbröckelnde Highways

Manches deutet darauf hin, dass der depressive Blick auf die amerikanischen Verhältnisse durchaus realistisch ist. Die verschiedensten Studien zeigen klar, dass die USA in vielen Bereichen in den vergangenen Jahrzehnten abgesackt, ja zuweilen sogar Schlusslicht unter den westlichen Industrieländern geworden sind.

Dort, wo die USA lange Zeit an der Spitze lagen, zeigt sich ein trauriges Bild: In Naturwissenschaft und Mathematik belegen die 15-Jährigen heute nur noch Platz 17 und 25. Früher absolvierten mehr Junge als in allen anderen Ländern ein Collegestudium. Heute belegt Amerika da nur noch den 12. Rang. Weniger amerikanische Vierjährige besuchen einen Kindergarten oder eine Vorschule als die Kleinkinder in 28 anderen Ländern. Bei der Kindersterblichkeit sind die USA weltweit auf den 48. Platz abgerutscht. Und unter den 35 am meisten entwickelten Wirtschaftsnationen ist Amerika, was Kinderarmut betrifft, Schlusslicht – nur in Rumänien darben die Kleinsten noch mehr. Immer größer wird auch die Kluft zwischen Arm und Reich: In der größten Volkswirtschaft der Welt hält mittlerweile nur noch ein Prozent der Bevölkerung über 50 Prozent des gesamten Vermögens.

Dementsprechend geht die Lebenserwartung der US-Bürger zurück. Die Einwohner von 27 anderen Ländern werden durchschnittlich älter als die Amerikaner.

Dass sie überdurchschnittlich fett sind, ist bekannt. Tatsächlich hat sich die Adipositas in den USA zu einer veritablen Epidemie ausgewachsen. Forscher gehen davon aus, dass der Höhepunkt dieser Krankheit erst 2050 erreicht sein wird. Dann werden 42 Prozent der Bevölkerung schwer übergewichtig sein. Momentan firmieren sie, was Fettleibigkeit betrifft, an der Spitze vor Mexiko.

Im Land, in dem sich der Mythos hält, dass man sich vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeiten kann, wird sozialer Aufstieg immer schwerer. In den meisten europäischen Ländern, in Kanada und Australien ist die soziale Mobilität viel höher als in Amerika, besteht also eine größere Chance, von einer niedrigen gesellschaftlichen Schicht in eine höhere zu wechseln. Und die USA haben relativ zur Bevölkerungszahl die meisten Gefängnisinsassen weltweit – mehr als China, Kuba oder der Iran.

Alarmiert zeigen sich amerikanische Wirtschaftskreise über eine Statistik, welche die global größten Unternehmen auflistet: Unter den Top Ten finden sich nur noch zwei US-Marken, nämlich Walmart und ExxonMobil.

Der Wirbelsturm Sandy hat vergangene Woche ein seit Jahr und Tag bekanntes Problem einmal mehr evident gemacht: den schlechten Zustand der öffentlichen Einrichtungen. Zusammen mit Chile rangieren die USA nun auf dem 23. Platz weltweit, was den Zustand der Infrastruktur betrifft: In allen Bundesstaaten gibt es überdurchschnittlich viele defekte Brücken und schlecht gewartete Highways. Von 100.000 Autofahrern sterben durchschnittlich 15 Menschen bei Unfällen – damit liegen die USA 60 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Das klingt alles in allem nicht gerade nach der strahlenden „Stadt auf dem Hügel“, nach der alles überragenden Supermacht.

Dynamik und Jugend

Und dennoch: Auf absehbare Zeit müssen sich die Amerikaner nicht allzu große Sorgen machen, als die „World-leading Nation“ abgelöst zu werden. Die Ökonomie der USA scheint sich von dem großen Wirtschaftscrash im Jahr 2008 gut zu erholen – viel besser als Europa. Der Anteil der amerikanischen Wirtschaft an der globalen Ökonomie bleibt stabil: Er liegt zwischen einem Fünftel und einem Viertel am weltweiten BIP.

Und sie bleibt trotz allem die dynamischste Ökonomie, was nicht zuletzt an der Tradition risikofreudigen und innovativen unternehmerischen Handelns liegt. Amerika besitzt mit Bildungsinstituten wie Harvard, Yale und Princeton die führenden Universitäten der Welt. Und die USA geben auch im kreativen Bereich den Ton an – Stichwort Hollywood und Popkultur. Zu dieser gewaltigen Soft Power der USA kann noch die Tatsache gezählt werden, dass Englisch zunehmend zur globalen Lingua franca geworden ist.

Nach wie vor sind die USA ein Magnet für die talentierten und ambitionierten jungen Menschen aus der ganzen Welt. Amerika ist Avantgarde in allen technologischen Revolutionen und auch sonst in den Wissenschaften. Im vergangenen Jahr wurden etwa 241.977 neue Patente angemeldet – viermal so viele wie noch 1964. Die USA sind der größte Lebensmittelexporteur, und dank neuer Fördermethoden wie Fracking dürfte das Land demnächst auch der Erdgasproduzent Nummer eins werden.

Und die USA besitzen einen zusätzlichen gewaltigen Wettbewerbsvorteil: Die US-Bevölkerung altert weit weniger schnell als jene aller ihrer Konkurrenten – mit Ausnahme von Indien. Bis zum Jahr 2050 soll Amerika laut demografischen ­Berechnungen um 100 Millionen Menschen wachsen. Zum Vergleich: Die Be­völkerung in Europa wird um die gleiche Anzahl an Menschen schrumpfen. Und China kämpft aufgrund seiner Einkind­politik jetzt bereits mit Arbeitskräfte­mangel.

Die Chinesen kommen!
Solche Studien lösen regelrechte Panik in der Bevölkerung aus: Die Investmentbank Goldman Sachs prognostizierte im Jahr 2007, dass China die USA bis zum Jahr 2027 wirtschaftlich überholt haben wird. Die Zahlen wurden noch vor dem Finanzkollaps von 2008 erstellt. Nach den momentanen Wachstumskurven beider Länder wären die Chinesen noch viel früher Weltspitze. Die Mehrheit der Amerikaner ist laut Umfragen bereits überzeugt, dass der ostasiatische Riese die USA ökonomisch überholt hat.

Noch kann davon aber nicht die Rede sein. Das amerikanische Pro-Kopf-Einkommen ist nach wie vor zehnmal größer als das chinesische, die US-Ökonomie ­doppelt so groß wie die ihres asiatischen Konkurrenten. Amerika verfügt über Militärstützpunkte in drei Viertel aller Länder und gibt für Verteidigung über 600 Milliarden Dollar pro Jahr aus – mehr als die 17 nächstgereihten Nationen zusammen.

Und jenseits aller materieller Überlegenheit:
Die US-Gesellschaft gedeiht in einem politisch stabilen System, in dem Rechtsstaatlichkeit, freie Presse und ökonomische Flexibilität eine Selbstverständlichkeit sind. Chinas kommunistische Führung hingegen kämpft zunehmend mit ihrer Legitimität innerhalb der Gesellschaft. Das Reich der Mitte ist letztlich nach wie vor eine arme Ökonomie, deren Erfolg auf billigen Arbeitskräften beruht. Aber die bleiben nicht so billig. Die Löhne steigen. Es ist abzusehen, dass die fantastische dreißigjährige Phase des ununterbrochenen zweistelligen chinesischen Wirtschafts­wachstums zu Ende geht.

Da mag sich die amerikanische Wirtschaft in einer heiklen Phase befinden, die Kohäsionskräfte der Gesellschaft geschwächt sein und der legendäre Optimismus der Neuen Welt ein wenig erlahmen – aus all dem einen unausweichlichen „Decline“ abzuleiten, scheint zumindest verfrüht zu sein. Die Geschichte hat Imperien aufsteigen und fallen gesehen, und die USA werden ihre Hegemonie auch nicht für ewig behalten können. Aber trotz aller Verschiebung der Kräfteverhältnisse auf der Welt, trotz des Aufstiegs neuer Mächte wie China, Indien, Brasilien und anderen – eine alternative globale Führungsnation ist weit und breit nicht in Sicht.

Und letztlich ist der „Rise of the Rest“ – der Aufstieg der anderen –, wie der amerikanische Star-Publizist Fareed Zakaria in seinem gleichnamigen Buch schreibt, für die USA eine durchaus „positive“ Entwicklung: „Die Welt geht den amerikanischen Weg. Länder öffnen sich, werden marktfreundlicher und letztlich demokratischer.“

Gewaltige Herausforderungen liegen vor dem nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er muss sein Land im Inneren radikal reformieren und seine Außenpolitik sensibel an die neuen globalen Gegebenheiten adaptieren. Die bringt der außenpolitische Journalist Gideon Rachman in einem Essay für das US-Magazin „Foreign Policy“ auf den Punkt: „Die USA sind immer noch die führende Nation. Aber das Land wird nie wieder so dominant sein wie in den 17 Jahren zwischen dem Kollaps der Sowjetunion 1991 und dem Finanzkollaps von 2008. Diese Tage sind endgültig vorbei.”

Tingulv, 04. 11. '12 22:59
Ist mehr Staat oder mehr Privat besser?
In Europa stellt sich keiner diese Frage, denn da wird immer die allnährende Übermutter Staat angebetet.
Tingulv, 04. 11. '12 22:54
Es gibt ja eine klammheimliche Freude der Sozialisten,...
dass es den USA derzeit schlecht geht, denn damit scheinen sie Recht zu behalten.
In Wahrheit werden sich die USA wieder erholen, sobald sie anfangen, sich nicht mehr in sinnlose Kriege zu verstricken, während Europa von der Überalterung und dem überbordenden Wohlfahrtsstaat langsam aber sicher erdrosselt wird.



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