Autodrom: David Staretz
Auto elementar

5.11.2012, 13:32
 

Wir steigen in den Kleiderkasten und fahren alle mit. Der Dacia Lodgy hat das Zeug zum reuelosen Reisen.

Wer einen Van kaufen möchte, der Familie zuliebe, wird nicht von Schönheit umworben. So kann man gleich zum Dacia Lodgy greifen, der zwar redlich unhübsch ist, dies aber mit geringen Kosten, erstaunlichen Talenten und einer dezenten Farbpalette kaschiert. In Weiß oder gar Gelb wäre er nur unter Schmerzen vorstellbar.

Dacia hat sich als renaultverwandte Billigmarke einen guten Namen gemacht; der Duster zählt zu den richtig fesch aussehenden City-Offroadern (ja, diese Kategorie gibt es), der Sandero zeigt, wie billig man Golfklasse kann, und ohne den Logan wären ganze Landstriche immobil.

Der Lodgy erfüllt diese latente Sehnsucht nach dem großen, billigen und im Erhalt günstigen Auto. Oft ist gerade die schlichte, funktionelle Zone erstrebenswert in unserer überfrachteten Design-Erlebniswelt. Manchmal möchte man den Blick kühlen an bescheidenen Materialien, klaren Instrumenten und schlicht ergreifbaren Funktionen. Es muss ja nicht die Grundausführung sein mit Kurbelfenstern, ohne Handschuhfachdeckel und Umluftschalter. Hingegen - allzu leicht versteigt man sich auch hier in Luxusregionen, zumal etwa das Navigationssystem um 450 Euro wirklich konkurrenzlos billig ist (wenn es auch in Sopron Halt macht und Ungarn nur mehr als gestaltlose Wüste erkennt, der hilflose Cursor mittendrin). Dieser Zentralmonitor mit der Seniorenhandy-Grafik ist geradezu vorbildlich, was Bedienung und Ablesbarkeit betrifft. Nur die Uhrzeiteinstellung blieb ungelöst, zufällig war auch nur eine Duster-Bedienungsanleitung an Bord. Probe-Drücken am linken Lenkhebel löst nur die Hupe aus. Ach ja, typisch Renault! So kann man Familienverhältnissen nachspüren.

Ich hatte die Fünfsitzerversion in Laureate-Topausstattung mit Feinheiten wie Brillenkassette an der Haltegriffposition überm Fahrer, mit höhenverstellbarem Lenkrad und Fahrersitz (immer gut), mit dem Streck-Element Dachreling, das seltsamerweise immer gut aussieht, mit einer manuellen Klimaanlage, die einige Zeit benötigte, um das Riesenvolumen (allein die Raumhöhe) zu erwärmen. Nebenbei zeugen schwache Heizungen immer von wirkungsgradstarken Motoren - gerade bei kleinen Dieseln bleibt nicht viel Abwärme über. Das spürt man tatsächlich. Frieren muss man zwar nicht, dennoch waren im Testwagen vorsorglich beheizbare Vordersitze installiert, deren 187 Euro jeden kalten Wintermorgen erwärmen. Ein gedeckeltes Ablagefach obenauf in der sonst meist ungenützten Leere unter der Windschutzscheibe macht den Lodgy zusammen mit geräumigem Handschuhfach und einer ganzen Formenpalette von Ablagen (sogar links unterm Lenkrad) zu einer wahren Bonbonniere. Die Solidität der höhenverstellbaren, befüllbaren Mittelarmlehne erinnert aber eher an Tupperware.

Den höchsten Extraposten machten am Testwagen die 16-Zoll-Räder aus. Verzichtbare Ausgabe, aber nur solange man nicht den Unterschied gesehen hat. Große Räder sind die Manschettenknöpfe des Autos; hier unterscheiden sich Stil und Nützlichkeit, sogar in dieser Klasse des pragmatischen Rechnens. Aber 511 Euro? Hm. Autokauf ist ein dramatisches Fach. Man kann ja auf die hinteren Fensterheber um 187 Euro verzichten. Große Seltenheit: Diese Scheiben versinken vollkommen im Türblech, geben also wirklich das ganze Fenster frei. Zusammen mit Lederlenkrad, Trennnetz und der extradezenten Farbe (Kometgrau, 400 Euro) kommt der Lodgy dann auf 16.876 Euro, was zwar schon wieder ein richtiger Preis ist, aber immer noch um Kategorien billiger als ein vergleichbar ausgestatteter Opel Zafira oder VW Sharan. Was an den frugalen Autos gefällt, ist, dass das gute Auto ja grundsätzlich ein elementares Auto sein muss, in dem also mit einem Minimum an Aufwand ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Nützlichkeit, Komfort erzielt wird. Sogar Fahrfreude kann aufkommen; der Lodgy, hier mit dem modernen 90-PS-Diesel, ist gar kein Langweiler, liegt sauber in der Kurve, bremst unauffällig gut und dosierbar und bleibt erstaunlich leise. Schaut man eine Weile nicht auf den Tacho und lässt das Auto nach gutem Gefühl laufen, kann es passieren, dass die Tachonadel plötzlich bei 160 steht.

Die Dimensionen des Laderaums sind geradezu erschreckend groß; zum Glück sind kleine Haken angebracht, die dem kleinen Plastiksackerl wilde Fliehkraft-Reisen über den Teppichboden ersparen. Alternativ kann man auch eine dritte Sitzreihe installieren, was den Lodgy zum Siebensitzer macht. Dann würde sich die 115-PS-Motorisierung empfehlen; freilich könnte man dann nicht mehr mit diesen sensationellen 5,5 Liter Diesel/100 km auskommen.

Übrigens: Die richtige Uhrzeit wird per Satellit automatisch eingestellt. Man muss nur den Modus "Auf Werkseinstellungen zurücksetzen“ finden und dann dreißig Sekunden warten, bis sich die himmelgeleitete Uhrzeit einstellt.

david.staretz@profil.at





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