Elfriede Hammerl
Mädchen

2.2.2013, 10:43
Elfriede Hammerl Mädchen
 

Geringschätzung. Übergriffe. Wie das in meiner Jugend so war. Und wie es immer noch ist.

Woran ich mich erinnere: an einen Chefredakteur zum Beispiel, der mich konsequent mit Mädchen anredete. War nicht bös gemeint. Ich war ja ein Mädchen damals. ­Allerdings hab ich ihn nie zu jungen Männern Burschi sagen gehört.

Oder an einen Kollegen, der mich erbost im Frankfurter Rotlichtviertel stehen ließ, nachdem ich mich aus seiner überfallsartigen Umklammerung befreit hatte. Wir waren auf dem Rückweg von einer Pressekonferenz. Weil ich nicht willig war, setzte er mich auf dem Straßenstrich aus. War weiter nicht schlimm, ich brauchte keinen Beschützer, aber er hatte wohl gehofft, er hätte mir eine Lektion erteilt, denn im Hotel lauerte er mir vor meiner Zimmertür auf und wurde erneut handgreiflich. Warum hab ich still mit ihm gerungen, statt laut zu brüllen? Weil es mir peinlich war. Weil ich damit rechnete, dass mir die Schuld gegeben würde: ­Irgendwie wirst du ihn doch herausgefordert haben.

Ich erinnere mich auch an ein heftiges Handgemenge mit dem Pressechef eines großen Konzerns. An zotige Mutmaßungen über mein Liebesleben. An Komplimente aus der Verbraucherperspektive, denen zufolge ich ein fescher Hase war, den man gern vernaschen würde. An … Nein, das wird zu lang. Die Kurzfassung: Paternalistische Geringschätzung, herablassendes Taxieren, versuchte sexuelle Übergriffe, so was war in meiner Jugend an der Tagesordnung. Wir wurden früh darauf trainiert, unseren Objektstatus zu akzeptieren. Ich weiß noch, wie wir, eine Mädchenklasse, im Deutschunterricht Missfallen an Goethes herrischem Frauen­konsum äußerten, worauf die Deutschlehrerin mit bebender Stimme erklärte, jede Frau, die von einem Genie (wahr)genommen würde, könne sich geadelt fühlen.

Sexuelle Belästigung, auch von Nicht-Genies, sollte von uns als Schmeichelei interpretiert werden. Schließlich bescheinigte Mann uns damit, begehrenswert zu sein. Deshalb war es ganz leicht, uns im Empörungsfall zu diskreditieren. Was bildet die sich denn ein? Also, so schön ist die wirklich nicht. Das hätte sie wohl gern. Einen Belästiger abblitzen zu lassen ließ für den Belästiger nur folgende Erklärungen zu (die er auch sofort verbreitete): Die ist verklemmt/frigid/lesbisch. Nun sollte lesbisch ja nicht unter üble Nachrede fallen, aber erstens kam das seinerzeit durchaus so an, in ­einer Gesellschaft, in der Homosexualität tabuisiert war, und zweitens will sich frau ihre sexuelle Orientierung schließlich selber aussuchen.

Grob kategorisiert gab es zwei Sorten von Sexisten in meiner Jugend: einmal die konservativen Säcke aller Altersstufen, die völlig ungeniert von ihrer männlichen Überlegenheit und dem Vorrang ihrer männlichen Bedürfnisse ausgingen, und dann die progressiven Schwätzer, die Frauenrechte zum Nebenwiderspruch erklärten, die Genossinnen zum Kaffeekochen abkommandieren wollten und von ­sexueller Befreiung tönten, wenn sie ihre Klugscheißer-WG mit barbusigen Maskottchen teilten, die, siehe Goethe, froh sein sollten, mit ihnen vögeln zu dürfen. (Ja, das war der Jargon, tut mir leid.)

Scheint heute, so viele Jahre danach, nicht so viel anders zu sein. Auf der einen Seite die Brüderles, gemütliche Machthaberer, auf der anderen Seite frauenverachtende Nerds wie die deutschen Piraten, die die Hälfte der Menschheit als Tussen und Schlampen sehen, vor allem, wenn sie es wagen, Kritik an ihnen zu üben.

Aber jetzt: Aufschrei, Aufstand, Zoff. Gut so. Allerdings setzt auch schon wieder das Beschwichtigen ein: Habt euch doch nicht so. Nicht so lustfeindlich. Soll denn alles kontrolliert, reglementiert, verboten sein?

Ach, Leute. Verboten ist nicht die Lust, sondern das Erzwingenwollen von Lust. Ist doch gar nicht so schwer, erwünschte Annäherung von Belästigung zu unterscheiden, die Schlüsselworte heißen Augenhöhe und Respekt. Annäherung findet auf Augenhöhe statt, Belästigung ­degradiert Frauen zum frei verfügbaren Objekt. Wenn beide wollen, ist es ein Flirt. Wenn nur einer will, ist es keiner. Belästigung ist das Gegenteil von erotisch. Da knistert nix, da sprühen keine Funken, da wird nur versucht, Macht auszuüben. Eine Frau zu taxieren wie eine Ware und ihr dann zu sagen, dass ihre Einzelteile der Fleischbeschau standgehalten haben (Brüderle: Sie könnten ein Dirndl ausfüllen!), ist kein Kompliment, sondern Respektlosigkeit. Wenn eine Szene mit vertauschten Rollen schwer vorstellbar wäre (Altpolitikerin sagt jungem Journalisten, was sie von seinem knackigen Hintern hält), ist grad was schiefgelaufen. Denn okay ist nur, was in jeder Konstellation okay wäre.

Ist ja nicht so, dass kein Mann das kapiert. Ich hatte auch Chefredakteure, die mich trotz meiner Jugend ernst genommen haben. Und es gab und gibt Männer, die sehr gut wissen, wie man einer Frau Sympathie, auch Interesse signalisiert und wie nicht. An ihnen zeigt sich, dass es möglich und nicht einmal so schwierig ist, den richtigen Ton zu treffen.

Also bitte keine Gräuelpropaganda, dass harmlose Charmeure im Gefängnis landen werden, wenn dem Alltags­sexismus der Kampf angesagt wird! Charmeversprüher und Diskriminierer sind unterscheidbar. Was oft fehlt, ist der Wille zur Unterscheidung, und zwar aufseiten der Dis­kriminierer.


elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com

wpkatz, 04. 02. '13 10:10
ja, aber
ganz sooo einfach ist es mitunter nicht:
"Wenn beide wollen, ist es ein Flirt. Wenn nur einer will, ist es keiner." Schön, schön, aber das ist von Anbeginn nicht unbedingt für beide ersichtlich sondern es kommt erst im Verlauf heraus, dass der/die eine nicht will (oder es sich anders überlegt hat). Ein wenig Spielraum sollte die Verteufelung da schon lassen.
angnaria, 04. 02. '13 14:24
Re: ja, aber
Wenn man kein Brett vor dem Kopf hat, sollte man(n) das nach 10 sekunden merken.

Für mich gilt die Devise: Ein Spruch muß frei sein, wenn die Erwiderung nicht da ist, lässt mans gut sein.
buji2012, 04. 02. '13 17:19
Re: ja, aber
Das Problem bei vielen Männern ist nun mal, dass sie eine Ewigkeit lang nicht kapieren, dass sie unerwünscht sind. Selbst wenn die Frau ekelhaft das Gesicht verzieht und sie mit den Händen wegstößt, greifen diese Koffer weiter an. Und das geht quer durch alle Schichten! Wenn man als Mann dabei zusieht, weiß man oft nicht, handelt es sich um einen Vollidioten oder um ein Arschloch, meist wahrscheinlich um beides. Und am meisten stinkt mich dabei an, dass es deshalb Frauen gibt, die jeden Mann für so ein Arschloch halten, so als wäre jeder ein potentieller Vergewaltiger. Dabei sind es höchstens 2 o 3 v 10, auf deren Konto gehen jedoch 100e von Vergehen und Verbrechen. Wenn einer dann einmal erwischt wird, hat er meist schon dutzende Frauen auf dem Gewissen. Deshalb bin ich fürs Strafrecht!
IngridGoeschl, 09. 02. '13 10:02
Wenn Sie das zu erkennen schon überfordert
haben Sie ein ernstzunehmendes Problem, das Sie sich unter Zurhilfename professioneller Hilfe bereinigen sollten.
Tingulv, 09. 02. '13 11:59
@IngridGoeschl: Das schreibt gerade die, die nicht einmal erkannt hat,…
um was es mir im Beitrag unten gegangen ist.

Frau Goeschl, wenn sie sich selber beim Wort nehmen, dann brauchen sie dringend professionelle Hilfe.
Tingulv, 03. 02. '13 01:20
Altpolitikerin sagt jungem Journalisten, was sie von seinem knackigen Hintern...
Als Single-Mann ist die Frage natürlich klar, wie man sich verhalten wird, wenn man von einer älteren Frau angebraten wird. Also wenn mich die Frau Merkel oder die Frau Hammerl anbraten würden, dann wäre mir als Single-Mann das halbe Jahrhundert Altersunterschied egal, denn jede Alternative ist der Handarbeit vorzuziehen.

Blöd ist es nur, wenn du daheim die Traumfrau hast und die Beziehung nicht mit einem Seitensprung gefährden willst.
Tingulv, 03. 02. '13 01:22
Busfahrt in die Hölle
Mit 14 wurde ich ohne meine Freundin von meinen Eltern zu einer Busfahrt unserer Gemeinde eingeteilt. Die Mädels dort wussten, dass ich meinen Schatz schon seit 2 Jahren hatte, was in dem Alter fast eine Ewigkeit ist. Also da hat mich eine auf der Busfahrt unter dem Gelächter ihrer Freundinnen dauerangebraten, obwohl ich ihr schon mehrmals gesagt hatte, dass ich schon vergeben bin. Dann wollte sie mich Küssen, die Freudinnen haben das mit ihren Handys fotografiert und sie haben dabei gedroht es auf Facebook zu stellen, wo es dann mein Schatz sehen würde. Meine Stalkerin hat gemeint, dass sie gerne als Ersatz einspringen würde. Es war die Hölle, weshalb ich die Stern-Journalistin gut nachvollziehen kann.
manmag, 03. 02. '13 14:45
steiler Zahn
noch eine Anmache-Geschichte von dir. bitte, bitte.
ups, ich glaub nicht oder bin ich doch auf facebook ...
verdammt.
nein, also jungs schön brav bleiben bei den rassigen girls die euch allen nachsteigen. rettet euch mit anstand. und meckert nur nicht über die sexistische anmache dieser gören. diese vereinzelnen männer die frauen so ungeschickt anmachen sind ein schlechtes vorbild. das machen die mädels viel geschickter ...
in welchen meinungsblog bin ich hier eigentlich ...
na egal ich hab da auch eine geschichte ... aber nein, die werde ich profil mal unter "vier tasten" erzählen.

so eine .erkel (gewünschten buchstaben einsetzen)!
Tingulv, 03. 02. '13 21:20
Re: steiler Zahn
„nein, also jungs schön brav bleiben bei den rassigen girls die euch allen nachsteigen. rettet euch mit anstand. und meckert nur nicht über die sexistische anmache dieser gören.“, das soll wohl heißen, dass sexuelle Belästigung durch rattige Girlies von uns Jungs als Schmeichelei interpretiert werden soll. Schließlich bescheinigen die Mädels den Jungs damit, begehrenswert zu sein. Deshalb ist es ganz leicht, uns im Empörungsfall zu diskreditieren. Was bildet der sich denn ein? Also, so toll ist der wirklich nicht. Das hätte er wohl gern. (Hinweis: Formulierung von Frau Hammerl geklaut.)

Wow, wie sich die Argumentation gleicht, wenn’s einmal umgekehrt ist!!!
IngridGoeschl, 09. 02. '13 10:05
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass Sie vielleicht deshalb
zur - wie Sie es nennen - "Handarbeit" verdammt sind, weil Sie ein gröberes persönliches Handicap haben?
Tingulv, 09. 02. '13 11:54
Es ist eine besondere Verhöhnung der Opfer,...
sind, wenn sie bei einem Annäherungsversuch in die aktive Rolle schlüpfen (was sie selten tun), weil sie ebenfalls die Grenze zwischen einem Flirt und einer Belästigung nicht erkennen.
Die Ungerechtigkeit beginnt nun damit, dass die Obrigkeit jedoch nur ein Schema kennt:
Frau = Opfer, Mann = Täter

Wenn mal die Frau = Täterin, Mann = Opfer, dann kann man sich beim Salzamt beschweren und wird von anderen Frauen noch verhöhnt und als Schwach angesehen. Da ist natürlich klar dass Männer als Sexismusopfer zum Schweigen verdammt sind, denn Schwäche ist beim Mann im Gegensatz zur Frau nicht erlaubt.
Rodric, 02. 02. '13 16:17
Das Gegenteil vom Schlechten
Derartige Einblicke in die tatsächliche persönliche Realität kann es nicht genug geben, kein Zweifel. Die (eh immer) aktuelle Diskussion dieses Themas könnte diesmal wieder ein wenig nachhaltiger sein als letzes mal...

Als Beitrag zur Veränderung würde es aber auch anbieten den vorbildlichen Beispielen ein wenig mehr Raum und vielleicht auch Detail zu geben. Wer gesellschaftlich anprangert (zu recht!), sollte auch Alternativen darstellen.
Es geht ja nicht NUR um Unterlassung (manchmal schon); es geht auch darum alternative, wünschenswerte Möglichkeiten mit bestimmten Situationen umzugehen zu forcieren. Rundum.

Die Selbstverständlichkeit des Gegenteils vom Schlechten gibt es nicht. Leider.

Nach dem #Aufschrei vielleicht dann mal eine #JaBitteSo Welle?
Tingulv, 03. 02. '13 01:30
Bei dir hapert’s wohl mit dem Leseverständnis,
denn Frau Hammerl hat’s unten eh hingeschrieben:

Auf das Feedback kommt es an, denn wenn das gegenüber offensichtlich nicht interessiert ist, dann ist der Annäherungsversuch sofort in der Frühphase einzustellen.
Tingulv, 03. 02. '13 01:42
Re: Das Gegenteil vom Schlechten
Unlängst hat mich meine Freundin auf einer Abendveranstaltung mit ihrer Freundin stehen lassen, die mich dauerangegrinst und mit eindeutigzweideutigen Andeutungen drangsaliert hat, obwohl sie selber einen Freund hat. Ich hab‘ dann durchblicken lassen, dass ich auf meinen mehrwöchentlichen Routinesex mehr stehe, als auf einen noch so heißen One-Night-Stand mit ihr und dann monatelangen Handbetrieb. Was sie von ihrem Angebaggere überhaupt nicht abgehalten hat, darin bestand auch dann die Grenzüberschreitung, denn wenn ich interessiert gewesen wäre, dann wäre ihr Verhalten mir höchst willkommen gewesen.

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