Der neue Jedermann: Cornelius Obonya

12.7.2013, 12:42
Der neue Jedermann: Cornelius Obonya
 

Er stammt aus der berühmtesten Theaterdynastie des Landes. Trotzdem wollte Cornelius Obonya, Enkel von Paula Wessely und Attila Hörbiger und Sohn von Elisabeth Orth, nie etwas anderes werden als Schauspieler. Ein Porträt des neuen Jedermann in Salzburg.

Von Angelika Hager

Vor lauter Mozartkugeln war ihm hundeelend. Irgendwie hatten ihn die Damen in der Maske derart damit abgefüttert, dass er sich in der Garderobe der Mutter übergeben musste. Mehr als diese Erinnerung an seine Kindertage bei den Salzburger Festspielen hat Cornelius Obonya nicht im Repertoire. Und nein, es sei keine Last, dass drei Generationen der Familie ihre Spuren bereits auf dem Salzburger Domplatz zogen: Großvater Attila Hörbiger starb insgesamt acht Saisonen lang als Jedermann, Oma Paula Wessely machte den Glauben zum Elementarereignis, Tante Christiane Hörbiger war die Buhlschaft, und Mutter Elisabeth Orth spielte die Guten Werke.

Tausend Varianten
„Wenn du diesen Job machen willst und aus dieser Familie kommst, hat es sich bewährt, keine Angst zu haben und ein fulminantes Desinteresse für seine Herkunft zu entwickeln“, sagt Obonya in seiner mollig dunklen, streng geschulten Staatstheaterstimme, die selbst eine Bestellung in einem Kaffeehaus so klingen lässt, als müsste jetzt gleich ein Vorhang hochgehen. Der Jedermann sei vor allem ein „vor Lebenslust und Gedankenlosigkeit überbordender Turbokapitalist“, meint er – was aber keineswegs bedeute, dass man deswegen „wie ein Irrsinniger auf der Bühne herumhüpfen muss“.
Die „Jedermann“-Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes sind begeistert von ihrem Sterbekünstler. „Cornelius bietet tausend Varianten an und wird nicht müde, sie auch alle auszuprobieren“, schwärmt Crouch, bekannt für seinen Sinn für Exzentrisches. Richtig zärtlich wird Mertes, der neben Theater und Oper auch US-Spital- und Krimiserien inszeniert, unter anderem auch schon „Law & Order“: „Ich habe noch nie einen Schauspieler erlebt, der so hart arbeitet und so unglaublich diszipliniert ist. Cornelius ist ein echtes Wunder.“

Ein Wunder, das allerdings Zeit brauchte. Denn die Karriere des heute 43-Jährigen war alles andere als „eine g’mahte Wies’n“, wie er selbst sagt, wie übrigens gar nichts in diesem Beruf: „Das ist nun einmal kein Wohlfühljob.“ Die Mutter hatte Obonya stets prophezeit: „Bei dir wird’s erst ab 40 so richtig losgehen.“ Eine harte Ansage für jemanden, der mit 17 bereits am Reinhardt Seminar landete und der Kaderschmiede nach einem Jahr wieder den Rücken kehrte: „Mir wurde damals nicht das vermittelt, was ich mir erwartet hatte.“ Inzwischen interessierte sich der Kabarett-Doyen und Talente-Spürhund Gerhard Bronner für ihn: „Der Bronner hat für seine Truppe jemanden gesucht, der so in Richtung Qualtinger ging, eine Typ’n halt …“

Unter den Fittichen des „manischen Arbeiters“ Gerhard Bronner erarbeitete sich Obonya auf den Brettern des Cabarets „Fledermaus“ „eine unschätzbare Basis“ für das Handwerk. Dennoch wirkte er in seinen späteren Jahren im Ensemble des Volkstheaters, der Berliner Schaubühne und zuletzt an der „Burg“ immer öfter unterfordert statt überfördert. Mit Glanzrollen hatte man ihn nicht gerade verwöhnt. Die postdramatischen Stücke-Zertrümmerer der Jahrtausendwende konnten mit seinem unbeirrbar klassischen Spielstil wenig anfangen. Aus der Jelinek-Uraufführung „Das Werk“ unter Nicolas Stemann war Obonya vorzeitig ausgestiegen: „Ich kam mit dem Text nicht zu Rande. In der Kantine hat mir der Dramaturg nach dem Erfolg des Stücks triumphierend zugerufen: ,Voll daneben gegriffen, oder?‘ Ich habe ihm nur geantwortet: ,Ich glaube, es wurde ein Erfolg, weil ich nicht mitgespielt habe.‘“

Als Obonya 2008 mit dem Musical „The Producers“ im Ronacher endlich im Hauptrollenfach angekommen war, karenzierte das Burgtheater ihn nicht wie erhofft, sondern ließ ihn ziehen: „Dann musste ich mich entscheiden.” In der Rolle des windigen Broadway-Produzenten in „The Producers“ klappte Obonya sein gesamtes Register auf, die Kritiker knieten, doch das Publikum blieb aus.
Eine zentrale Rolle bei der endgültigen Etablierung des Bühnenwunders Obonya spielten Rupert Henning und Florian Scheuba 2010 – als Autoren der deutsch-österreichischen Feindschaftskomödie „Cordoba“. Nachdem die österreichische Filmförderung dem Drehbuch die Unterstützung verweigert hatte, „ärgerten wir uns so, dass wir beschlossen, daraus ein Theaterstück zu machen“, erzählt Scheuba. Alle 24 Rollen auf der Bühne sollten von einem einzigen Schauspieler gespielt werden. Scheuba dachte „ziemlich schnell an den Conny, denn was kaum jemand weiß: Er war bei uns nach dem Abgang von Mini Bydlinski kurzfristig als fünfter ‚Hektiker‘ vorgesehen gewesen, aber dann kam leider sein Engagement in Berlin dazwischen.“
Obonya machte unter Hennings Regie „Cordoba“ zu einer Tour de force, in der er seine Charaktere in Sekundenschnelle und atompräzise modellierte. Das Stück wurde zum Hit. „Der Conny ist für einen Regisseur wie ein gigantischer Feinkostladen“, sagt Henning, dessen Kammerspiel „Crash“ im Herbst mit Obonya im Theater in der Walfischgasse uraufgeführt wird: „Er besitzt einen unvorstellbaren Spieltrieb und würde dir am liebsten auch noch den Papierkorb, den Sessel und den Staub in der Luft darstellen.“
Auf der „Cordoba“-DVD wirkt Obonya bei genauerem Hinsehen sehr mitgenommen, der Schweiß rinnt ihm in Strömen über den Körper. „Am Tag der Aufzeichnung hatte ich Fieber und dazu noch eine Doppelvorstellung“, erzählt er: „Aber ich habe verdammt noch einmal meinen Job zu machen. Wenn’st da oben stehst, gilt’s.“

Keine Zuckerl-Oma
Dass das Spielen Arbeit ist, lernte er früh und aus allernächster Nähe. Seine Mutter, die Burgschauspielerin Elisabeth Orth, hat sich nie etwas geschenkt. Irgendwann hörte sie auf, ihren Sohn von diesem Beruf abbringen zu wollen. Ein ohnehin sinnloses Unterfangen: Obonya wollte von klein auf nichts lieber auf der Welt, als Schauspieler werden. Eine Verkleidungskiste, voll mit alten Bademänteln und Vorhängen, war das wichtigste Inventarstück seines Kinderzimmers: „Ich spielte den Eltern quer durch alle Epochen Figuren vor.“ Als er neun war, starb sein Vater, der Schauspieler Hanns Obonya – ein traumatisierender Einschnitt. Über Emanzipation wurde nicht diskutiert, sie wurde praktiziert: „Dass meine Mutter arbeitete, war der Normalzustand. Das war einfach so.“

Großmutter Paula Wessely hatte ihren Töchtern vorgelebt, dass „man sich seine Nylonstrümpfe immer selber kaufen können muss“, wie Christiane Hörbiger erzählte. Sie war nicht „so eine klassische Zuckerl-Oma“, erinnert sich Obonya, man hatte zu ihr „eine natürliche Distance“. Er spricht das Wort französisch aus. Großvater Attila war „eindeutig der herzlichere“. Obonyas achtjähriger Sohn heißt Attila, mit der Mutter, der deutschen Regisseurin Carolin Pienkos, ist er seit über einem Jahrzehnt verheiratet, das Stück „Crash“ wird sie inszenieren: „Ich würde mit ihr auch arbeiten wollen, wenn wir kein Paar wären.“ Sein Disziplinkodex stammt eindeutig von der Großmutter. Von den tausenden Theateranekdoten, die über Wessely kursieren, bleibt diese wie eine Quintessenz: Jeden Abend nach der Vorstellung blickte sie beim Abschminken kopfschüttelnd in den Spiegel und seufzte: „Immer zu wenig …“

Die Bereitschaft zur politischen Psycho-hygiene hat Cornelius Obonya von seiner Mutter, die gegen Waldheim, Antisemitismus und Fremdenhass stets an vorderster Front ihre Stimme erhob, vorgelebt bekommen. Und ja, natürlich hat er seiner Großmutter auch die Frage über ihr Spiel im Nazipropagandafilm „Heimkehr“ gestellt: „Ich habe sie gefragt: ‚Hast du eigentlich gewusst, was du damals in dem Film gesagt hast?‘ Sie hat nur mit einem knappen Ja geantwortet. Mehr war aus ihr nicht herauszubringen. Dabei hätte ich so gerne gewusst, wie das war, mit Max Reinhardt wie eine Rakete durchzustarten. Und dann war der plötzlich nicht mehr da. Wie kann man da nur so einfach weitermachen?“

Womit sich der Kreis am Domplatz wieder schließt. Zumindest indirekt. Denn auch das Regie-Duo Crouch und Mertes wird sich mit seinem „Jedermann“ stark an der Reinhardt’schen Urfassung orientieren. Aber wie gesagt: „Alles ka g’mahte Wies’n.“

Foto: Manfred Klimek





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