Das radikal Böse

7.1.2014, 17:30
Holocaust • Das radikal Böse
 

Was lernt der Mensch aus der Geschichte? Der unbekannte Holocaust: Was hat ganz normale Männer dazu gebracht, zweieinhalb Millionen Frauen, Kinder und Greise zu erschießen – jedes Opfer einzeln? Ein Filmessay des Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky versucht, darauf eine Antwort zu geben.

Man kennt das Verbrechen von Auschwitz. Man hat vielleicht auch schon vom Massaker von Babij Jar gehört, jener Schlucht bei Kiew, in der 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder innert 36 Stunden erschossen wurden. Man weiß von anderen namenlosen Orten, zu denen Deportationszüge fuhren. Man erinnert sich auch an die Empörung der Großväter, als eine Ausstellung erstmals die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht in Osteuropa und am Balkan aufzeigte. Doch das wahre Ausmaß des Massenmords durch Erschießungen von Frauen, Kindern und Greisen ist bisher kaum ins Bewusstsein gedrungen. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky hat daraus einen Filmessay mit dem Titel „Das radikal Böse“ gemacht. Er bricht ein Tabu. Er spricht über den vergessenen Holocaust, die systematische Ermordung von etwa zweieinhalb Millionen Menschen in Osteuropa, die aus ihren Häusern geholt, auf Lastwagen verladen, zu ausgehobenen Gruben gebracht und an Ort und Stelle in ihr Grab geschossen wurden: Von SS und Waffen-SS, von einfachen Soldaten der Wehrmacht, von Schutzpolizisten, die zu Friedenszeiten noch den Verkehr geregelt hatten, von ganz normalen jungen Männern, die selbst Familienvater waren und Fotos ihrer Frauen und Kinder im Portemonnaie trugen.



Zwei Jahrzehnte nach der Ur-Katastrophe des Ersten Weltkrieges, der auf den Schlachtfeldern grausam wie nie zuvor geführt worden war, wurden nun millionenfach Unschuldige ermordet. „Was machen wir bloß? Was machen wir bloß?“, schrieb einer, der mitgemacht hatte, nach Hause. „Es war grauenhaft, wenn man die Leichen unter den Stiefeln spürte“, gestand ein anderer.

Ruzowitzky stellt die Frage, was Menschen dazu bringt, so zu handeln, dass sie die Werte ihrer Kultur ins Gegenteil pervertieren, warum ein angepasster Bürger zum Mörder wird, der auf wehrlose Menschen schießt, aus nächster Nähe, nicht im Affekt, sondern weil es befohlen wurde und weil auch die anderen es taten. Ruzowitzky hält sich nicht mit historischen Details des Feldzuges der Deutschen im Osten auf, auch nicht mit der genauen Angabe von Schauplätzen und den dazugehörigen Einheiten. Seine Genauigkeit liegt auf einem anderen Feld. Der Film basiert auf Originalzitaten der Täter. Aus dem Off werden Passagen aus Feldpostbriefen, Tagebüchern und Gerichtsprotokollen zitiert. Ruzowitzky möchte zeigen: Das Böse beginnt harmlos.

Lesen Sie die Titelgeschichte von Marianne Enigl und Christa Zöchling in der aktuellen Printausgabe oder als e-Paper (www.profil.at/epaper)!

DUCKMAUSER, 10. 01. '14 03:24
die banalitaet des boesen
wenn du das pech hattest in einer einheit zu dienen, in der exekutionen abgewickelt wurden,gab es nur zwei moeglichkeiten.die erste du machtest mit und hast ueberlebt, oder zweitens, bei der weigerung den befehl auszufueren,bist du selbst ueber die klinge gesprungen u das sofort.diese dinge hat der kommantant des exekutionskomandos am spot erledigt .hat er das nicht sofort getan ,war er dran.das ganze diente schon alleine der abschreckung .das diese art des toetens eine ungehaeure psychische belastung war, die frueher o spaeter zu zusammenbruch, ja sogar in nicht wenigen faellen zu selbstmord gefuehrt hat,war bekannt. heute killt man mit drohnen u ferngesteuerten bomben .nach dienstschluss geht man zu frau u kind zum essen heim u nachher schaut man sich zur ablenkung ein movie an.
manmag, 27. 01. '14 21:59
Re: die banalitaet des boesen
die Geschichtsanalysen von Tötungsverweigerern an der Ostfront zeigt, dass keiner von ihnen hingerichtet wurde ...
diese Schutzbehauptung der Selbstgefährdung durch befehlsverweigerung ist zwar verständlich entspricht aber nicht der Realität an der damaligen ostfront. Viel zu viele haben sich freiwillig und ohne druck in diese Tötungsmaschinerie hinstellen lassen ...dazu gibt es massenhaft Berichte von ehemaligen Wehrmachtssoldaten!
Auch durch die ständige Wiederholung dieser Schutzbehauptung wird sie nicht zur Wahrheit!
wiesengruen, 06. 01. '14 22:37
Die Banalität des Bösen .Das Volk will weder Krieg noch Mord
,
und wird heute durch zynische Vernunft in Gewalt geleitet .
Immer waren es Befreiung ,humanitäre Hilfe ,
Kampf gegen das Böse/den Terror ,
die Menschen und Gesellschaften in den Krieg bringen sollen und auch bringen .
Fals flag Aktionen ,
das ungeheurlichste Vorgehen der Machtpolitik ist Alltag .
"Die Vermeidung der "humanitären Katastrophe" gegen Serbien war inszeniert und erlogen , die NATO führte einen Angriffskrieg .
Wie auch die "Flugverbotszone" gegen Libyen ein reiner Angriffskrieg mit einem Massakker an der Libyschen Bevölkerung war .
Eine Million Tote im Irak und 4 000 000 Flüchtlinge
forderte der Kampf gegen die MVW des Irak ,die es bekanntlich gar nicht gab .
Analoger Terror wird heute von NATO Staaten
gegen Afghaistan , Syrien ,Jemen ...
unterstützt und ausgeübt .
wiesengruen, 06. 01. '14 22:38
Re: Die Banalität des Bösen
.....
In welcher Gesellschaft leben wir ,
die dies alles ignoriert und das Verbrechen einzig bei
dem vor 70 Jahren beendeten NAZI Regime suchen .
Diese Gesellschaft ,hat sich völlig von der Realität abgekoppelt .
komajo, 06. 01. '14 07:19
Other Losses
Es wird hier so getan, als seien nur die so genannten Herrenmenschen zu solch Bestialitäten fähig. Dem ist nicht so.
Einseitige Berichte sind halb unwahre Geschichten.
Herr-Paul, 06. 01. '14 08:41
Re: Other Losses
Ich habe es auch ein bissl "unpassend" empfunden, daß am Ende des Profilinterviews R. die "Abkürzung" zu einer "passenden" heutigen politischen Gruppierung wählt. Inkl. namedropping des dortigen "bösen Führers". Grad dieses sein Werk hier sollte durch solche Schubladisierungen eben nicht "banalisiert" werden, und es war sein statement diesbezüglich sehr ... "unpassend" bzw. auch entlarvend (oder schlicht und einfach falsch).
Erich50, 06. 01. '14 00:31
Fragen - mögliche Antworten
Herr Ruzowitzky stellt die Frage, wie Männer böse werden können. Vielleicht muss er aber gar nicht bis in den 2. Weltkrieg blicken:
Bekanntlich hat Herr Ruzowitzky sein Bauernhaus in Oberösterreich an eine Gruppe Neonazis vermietet. Das Haus wurde innen mit Runen und Neonazi Parolen geschmückt. Herrn Ruzowitzly war "nichts" aufgefallen. Wie auch den anderen im Ort. Vielleicht sollte er einfach mal sich selbst, seine Mieter, und die örtliche Polizei, die nie eingriff, fragen, wie das "radikal Böse" mit seiner SS-und Auschwitz Verherrlichung plus eklatanter Gewaltbereitschaft (viele seiner Mieter sind inzwischen verurteilte Schwerverbrecher) unbehelligt und gefördert in unserer Mitte wandeln konnte.
Antworten, Herr Ruzowitzky?
Dobratsch, 05. 01. '14 23:53
Die Mörder sind unter uns!
Wegen des Kalten Krieges hat man die Mörder pardoniert. Man hätte sie vielleicht noch brauchen können im Kampf gegen den "Bolschewismus".
eulenauge, 05. 01. '14 08:23
Seltsame Frage
"Was hat ganz normale Männer dazu gebracht, zweieinhalb Millionen Frauen, Kinder und Greise zu erschießen ..."

War das für "normale" Mäner nicht einfach "normal" damals?
Herr-Paul, 04. 01. '14 14:59
Harte Sache, so ein vorgehaltener Spiegel.
Und vielleicht noch "härter" die Erkenntnis: Dreh an den richtigen 1-3 Schrauben (mehr brauchts nicht), und nahezu JEDER wird zur Bestie. Erst recht die Krone der Schöpfung.

P.S.: Was in einem weiteren Schritt interessant wäre: Wie hat nach dem Krieg das Verdrängen geklappt? Was geht da in der Psyche vor?
zimmer1978, 03. 01. '14 01:25
Video-Interview Stefan Ruzowitzky
VIDEO Interview mit Stefan Ruzowitzky: Er hat eine Doku über NS-Soldaten gedreht, die im Osten wehrlose Zivilisten erschossen haben. DAS RADIKAL BÖSE startet am 17.1. in den Kinos, wir haben den Oscar-Preisträger zum Video-Interview getroffen. http://www.youtube.com/watch?v=U5swhvVOqfY
Das komplette Interview zum Nachlesen gibt’s hier:
http://issuu.com/lichtspiele/docs/s17-21
harryhaller, 02. 01. '14 15:54
Ganz was Neues - aber verkauft sich gut, Milgram konnte es auch nicht glauben!
http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment
Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich dazu dienen, Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären. Dazu sollte die „Germans-are-different“-These geprüft werden, die davon ausging, dass die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben. Dieses Experiment wurde weltweit durchgeführt – mit dem gleichen Ergebnis: ALLE Menschen neigen zu Gewalt, wenn sie nicht durch Sanktionen daran gehindert werden.
Beispiele: Ausrottung der Indianer, 100 Millionen Tote durch den Kommunismus vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzbuch_des_Kommunismus Massaker in Jugoslawien, Völkermord in Ruanda, Türkenmassaker an Armenier usw….Filme: Herr der Fliegen, http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Experiment_%28Film%29
manmag, 27. 01. '14 22:07
Re: Ganz was Neues - aber verkauft sich gut, ....!
Es tut mir leid, aber so stimmt das ganz sicher nicht. Das dazugehörige Zitat aus dem Buch zum Milgram-Experiment: "Der Schlüssel zum Verhalten von Personen liegt nicht in einem aufgestauten Ärger oder in Aggression, sondern in IN IHRER BEZIEHUNG ZUR AUTORITÄT." (S. 195). Ausgabe vom März 1982.
manmag, 27. 01. '14 22:12
Re: Ganz was Neues - aber verkauft sich gut, ..
Des Weiteren, haben 26 von 40 Versuchspersonen den Anweisungen des Versuchsleiters bis zur höchsten Stromschockbehandlung Folge geleistet. Das sind also "nur" 2/3 aller Vpn. Das isst zwar die Mehrheit aber es sind NICHT ALLE.
harryhaller, 29. 01. '14 13:47
Ganz was Neues - aber verkauft sich gut, Milgram konnte es auch nicht glauben!
Manmag - Sie sitzen im warmen behaglichen Zimmer und relativieren psychologische Erkenntnisse? Sehr mutig! Beschäftigen Sie sich bitte nicht oberflächlich mit Gruppendynamik, denn in allen Extremsituationen gibt es einen unglaublichen Gruppendruck - Beispiele gefällig? Yugoslawienkrieg, Irak, Syrien......einfach den tagtäglichen Gewaltnachrichtenmix analysieren! Die meisten Gruppengewaltexzesse wurden nie Sanktioniert - Indianerausrottung, Sklaverei, die Belgier im Kongo, Franzosen in Algerien, Moslemselbstmörder, Mafia...Hannah Arendt spricht von der Banalität des Bösen - auch in unmittelbarer Nachbarschaft herrscht Gewalt und es wird weggeschaut!
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