Wenn die schwarzen Fahnen wehen: IS verliert an Boden

Irakische Kämpfer unweit von Ramadi.

Irakische Kämpfer unweit von Ramadi.

In Syrien und im Irak verliert der sogenannte "Islamische Staat" derzeit immer mehr an Boden: Umso bedeutsamer ist es für die Terrormiliz, in Afghanistan Flagge zu zeigen.

Es war ein symbolträchtiger Spaziergang, den Haider al-Abadi am Dienstag vergangener Woche absolvierte: Der irakische Premierminister schlenderte durch das Universitätsviertel der Stadt Ramadi, die zuvor monatelang von der Terrormiliz "Islamischer Staat" unterjocht worden war.


Fast ein Jahr lang schien der Vormarsch des IS unaufhaltsam

Mit einem blitzartigen Eroberungsfeldzug hatte der IS, dem international bis zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden war, im Frühsommer 2014 große Teile des nördlichen Irak überrollt und unter Einbeziehung von bereits eroberten Gebieten in Syrien ein Kalifat ausgerufen.

Fast ein Jahr lang schien der Vormarsch des IS unaufhaltsam. Seit Anfang 2015 müssen die ultraradikalen Islamisten jedoch eine Niederlage nach der anderen hinnehmen. Begonnen hatte die Serie von Rückschlagen im syrischen Grenzort Kobane. Dort war die Terrormiliz von kurdischen Kämpfern im vergangenen Jänner mit westlicher Luftunterstützung vertrieben worden. In der Folge verlor der IS immer mehr an Boden: 12.800 Quadratkilometer, also fast 15 Prozent seines Territoriums, soll er im vergangenen Jahr eingebüßt haben - und damit auch wichtige Infrastruktur wie Dämme, Ölfelder und Straßenverbindungen.

Um die Weihnachtsfeiertage gelang es der irakischen Armee, die Vorherrschaft des IS in Ramadi, der strategisch wichtigen Hauptstadt der Provinz Anbar, zu brechen. Obwohl sich noch immer Hunderte Angehörige der Terrormiliz in den östlichen Außenbezirken verschanzt hielten, erklärte Premierminister al-Abadi Ramadi für befreit und rief 2016 zum Jahr der Vernichtung des IS aus.

Aber noch immer kontrollieren die ultraradikalen Islamisten Schlüsselzonen: In Syrien ist ihre Herrschaft östlich der syrischen Stadt Aleppo bis hinauf zur türkischen Grenze stabil, ebenso in der Gegend um Palmyra und damit an einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen des Landes. Im südlich von Damaskus gelegenen Deraa, nur wenige Kilometer von Jordanien entfernt, konnte der IS erst jüngst Fuß fassen. Im Irak hat die Terrormiliz die Millionenmetropole Mossul und weite Teile des Tigris-Tales südlich davon fest im Griff. Hier wird bei der angekündigten Gegenoffensive der Armee mit besonders erbittertem Widerstand gerechnet: Fällt Mossul, würde dies wohl das Ende des Kalifats im Nahen Osten bedeuten.


Propagandistisch bedeutsam ist Afghanistan allemal

Umso wichtiger für den IS dürfte es unter diesen Umständen sein, in Afghanistan Flagge zeigen zu können. Dass es finanzielle und ideologische Verbindungen zwischen den dortigen Extremisten und dem "Kalifat" im Nahen Osten gibt, ist evident. Ob sie tatsächlich substanziell sind oder vorwiegend darin bestehen, dass lokale Aufständische die Marke IS für ihre Zwecke benutzen, lässt sich derzeit nicht eindeutig abschätzen.

Propagandistisch bedeutsam ist Afghanistan aber allemal - als Teil der historischen Region Khorasan, altpersisch für "Land der aufgehenden Sonne", die sich von vorislamischer Zeit bis ins 16. Jahrhundert über weite Teile Zentralasiens erstreckte. Nicht von ungefähr bezeichnen sich die afghanischen Ableger des IS als "Wilayat Khorasan", wobei "Wilayat" in etwa für Provinz oder Verwaltungsbezirk steht.

In einer unter Islamisten populären Überlieferung ist zudem die Rede von einer unaufhaltsamen Streitmacht, die aus Khorasan kommt, um Damaskus zu erobern: "Wenn ihr die schwarzen Banner aus Khorasan seht, schließt euch dieser Armee an, selbst wenn ihr dafür über Eis kriechen müsst", heißt es darin unter anderem: "Denn der Kalif Allahs wird unter ihnen sein."

Dass damit nur der IS gemeint sein kann, darüber herrscht unter vielen Anhängern der Terrormiliz selbst kein Zweifel. Und wenn ihre Führer das vielleicht auch selbst nicht glauben, können sie Sympathisanten und potenziellen Kämpfern zumindest Unbesiegbarkeit einreden, solange in Afghanistan ein paar schwarze Fahnen wehen.