Der Papst und die Kardinäle im Streit über die Themen Sex, Ehe und Partnerschaft

Der Papst und die Kardinäle im Streit über die Themen Sex, Ehe und Partnerschaft

Sex, Ehe, Partnerschaft: In den kommenden zwei Wochen wird im Vatikan über absolute Reizthemen des Katholizismus debattiert. Schon im Vorfeld herrschte Streit zwischen Reformern und Konservativen – durchaus im Sinne von Papst Franziskus.

Von Thomas Migge, Rom

Ein leidenschaftlicher Kuss im Schatten des Petersdoms: Es ist so etwas wie ein ganz privates Glaubensbekenntnis, das Magdalene und Klaus Millini* an diesem prächtigen Oktobertag ablegen. Die beiden Bankangestellten aus Wien sind gläubige Katholiken, haben nach gescheiterten Beziehungen erst vor Kurzem standesamtlich den Bund der Ehe geschlossen und verbringen ihre Flitterwochen in Rom – als geschiedene Wiederverheiratete bewusst gerade jetzt: „Am Sonntag werden wir im Petersdom besonders intensiv beten“, sagt Klaus.

Während sich das österreichische Pärchen auf dem Petersplatz umarmt, legt im obersten Stockwerk des direkt angrenzenden Palazzo del Sant’Uffizio Kardinal Velasio De Paolis die Fingerspitzen aneinander und blickt mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Melancholie an die Decke seiner prächtigen Wohnung. Auch er wird am Sonntag im Petersdom intensiv beten – allerdings kaum mit dem gleichen Anliegen wie Magdalene und Klaus. Diesen Sonntag beginnt in Rom eine außerordentliche Bischofssynode, die wegweisenden Charakter hat. Papst Franziskus hat Kardinäle aus aller Welt zusammengerufen, um zwei Wochen lang über „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ zu diskutieren.

Auch wenn es nicht so klingt: ein höchst brisantes Thema. Denn es rührt an Bereiche, in denen die Ansprüche der katholischen Lehre besonders weit von den Bedürfnissen vieler Gläubiger entfernt sind – Sexualität, Ehe und Familie.

Kardinal De Paolis oben in seinem Palazzo und die Millinis unten auf dem Petersplatz repräsentieren genau diesen Antagonismus. Nach geltendem Kirchenrecht lebt das Wiener Ehepaar in Sünde. Magdalene und Klaus haben nicht nur das Gelübde der Ehe gebrochen, sie sind anschließend auch noch eine andere Beziehung eingegangen. Das heißt: Sie dürfen, obwohl praktizierende Katholiken, nicht an der Kommunion teilnehmen – für Gläubige wie sie ein Problem.

Und eines, mit dem an der Basis längst pragmatisch umgegangen wird: „Unser Geistlicher in Wien ist ein toller und offener Mann. Er weiß, dass wir wiederverheiratete Geschiedene sind und schließt uns trotzdem nicht aus“, erzählt Magdalene.

„Damit wird der Glaube in seinen Grundfesten erschüttert“, murmelt Kardinal De Paolis, der sich einen Namen als besonders entschiedener Gegner der Teilnahme wiederverheirateter Geschiedener an der Eucharistie gemacht hat, im Palazzo del Sant’Uffizio.

Die Kluft zwischen diesen beiden Positionen ist zu groß geworden, als dass sie der Vatikan länger ignorieren könnte – zumal auch innerhalb der Kirchenführung immer mehr Stimmen laut werden, die nach der Legalisierung einer lebensnäheren Glaubenspraxis rufen.

Auf das Ehepaar Millini wird der Hardliner-Kardinal De Paolis nicht treffen, wenn am Sonntag die Synode zusammentritt. Dafür aber mit Sicherheit auf seinen Amtsbruder Walter Kasper, den emeritierten Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und Wortführer ethischer Reformideen im Bereich Familie.

„Da wird es kräftig knallen“, prophezeit ein römischer Bischof, der im Staatssekretariat arbeitet. „Aber genau das scheint Papst Franziskus ja zu wollen.“

Ausgangspunkt der Synode war ein absolutes Novum in der Kirchengeschichte. Im Oktober des vergangenen Jahres ließ Papst Franziskus weltweit die Meinung der Gläubigen zu den Themen Ehe, Familie und Sexualität erheben: Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität und schwule Lebensgemeinschaften, künstlichen Empfängnisverhütung – in Österreich beantworteten rund 34.000 Katholiken die 39 Fragen, die ihnen der Vatikan dazu stellte.

Das nicht übermäßig überraschende Resultat: Auch wenn genaue Zahlen aus der Befragung noch nicht bekannt sind, scheint eine Menge Katholiken in Sachen Familienethik Reformen zu wollen, so ein Insider aus dem Kirchenstaat gegenüber profil.

Deutlich wird auf jeden Fall, dass es der Kirche immer schwerer fällt, ihre Lehre zu Ehe, Sexualmoral und Familie dem Kirchenvolk verständlich zu vermitteln. „Liebe, Ehe, Treue und Familie werden immer noch als zentrale Werte angestrebt“, sagt ein österreichischer Monsignore im Vatikan. „Aber man will, dass die Vorstellungen der Kirche sich einer gewandelten Gesellschaft wenigstens ein bisschen anpassen.“

Beklagt wird in den Antworten der Gläubigen die lebensfremde Sprache der Kirche. Es ist die Rede von unübersehbaren Diskrepanzen zwischen der Lebensrealität und den Einstellungen von immer Katholiken zur kirchlichen Lehre.

„Eine überwiegende Mehrheit der Katholiken spricht sich dafür aus, dass geschiedene Gläubige, die wieder geheiratet haben, endlich zu den Sakramenten der Eucharistie zugelassen werden“, weiß Sandro Magister, Vatikanexperte des italienischen Wochenmagazins „L’Espresso“. Auch das Verbot künstlicher Verhütungsmethoden werde immer öfter abgelehnt, „weil es den Gläubigen als weltfremd erscheint“.

Der Graben zwischen Kirche und Kirchenvolk wird vor allem in Italien deutlich, wo immer noch eine Mehrheit der Bürger katholisch ist. Jedenfalls auf dem Papier.

„Die Zahl der Scheidungen steigt immer schneller“, berichtet die römische Anwältin Angela Stani. „1995 kamen auf 1000 geschlossenen Ehen nur 80 Scheidungen, im vergangenen Jahr war die Zahl auf über 200 gestiegen.“
Immer mehr praktizierende Katholiken bemängeln laut Stani auch in Italien, dass „die Realität des Scheiterns einer Ehe von der Kirche immer noch nicht ernst genommen wird“. Da gibt es, so die Juristin, „den großen Wunsch nach einer Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre“.

Der Tenor der Antworten aus der Kirchenvolksbefragung fand schließlich seinen Nachhall in dem Arbeitspapier „Instrumentum laboris“, das im Juni veröffentlicht wurde, als inhaltlicher Leitfaden für die Beratungen der Synode gilt und Konservativen wie Kardinal De Paolis die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Wie dick die Luft derzeit im Vatikan ist, zeigt ein Buch, zu dessen fünf Autoren auch De Paolis zählt. Rechtzeitig zu Beginn der Synode veröffentlicht, trägt es den bezeichnenden Titel: „Wir wollen in der Wahrheit von Christus bleiben“.

Das sei ein „offener Schlag ins Gesicht der Reformer“, urteilte die Tageszeitung „La Repubblica“ über die Publikation. Besonders scharf kritisiert wird darin der Reformer Walter Kasper, dem ein gutes Verhältnis zum amtierenden Papst nachgesagt wird. „In Wirklichkeit richtet sich das Buch aber gegen Franziskus selbst“, analysiert der angesehene Vatikanexperte Marco Politi. „Immerhin geht von ihm ja alles aus, was mit Reformen zu tun hat“.

"Wie ein Bauer mit der Mistgabel"
Dass der argentinische Papst – „wie ein Bauer mit der Mistgabel“, so ein Monsignore innerhalb der Vatikanbank IOR – das Finanzwesen des Kirchenstaates von den Altlasten der Skandale der Vergangenheit befreit hat, wurde noch von den meisten honoriert. Doch jetzt, wo es an die Substanz der Lehre geht, wird Widerstand spürbar.

Von Kardinal George Pell beispielweise: Der erzkonservative Australier bekleidet seit einigen Wochen das machtvolle Amt des Vatikan-Finanzminister. Und auch er hat rechtzeitig zur Synode eine Kampfschrift publiziert: „Das Familienevangelium in der synodalen Debatte“, lautet der Titel des Bändchens, das er gemeinsam mit einem spanischen Theologen und einem deutschen Philosophen, die beide an einer päpstlichen Hochschule in Rom lehren, verfasst hat.

Darin verteidigen die Autoren die „christliche und katholische Tradition der monogamen und unauflöslichen Ehe“ und attackieren all jene in der Kirche, die „den Schiffbrüchigen der Ehe ein Rettungsboot zur Verfügung stellen wollen“ (Zitat aus dem Buch).

„Wohin sollen diese Rettungsboote denn fahren?“, fragt Pell: „In Richtung rettender Felsen, Sümpfe oder in Richtung eines sicheren Hafens, der allerdings nur mit Schwierigkeiten zu erreichen sein wird?“ Und dann wird der Kardinal recht unbarmherzig: „Je früher sich diese Verletzten, diese Lauwarmen und Außenstehenden bewusst werden, dass eine substanzielle Veränderung der Doktrin und der pastoralen Praxis unmöglich ist, umso eher können wir ihrer großen Enttäuschung zuvorkommen, wenn die bestehende Doktrin erneut bestätigt werden wird.“

Ganz anders Kardinal Kasper, der mit seiner Forderung nach einer Reform der doktrinären Praxis zum Buhmann der Konservativen in der Kirche geworden ist. „Es ist ja der Papst, der immer wieder unterstreicht, dass die kirchliche Doktrin das Evangelium ist, eine frohe Botschaft, und kein ehernes Gesetz“, erklärte er vor zwei Wochen im katholischen italienischen Fernsehsender TG2000.

Franziskus wird bei der Synode genau zuhören. Er will wissen, woher der Wind in seiner Kirche weht. Das wollte auch schon Johannes Paul II. bei einer ähnlichen Synode erfahren. Am Ende entschied sich der polnische Papst aber für die Bestätigung eherner Regeln.

Und Franziskus? „Dieser Papst will Neuerungen“, sagt der Vatikanexperte Luigi Accattoli. „Aber ich glaube nicht, dass er über behutsame Aktualisierungen hinausgehen wird, denn am Ende wird er sich für einen goldenen Mittelweg entscheiden, um ein Schisma zu verhindern.“

Noch werden bei der Synode keine Entscheidungen gefällt. Erst beim zweiten Teil der Bischofsversammlung im kommenden Jahr wird nach pastoralen Lösungen für alle jetzt angesprochenen Fragen gesucht.
Und bis dahin können die auf Reformen hoffenden Gläubigen nur das tun, was auch Magdalene und Klaus Millini am Sonntag im Petersdom vorhaben: „Intensiv für die dort versammelten Bischöfe beten, dass sich endlich grundsätzlich etwas ändert.“

Mitarbeit: Martin Staudinger