Griechenland: Minderjährige Flüchtlinge landen in Haft

Das eingezäunte Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos.

Das eingezäunte Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos.

Mehr als 60.000 Flüchtlinge drängen sich in Griechenland und können nicht weiter. Viele der Minderjährigen landen in Haft. Malik ist einer von ihnen.

Es wird Abend auf dem Strefi Hügel in Athen, und die Gesichtszüge von Malik Fajr entspannen sich. Eine leichte Brise weht über die Kalksteinfelsen. Von hier oben kann man die gesamte Stadt sehen. Malik isst das erste Mal an diesem Tag. Sein Blick ist starr und seine Hände umklammern das Sandwich, als wäre es heilig. "Jetzt geht es mir besser“, sagt Malik zwischen zwei Bissen: "Seit meiner Freilassung versuche ich zu überleben.“

Er ist 17 Jahre alt, ein Junge aus Casablanca in Marokko, der in Deutschland leben und zur Schule gehen will. Jetzt hängt er in einem Land fest, das sich für viele Flüchtlinge zu einer Falle entwickelt hat - vor allem für jene, die am meisten Schutz bräuchten.


Seit meiner Freilassung versuche ich zu überleben

Als Malik seine Geschichte erzählt, fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schaut er sich prüfend um. Er ist klein und schmächtig. Seine Augenbrauen sind dicht und dunkelbraun wie seine Augen. Drei Monate saß er mit anderen Flüchtlingen in einem griechischen Gefängnis für illegale Migranten. Zu diesem Zeitpunkt war er noch 16 Jahre alt. Für ihn gab es weder eine juristische Einzelfallprüfung noch rechtlichen Beistand. Versucht man das, was ihm widerfahren ist, zu verstehen, so trifft man auf ein Rechtssystem, das den europäischen Standards nicht entspricht.

Seit rund einem Jahrzehnt werden in Griechenland allein reisende und minderjährige Flüchtlinge inhaftiert: Kinder müssen geschützt werden, argumentieren griechische Behörden. Auf der Straße erwarte sie Menschenhandel und Ausbeutung. Sie sollen in Jugendheimen untergebracht werden. Doch es gibt nicht genügend Plätze.

Knapp 1500 Minderjährige stehen derzeit auf der staatlichen Warteliste. Sie warten in überfüllten Camps und auf der Straße. Werden sie von der Polizei aufgegriffen, kommen sie in sogenannte polizeiliche Schutzhaft. Dort seien sie sicher, bis ein Platz in einem Heim frei wird. Tatsächlich reicht die Dauer der Inhaftierung jedoch von einem Monat bis zu einem Jahr.

Maliks Reise begann im Dezember des vergangenen Jahres. Auf Facebook posierte er lächelnd für ein Foto mit Freunden am Strand nahe Athen. Er sei jetzt auf dem Weg nach Deutschland, schrieb er. Wenig später war sein Account für mehrere Monate inaktiv. Es war die Zeit, die er in einer Haftanstalt für illegale Migranten in Corinthos verbrachte.

Maliks Fall offenbart eine Lücke im System. Als er von den griechischen Behörden registriert wurde, gab er sich als volljährig aus. "Die Minderjährigen wissen, dass Sie inhaftiert werden, und leugnen deshalb, dass sie noch nicht erwachsen sind. Es ist ein Teufelskreis. Dann nämlich werden sie als Erwachsene registriert, und sind ihre Aufenthaltspapiere abgelaufen, können sie erst recht inhaftiert werden“, erklärt Spyros Rizakos ein Anwalt, der NGO Aitima, die regelmäßig Gefängnisse in Griechenland besucht. Die Asylbehörde führt Malik nun als Erwachsenen, und es ist schwer, im Nachhinein das Gegenteil zu beweisen, erläutert der Anwalt. Fälle wie die von Malik tauchen in keiner Statistik auf.


Die Minderjährigen wissen, dass Sie inhaftiert werden, und leugnen deshalb, dass sie noch nicht erwachsen sind. Es ist ein Teufelskreis

"Es gab noch jüngere als mich im Gefängnis. Da war ein Junge, der war vielleicht zwölf oder 13. Die Polizisten lachten ihn aus und sagten, er könne niemals so jung sein, er habe ja sogar einen kleinen Oberlippenbart“, erinnert sich Malik. "Der Winter im Gefängnis war unerträglich kalt. Die Polizisten haben uns die Decken weggenommen. Jeder durfte nur eine haben. Warmes Wasser hatten wir nur, weil wir mithilfe der offenen Stromleitungen in unserem Trakt das Wasser erhitzten.“ Mittlerweile ist Malik wieder in Freiheit. Er trägt jeden Tag dieselbe Kleidung: eine kurze beige Hose und ein hellblaues Poloshirt.

Sein Lächeln wirkt gequält. Er erzählt, wie er vor seiner Ankunft in Griechenland in das Übergangslager "Elliniko“ im alten Athener Flughafen gebracht wurde. Eines Abends tauchten Polizisten im Camp auf. Sie kontrollierten die Papiere. Sie sagten, man wolle ihn und ein paar andere in ein Camp mit besserer Infrastruktur bringen. Malik und die anderen jungen Männer waren aufgeregt. Erst als sie den Stacheldraht und das Schild an der Einfahrt des Gefängnisses sahen, wurde ihnen klar, was wirklich mit dem "besseren Camp“ gemeint war.


Es gab noch jüngere als mich im Gefängnis. Da war ein Junge, der war vielleicht zwölf oder 13

"Ich aß jeden Tag Kartoffeln oder Nudeln, ohne Soße. Einige Leute wehrten sich, es gab sogar einen gemeinsamen Ausbruchsversuch im Dezember.“ Malik formt die Alufolie von seinem Sandwich zu einer Kugel und beginnt, mit Kaffeebechern die Gebäudestruktur des Gefängnisses zu erläutern. "Sie zündeten Matratzen an. Sie kamen bis zum äußersten Zaun, aber dann wurden sie geschnappt, und die Polizisten schlugen sie zusammen. Alles war voller Blut. Obwohl Decken über den Stacheldraht geworfen wurden, schnitten sich die Menschen den gesamten Körper auf. Hätten ein paar Leute von außen geholfen, wäre der Ausbruch gelungen.“ Dann wirft Malik die Becher in einen Mülleimer.

Laut griechischem Sozialministerium (EKKA) waren Anfang August etwa 400 unbegleitete Minderjährige in geschlossenen Einrichtungen. Aussagen eines Polizeioffiziers zufolge waren allein in der Region Kilkis in der ersten Jahreshälfte 77 Kinder in polizeilicher Schutzhaft. Die Zahl der inhaftierten erwachsenen Geflüchteten wird nicht veröffentlicht. Die Situation in diesen Gefängnissen ist noch schlechter als bei den Minderjährigen. "Es gibt oft nicht einmal genug zu essen“, erläutert Anwalt Rizakos. Schätzungen gehen von mehreren tausend Menschen in den großen Gefängnissen aus. Unter ihnen sind auch Minderjährige wie Malik.

Einige der Kinder beginnen in der Haft, sich selbst zu verletzen. Manche ritzen sich mit Rasierklingen die Haut auf. "Am schlimmsten war es, wenn mal jemand abgeschoben wurde. Da war ein Mann, der hat sich den Bauch komplett aufgeschnitten. Das verzögerte die Abschiebung, aber am Ende saß er dann doch im Bus Richtung Türkei.“ Malik beißt auf seinen Fingernägeln herum, sein Blick ist auf den Boden gerichtet.


Am schlimmsten war es, wenn mal jemand abgeschoben wurde. Da war ein Mann, der hat sich den Bauch komplett aufgeschnitten

Gemeinsam mit einer Handvoll Freunde unterstützt Julia K., eine junge Sozialarbeiterin aus Deutschland, seit Monaten inhaftierte Kinder in Griechenland. Sie will anonym bleiben, weil sie Angst vor Anfeindungen durch die Polizei hat. Sie kam, als Anfang des Jahres die Bilder der an der griechisch-mazedonischen Grenze festsitzenden Flüchtlinge um die Welt gingen. Mit einem abgeklärten Blick nippt sie an ihrem Kaffee. "Wenn du im Gefängnis bist, kannst du nachts nicht schlafen. Ich versuche, für die Jungen da zu sein. Sobald die Sonne untergeht, schreiben wir Nachrichten über Mobiltelefone hin und her. Wir machen Witze und erzählen uns Geschichten.“

Mitte September, bei der jährlichen Rede zur Lage der Union, appellierte der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an Griechenland und die Europäische Union. Wenn sie die unbegleiteten Flüchtlingskinder nicht schützten, dann "verrate Europa seine historischen Werte“. Er versprach finanzielle Hilfe für Griechenland, um die Situation der Kinder zu verbessern. Ob diese Mittel ihr Ziel erreichen oder im krisengeschüttelten Griechenland versickern, wird sich zeigen.


Ich versuche, für die Jungen da zu sein. Sobald die Sonne untergeht, schreiben wir Nachrichten über Mobiltelefone hin und her

Seit Jahren befindet sich das Land in einer finanziellen Krise. Es ist auf die Solidarität seiner europäischen Nachbarn angewiesen. Dies zeigt sich auch in der Flüchtlingsproblematik. Während die Zahlen von Asylbewerbern in Mitteleuropa durch die Schließung der Balkanroute zurückgehen, steigen sie in Griechenland. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras warnte mehrfach davor, dass die Entwicklungen sein Land überfordere.

Die Polizei und das für die Warteliste zuständige Sozialministerium führen Malik mittlerweile als minderjährig. Deshalb wurde er bereits früher entlassen. "Ich saß zum Glück nicht wie die anderen Erwachsenen sechs, zwölf oder 18 Monate in Haft“, erzählt Malik.

Dimitris Koros vom Greek Council of Refugees erzählt von mehreren Fällen sexuellen Missbrauchs in den Gefängnissen. "In Gefangenschaft sind Kinder besonders verletzlich. Die Erwachsenen machen sich das im schlimmsten Falle zunutze. Deswegen ist es so wichtig, dass sie getrennt von den Erwachsenen untergebracht sind.“


In Gefangenschaft sind Kinder besonders verletzlich

Malik läuft jeden Tag durch Exarchia, das berüchtigte Athener Anarchistenviertel. Er ernährt sich von Schokocroissants, die er für 20 Cent das Stück am Kiosk kauft. Die gab es morgens im Gefängnis, und jetzt sind sie das Einzige, was er sich leisten kann. Ab und zu wird er von Freiwilligen unterstützt oder bekommt einen kleinen Job angeboten. "Ich leide jeden Tag“, sagt Malik.

Wenn er erst einmal volljährig ist, stehen seine Chancen, in Deutschland Asyl zu bekommen, sehr schlecht. Die Anerkennungsquote für Asylbewerber aus Marokko lag 2015 in Deutschland bei 3,7 Prozent. Die deutschen Behörden gehen davon aus, dass Marokkaner im Gegensatz zu Syrern, Irakern oder Afghanen nicht vor Krieg oder politischer Verfolgung fliehen. Sie werden daher als sogenannte "Wirtschaftsflüchtlinge“ angesehen. Die einen fliehen vor Krieg und Verfolgung, die anderen vor dem Druck eines ausbeuterischen Wirtschaftssystems.

Doch Malik weiß davon nichts. Seine Freunde in Deutschland berichten, es gehe ihnen gut. "Sie gehen sogar zur Schule.“ Alleinreisende Flüchtlingskinder in Deutschland können zur Schule gehen, bekommen Taschengeld und eine medizinische Grundversorgung. Sie dürfen dort auch inhaftiert werden, doch das passiert in der Praxis nur selten.

Das Gefängnis hat Malik mittlerweile gegen ein Zelt in einem Athener Stadtpark eingetauscht. Es steht unter einer Pinie und ist gerade groß genug für ihn und seinen Rucksack. Seit vier Monaten wartet er nun auf seinen Termin bei der Asylbehörde, auf einen sicheren Platz im Jugendheim. Immer noch hofft er, nach Deutschland reisen zu können. Wenn Malik abends schlafen geht, beginnen nebenan die Drogendealer mit ihrer Arbeit.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert in einem Bericht von September 2016 die katastrophalen Zustände in griechischer Haft. So passiert es mehrfach, dass Kinder von Polizeibeamten geschlagen und gefesselt transportiert werden. "Der Mangel an Betreuung, Versorgung und Schutz von Kindern in griechischer Haft bricht internationales und nationales Recht“, sagt die Menschenrechtsbeobachterin Eva Cossé von Human Rights Watch. Giorgos Kyritsis, Sprecher des Regierungskomitees zur Migrationskrise, rechtfertigt die Inhaftierung: "Es ist klar, dass eine Zelle kein Ort für ein Kind ist. Aber in manchen Fällen gibt es keinen anderen Weg, für die Sicherheit der Kinder zu garantieren.“


Es ist klar, dass eine Zelle kein Ort für ein Kind ist. Aber in manchen Fällen gibt es keinen anderen Weg

Bei seiner Entlassung gab die Polizei ihm am Gefängnistor von Korinth den Rucksack zurück, erzählt Malik. Geld hatte er keines, also bat er einen Freund um ein paar Euros. Ein Münztelefon am Bahnhof von Korinth schluckte die Münzen. Freizeichen. Er erzählt, wie aufgeregt er war. Maliks Mutter hob in der Medina Casablancas das Telefon ab. Sie weinte, vor Sorge und Freude zugleich. Sie hörte das erste Mal seit so langer Zeit seine Stimme. "Mâmâyâ, mir geht es gut!“ - "Wo bist du gewesen, Malik?“

Am Abend sitzen Malik und ein paar Freunde auf den Terrassen des Hügels. Es dämmert bereits, und im Schatten der Athener Berge kann man die Agora sehen. Maliks Zelt steht ein wenig weiter unten. Es wirkt verlassen. Einer der Jungen beginnt zu summen und stimmt ein altes algerisches Volkslied an:

"Oh Vertriebener,
Sag meiner Mutter, sie soll nicht weinen,
Oh Fremder, immer dasselbe Essen,
Oh Vertriebener, die Schüssel gefüllt mit Wasser,
Oh Fremder, und die Kakerlaken schwimmen darin
Oh Vertriebener, immer dasselbe Essen.“

Wenn Maliks laufender Asylantrag abgelehnt wird, könnte er ein zweites Mal inhaftiert werden.

Die Recherchen für diese Reportage wurden vom "netzwerk recherche“ unterstützt.