Griechenland: Zu Besuch bei der neofaschistischen „Goldenen Morgenröte“

Griechenland: Zu Besuch bei der neofaschistischen „Goldenen Morgenröte“

Wie kaum eine andere Partei hat die „Goldene Morgenröte“ vom Frust der krisengeplagten Griechen profitiert. Die Regierung blieb lange untätig, jetzt versucht sie, die Kontrolle zurückzugewinnen. profil traf die Neofaschisten in Athen.

Von Anna Giulia Fink, Athen, Foto: Dimitris Aspiotis

Ilias Panagiotaros (Foto), ein Bär von einem Mann, parkt seinen Smart wie ein Boss: quer über den Gehsteig. Er streift ein Sakko über das blütenweiße Hemd, das er zu Jeans und schicken Lederschuhen trägt. Es ist Mittwoch, der 7. Mai, und in der kleinen Vorstadt am südlichen Rand von Athen versammeln sich rund 150 Menschen um eine provisorische Bühne an der Ausfallstraße: schlaksige Jugendliche, Frauen in Stöckelschuhen, viele alte Männer in Kurzarmhemden, die griechische Fahnen schwenken. Und mittendrin Panagiotaros. Er unterhält sich mit einem hageren Mittvierziger, der seine zwei kleinen Töchter mitgebracht hat, denen ihr Magnum-Eis auf die Finger tropft. Man könnte meinen, bei einer ganz normalen Wahlkampfveranstaltung zu sein – wenn da nicht über zwei Dutzend schwarz gekleidete, finster dreinblickende Männer wären, die schon lange, bevor Panagiotaros im Smart angefahren kam, die Kontrolle über jeden Winkel des Straßenabschnitts übernommen haben.

Kein Stein auf dem anderen
An der Rückwand der Bühne hängt ein Banner, auf dem ein goldfarbener Mäander vor schwarzem Hintergrund prangt: ein altgriechisches Symbol, das einem auseinandergezogenen Hakenkreuz ähnelt. Es ist das Zeichen der neofaschistischen „Goldenen Morgenröte“, der extremsten Partei, die am 25. Mai zur EU-Wahl antritt. Ihrem Chef wird unter anderem Totschlag und Geldwäsche vorgeworfen, seit Jahren schon macht die Bewegung Einwanderern das Leben zur Hölle. Dass die „Goldene Morgenröte“ überhaupt kandidieren darf, steht erst seit vergangener Woche fest.
Über viele Jahre hinweg lagen die Wahlergebnisse der seit 1993 registrierten Partei bei weniger als einem halben Prozent. Doch dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise und beutelte Griechenland in der Folge auch politisch so heftig durch, dass bei der Wahl im Juni 2012 kein Stein auf dem anderen blieb. Die bis dahin regierende sozialdemokratische Pasok-Partei verlor fast 70 Prozent ihrer Wähler, das linksradikale Oppositionsbündnis Syriza erreichte das beste Ergebnis in seiner Geschichte – und die rechtsextreme „Morgenröte“ zog mit sieben Prozent zum ersten Mal seit ihrem Bestehen ins Parlament ein.

Die Krise und das Wegbrechen der gewohnten Sicherheiten bereiteten den Nährboden für all jene, die sich mit simplen, aber starken Sprüchen als Retter des Landes andienen. Wie Seelenfischer ziehen sie durch das frustrierte Land, um erst Angst zu schüren und dann zu suggerieren, dass sie und nur sie die Menschen beschützen können.

Fürchten lehren und Hoffnung geben: Panagiotaros, der wie ein Koloss durch die Menge pflügt, zahllose Hände schüttelt, auf Schultern klopft und für Fotos posiert, beherrscht beides perfekt. Derzeit ist er Abgeordneter der „Goldenen Morgenröte“ im Parlament, nun tritt er außerdem für das Amt des Gouverneurs von Attika an, das bevölkerungsreichste griechische Bundesland, das auch die Hauptstadt Athen umfasst. Am 25. Mai finden gleich zwei Wahlen statt: neben jener zum EU-Parlament auch die für die Regierungen der 13 „Peripherien“ (Regionen) des Landes. In Umfragen liegt die „Goldene Morgenröte“ mittlerweile auf Platz drei.

Der wuchtige Chor der „Carmina Burana“ dröhnt gerade aus den Boxen, als die schwarz gekleideten Männer mit den düsteren Mienen auf linke Demonstranten aufmerksam werden, die ein paar hundert Meter weiter aufmarschieren. Ein Hüne in Springerstiefeln scheucht die Anwesenden in eine Seitengasse und brüllt dabei so bedrohlich, dass er erst recht für Nervosität sorgt. Ein anderer in Bomberjacke nimmt die dunkle Sonnenbrille ab, drückt sie seiner Freundin in die Hand und macht sich in Richtung der Gegenkundgebung auf – ganz so, als ziehe er in einen Kampf. Doch eine Schlacht findet heute nicht statt, der Protestmarsch der Linken ist bereits an der Polizeisperre zum Erliegen gekommen.

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Das Plakat an der Wand entspricht wohl dem Bild, das Rasuli, Feisal und Najib ursprünglich von Europa im Kopf hatten: sauberer Strand, klares Wasser, fröhliche, ausgelassene Familien. Ordnung, Friede, Glückseligkeit. Die drei Afghanen leben schon eine ganze Weile in Athen, mitten in Europa, und sie mussten erkennen, dass der Kontinent, der sich die Menschenrechte auf die Fahne geschrieben hat, weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Genau genommen sind sie der lebende Beweis dafür, dass die Flüchtlingspolitik der EU ein gefährlicher Pfusch und de facto gescheitert ist.
Feisal, 29 Jahre, ein Paschtune mit kantigen Gesichtszügen und grünen Augen, stammt aus Laghman, einer Provinz im Nordosten Afghanistans, ist gelernter Maler und inzwischen ein roter Punkt unter vielen. Einen roten Punkt zeichnen NGOs und das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (Unhcr) in Griechenland immer dann auf der Landkarte ein, wenn einem Asylwerber oder Zuwanderer etwas zugestoßen ist. Jede Organisation hat ihre eigenen Punkte, offizielle Zahlen gibt es nicht. Doch es sind hunderte rote Punkte, die sich seit Beginn der Krise im Jahr 2009 auf ganz Griechenland verteilen.

Neuralgischer Punkt
Die meisten liegen in Athen, und hier wiederum in Agios Panteleimon. Der Stadtteil ist ein besonders neuralgischer Punkt, weil hier zwei Faktoren zusammentreffen: Griechenland ist eines der Haupteinfallstore für Flüchtlinge, die nach Europa wollen. Wem die Überfahrt über das Mittelmeer erstens überhaupt und zweitens von der Küstenwache unbemerkt gelingt, der landet zumeist in dem heruntergekommenen Bezirk, wo Asylwerber und Einwanderer in verlassenen Garagen oder überfüllten Wohnungen Unterschlupf finden. Agios Panteleimon ist die Hochburg der „Morgenröte“. Nirgendwo sonst erhielt die Partei so viele Stimmen wie hier, nämlich 22 Prozent.

Ein Punkt: tödliche Messerstiche gegen einen Pakistani. Ein Punkt: das bei einem Übergriff abgebissene Ohr eines Iraners. Ein Punkt: Faustschläge und Fußtritte gegen einen Syrer.

Ein Punkt: der Überfall auf Feisal. Als sich der Afghane in der Nacht auf den 5. Februar 2013 in Agios Panteleimon auf dem Heimweg befindet, halten sechs Männer auf Motorrädern vor ihm und fragen nach seinen Papieren. Zunächst denkt Feisal, die schwarz gekleideten Männer seien Polizisten in Zivil. Er streckt ihnen seinen gelben Ausweis entgegen, auf dem mit blauem Kugelschreiber „Flüchtling“ in griechischer Schrift geschrieben steht. Doch dann beginnen sie laut zu lachen und ihn zu verhöhnen: „Wie zum Teufel hast du es angestellt, Asyl zu bekommen?“ Plötzlich haben sie Eisenstangen in den Händen und schlagen auf ihn ein, so lange, bis er sich nicht mehr regt.

„Sie dachten wohl, ich sei tot“, sagt Feisal mit monotoner Stimme. Er wankte blutüberströmt zur nächsten Polizeistation, in der Hoffnung, dort Hilfe zu finden – vergeblich: „Dort haben sie mich bloß beschimpft und davongejagt. Dann habe ich einen Freund angerufen, der mich ins Spital brachte.“ Elf Tage lag er im Krankenhaus. Der ärztliche Befund listete auf: Gehirnerschütterung, Kieferzertrümmerung, fünf schwere Kopfverletzungen und eine tiefe Wunde unter dem Kinn, die mit 13 Stichen genäht werden musste.

Feisal sagt, dass ihn seither Rückenschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten quälen. Auch Zahlen bringt er durcheinander. Er schläft schlecht. Außer Haus geht er kaum noch, und wenn, dann niemals allein und niemals nachts. Manchmal überkommt ihn die Wut: „Dann werde ich plötzlich laut, ohne zu wissen, warum.“

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Es ist nicht nur die Jagd auf Migranten, mit der die Partei von sich reden macht. Zur ersten Sitzung im Parlament betrat die Fraktion der „Goldenen Morgenröte“ den Saal in Zweierreihe in militärischem Gleichschritt. Einige Abgeordnete ließen sich bei dem – in Griechenland nicht verbotenen – Hitlergruß fotografieren. Ihr Vorsitzender schrie bei einer Veranstaltung die Parole „Blut und Ehre“ in die Menge. Seine Frau, ebenfalls Abgeordnete und außerdem in der europäischen Kommission für Gleichheit und Nicht-Diskriminierung tätig, spuckte einem Journalisten ins Gesicht und bezeichnete Immigranten während einer Sitzung als „Untermenschen“. Ein Mandatar, der für das Amt des Athener Bürgermeisters kandidiert, schlug vor laufender Kamera mehrmals auf eine linke Politikerin ein, ein weiterer erklärte, Griechenland sei eine Mülldeponie, auf dem die Welt ihren „Abschaum“ ablade – womit er unmissverständlich Migranten meinte.
Die „Goldene Morgenröte“ war lange eine auf paramilitärische Milieus beschränkte Splittergruppe. Bis heute hat sie keine klare politische Agenda und bringt sich selten mit konkreten Initiativen oder Gesetzesvorhaben ein. Lieber organisiert sie Suppenküchen für Bedürftige, verteilt gratis Brot und Milch, spendet Blut, bietet Selbstverteidigungskurse für Frauen an und begleitet ältere Menschen beim Geldabheben, wenn diese sich wegen der steigenden Anzahl der Raubüberfälle nicht mehr zur Bank trauen. Die angebotene Hilfe kommt jedoch ausschließlich Griechen zugute.

Grenzen schließen
Was würde er als Erstes tun, wenn er tatsächlich Gouverneur von Attika werden sollte? „Gleich eine ganze Menge auf einmal“, antwortet Ilias Panagiotaros, der Kunstgeschichte studiert hat und ein Geschäft für Militärbekleidung führt, in fließendem Englisch: „Die Grenzen schließen. All jene bestrafen, die illegale Migranten bei sich verstecken oder ihnen Wohnungen vermieten. Alle wirtschaftlichen Verträge überprüfen lassen, die Griechenland in den vergangenen 20 Jahren abgeschlossen hat. Unserem Land die Priorität geben und eine Diskussion mit der EU anfangen.“ Hinter ihm taucht die untergehende Sonne die Stadt in ein warmes, bernsteingelbes Licht.

„In schwierigen Zeiten folgt man den Starken, die sich trauen, die Wahrheit zu sagen“, fährt er fort. Panagiotaros gibt knappe, prägnante Antworten, er spricht von „den illegalen Migranten, die ein wesentlicher Faktor der Krise sind“; von Russlands Präsident Wladimir Putin, der als Einziger gegen „die fanatischen Muslime“ vorgehe; von der Krise in der Ukraine und der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria; von der „legitimen syrischen Regierung“ und von der libanesischen Hisbollah, die er als Vorbild bezeichnet: „Sie ist die wirkliche Regierung des Volkes. Sie gibt dem Volk Essen, und ihre Armee ist stärker als jene der Regierung.“

Die Regierung unter Premierminister Antonis Samaras der konservativen Nea Dimokratia (ND) ließ die „Goldene Morgenröte“ lange gewähren. Erst nach dem Mord an dem bekannten griechischen Rapper Pavlos Fyssas, der im September des Vorjahres von einem Mitglied der „Goldenen Morgenröte“ erstochen wurde, begann das Land über die rechte Gewalt zu diskutieren. Die Medien, die im Ruf stehen, vom Staat kontrolliert zu werden, berichteten plötzlich über die Hetze gegen Migranten und Linke.

Hochrangige Polizisten mussten zurücktreten, nachdem ihre Verbindung zu den Neofaschisten bekannt geworden war. Der Chef der Partei und sein Vize wurden festgenommen, gegen sieben weitere Ermittlungen wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ eingeleitet – und inzwischen ist auch die Immunität der gesamten Fraktion aufgehoben worden. Zudem kappte das Parlament die Parteienzuschüsse, die Steuerfahndung prüft ihre Finanzquellen.

Die Untersuchungen blieben nicht wirkungslos. Vergangenen April musste der Samaras-Vertraute Panagiotis Baltakos sein Amt zurücklegen, nachdem ein Video aufgetaucht war, in dem zu sehen war, wie er dem Sprecher und Abgeordneten der „Goldenen Morgenröte“, Ilias Kassidiaris, heikle interne Informationen über die mutmaßliche Wahlkampfstrategie der regierenden ND verraten hatte. Darin behauptete Baltakos, dass die Inhaftierungen der Mitglieder der rechtsextremen Partei ohne stichfeste Beweise erfolgt seien. Samaras, so Baltakos in dem Videoausschnitt, habe das polizeiliche Vorgehen angeordnet, weil er Angst davor habe, bei der EU-Wahl weitere Stimmen an die „Goldene Morgenröte“ zu verlieren.

Erst vor wenigen Tagen deponierten Unbekannte einen Umschlag mit einem Drohbrief und drei Kugeln am Eingang des höchsten Gerichtshofs. Die Polizei vermutet Sympathisanten der „Goldenen Morgenröte“ dahinter.
Panagiotaros lächelt milde: „Das ganze Vorgehen gegen uns ist ein absolut durchsichtiges Manöver der Regierung, die erkannt hat, dass wir ihr Stimmen wegnehmen. Am Ende werden wir es sein, die mit denen fertig werden, die versucht haben, mit uns fertigzuwerden.“

Infobox

Im Zeichen der Krise
EU-Wahlen im „fast normalen“ Griechenland.

43 Parteien kämpfen am 25. Mai um 21 griechische Sitze im EU-Parlament. Zwei Fraktionen liefern einander ein Wettrennen um Platz eins: das Linksbündnis Syriza unter Alexis Tsipras, der auch Spitzenkandidat der Europäischen Linken für die Wahl zum Kommissionspräsidenten ist, sowie die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia (ND).
Die jüngsten Prognosen sehen Syriza mit 22 Prozent knapp vor der ND ( 20,5 Prozent ). Über Monate hinweg hielt die neofaschistische „Goldene Morgenröte“ (Chryssi Avgi) mit zehn Prozent den dritten Platz. Zuletzt schien es allerdings, als könnte ihr dieser von der neu gegründeten linksliberalen Partei „Fluss“ (To Potami) des Journalisten Stavros Theodorakis streitig gemacht werden, die kurz vor den Wahlen bei sieben Prozent steht. Der sozialistische Koalitionspartner Pasok, der gemeinsam mit acht anderen Parteien im Wahlbündnis „Elia“ antritt, liegt bei 6,5 Prozent .

Der Wahlkampf konzentriert sich auf die Krise in Griechenland und die Frage des Kurses, den das Land nach der Wahl einschlagen soll. Für den linken Oppositionsführer Tsipras ist die Europawahl eine Art Referendum. Gewinnt sein Bündnis, will er vorgezogene Parlamentswahlen fordern. Der konservative Regierungschef Antonis Samaras hingegen wirbt für die Fortsetzung der Sparpolitik: Griechenland stehe „kurz davor, wieder ein normaler Staat zu werden“ – man dürfe nun daher nichts riskieren.

Reportage entstanden im Rahmen von eurotours 2014 – einem Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der Europäischen Union.