Anne Wizorek: „Ich glaubte, dass Feministinnen Männer hassen“

Anne Wizorek: „Ich glaubte, dass Feministinnen Männer hassen“

Anne Wizorek startete die legendäre #aufschrei-Kampagne auf Twitter – und hat online erst richtig gelernt, was Sexismus bedeutet. Zum Teil unter Schmerzen.

Diese Frau ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass ein Aufschrei durchs Netz hallte. Die deutsche Online-Expertin Anne Wizorek hat den Hashtag #aufschrei erfunden – unter diesem Begriff klagten Zigtausende Userinnen auf Twitter über Alltagssexismus und schilderten ihre persönlichen Erfahrungen damit.

Allein in den ersten zwei Wochen erschienen 58.000 Tweets mit dem Wort #aufschrei. Wizorek hat hierzu ein Buch geschrieben und tritt am kommenden Freitag zum Frauentag in Wien auf. Schon vorab erzählt die Bloggerin, dass es auch einige Mythen zur #aufschrei-Kampagne gibt.

profil: Frau Wizorek, Sie haben ein Buch verfasst und meinen, dass man sogar als Frau verdammt schnell etwas Sexistisches sagt. Wann waren Sie denn selbst einmal sexistisch?
Anne Wizorek: Ich muss gestehen, ich bin lange der Vorstellung aufgesessen, dass andere Frauen in erster Linie Konkurrentinnen sind. Ich erinnere mich an die Phase, als Jungs interessant wurden. Da haben meine Freundinnen und ich neidisch auf die Mädels geguckt, die bereits einen Freund hatten.


Bei Mädchen ist eine freizügige Sexualität noch immer ein Tabu

profil: Mitunter fiel sogar das Wort „Schlampe“ über diese Mädchen.
Wizorek: Genau. Bei Mädchen ist eine freizügige Sexualität noch immer ein Tabu, mehr als bei Burschen. Aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, dass sich Mädchen gegenseitig extrem maßregeln.

profil: Lange hat Ihnen auch das Wort „Feminismus“ gar nicht behagt. Warum denn?
Wizorek: Ich bin diesem Stereotyp aufgesessen, glaubte lange, dass Feministinnen daueraggressiv durch die Gegend laufen, Männer hassen und ein unzufriedenes Leben führen. Das hängt auch damit zusammen, dass gesellschaftlich von Frauen nur sehr zahme Kritik gewünscht wird: Kritik ist okay, solange man bloß niemanden vor den Kopf stößt. Sonst heißt es, wir seien hysterisch.

profil: Dieser Vorwurf kam eben auch bei #aufschrei. Frauen schrieben auf Twitter darüber, wie ihnen der Kollege aufs Knie griff oder der Taxifahrer unangenehme Bemerkungen machte. Sind das denn keine Banalitäten?
Wizorek: Nein, ein perfider Vorwurf! Letztlich impliziert das, dass sich eine Frau nur dann aufregen darf, wenn sie vergewaltigt wird. Die ganz schlimmen Erfahrungen müssen aber genauso thematisiert werden wie all die anderen Formen der Herabwürdigung, da all dies zusammenhängt.

profil: Aha. Was ist denn eine solche Herabwürdigung, die auf den ersten Blick harmlos scheint?
Wizorek: Einige Tweets handelten von der Schulzeit. Ein Lehrer sagte zu Mädchen etwa: Ihr müsst Mathe eh nicht gut können, ihr werdet sicher Hausfrau mit Abitur. Das wirkt jetzt nicht so krass und übergriffig, ist aber schon eine Herabwürdigung. Das reduziert einen auf die Rolle: Du bleibst zu Hause, kriegst Kinder, das war’s mit deinem Leben.

profil: Sie meinen also, #aufschrei war bedeutend, weil durch die Tausenden Tweets sichtbar wurde, mit welchen Mustern man als Frau häufig konfrontiert ist?
Wizorek: Genau, man spricht auch von „Mikroaggressionen“. Kleine Stiche, die immer wieder erfolgen und in ihrer Gesamtheit total anstrengend sind. Nehmen Sie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Selbst wenn es nie zu einer Berührung kommt, immer nur anzügliche Kommentare fallen, ist das belastend. Die betroffene Frau weiß, sie muss sich immer wieder in diese Situation begeben, sie ist von diesem Job ja abhängig.

profil: #aufschrei ist eine der bisher erfolgreichsten Kampagnen auf Twitter. Aber kann man diese kollektive Erregung überhaupt als Kampagne bezeichnen?
Wizorek: Ich nenne es eine Ad-hoc-Kampagne. Während eine normale Kampagne im Vorhinein geplant wird, kommen bei einer Ad-hoc-Kampagne im Netz die Leute spontan zusammen. Das Ziel ist anfangs nicht immer so klar. Bei #aufschrei ging es zuerst einmal darum, die eigenen Erlebnisse mit Sexismus zu schildern, sich davon auch befreien zu können.

profil: Wie kamen Sie auf diesen Hashtag?
Wizorek: Es war der 24. Jänner 2013. Eine Bloggerin hatte über sexuelle Belästigung auf der Straße geschrieben. Eine andere Bloggerin, Nicole von Horst, las dies und berichtete spätnachts auf Twitter von ihren eigenen Erfahrungen mit Sexismus. Mir haben diese Tweets imponiert. Ich und einige andere Frauen wollten mitmachen, ich schlug diesen Hashtag vor. Kurz zuvor hatte es eine ähnliche britische Kampagne namens #shoutingback gegeben. „Aufschrei“ war einfach die erstbeste Übersetzung, die mir dafür einfiel.

profil: Viele Menschen glauben, #aufschrei wäre eine direkte Reaktion auf den FDP-Politiker Rainer Brüderle gewesen, der hatte zu einer Journalistin gesagt: „Sie können ein Dirndl ausfüllen.“ Ist das nur ein Mythos?
Wizorek: Eindeutig. Es war ein zeitlicher Zufall, dass am selben Tag dieser „Stern“-Artikel zu Brüderle erschien. Brüderle war in dem Sinne ein Katalysator. Ohne ihn hätten die Medien diesen Hashtag wohl kaum so stark aufgegriffen. Donnerstagnacht schrieb ich etwas ins Internet. Sonntagabend saß ich bei Günther Jauch im Fernsehen.

profil: Sie bekamen dann sicher viele Hassmails.
Wizorek: Oh ja. Spätestens nach dem Auftritt bei Günther Jauch. Eine Zeit lang fiel es mir richtig schwer, Twitter zu nutzen oder meine Mails zu lesen.

profil: Welche Bösartigkeiten lasen Sie denn über sich?
Wizorek: Alles, von Beleidigungen über mein Aussehen, meinen Intellekt, bis zum Vorwurf, ich sei ja nur aufmerksamkeitsgeil. Und natürlich kamen die entsprechenden Drohungen – mit Mord, mit Vergewaltigung.

profil: Sie sind nicht die einzige Feministin, der online mit der Vergewaltigung gedroht wird. Warum trifft das immer die Feministinnen?
Wizorek: Das zeigt, worum es bei Vergewaltigung in Wirklichkeit geht. Nicht um sexuelle Triebe, sondern um Macht, und darum, einen Menschen zu brechen. Das ist auch das Ziel, wenn man einer Feministin so droht: Man will sie so sehr in Angst versetzen, dass sie sich gar nicht mehr in die Öffentlichkeit traut.


Wenn wir akzeptieren, dass das Internet so ist, dann akzeptieren wir eine toxische Kultur

profil: Wie gehen Sie mit diesem Hass um?
Wizorek: Diese Facette der Online-Kultur ist ein großer Fokus meiner Arbeit geworden, ich kläre Menschen darüber auf. Gleichzeitig habe ich mein Verhalten geändert: Mein bester Freund nutzt meinen Twitter-Account und zeigt mir die konstruktiven Wortmeldungen. Den Rest krieg ich gar nicht zu Gesicht. Bei meinem E-Mail-Eingang filtert mein Freund die problematischen Sachen heraus.

profil: Im Ernst, zwei Menschen sortieren Ihre Hasspost aus?
Wizorek: Ja, natürlich ist das mittlerweile weniger geworden. Aber ich finde es angenehm, nicht permanent mit diesen Hasskommentaren rechnen zu müssen, wenn ich Twitter oder mein Mailprogramm öffne.

profil: Sie hören sicher oft: „Lass dir halt eine dickere Haut wachsen.“
Wizorek: Sicher, was für ein Quatsch. Es wird immer wieder gesagt, man sollte solche Kommentare nicht so ernst nehmen, das Internet sei halt so. Aber wenn wir akzeptieren, dass das Internet so ist, dann akzeptieren wir damit eine toxische Kultur. Zu mir sagen Frauen oft, sie würden gern viel aktiver und sichtbarer sein, fürchten aber solche Angriffe. Das kann doch bitte nicht sein! So entgeht uns die Perspektive vieler Menschen, die eigentlich bei der Debatte dabei sein sollten.

profil: Nun warf ausgerechnet der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck der #aufschrei-Kampagne vor, ein „Tugendfuror“ zu sein?
Wizorek: Wir haben ihm damals einen offenen Brief geschrieben und erklärt, dass das die absolut falsche Botschaft ist. Er hatte sogar verneint, dass es ein Sexismusproblem gebe, denn er könne da kein flächendeckendes Problem erkennen. Später hat er aber seine Aussage revidiert.

profil: Echt?
Wizorek: Ja, zum Frauentag hielt er eine Rede und sagte dann, natürlich gibt es da ein Problem, wir müssen uns darum kümmern. Immerhin.


Das Internet ist nur so gut wie die Menschen, die es benutzen

profil: Als Feministin werden Sie ja nicht nur im Internet bejubelt. Ist das Netz ein Tool, das Feministinnen hilft oder ihnen schadet?
Wizorek: Gute Frage. Ich liebe das Internet für die Möglichkeiten, die es mir bietet, aber gleichzeitig versuche ich die Probleme dieser Tools zu thematisieren.

profil: Sie lieben das Internet, nur manchmal hassen Sie es auch?
Wizorek: Genau. Oder sagen wir so: Das Internet ist nur so gut wie die Menschen, die es benutzen.

profil: Sie wurden schrittweise zu einer glühenden Feministin. Und zwar im Internet, oder?
Wizorek: Genau. Ich fing an, feministische Blogs zu lesen, die „Mädchenmannschaft“ in Deutschland und vor allem die amerikanische Seite Feministing.com. Mir gefiel, dass dort junge Frauen aus ihrer eigenen Perspektive berichteten. Für solche persönliche Geschichten ist Bloggen ja prädestiniert. Diese persönlichen Eindrücke haben mich zum Nachdenken gebracht.

profil: Ist der Feminismus in diesen Blogs moderner?
Wizorek: Absolut. Für mich war das viel greifbarer als alles, was mir zuvor als Feminismus begegnet war. Feminismus schien mir viel zu akademisch. Ich hatte lange das Gefühl, man muss zuerst die ganze feministische Theorie auswendig lernen, ehe man mitdiskutieren darf. Auf den Blogs war das anders: Die sind keineswegs theoriefern, aber praxisnäher. Damit konnte ich mich identifizieren.

profil: Haben wir überhaupt irgendetwas aus der #aufschrei-Debatte gelernt?
Wizorek: Sicher: Es ist klar geworden, dass Alltagssexismus immer noch existiert und ein Problem ist. Auch wird heute viel mehr berichtet über all den Hass, den Frauen online erleben.

profil: Hierzulande traf es die Frauenministerin Heinisch-Hosek. Die Politikerin hatte die neue Bundeshymne, in der auch die „großen Töchter“ der Nation vorkommen, verteidigt und wurde dafür heftigst kritisiert.
Wizorek: Ja, das habe ich mitbekommen. Ich bin gespannt auf den Austausch mit ihr in Wien. Der Fall zeigt, dass selbst eine Frau in einer solchen Machtposition nicht vor Angriffen gefeit ist.

Zur Person:
Anne Wizorek, 33, wurde in Rüdersdorf bei Berlin geboren, sie arbeitet als digitale Medienberaterin, betreibt das Blog kleinerdrei.org. Sie initiierte die #aufschrei-Kampagne auf Twitter, schrieb ein Buch über diese Ereignisse und ihr Verständnis eines modernen Feminismus.

Am Freitag, 6. März, diskutiert Wizorek in Wien über dieses Thema. Die Veranstaltung findet ab 17 Uhr im Frauenministerium statt, Infos unter bmbf.gv.at.

Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht reicht , Fischer, 336 S., EUR 15,50.

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde #aufschrei als erfolgreichste deutsche Kampagne auf Twitter bezeichnet. Die #unibrennt-Kampagne hatte aber schon 2009 weit mehr als 60.000 Tweets .