Burgtheater: Schulden sind auch auf die überhöhten Gagen der Führungsteams zurückzuführen

Burgtheater: Schulden sind auch auf die überhöhten Gagen der Führungsteams zurückzuführen

Das Protokoll einer Aufsichtsratssitzung beweist, dass die Burg-Budgetüberschreitungen auch auf die überhöhten Gagen der Führungsteams zurückgehen.

Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann (am Foto rechts mit Bundestheater-Chef Georg Springer ) betont gern, er habe Zuschauerzahlen und Einnahmen erhöht, die Produktionskosten aber stabil gehalten. Dem widerspricht das Protokoll einer Aufsichtsratssitzung, das profil vorliegt. Bereits am 21. Juni 2013 wird darin festgehalten, dass „die Liquiditätssituation derart angespannt ist, dass der Spielbetrieb nicht mehr gewährleistet werden kann“. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Der Aufsichtsrat führt weiter aus, dass er einen Soll/Ist-Vergleich der Produktionen der vergangenen beiden Geschäftsjahre veranlasst habe, aus dem ersichtlich sei, „dass die Budgetüberschreitungen auf höhere Gagen (‚Kosten für das Leading Team‘)“ zurückzuführen seien. Hartmann hält laut Protokoll dagegen: Durch Bilanzierungsmaßnahmen wie die Auflösung von Rückstellungen sei ein „ausgeglichenes Ergebnis“ dargestellt worden, die finanzielle Gesamtentwicklung sei deshalb sowohl für ihn als auch für den Aufsichtsrat schwer erkennbar gewesen. Grünen-Politiker Wolfgang Zinggl dazu: „War die drohende Zahlungsunfähigkeit des wichtigsten Theaterbetriebs im Land kein Grund, im Aufsichtsrat entsprechende Beschlüsse zu fassen und alle zuständigen Ministerinnen und Minister zu informieren?“

Kostenexplosion
Nun liegen profil Zahlen vor, aus denen hervorgeht, dass vor allem bei Produktionen, in denen Hartmann Regie führte, die Kosten für das „Leading Team“, also Honorare für Regie, Bühne, Kostüm, Licht, mitunter auch Musik, Video und Sounddesign, besonders hoch waren. Bei Hartmanns Eröffnungsinszenierung „Faust 1“ betrugen die Gesamtkosten rund eine Million Euro, über 400.000 Euro davon gingen an das Leading Team (LT). „Faust 2“ schlug mit rund 650.000 Euro zu Buche, 417.000 Euro wurden allein für das Leitungsteam veranschlagt. „Phädra“ kostete 548.000 Euro, davon LT 329.000 Euro. Ähnlich: „Das trojanische Pferd“, Gesamtkosten rund 376.000 Euro, davon LT 211.000 Euro; „Krieg und Frieden“ 413.000 Euro, davon LT 205.000 Euro. Auffällig an diesen Zahlen ist, dass Hartmann-Inszenierungen im kleinen Kasino ähnlich teuer waren wie jene von renommierten Kollegen wie Stephan Kimmig, Barbara Frey oder Stefan Bachmann auf der großen Burgbühne oder dem Akademietheater. Zudem verdiente das Leading Team unter Gastregisseuren prozentuell meist weniger. Bachmanns „Lorenzaccio“ kostete rund 399.000 Euro, davon gingen 177.000 Euro an das Führungsteam; „Der ideale Mann“ von Barbara Frey kostete 420.000 Euro, davon gingen lediglich 177.700 Euro an die Leitung. Ähnlich bei Kimmigs „Die Jüdin von Toledo“: 485.000 Euro, davon LT 180.000 Euro.

Der ehemalige Schweizer Kulturbeamte Jean-Pierre Hoby, der Hartmanns Bericht von seinen wirtschaftlich erfolgreichen Jahren in Zürich via profil vor wenigen Wochen widersprach , hat in der „Neuen Zürcher Zeitung“ inzwischen nachgelegt. Er bezieht sich auf eine Stellungnahme Hartmanns, nach der dieser das Schauspielhaus 2009 „künstlerisch und wirtschaftlich hervorragend dastehend“ übergeben habe. Fakt sei aber, so Hoby, dass die „Aufrechnung der ausgewiesenen Verluste/Gewinne aus den Jahresrechnungen sowie der in den Anhängen aufgeführten Auflösung von stillen Reserven der vier Spielzeiten Hartmanns einen Nettoverlust von weit über einer Million Franken“ ergebe. Auch die von Hartmann behaupteten Mehrkosten von 1,6 Millionen Franken für das technische Personal seien nicht zutreffend. Der Großteil der Subventionserhöhung sei dem künstlerischen Personal zugute gekommen. Natürlich stellt sich nun auch in Wien die Frage, welche Ausgaben unter Hartmann tatsächlich gestiegen sind, während der Direktor rituell über wachsende Fixkosten klagte.
Auch Hartmanns Methode, das Publikumsinteresse mit möglichst vielen Premieren hoch zu halten, trieb die Kosten in die Höhe. Zwischen den Spielzeiten 2007/08 und 2008/09 (Bilanzstichtag ist jeweils der 31. August) stiegen die Burg-Verbindlichkeiten von 6,97 Millionen Euro auf 13,62 Millionen Euro. Hartmanns aufwändige Vorbereitungszeit – nicht weniger als 30 Premieren veranstaltete er ab September 2009 in seiner ersten Wiener Spielzeit – schlug ein Loch in die Finanzen. Der Umsatz bewegte sich zwischen 2004/05 und 2011/12 relativ konstant zwischen 7,5 und 8,6 Millionen Euro. Lediglich das Jahr 2011/12 verzeichnete einen Spitzenumsatz von 10,018 Euro. Dasselbe Jahr wurde jedoch mit dem höchsten Verlust der vergangenen Dekade abgeschlossen: 3,704 Millionen Euro. Im Klartext: Jeder Besucher mehr, auf den Hartmann stolz ist, kostete unterm Strich auch mehr.

Hinten den Kulissen herrscht indes offenbar Panik aufgrund der drohenden Steuernachzahlungen. An konsternierte deutsche Werkvertragspartner der Burg wurden dieser Tage Briefe mit folgendem Betreff verschickt: „Abwendung eines drohenden Finanzstrafverfahrens“. Man möge ein ausgefülltes „ZSQU-1-Formular“ nachreichen, denn „für das Burgtheater geht es um eine Entlastung in Millionenhöhe, und für Sie möglicherweise darum, dass ein drohendes Finanzstrafverfahren nicht auch auf Sie ausgeweitet wird“. Die Nerven liegen augenscheinlich blank.

Mitarbeit: Michael Nikbakhsh