Ein schwuler Schiedsrichter über Homophobie im österreichischen Fußball

Ein schwuler Schiedsrichter über Homophobie im österreichischen Fußball

Ein schwuler Ex-Profischiedsrichter berichtet von der allgegenwärtigen Homophobie im österreichischen Fußball. Dass sich im Sport niemand outen will, versteht er vollkommen.

Schwule Profikicker, die auf dem Platz mehr als einen „warmen“ Pass zustande bringen? Für viele Fans undenkbar. Schwulenfeindliche Fans in österreichischen Fußballstadien? Für die meisten Funktionäre kein Thema. Aktuelles Beispiel anlässlich der Debatte um das Outing des ehemaligen deutschen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger: ÖFB-Pressechef Wolfgang Gramann fällt auf die profil-Anfrage, wie der Fußballbund generell mit dem Thema Homophobie umgehe, nur so viel ein: „Unter den Fans sind diesbezüglich keinerlei Feindseligkeiten festzustellen.“ Es gilt die gut gemeinte Vorgabe: „Der Fußball soll für alle offen stehen und jede Art der Diskriminierung verurteilt werden.“

Andreas W. (Name von der Redaktion geändert) hat in heimischen Stadien schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Und er ist oft in heimischen Stadien. Fünf Jahre lang war W. als Bundesligaschiedsrichter und Assistent tätig, heute pfeift er Partien in unteren Klassen. Oft wird von den Rängen gegen „Schwuchteln“ und „Warme“ angebrüllt – und damit unwissentlich gegen ihn. Der Fußball ist W.s Leidenschaft. Den Schiedsrichterkurs absolvierte der Niederösterreicher vor zwölf Jahren: „Weil ich mich wirklich für den Sport interessiere – und nicht nur für durchtrainierte Männer.“
W. ist heute Anfang 30 und wollte seine sexuelle Orientierung nie verleugnen, allerdings auch nicht groß zum Thema machen – wie so viele in einer Branche, in der Homosexualität weiterhin als Tabu behandelt wird, weshalb das Outing von Thomas Hitzlsperger in einem Interview mit der Hamburger „Zeit“ gar für internationale Schlagzeilen sorgte. Im Fußball haben echte Männer noch echte Männer zu sein, also heterosexuell. Auch profil stieß erst nach intensiver Recherche und über viele Ecken auf Andreas W., der – anonym – über seine Erfahrungen als schwuler Schiedsrichter reden wollte. Ihm war von Anfang an bewusst, dass ein Outing im Fußball eine eher zweifelhafte Aufmerksamkeit garantiert. „Die negative Fankultur ist hier besonders schlimm. ­Anstatt die eigene Mannschaft anzufeuern, wird lieber der Gegner fertiggemacht – oder eben der Schiedsrichter“, so W., dem klar ist, dass die Fans wissen, wo sein Auto steht.

In W.s Fall kam das Mobbing freilich erst einmal nicht von den Fans, sondern aus den eigenen Reihen. Gleich zu Beginn von W.s Schiedsrichterkarriere outete ein Kollege ihn gegen seinen Willen und verschickte per E-Mail Fotos, die während einer Szeneveranstaltung aufgenommen und ins Internet gestellt wurden, untermalt mit dem Text: „Schaut her, was unser Nachwuchstalent in seiner Freizeit so macht!“
W. dachte zunächst ans Aufhören, erhielt jedoch Rückendeckung von einem Funktionär, der das Mobbing unterband. Eine dicke Haut braucht W. trotzdem bis heute. Manchmal werden sogar Spieler direkt auf dem Platz verbal übergriffig. Andreas W. reagiert auf entsprechende Bemerkungen mittlerweile reichlich abgebrüht: „Ein über meinen Pfiff verärgerter Spieler hat während des Matchs eine blöde Bemerkung gemacht. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er ein Date mit mir will. Das hat ihm hämisches Gelächter eingebracht.“

Warum Spiele in der höchsten Spielklasse bei homophoben Parolen von den Rängen nicht unterbrochen und die Zuschauer per Lautsprecheransage ermahnt werden müssen, kann W. nicht nachvollziehen. Bei rassistischen Entgleisungen ist das schließlich längst der Fall.
Öffentlich outen will er sich jedenfalls nicht. Das hat nur zum Teil mit der Homophobie im Fußball zu tun. Heute ist W. nur noch als Schiedsrichter für Amatuerklassen tätig und arbeitet hauptberuflich als Ausbildner. Er möchte nicht auch noch im Beruf zur Zielscheibe für schwulenfeindlichen Spott werden.

Während seiner Zeit auf dem Platz hatte W. allerdings nicht nur negative Erlebnisse. Auch andere Schiedsrichter und Spieler bekundeten ihm gegenüber ihre Solidarität. Manche bekannten sich unter vier Augen zu ihrer eigenen Homosexualität. Solche Gespräche kamen in allen Klassen vor, bis hin zur Bundesliga. W. erfuhr von aufwendigen Versteckspielen: „Es gibt Spieler, die Scheinbeziehungen führen oder mit der besten Freundin bei öffentlichen Auftritten erscheinen und sie als Partnerin vorschieben.“
Dass sich diese Spieler nicht öffentlichen bekennen wollen, versteht Andreas W. vollkommen. Die Folgen wären für Profispieler noch gravierender als für einen Schiedsrichter. Dem stimmt auch der deutsche Sportwissenschafter und Fankultur-Experte Gunther A. Pilz zu. Auch er rät aktiven Spielern davon ab, sich öffentlich zu ihrer Sexualität zu bekennen: „Sie haben zu viele Nachteile zu erwarten.“

Dem widerspricht der einzige aktive offen schwule Sportler Österreichs, der Schwimmer Dominik Koll. Er fände es wichtig, dass sich endlich mehr Sportler outen. „Wer davon abrät, hat offenbar kein Verständnis für die Qualen, die junge Homosexuelle während ihres Versteckspiels erdulden müssen“, erklärt Koll, der darüber hinaus überzeugt ist, dass Sportler wichtige Aufklärungsarbeit leisten könnten.

Auch Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungsstelle würde es begrüßen, wenn homosexuelle Jugendliche mehr Vorbilder im Sport hätten. Tatsächlich ist das Klima an Österreichs Schulen nach wie vor dramatisch homophob. Eine von der Antidiskriminierungsstelle durchgeführte Befragung unter Schülern ergab, dass 46 Prozent schon einmal mitansehen mussten, wie ein schwuler Schüler bedroht und belästigt wurde. Vor allem der Turnunterricht erweist sich als Brennpunkt. „Ein Schüler, der beim Tauklettern versagt hat, wurde vom Lehrer angeschrien, ob er denn schwul sei und einen Stecken hinten hineingeschoben brauche, um endlich hochzukommen“, berichtet Wilhelm von einer besonders unappetitlichen, aber leider typischen Entgleisung.

Andreas W. würde sich wünschen, dass solche Anekdoten bald der Vergangenheit angehörten. Große Hoffnungen macht er sich nicht. „Einerseits suggerieren Veranstaltungen wie der Life Ball, dass Homosexualität längst etwas ganz Normales ist, trotzdem spiegeln solche Veranstaltungen nicht das Leben aller Schwulen wider. In der Realität sind Homosexuelle überall vertreten – und das oft unsichtbar und versteckt.“ Viele versteckt lebende Schwule und Lesben würden sich von solchen Events sogar bewusst fernhalten, um nur ja keinen Verdacht zu erregen. Das gilt auch für schwule Fußballer.

Foto: Sebastian Reich für profil