Gewalt: Österreichs Frauenhäuser sind überfüllt

Gewalt: Österreichs Frauenhäuser sind überfüllt

Jede fünfte Österreicherin wird im Laufe ihres Lebens Opfer häuslicher Gewalt. Die Frauenhäuser sind überfüllt, die Ressourcen erschöpft. Ein Frontbericht.

VON TINA GOEBEL

Schüchtern lugt die 25-jährige Ayshe (Namen und personenbezogene Daten wurden zum Schutz der Frauen von der Redaktion verändert ) aus der Küche. Die zierliche Frau mit türkischem Hintergrund kocht für sich und ihren fünfjährigen Sohn Aktan eine Suppe. Sie lebt zwar schon seit Jahren in Österreich, spricht jedoch nur sehr schlecht Deutsch. Mit Journalisten möchte sie sich lieber nicht unterhalten. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ayshe wurde vor drei Wochen von ihrem Mann krankenhausreif geprügelt. Die Spuren der Misshandlungen sind noch deutlich zu erkennen. Ihr schwarzes Haar zeigt am Vorderkopf einige kahle Stellen, ihr Mann hat es ihr büschelweise ausgerissen.

Seit einer Woche ist Ayshe in einem niederösterreichischen Frauenhaus untergebracht und wurde dort als Hochrisikofall eingestuft: Die Familie ihres Mannes trachtet ihr nach dem Leben – schließlich muss die Ehre des Clans wiederhergestellt werden. Ständig lauern Verwandte vor dem Gebäude, weshalb Ayshe das Haus kaum – und wenn, dann nur in Begleitung – verlassen kann. Mit solchen Fällen haben es die Sozialarbeiterinnen der Frauenhäuser regelmäßig zu tun. Da die Polizei nicht permanent Wache stehen kann, wird die Umgebung des Gebäudes auf einem Überwachungsbildschirm angezeigt – ein Gegenstand, der nicht in die hier vorherrschende IKEA-Wohnlandschaftsidylle passt.

Nur ein Bruchteil der Opfer meldet sich

Ayshe ist eine von Hunderten Frauen, die jährlich in Frauenhäusern Zuflucht suchen. Exakte Zahlen existieren nicht, da manche Bundesländer ihre Daten nicht für eine bundesweite Erhebung zur Verfügung stellen. Die aktuellste Erhebung stammt aus 2013: In diesem Jahr fanden 3232 Personen bundesweit Zuflucht in Frauenhäusern, etwa die Hälfte davon waren Kinder. Bei dieser Zählung fehlen jedoch die Zahlen von sieben Einrichtungen, insgesamt gibt es in Österreich 30.
Aber um das Ausmaß von häuslicher Gewalt in seiner Gesamtheit zu erfassen, würden die Zahlen der Frauenhäuser allein ohnehin nicht reichen. Nur ein Bruchteil der Opfer wendet sich auch an eine solche Institution, wobei es sich hauptsächlich um Frauen aus einkommensschwachen Gesellschaftsschichten mit kaum vorhandenen Ressourcen oder um Migrantinnen handelt, die in Österreich über kein familiäres Auffangnetz verfügen.

Doch auch eine gute Ausbildung schützt nicht vor einem derartigen Schicksal: Zumindest aus den Daten der Wiener Frauenhäuser kann erhoben werden, dass ein Viertel der aufgenommenen Frauen mindestens über die Matura verfügt oder gar ein Studium abgeschlossen hat. Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, erinnert sich an eine Ärztin, die trotz Topjob um Unterschlupf bat: „Ihr Mann hat über ihr Konto und die Kreditkarte verfügt. Aus Angst vor seinen Wutausbrüchen hat sie all seinen Forderungen zugestimmt.“

Viele Betroffene finden bei Verwandten oder Freunden eine vorübergehende Unterkunft oder können sich ein Hotel oder gar gleich die Miete für ein neues Zuhause leisten. Diese Gruppe kann statistisch nicht erfasst werden.

Belegt ist jedoch, dass sich ein Großteil der Opfer von häuslicher Gewalt gar nicht wehrt. Die größte jemals zu diesem Thema durchgeführte EU-Studie ergab im vergangenen Jahr, dass nur 16 Prozent der Österreicherinnen, die schwere gewalttätige Übergriffe in der Partnerschaft erlebt hatten, diese auch der Polizei meldeten. Dieselbe Erhebung ergab auch, dass in Österreich jede fünfte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens ein Mal körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt durch ihren Partner erfahren hat. Im EU-Durchschnitt ist es sogar jede dritte Frau.

Workshops in Schulen und Frauenhelpline

Die Umfrageergebnisse waren so schockierend, dass sofort entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden. In Österreich lief bereits im vergangenen Jahr die Kampagne „GewaltFREI leben“ an, die auf mehreren Ebenen ansetzt. So werden nicht nur verstärkt Workshops in Schulen veranstaltet, auch die Frauenhelpline soll bekannter gemacht werden.
Am Valentinstag soll weltweit Aktionskunst vor sämtlichen Regierungsgebäuden gezeigt werden, um auf das Problem hinzuweisen. Die Schirmherrschaft übernimmt dabei die internationale Organisation One Billion Rising (OBR), die ihren Namen von der geschätzten weltweiten Opferzahl herleitet. In Österreich wird die Aktion von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek unterstützt, die auch vor Ort sein wird, wenn OBR sich am kommenden Samstag ab 14 Uhr vor dem Parlament erhebt.

Solche Aufmerksamkeitsoffensiven scheinen leider nötig, da die häusliche Gewalt konstant zunimmt. Die Wirtschaftskrise dürfte dabei als besonderer Eskalationsbeschleuniger wirken, sagen Experten. Der Frust über den Jobverlust, eskapistische Ausflüchte in Alkoholexzesse oder der ständige Druck der Leistungsgesellschaft führen dazu, dass Menschen leichter „die Hand ausrutscht“.

Zumindest muss die Polizei immer häufiger sogenannte Wegweisungen und Betretungsverbote verhängen. Diese juristische Möglichkeit wurde 1997 unter dem Motto „Wer schlägt, muss gehen!“ eingeführt, damit nicht das Opfer, sondern der Täter die gemeinsame Wohnung oder das gemeinsame Haus verlassen muss. Eine solche Weisung gilt 14 Tage lang; werden in dieser Zeit weitere juristische Schritte eingeleitet, wird die Frist verlängert. Im Jahr der Gesetzeseinführung wurden 1449 derartige Weisungen erlassen; mittlerweile sind es jährlich fast sechs Mal so viele, Tendenz steigend. Nicht auszumachen ist, ob tatsächlich mehr Delikte verübt werden oder sich immer mehr Frauen zur Wehr setzen und die Zahl der registrierten Fälle deshalb steigt.

Auch die Frauenhäuser erhalten vermehrt Anfragen, obwohl Barbara Prettner vom Frauenhaus Neunkirchen überzeugt ist, dass die angespannte Wirtschaftslage viele Frauen davon abhält, Hilfe zu suchen: „Die Mieten und Lebenserhaltungskosten steigen, während die Jobsuche für alleinstehende und schlecht ausgebildete Frauen mit Kindern aussichtslos erscheint. Sich in solchen Zeiten auf eigene Beine zu stellen, ist hart bis unmöglich.“

"Die psychische Abhängigkeit wird unterschätzt"

So bleibt dann oft die Initialzündung aus, die notwendig ist, um sich aus den Fängen einer solchen Gewaltbeziehung zu befreien. Und tatsächlich braucht es eine ganze Sprengladung an Kraft, um aus einem solchen emotionalen Gefängnis auszubrechen. Ruth Hauser, Sozialarbeiterin im Frauenhaus Wiener Neustadt, erklärt: „Es ist für Außenstehende oft völlig unverständlich, warum sich Frauen jahrelang von Männern quälen lassen und nicht einfach gehen. Doch die psychische Abhängigkeit wird unterschätzt.“

Die Methoden der Täter funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Zuerst isolieren sie die Partnerin, machen ihre Freunde oder die Familie schlecht, bis sie die einzige Bezugsperson in deren Leben darstellen. Im nächsten Schritt wird eine finanzielle Abhängigkeit hergestellt: Oft wird die Gattin zu einer Hausfrauenexistenz verdammt, deren Bewegungsradius zwischen Supermarkt, Kindergarten und Herd abgesteckt wird. Damit beginnen auch die psychischen und schließlich physischen Attacken, die auch völlig unerwartet passieren können. Die Frau wird nicht mehr als freies Wesen, sondern als Besitztum angesehen.

Die ständige Angst und das zerstörte Selbstwertgefühl versetzten einen „in eine Art Starre“, das Leben spiele sich nur noch in „einem Vakuum“ ab, versucht die Wienerin Karina Pfolz ihr Leben an der Seite eines Gewalttäters zu beschreiben. An einen Ausbruch habe sie gar nicht gedacht, da sie ihre gesamte Energie aufwenden musste, um es ihrem Mann recht zu machen, der sie allmählich zu seiner Dienstbotin erzog. Sie übte einen Job aus, kochte, putzte und kümmerte sich um die Erziehung der Kinder, während er seinen Job kündigte, über das gemeinsame Konto herrschte und sein Dasein als Reihenhaus-Pascha genoss. Erst nach acht Jahren fand sie den Mut, ihn zu verlassen.

Gesetzesänderung zu psychischer Gewalt längst überfällig

Frauenhaus-Leiterin Andrea Brem beschreibt die psychische Abhängigkeit als „sozialen Kitt“, der auch noch die kaputtesten Beziehungen wie eine Art Superkleber zusammenhält. Im Gegensatz zu den blauen Flecken sei die malträtierte Seele aber leider nicht zu sehen. Ein Gesetz, das psychische Gewalt unter Strafe stellt, sei längst überfällig. „Alle Frauen, denen körperliche Schmerzen zugefügt werden, erleben auch alle anderen Facetten der Gewalt. Dazu gehören verbale und sexuelle Demütigungen. Oder glauben Sie, dass sich ein Gewalttäter im Ehebett plötzlich zum einfühlsamen Liebhaber verwandelt?“

Einer der schlimmsten Misshandlungsfälle, mit denen die Sozialarbeiterin jemals zu tun hatte, bestand aus reinem Psychoterror. Der krankhaft eifersüchtige Ehemann montierte sogar die Wasserhähne in der Wohnung ab, damit seine Frau sich nicht waschen konnte. Mit dieser absurden körperhygienischen Kontrolle wollte er verhindern, dass seine Frau mit einem anderen Mann Sex hatte. Darüber hinaus folterte er sie mit Schlafentzug. Nachts schlug er im Abstand von einer halben Stunde neben ihr auf den Kopfpolster, am Morgen musste sie todmüde zur Arbeit gehen. Erst nach einem psychischen Zusammenbruch kontaktierten die Ärzte die Behörden. Da ihr Mann sie aber nie direkt körperlich angriffen hatte, konnte er nicht belangt werden.

Ein weiteres Problem, mit dem Frauenhäuser zu kämpfen haben, ist das eigene Image. Viele glauben, dass eine solche Einrichtung einem überfüllten Flüchtlingsheim ähnelt. Dabei wirkt zumindest das Wiener Neustädter Frauenhaus auf den ersten Blick wie ein kleiner, freundlicher Privatkindergarten.

Der Wohnzimmerboden ist übersät mit Holzspielzeug, das jedem pädagogischem Standard gerecht werden dürfte. Das digitale Dilemma hat aber auch hier Einzug gehalten: Ayshes Sohn Aktan fährt auf einem Smartphone unter lautem „Brumm“-Getöne Autos an die Wand, während die siebenjährige Laura auf ihrem pinken Nintendo 3DS virtuell Pferde sattelt. Auf einem Bügelbrett stapeln sich Strampelanzüge, irgendwo weint ein Baby.

Letzter Rest an Zuversicht zerstört

Alles dreht sich hier um die Kinder, an die sich die Frauen klammern, die hier Unterschlupf gefunden haben. Oft haben sie es nur ihretwegen so lange bei den brutalen Vätern ausgehalten, in der Hoffnung, doch irgendwann zu einer glücklichen Familie zu werden. Doch irgendwann war auch der letzte Rest an Zuversicht zerstört.

Im Moment sind drei Frauen mit ihrem Nachwuchs hier untergebracht. Die knapp 30-jährige Tschechin Martha musste im zweiten Schwangerschaftsmonat vor ihrem Freund flüchten und wohnt seit dem Sommer hier. Nun hält sie ihren gerade zehn Tage alten Buben im Arm und drückt ihn fest an sich, während sie unter Tränen ihre Geschichte erzählt: „Er und sein Bruder wollten mich mit allen Mitteln zu einer Abtreibung zwingen. Sie haben mich bedroht …“ Dann versagt ihr die Stimme, sie kann nicht weitererzählen.

In diesem Moment läutet das Telefon. Eine Sozialarbeiterin aus Wien fragt nach, ob die Einrichtung in Wiener Neustadt eine Wienerin aufnehmen könnte, die ebenfalls als Hochrisikofall eingestuft wurde und für die in der Bundeshauptstadt kein Platz gefunden werden konnte. Doch auch hier ist alles voll. „Wir müssen leider immer wieder Frauen abweisen. Die Kollegin muss nun Frauenhäuser in Niederösterreich oder anderen Bundesländer durchrufen, bis sie einen Platz gefunden hat“, erklärt Sozialarbeiterin Ruth Hauser. Im vergangenen Jahr mussten allein in Wiener Neustadt insgesamt 41 Frauen abgewiesen werden.

Obwohl die Anzahl der Fälle steigt und die Ressourcen ohnehin erschöpft sind, müssen die Institutionen zusätzlich Budgetkürzungen hinnehmen. So wurde etwa die niederösterreichische Beratungsstelle für Menschen mit Migrationshintergrund vor fünf Jahren aufgelöst, obwohl die meisten betroffenen Frauen keine
gebürtigen Österreicherinnen sind und diese Adresse die erste Anlaufstelle war. Zudem müssen schwer traumatisierte Frauen und Kinder mitunter ein Jahr oder länger auf einen Kassentherapieplatz warten – eine unzumutbare Zeit für Menschen, die sich keine privaten Sitzungen leisten können.

Für Ayshe konnte zum Glück ein Platz gefunden werden. Wie und wo ihr Leben weitergehen wird, ist noch ungewiss. Im Moment muss sie vor allem psychisch stabilisiert werden. Sie muss stark sein und nach vorn blicken, schon ihrem Sohn Aktan zuliebe. Mit einem schüchternen Lächeln schlüpft sie an den Betreuerinnen vorbei in ihr Zimmer und passiert dabei ein Foto mit einem aufgedruckten Zitat: „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.“

Schicksale:

Sonja, 38, und Laura, 7
Erst vor einer Woche suchte Sonja mit ihrer Tochter Laura das Frauenhaus auf. Was genau passiert ist, möchte die Mutter nicht erzählen. Sie spricht nur von „Familienkonflikten“. Im Moment will sie sich nur auf die Zukunft konzentrieren. Im Zentrum steht dabei Tochter Laura, die nach den Semesterferien eine neue Schule besuchen wird. „Ich fürchte mich schon ein bisschen vor dem ersten Schultag, ich kenne niemanden“, meint Laura. Es ist ihr erstes Schuljahr. Nun muss sie schon nach einem halben Jahr die Klasse wechseln. „Ich hoffe sehr, dass sie das Jahr nicht wiederholen muss“, meint ihre Mutter besorgt. Martha will nun versuchen, eine Wohnung in der Nähe der Schule zu finden, damit Laura es nicht zu weit hat. Dann erst will sie für sich selbst eine Perspektive erarbeiten.

Karin Pfolz, 51
Die ersten zwei Jahre ihrer Beziehung schwebte Pfolz auf Wolke sieben. Mit der Hochzeit 1986 begann der Fall. Schlagartig änderte sich ihr Mann, isolierte sie von Familie und Freunden, kündigte seinen Job, bestand aber gleichzeitig darauf, das Geld seiner Frau zu verwalten. Zur selben Zeit wurde diese schwanger; trotzdem begann er, sie verbal und körperlich zu attackieren. „Er bekam aus heiterem Himmel Tobsuchtsanfälle, weil etwa eine Tasse kaputtgegangen war. Er zerschlug dann das gesamte Service und zwang mich, von dem wenigen Haushaltsgeld, das er mir gab, alles neu zu kaufen“, erinnert sich die damalige Reisebüroangestellte. Die Gewalt nahm zu, ihr zweites Kind verlor sie, als ihr Mann sie die Treppe hinunterstieß. Acht Jahre lang dauerte es, bis sie den Mut fand und ging. Vor zwei Jahren arbeitete sie ihre Erfahrungen in einem Buch auf und gründete den Verein „Respekt für dich“, der Gewaltopfer unterstützt.

Martha, 29
Seit dem vergangenen Sommer ist die Sozialarbeiterin aus Tschechien in einem Frauenhaus untergebracht. Im ersten Schwangerschaftsmonat musste sie vor ihrem Freund flüchten, der sie gemeinsam mit seinem Bruder bedrohte und zu einer Abtreibung zwingen wollte. Ihr Sohn kam am 21. Jänner auf die Welt, er ist ihr ganzer Stolz. Lange hat Martha mit sich gehadert, ob sie den Vater in der Geburtsurkunde angeben solle. Sie tat es nicht. Somit hat er keine Ansprüche über das Kind, ist jedoch auch von allen finanziellen Pflichten entbunden. Martha weiß noch nicht, wie sie allein über die Runden kommen soll; zudem laufen die Kindergeldansprüche über die tschechischen Behörden – ein langwieriges Procedere. Momentan sucht Martha in Wien eine Wohnung, erhält jedoch nur Absagen. „Eine alte Dame hat sogar einfach aufgelegt, als sie gehört hat, dass ich eine alleinstehende Mutter bin. Im Haus wolle man keine Kinder.“

Informationsstellen:

Frauenhotline 0800 222 555 – ­ anonym, kostenlos, rund um die Uhr
GewaltFREI leben www.gewaltfreileben.at
One Billion Rising , Aktion am Valentinstag ab 14 Uhr vor dem Parlament www.onebillionrising.org
Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser www.aoef.at