Lorenz Gallmetzer: "Kein Mensch wird einfach so zum Alkoholiker“

Lorenz Gallmetzer über sein Leben ohne Alkohol: "Die Vorzüge des nüchternen Lebens haben sich mir noch nicht erschlossen."

Lorenz Gallmetzer über sein Leben ohne Alkohol: "Die Vorzüge des nüchternen Lebens haben sich mir noch nicht erschlossen."

30 Jahre lang war Lorenz Gallmetzer ein funktionierender Alkoholiker - bis der frühere ORF-Journalist erkannte, dass ihm nur noch ein stationärer Entzug in einer Suchtklinik helfen konnte. In dem Buch "Süchtig“ berichtet Gallmetzer schonungslos über seine Abhängigkeit. Ein Gespräch über Spiegeltrinken, Auszeiten, Rückfälle und Lebensgier.

"Und dann wurde es plötzlich wieder warm.“ Immer wieder fiel dieser Satz in den drei langen, intensiven Gesprächen mit Lorenz Gallmetzer. Sie beschreiben das Wohlbefinden, das sich in ihm nach der entsprechenden Dosis Weiß- oder Rotwein breitgemacht hatte. Über 30 Jahre lang war Gallmetzer, 64, alkoholsüchtig. Seiner Karriere als ORF-Journalist, als Korrespondent in Washington und Paris sowie als Dokumentarfilmer tat die Abhängigkeit, die er immer wieder (und immer vergeblich) mit Selbstentzügen in den Griff zu bekommen versuchte, keinen Abbruch - bis er 2001 aus Paris in die ORF-Zentrale in Wien zurückkehrte und angesichts neuer Führungskonstellationen so unbequem und streitlustig agierte, wie es schon immer seinem Naturell entsprochen hatte.

Doch die gerade in dieser Zeit sich verschärfende Alkoholsucht beeinträchtigte zusehends auch seine Widerstands- und Argumentationkräfte, wie er im Interview erzählt. Nach zwei Jahren heftiger Dispute legte Gallmetzer die Leitung der 2007 reanimierten Diskussionssendung "Club 2“ zurück. Nach einer Krebsdiagnose und den begleitenden Behandlungstorturen nahm Gallmetzer 2011 schließlich "den blechernen Handshake“ an, wie er das ORF-Angebot seiner Vorruhestandsregelung nennt. Sein Buch "Süchtig“ begann er nach einem stationären Aufenthalt in der Suchtklinik in Kalksburg zu schreiben. Dass er sich mit seinem Outing "ins Nervenzentrum des Voyeurismus“ begibt, ist dem Medienprofi Gallmetzer durchaus bewusst. Wichtig sei ihm nur, dass er nicht "wehleidig“ wirke: "Ich habe mich nämlich nie als Opfer gefühlt.“

profil: "Der Alkohol ist erschaffen worden, damit man die Leere des Universums ertragen kann.“ Diesen Satz der Schriftstellerin Marguerite Duras stellen Sie Ihrem Buch "Süchtig“ voran.
Lorenz Gallmetzer: Duras trank sieben Flaschen Wein täglich und machte ihren Alkoholismus auch zum Gegenstand ihrer Literatur. Aber natürlich habe ich auch über 30 Jahre getrunken, um mir die Unannehmlichkeiten des Alltags und Schrecklichkeiten des Lebens erträglich zu machen. Und dennoch habe ich dabei nahezu ebenso lange funktioniert. Das ist ja auch die Falle: Man kann sehr lange als Alkoholiker funktionstüchtig bleiben.

profil: Sie nennen Ihr Buch schlicht "Süchtig“. Der Titel impliziert, dass der Kampf gegen Ihre Sucht nicht abgeschlossen ist.
Gallmetzer: Nein, das ist er nicht und wird er auch nie sein. Jeder Tag ist für mich eine Herausforderung. In jedem Supermarkt muss ich durch endlose Gänge Alkohol gehen. Jeder soziale Anlass - egal ob eine Geburtstagsfeier, ein Wahlabend oder nur ein Abendessen mit Freunden - ist mit Alkoholkonsum verbunden. Das Verlangen zu trinken wird permanent getriggert. Damit muss man umgehen lernen, das ist eben auch Teil der Therapie.


Ich erlebte aus nächster Nähe so dramatische Schicksale, dass ich mir selbst im Vergleich dazu wie ein leichter Fall vorkam: von Suizidversuchen bis zu schweren neurologischen Schädigungen.

profil: Macht das abstinente Leben auch einsam?
Gallmetzer: Früher ging ich dreimal die Woche aus, habe Freunde getroffen; inzwischen beschränkt sich das auf einen Anlass im Monat. Ich weiß, dass das nicht gut für mich ist.

profil: Sie waren vor einem Jahr für zwei Monate im Anton Proksch Institut in Kalksburg.
Gallmetzer: Das ist auch die größte Suchtklinik Europas, die ich als eine Mischung aus Klinik, Kaserne und Internat empfunden habe. Bis zu 300 Patienten werden dort behandelt. Man erlebt eine Gehirnwäsche, aber im positiven Sinn. Die Behandlung ist mit ausgeklügelten Methoden auf jede Form von Sucht abgestimmt, mit kreativen Aktivitäten, Therapiegesprächen, Gruppensitzungen, Körperarbeit - und das alles in einer Intensität, die ich in dieser Art noch nie erfahren habe. Ich erlebte aus nächster Nähe so dramatische Schicksale, dass ich mir selbst im Vergleich dazu wie ein leichter Fall vorkam: von Suizidversuchen bis zu schweren neurologischen Schädigungen. Der Alkohol als Zaubermittel wurde dort für mich völlig entmystifiziert.

profil: Wie hat man sich eine solche geschlossene Anstalt vorzustellen? Darf man sie während des stationären Aufenthalts überhaupt verlassen?
Gallmetzer: In der ersten Zeit nicht. Nach und nach aber werden streng geregelte Ausgänge erlaubt - zuerst nur für einen Nachmittag, dann ist es auch gestattet, einmal am Wochenende wieder zu Hause zu schlafen. Bei der Rückkehr in die Klinik muss jeder Patient einen Alkoholtest absolvieren. Sollte man einen Umfaller gehabt haben, kommt es wieder zu einer Ausgangssperre. Ich halte diese Methode für sinnvoll, denn schließlich kann man als Alkoholabhängiger nicht ständig wie unter einer Glasglocke in dieser Suchtbekämpfungsblase leben, sondern muss auch lernen, an seinen früheren Stammbeiseln einfach vorbeizugehen und mit den Herausforderungen des Alltags zurechtzukommen.


Michael Musalek sieht die Abstinenz seiner Patienten nicht als Selbstzweck, sondern nur als Werkzeug, um an einem Leben zu arbeiten, in dem das Suchtmittel in den Hintergrund gedrängt wird.

profil: Wie fühlte sich das Leben in Freiheit danach an?
Gallmetzer: Ich brauche nach wie vor Leitplanken in Form einer wöchentlichen Therapiegruppe mit meinen ehemaligen Mitpatienten. Einmal im Monat sehe ich den Institutsvorstand Michael Musalek zu einem Gespräch. Unabhängig davon besuche ich noch regelmäßig eine Psychotherapie. Ohne meinen Psychotherapeuten, der mich seit zwölf Jahren begleitet, wäre ich wahrscheinlich heute gar nicht mehr da. Mithilfe dieser Schienen bleibe ich auf Spur.

profil: Haben Sie seit Ihrem stationären Aufenthalt einen Rückfall erlitten?
Gallmetzer: Ja, vor Kurzem. Ich habe diesen Sommer erstmals nach drei Jahren wieder Urlaub gemacht, in Italien mit Freunden. In den Jahren zuvor wäre ich zu so etwas gar nicht fähig gewesen; ich war nervlich zu kaputt und hatte dafür keine Energie. Ich sehnte mich auch danach, mich nach acht Monaten Abstinenz endlich wieder in ein freies, genussvolles Leben zu stürzen. Gleichzeitig hatte diese Sehnsucht natürlich auch etwas Selbstzerstörerisches. Bei den Abendessen habe ich dann wieder ein paar Gläser Wein getrunken - und es hat mir geschmeckt. Ich musste den Urlaub frühzeitig abbrechen, sonst wäre ich wahrscheinlich bald wieder bei meinem alten Pensum gelandet. Meine Freunde haben das verstanden.

profil: Wie geht Ihr behandelnder Psychiater mit solchen Rückfällen um?
Gallmetzer: Michael Musalek rechnet sogar damit. Er sieht die Abstinenz seiner Patienten nicht als Selbstzweck, sondern nur als Werkzeug, um an einem Leben zu arbeiten, in dem das Suchtmittel in den Hintergrund gedrängt wird und man sich neue erfüllende Dinge sucht, die einem das Dasein verschönern. Er nennt das die "Orpheus-Therapie“, weil Orpheus sich in der Meerenge von Sizilien nicht wie Odysseus an den Schiffsmast anbinden ließ, um den Lockgesängen der Sirenen zu widerstehen, sondern vielmehr in die Offensive ging: Er nahm seine Laute und beschloss, die Sirenen mit seiner Musik zu übertrumpfen. Orpheus kam mit dieser Strategie übrigens unbeschadet durch die Meerenge.


Mein Lebensprinzip war immer, Lieber mit Vollgas gegen die Wand als mit 80 gesund im Altersheim‘.

profil: Und kamen Sie selbst auch durch Ihre Meerenge?
Gallmetzer: Nach elf Monaten Abstinenz muss ich behaupten: Die Vorzüge des nüchternen Lebens haben sich mir noch nicht erschlossen. Ich hatte überhaupt keine tollen, erhebenden Erlebnisse - weder mit Frauen noch mit Kultur noch sonst irgendwie. Zwar fühle ich mich gesünder und ausgeglichener und bekomme Anerkennung für mein besseres Aussehen und mein neues Leben. Aber gut geht’s mir deswegen überhaupt nicht. Meine Grundstimmung bleibt melancholisch. Abends rattern Gedanken durch meinen Kopf, die meistens mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Da durchlebe ich alle Peinlichkeiten und Unannehmlichkeiten, die mir je im Leben widerfahren sind, noch einmal. Mit dem richtigen Alkoholpegel ist mir das nicht passiert, da bin ich früher einfach in den Schlaf gekippt. Der Alkohol, der kann schon was. Nach zwei, drei Gläsern Rotwein spürt man eben nicht mehr diese Ameisen in den Fingerspitzen kribbeln, sondern da wird es plötzlich nur noch warm.

profil: Stellt Ihnen Michael Musalek eine Besserung Ihres Zustands in Aussicht?
Gallmetzer: Muss er wohl, schließlich ist er mein Therapeut.

profil: Sind Sie nach Kalksburg mit dem Ziel gegangen, für immer mit dem Trinken aufzuhören?
Gallmetzer: Nein, ich wollte einen Mittelweg beschreiten. Ein Leben ohne Alkohol schien mir eigentlich nicht vorstellbar und schon gar nicht lebenswert. Mein Lebensprinzip war immer, Lieber mit Vollgas gegen die Wand als mit 80 gesund im Altersheim‘. Ich bin ein Teil der 68er-Generation. Der Exzess und eine unersättliche Lebensgier, auch aus Auflehnung gegen eine kleinbürgerliche Enge, waren Teil meines Lebenskonzepts. Die Authentizität eines Charles Bukowski fand ich immer erstrebenswerter als alles andere. Ich war bei jeder Veranstaltung der Letzte und überzog in Lokalen prinzipiell die Sperrstunden.)


Irgendwann war ich an einem Punkt angelangt, wo ich mir eingestand: Das schaffe ich nicht mehr allein, ich brauche Hilfe.

profil: Dann versuchten Sie, nach dem Prinzip "kontrolliert trinken“ zu leben.
Gallmetzer: Genau. Ich sah keinen anderen Ausweg mehr. In therapeutischer Begleitung und mithilfe von Medikamenten wie dem Muskelrelaxans Baclofen oder Nalmefen, das auf die Opioid-Rezeptoren des Gehirns wirkt, hoffte ich, mich auf eine erträgliche Alkoholdosis einpendeln zu können. Bei wiederholten Selbstentzügen hatte ich es immer wieder geschafft, für längere Zeit Trinkpausen einzuhalten - nach denen ich aber wieder in Phasen von intensivem Alkoholkonsum geschlittert bin. Irgendwann war ich an einem Punkt angelangt, wo ich mir eingestand: Das schaffe ich nicht mehr allein, ich brauche Hilfe.

profil: War auch Selbsthass mit im Spiel?
Gallmetzer: Hass ist dafür ein zu großes Wort. Eher Abscheu, Ekel, vielleicht auch Verachtung.

profil: Ist für Menschen mit Ihrem Suchtpotenzial ein solcher Mittelweg überhaupt gangbar?
Gallmetzer: Diese Illusion hat mir Michael Musalek sofort völlig zerstört. Nach dem Prinzip des Kontrolltrinkens können eventuell die sogenannten Risiko- und Problemtrinker), wovon es in Österreich circa 900.000 gibt, leben - nicht aber jemand wie ich, der im Lauf von 30 Jahren eine Alkoholabhängigkeit und ein entsprechendes Suchtgedächtnis entwickelt hat. Da blieb nach Musaleks Einschätzung nur noch ein stationärer Entzug als Behandlungsmethode.


Als Korrespondent musstest du ja jederzeit funktionieren. Und irgendwann war der Alkohol kein Genussmittel mehr, sondern nur noch Medizin - eine Medizin gegen und für alles.

profil: Wie verliefen Ihre früheren Selbstentzüge?
Gallmetzer: Mindestens zwei Mal jährlich Fastenkuren in einem von Zisterzienser-Schwestern geführten Gesundheitshotel. Doch noch vor der Abreise stellte ich mir zu Hause vorsorglich eine Flasche hin, damit ich meine erfolgreiche Rückkehr entsprechend feiern konnte. Ich fühlte mich nach solchen Kuren ja immer trügerisch topfit. Einmal versuchte ich es auch mit einer Burnout-Klinik. Dazwischen kam es wieder zu regelmäßigen Trinkpausen zwischen zwei und 40 Tagen, in denen ich auch Benzodiazepine und Neuroleptika nahm, um Entzugserscheinungen wie Zittrigkeit und Brechreiz vorzubeugen. Einmal schaffte ich es sogar elf Monate ohne Alkohol, inklusive Müsli, Yoga, Tai-Chi und allem, was sonst noch zu einem gesunden Leben gehört, und begann dann doch wieder zu trinken - ganz bewusst: Diese Entscheidung habe ich völlig nüchtern gefällt, weil ich überzeugt war, dass ich die Hürde zum kontrollierten Trinkerleben erfolgreich genommen hatte. Ich nenne diese Phase meinen Sisyphus-Parcours - nach dem tragischen Helden, der unaufhörlich und unter größter Mühe einen schweren Felsen den Berghang hinaufrollt, wohlwissend, dass er demnächst wieder hinunterstürzen wird. Genau so fühlte ich mich auch.

profil: Sie sagten in unserem Vorgespräch über sich selbst, ein Kontroll-Freak zu sein. Wie gehen diese Abstürze mit einer solchen Charakterdisposition zusammen?
Gallmetzer: Meine Rückfälle waren nie spontane Umfaller, sondern immer bewusste Entscheidungen. Ich führte über zweieinhalb Jahre ein Alkohol-Tagebuch, in dem ich die abstinenten Tage mit "No Alk“ markierte und ansonsten penibel auflistete, was und wie viel ich getrunken hatte. Das Konzept der Selbstrettung, das rückblickend von erstaunlich vielen trockenen Phasen gekennzeichnet war, funktionierte dennoch nicht. Ich litt unter meinem Trinkzwang, der einen Großteil meiner Energie auffraß. Die Trinkfestigkeit oder sogenannte Toleranz eines Alkoholkranken bezeichnet ja nichts anderes, als dass er immer größere Mengen in immer kürzeren Abständen braucht, damit es ihm wieder warm wird. Die wiederholten Selbstentzüge waren zwar häufig, wurden aber auch immer kürzer. In der Zeit meines regelmäßigen Konsums von Kokain, das für mich immer nur eine Freizeit- und keine Arbeitsdroge war, hätte ich mich nie nachts aufgemacht, um Nachschub zu besorgen. Diese Energie wandte ich nur für Alkohol und Zigaretten auf.

profil: Sie haben jahrelang ein sehr strapaziöses und erfolgreiches Berufsleben geführt - trotz oder mithilfe von Alkohol?
Gallmetzer: In meiner Zeit als Korrespondent in Washington trank ich noch nicht so viel, auch später in Paris hielt es sich in Grenzen. Dann wurde ich zunehmend das, was man einen funktionierenden Alkoholiker nennt. Ich war kein Quartalssäufer oder Rauschtrinker), habe nie gelallt oder bin irgendwo umgekippt. Ich war das, was man einen Spiegeltrinker nennt - immer auf einem gewissen Level in der Welle, einfach dauerbeschwingt. Das hat meine Arbeitsfähigkeit nahezu 30 Jahre kaum beeinträchtigt - selbst als ich schon am Vormittag ein Glas Weißwein kippen musste, um meinen Kater zu bekämpfen und in die Gänge zu kommen. Ich betrieb ja auch meine Arbeit nach einem Suchtmuster: oft täglich bis zu 14 Stunden, kaum ein freies Wochenende, immer unter Strom, immer mehr als das geforderte Pensum. Als Korrespondent musstest du ja jederzeit funktionieren. Und irgendwann war der Alkohol kein Genussmittel mehr, sondern nur noch Medizin - eine Medizin gegen und für alles: gegen Stress, unangenehme Situationen, zur Entspannung, als kreatives Stimulans, gegen Ängste, Hemmungen und Verunsicherung. Und wenn etwas schieflief in meinem Leben, hatte ich die Ausrede parat: "Kein Wunder, schließlich trinkst du zu viel.“ Offen gestanden: Diese Ausrede fehlt mir jetzt.


Als ich ein halbes Jahr nach dem Ende der Krebstherapie wieder langsam zu arbeiten anfangen wollte, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch.

profil: Ging der späten Erkenntnis, dass Sie es nicht mehr ohne professionelle Hilfe schaffen, ein kapitaler Absturz voran?
Gallmetzer: Nein, meine zwei großen Abstürze lagen schon länger zurück. Der erste fiel mit meiner Rückkehr aus Paris nach Wien in den ORF um die Jahrtausendwende zusammen. Ich hatte zum zweiten Mal geheiratet, die Beziehung war gut. Meine Frau wusste zwar, dass ich trank, das Thema war jedoch nie eskaliert. Doch dann setzte mich die Situation an meinem neuen Arbeitsplatz unter massiven Stress: Personalabbau, drastische Sparmaßnahmen. Ich gründete mit anderen die Plattform "SOS ORF“, die sich gegen die politische Einflussnahme und den Qualitätsschwund im ORF einsetzte. Ich trank, um mich gegen meine Vorgesetzten zu rüsten. Das hatte aber die gegenteilige Wirkung: Ich war zusehends schwerer angeschlagen und verhielt mich entsprechend: zu emotional, zu cholerisch, zu undiplomatisch. Die Machttechniker hatten dann natürlich ein leichtes Spiel mit mir.

profil: Sie sagen, dass Ihre damalige Beziehung trotz Ihrer Zustände anfangs gut war. Ist man als Alkoholabhängiger überhaupt liebesfähig?
Gallmetzer: Man hat zwar noch das subjektive Gefühl, den anderen zu lieben, schafft es aber nicht, die Energie und Empathie zu mobilisieren, die für eine Beziehung notwendig sind. Dafür ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit dem eigenen depressiven Pessimismus und der Schwarzmalerei. Ohne Streit, aber unter großer Trauer ging meine zweite Ehe in die Brüche. Und vor sechs Jahren, also mit 58, kam noch die Diagnose Darmkrebs hinzu.

profil: Ihr zweiter großer Absturz?
Gallmetzer: In gewisser Weise ja. Ich war ja schon länger Mitglied bei Dignitas, der Schweizer Sterbehilfeorganisation, und lehnte anfangs jede Behandlung ab. Freunde und Ärzte überredeten mich dennoch zu Bestrahlung und Chemo. Diese Torturen ließ ich über mich ergehen, weigerte mich aber, gesund zu leben: Ich trank und rauchte weiter. Mein Leben spielte sich damals nur zwischen dem Supermarkt, der Tabak-Trafik, der Onkologie und meiner Wohnung ab. Als ich ein halbes Jahr nach dem Ende der Krebstherapie wieder langsam zu arbeiten anfangen wollte, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch. Ich hatte das Anti-Alkohol-Medikament "Alcover“ in Kombination mit Psychopharmaka eingenommen und Stunden später dennoch getrunken. Ich heulte, lachte dann wieder hysterisch und redete dummes Zeug. Ich bin damals nur deswegen nicht aus dem Fenster gesprungen, weil ich mir dachte, dass ich nicht hoch genug wohne und den Sturz wahrscheinlich überleben würde. Mit der Hilfe von Freunden kam ich dann auf die Psychiatrie im AKH, wo ich für einige Wochen bleiben sollte - schwere depressive Verstimmungen inklusive.


Es gibt kein Alkohol- Gen, eine Alkoholabhängigkeit ist nicht vererbbar.

profil: Sie haben einige der Schicksale Ihrer Mitpatienten in Form von Fallprotokollen auch in Ihr Buch einfließen lassen. Gibt es trotz aller Unterschiedlichkeit Faktoren, die diese Sucht-Biografien verbinden?
Gallmetzer: Vorweg: Es gibt kein Alkohol- Gen, eine Alkoholabhängigkeit ist nicht vererbbar. Aber es zeichnete sich klar ab, dass jeder dieser Menschen eine psychische Konstitution besitzt, die die Saat ist, aus der die Krankheit wachsen konnte.

profil: Hinter einer Suchterkrankung verbergen sich in der Regel also andere psychische Störungen?
Gallmetzer: Davon bin ich überzeugt. Das ist auch die Ansicht von Michael Musalek, dem Leiter des Anton Proksch Instituts. Kein Mensch wird einfach so zum Alkoholiker. Dahinter liegen häufig Depressionen, Angststörungen und Traumata wie sexueller Missbrauch, wie ich in meinen Gesprächen mit alkoholabhängigen Frauen oft erfahren musste. Es hat mich wirklich erschüttert, wie verbreitet es ist, dass Frauen vom Vater, Stiefvater, Onkel oder Bruder nicht nur ein Mal, sondern über längere Zeiträume missbraucht worden sind.

profil: Sie sprechen in dem Buch auch immer wieder von Ihrer Melancholie und Ihren depressiven Stimmungen.
Gallmetzer: Jetzt sind wir schon wieder bei mir gelandet. Mein persönlicher Kampf mit dem Alkohol nimmt in dem Buch gerade einmal 30 Prozent ein. Das möchte ich schon einmal festhalten.


Dieser lockere Umgang mit Suchtmitteln im Herkunftsumfeld legt auch einen wesentlichen Grundstein für eine spätere Abhängigkeit.

profil: Seit wann leiden Sie an Depressionen?
Gallmetzer: Ich nehme seit 16 Jahren Antidepressiva, oft auch in Kombination mit Beruhigungsmitteln wie Lexotanil. Ich bin ein melancholischer Mensch, man könnte auch von narzisstisch motiviertem Selbstmitleid oder dauerhaftem Weltschmerz sprechen. Ich bin auch ein Anxiety-Typ, wofür es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt. Vielleicht ist es am besten so zu erklären: Ich bin von Ängsten besetzt, für die es keine äußeren Ursachen gibt, sondern die von innen kommen. Ich war nie ein lustiger oder fröhlicher Mensch, sondern immer schwermütig.

profil: Wie vertragen sich Antidepressiva mit regelmäßigem Alkoholkonsum?
Gallmetzer: Schlecht. Die Wirkung von nahezu 90 Prozent aller Antidepressiva wird durch Alkoholeinfluss reduziert oder gar aufgehoben. Vorrangig Männer tendieren dazu, neben dem Alkohol eine Medikamentenabhängigkeit von Tranquilizern wie Xanor oder Lexotanil zu entwickeln. Bei Frauen tritt weniger die Doppelabhängigkeit, sondern eher die reine Tablettensucht auf.

profil: Waren Sie schon ein depressives Kind?
Gallmetzer: Ich habe als Sechsjähriger in Bozen im Kreise der Familie die letzte Ölung von einem Priester erhalten. Durch eine verschleppte Mittelohrentzündung war Eiter in gewisse Hirnregionen gedrungen. Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben, meine Eltern mich vom Spital nach Hause gebracht, wo alle fürchteten, aber auch darauf warteten, dass ich sterbe. Meine Mutter behauptet bis heute, dass ich nur überlebt habe, weil sie mir Reliquien des Volksheiligen Padre Pio aufgelegt hat. Wenn als Kind bereits der Atem des Grabes über dich hinwegstreift und du schon de facto in eine andere Welt hinübergeleitet worden bist, bringst du natürlich ein spezielles psychisches Korsett mit. Ich war immer der Außenseiter, dem eine Sonderbehandlung zuteil wurde und der als Einziger in der Kirche eine Mütze aufsetzen musste. Ich war oft schwermütig. Zusätzlich wuchs ich in einem alkohol-permissivem Umfeld auf. Das ist in Norditalien ähnlich wie in Österreich: Da trinken die Müllmänner frühmorgens bereits ihren Schnaps zum Kaffee, und der Aperitif am Vormittag ist für viele ein Ritual. Dieser lockere Umgang mit Suchtmitteln im Herkunftsumfeld legt auch einen wesentlichen Grundstein für eine spätere Abhängigkeit.


Irgendwie habe ich mich immer wie eine Fliege gefühlt, die auf die heiße Glühbirne, ins Licht, in die Hitze drängt, wohlwissend, dass sie dabei auch verbrennen wird.

profil: Sie haben mit Ihrem Outing einen mutigen Schritt gewagt, der sicherlich für viele Menschen irritierend wirkt - aber auch vielen helfen kann.
Gallmetzer: Für mich war eine der wichtigsten Erkenntnisse in der Suchtklinik: Du bist nicht allein. Mein Buch hat vor allem eine soziale Botschaft: Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, für die man nichts kann. Man hat als Betroffener jedoch die Verantwortung, sich da auch wieder rauszuholen. Natürlich war die Arbeit an dem Buch auch so etwas wie eine Selbsttherapie. Außerdem wäre es mir verlogen erschienen, bei meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht nur in der Rolle des Reporters aufzutreten.

profil: Werden Sie Ihr Naturell auf die Dauer austricksen können?
Gallmetzer: Das weiß ich nicht. Ich war immer von einer verzweifelten Lebensgier getrieben, bewegte mich seit meiner Jugend zwischen Exzess und Weltschmerz. Irgendwie habe ich mich immer wie eine Fliege gefühlt, die auf die heiße Glühbirne, ins Licht, in die Hitze drängt, wohlwissend, dass sie dabei auch verbrennen wird.

Das Buch

"Süchtig“ - Lorenz Gallmetzer, Verlag Kremayr & Scheriau, 192 Seiten, 22 Euro.
Ohne Pathos und mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Gallmetzer zwölf dramatische Schicksale - es sind die Abhängigkeits-Biografien seiner Mitpatienten in der Suchtklinik des Anton Proksch Instituts. Mit 63 Jahren hatte sich der ORF-Journalist auf einen stationären Entzug begeben, weil er an einem Punkt angekommen war, "wo ich mir selbst nicht mehr zu helfen wusste“. Gallmetzer ist somit nicht nur Autor, sondern auch Betroffener: Sachlich und detailreich schildert er seine jahrzehntelange Zwangsliaison mit dem Suchtmittel Alkohol. Das Buch enhält auch ein langes Gespräch mit dem Leiter des Anton Proksch Instituts, Michael Musalek, dem Erfinder der "Orpheus-Therapie“, der es als seine vordringliche Aufgabe sieht, den Umgang mit Alkohol "nicht zu verdammen oder zu verbieten, sondern zu kultivieren“.

Mitarbeit: Julia Pfleger