Wiener Festwochen: Frie Leysen übt herbe Kritik

Wiener Festwochen: Frie Leysen übt herbe Kritik

Frie Leysen , scheidende Schauspieldirektorin der Festwochen, erläutert die Gründe für ihren verfrühten Abgang - und rechnet mit Struktur und Geschäftsführung des Festivals ab.

Warum ich die Wiener Festwochen verlasse

Offener Brief an Dr. Rudolf Scholten, den Aufsichtsratsvorsitzenden

Die Wiener Festwochen 2014 waren ein enormer Erfolg: Die Qualität des künstlerischen Programms war sehr hoch, die Publikumsresonanz unerwartet stark von extremer Neugier und Abenteuerlust geprägt, die Reaktion der in- und ausländischen Presse enthusiastisch. Es mutet seltsam an, die Festwochen nach einer so gelungenen Spielzeit zu verlassen, und es ist mir wichtig, meine Gründe für diese Entscheidung darzulegen, die ich bereits im September 2013 getroffen habe.

Die Wiener Festwochen zählen zu den größten und angesehensten Kunstfestivals weltweit. Sie sind in Europa auch eines der reichsten, ihre Möglichkeiten sind gewaltig. Die Festwochen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, zur gleichen Zeit wie das Edinburgh Festival, das Festival d’Avignon und das Holland Festival. Sie alle verfolgten das Ziel, den kulturellen Austausch in Europa zu intensivieren - und sie alle leiden inzwischen unter dem Verlust ihrer künstlerischen Bedeutung: Sie haben Rost angesetzt, den Anschluss verloren, sind zu Relikten der Vergangenheit geworden, die sich zwischen ihrem künstlerischen Auftrag und ihrer Rolle als Marketinginstrumente der Stadt aufgerieben haben. Kaum einem dieser Festivals ist es gelungen, mit der Entwicklung Schritt zu halten, es gelang ihnen nicht, frisch und für Neuerungen offen zu bleiben; eine seltene Ausnahme stellte das Festival von Avignon unter der bis 2013 agierenden Leitung von Vincent Baudriller und Hortense Archambault dar, die zeigten, wie sich ein zeitgenössisches Projekt neu erfinden und seine künstlerische Vision unter Wahrung der Identität erneuern kann.

Um nach Jahrzehnten relevant zu sein, muss sich ein künstlerisches Projekt ständig selbst in Frage stellen und seine Arbeitsweisen hinterfragen. Es bedarf einer klaren Vision, seine Struktur und Organisation müssen anpassbar und flexibel sein, um diesen in stetigem Wandel begriffenen Zielen zu entsprechen. In dieser Hinsicht versagen die Wiener Festwochen meiner Ansicht nach völlig.

Das Fehlen einer Vision

Nach mehreren Monaten ständigen Konflikts bei der Vorbereitung der letzten Spielzeit der Festwochen stellte ich fest, dass das Hauptproblem des Festivals das grundlegende Fehlen einer Vision ist. Nie gab es im künstlerischen Leitungsteam eine Grundsatzdiskussion und ein Nachdenken darüber, was ein Festival heutzutage bedeuten könnte oder sollte - für die Künste, die Künstler, das Publikum und die Gesellschaft, auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene.

Die Wiener Festwochen sollten eine klare Vision für die Gegenwart und die kommenden Jahre entwickeln und diese mit allen Mitarbeitern und anderen Beteiligten wie den öffentlichen Geldgebern teilen. Sie sollte die Triebkraft aller Mitarbeiter und Partner sein, den Zement bilden, der das Projekt zusammenhält, und die von allen geteilten Ziele vorgeben. Diese Vision sollte dann in eine klare künstlerische Ausrichtung sowie eine flexible und effiziente Arbeitsstruktur übertragen werden.

Leider fanden diese Grundsatzdebatten während meiner Arbeit für die Festwochen nie statt, und so gewann ich das unangenehme Gefühl, dass sie von den Führungsgremien des Projekts nicht gewünscht werden. Da die künstlerischen Entscheidungsträger keine solche gemeinsame Überzeugung, Vision, Haltung und Ausrichtung teilen, können natürlich auch das Team und die Projektpartner von einer solchen Vision nicht inspiriert werden.

Das Fehlen einer klaren künstlerischen Vision für die Festwochen wirft entscheidende Fragen auf, die unbehandelt bleiben: Welche Art künstlerischer Arbeit sollte das Festival produzieren oder koproduzieren, welche Künstler sollte es unterstützen? Beteiligt es sich nur an der Zusammenarbeit mit großen, reichen Häusern, Festivals oder Produzenten - oder kann es auch eine wichtigere Rolle für jüngere, talentierte, unabhängige Künstler und Truppen spielen. Welche Künstler sollten präsentiert werden? Die anerkannten Namen oder die nächste, oft unbekannte Generation? Wie kann das Festival hier eine Balance finden und danach trachten, die wichtigsten und relevantesten Künstler von heute zu präsentieren, einschließlich der großen Namen von morgen?

Dabei darf nicht vergessen werden, dass ein großer Name nicht immer große Kunst produziert - und umgekehrt. Und welches Publikum möchte das Festival anziehen? Wie kann eine geeignete Preis- und Eintrittskartenstrategie erstellt werden, um ein vielfältigeres Publikum zu erreichen?

Ungeeignete Arbeitsstrukturen

Die gemeinsame Leitung des Geschäftsführers und des Intendanten, die jüngst gleichrangig bestellt wurden, ist problematisch. Die Begrenzung der Amtszeit des Intendanten auf drei oder fünf Jahre ist ebenfalls ungünstig. Im Führungsteam wird somit nur durch den Geschäftsführer Kontinuität gewahrt. Bislang kümmerte sich der Intendant nicht wirklich um die Geschäftsgebarung der Festwochen, doch ich meine, dass die künstlerischen und geschäftlichen Aspekte eines Festivals untrennbar miteinander verknüpft sind.

Die Geschäftsführung der Wiener Festwochen, wie ich sie erlebt habe, ist ein feudalistisches System, das nach der Devise "Divide et impera“ verfährt, mit einem sehr geringen Ausmaß an Loyalität und wenig Interesse für Künste und Künstler. Ich glaube, dass die Geschäftsgebarung eines Kunstprojekts die Werte widerspiegeln sollte, die das Projekt verteidigen möchte. Die Arbeitsstruktur sollte den Charakter einer Organisation zum Ausdruck bringen. Das bedeutet, dass ein Festival von einem Intendanten geleitet werden sollte, der sowohl die künstlerische als auch die geschäftliche Verantwortung trägt. Dieser Generalintendant wird für eine begrenzte Amtszeit bestellt und engagiert seinen Verwaltungsdirektor, der für dieselbe Amtszeit unter seiner Führung agiert.

Zudem wurde meine Arbeit als Schauspieldirektorin der Festwochen durch einen strukturellen Widerspruch extrem erschwert: Mit etwa 70 Prozent des Programms betraut zu sein, ohne finanzielle und organisatorische Fragen, den Arbeitsstil oder die Organisation der internen Kommunikation mitbestimmen zu können, macht es unmöglich, verantwortungsbewusst und konstruktiv zu arbeiten. Schließlich ist der Umstand, dass die Wiener Festwochen als subventionierte Veranstaltung das MuseumsQuartier, eine gewinnorientierte Organisation, als hundertprozentige Tochtergesellschaft betreiben, problematisch. Wessen Interessen genießen Vorrang?

Die Mängel des Festwochen-Managements haben auf mehreren Ebenen unmittelbare Auswirkungen auf das Team des Festivals. Es gibt kein aktuelles Organigramm mit einer klaren Darstellung der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Die Mitarbeiter des Festivals werden nicht dazu angeregt, in einer Matrixstruktur zu arbeiten; der Informationsaustausch und die Zusammenarbeit unter den Mitgliedern verschiedener Teams, ja sogar innerhalb eines Teams, sind äußerst beschränkt. Auch die zur Organisation des Festivals eingesetzten Instrumente sind unzulänglich, trotz des Vorhandenseins von zwei IT-Mitarbeitern im Team: keine gemeinsame Nutzung von Dateien und Datenbanken, jeder Mitarbeiter hat seine eigenen Dossiers und Kontaktlisten.

Statt einer gut geplanten Belegschaftspolitik zu entsprechen, die kompetent über Einstellung und/oder Entlassung von Teammitgliedern entscheide, sind diese Entschlüsse oft bloß Ergebnisse von politischem Druck und privaten Interessen. Infolgedessen bilden Teammitglieder ihren eigenen Staat innerhalb des Staates. Die Sachkenntnis der Belegschaft ist ungleich verteilt, mangelnde Kompetenz wird durch die Anstellung weiterer Leute gelöst, was zu Doppelbesetzungen führt, sodass das Team - im Vergleich zu anderen Kunstprojekten - viel zu groß und das Arbeitspensum der einzelnen Mitglieder zu gering ist. Die Struktur ist aus dem Gleichgewicht geraten: Zu viele Leute arbeiten in Kundendienstabteilungen, zu wenige Leute arbeiten an Inhalten. Viele Mitarbeiter sind seit vielen Jahren für die Wiener Festwochen tätig und haben dadurch wichtige Erfahrung und Spezialwissen gesammelt, doch aufgrund des Fehlens einer aktiven Belegschaftspolitik werden diese Vorteile häufig durch einen Arbeitsstil aufgehoben, der antiquiert und unflexibel erscheint und sich nicht wirklich an den Kunstschaffenden und ihren Bedürfnissen orientiert.

Budget und Zusammenarbeit

Die Wiener Festwochen verfügen über ein gigantisches Budget. Doch es muss gesagt werden, dass lediglich fünf Millionen Euro des Gesamtetats von 13 Millionen Euro für das Kerngeschäft aufgewendet werden: die Produktion, Koproduktion und Präsentation künstlerischer Projekte.

Ein enormes Budget bedeutet auch enorme Verantwortung. Da der Großteil dieses Budgets aus öffentlichen Geldern besteht, muss dieser Verantwortung sowohl seitens des Geschäftsführers als auch seitens des Intendanten ein hoher Stellenwert zukommen. Leider gibt es hinsichtlich der finanziellen Prioritäten nicht genügend Zusammenarbeit oder Diskussion. Die Erstellung des Budgets und die Art, in der finanzielle Entscheidungen getroffen werden, sind nicht transparent.

Als Ausländerin, die das Festival in Diskussionen mit Partnern im Kunstleben Wiens vertritt, habe ich das unerfreuliche Gefühl gewonnen, dass die Wiener Festwochen als Melkkuh des Wiener Kultursektors gesehen werden. Das ist teilweise auf das hohe Budget des Festivals zurückzuführen, ist aber auch ein Ergebnis der fehlenden echten Partnerschaften mit anderen Kunstinstitutionen der Stadt. Ein bedauernswerter Mangel an gemeinsamen Überlegungen zur Kulturpolitik für die Stadt, zu den Inhalten, zur echten Zusammenarbeit ist feststellbar. Als einer der Hauptakteure der Wiener Kulturszene könnten die Festwochen als Motor fungieren, der die Partner zusammenführt.

Schlussfolgerung

Die Wiener Festwochen verfolgen das erklärte Ziel, in der laufenden Entwicklung der internationalen Gegenwartskunstszene eine wichtige Rolle zu spielen. In Anbetracht der Geschichte des Festivals, seines Rufs, seines Publikums und seiner finanziellen Mittel verfügt das Festival über das Potenzial, beispielhaft zu zeigen, wie ein großes europäisches Kunstprojekt heute funktionieren kann. Um jedoch heute und in Zukunft maßgeblich mitzuwirken, müssen die Festwochen dringend ihre Vision und ihre Struktur überdenken. Sie müssen die Kuschelecke etablierter Bahnen des Denkens und Handelns verlassen.

Es hätte ein starker Moment der gemeinsamen Neuerfindung gewesen sein können.

Mit besten Empfehlungen

Frie Leysen mit Max-Philip Aschenbrenner
(Dramaturgie)

Frie Leysen, 64,
machte sich ab 1994 als Gründerin des belgischen Kunstenfestival des Arts einen Namen. Die international gefragte Kuratorin und Spezialistin für innovative Theater- und Performance-Spielarten kündigte als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen infolge inhaltlicher und budgetärer Konflikte mit Geschäftsführung und Intendanz ihre Mitarbeit nach nur einer Saison auf.