Lügen über Stalingrad

Geheime Protokolle aus Moskau belegen, dass es in der Schlacht um Stalingrad weder „Helden“ noch „Feiglinge“ gab. Sondern nur Menschen, die ums Überleben kämpften. Auf beiden Seiten.

„Lügen werden die und alles totschweigen! Wenn ihr heimkommt, hinausbrüllen müsst ihr die Wahrheit, damit es alle erfahren!“ Diesen Aufschrei eines Verwundeten im Schlachtkessel von Stalingrad nahm der österreichische Wehrmachtssoldat Friedrich Weiss als Auftrag. Ende der 1950er-Jahre erschien sein Roman „Hunde, wollt ihr ewig leben“. Der Untergang von Hitlers Sechster Armee war darin als „verfluchter Krieg“ mit all seinen dreckigen Seiten gezeichnet, der Autor verbarg sich unter dem Pseudonym Fritz Wöss. Er fürchtete die Rache derer, die weiter am Mythos vom deutschen Opfergang strickten.

Am „Heldenepos von Stalingrad“ war schon während der grausamen Kämpfe 1942/43 in Joseph Goebbels' Ministerium gearbeitet worden. Feldpostbriefe wurden gesammelt und gefällige Niederschriften von Stalingradkämpfern, die das Glück gehabt hatten, rechtzeitig ausgeflogen worden zu sein. Hitlers Propagandachef verbot die Veröffentlichung dennoch mit dem Vermerk „für das deutsche Volkunbrauchbar“. Zu viel Realismus und zu wenig Pathos.

Auch die Sowjetunion ließ in Stalingrad Material über den „Großen Vaterländischen Krieg“ sammeln. Historiker aus Moskau fuhren Ende Dezember 1942 in staatlichem Auftrag in die eingekesselte Stadt und protokollierten ihre Gespräche mit einfachen Rotarmisten, Offizieren, Politkommissaren, Arbeitern, Frauen wie Männern. Erstaunlich offen und ungeschminkt berichteten die Befragten von ihren Ängsten, ihrem Überlebenskampf, Stärken und Schwächen ihrer unmittelbaren Vorgesetzten, von gefeierten „Helden“ und der Erschießung von „Feiglingen“ ...

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