Abtreibungsland Österreich: Wie Politik
und Kirche Prävention verhindern

Österreich zählt zu den Top-Abtreibungsländern in Europa – nach Russland und Rumänien. Grund: oft erschreckendes Unwissen aufgrund mangelnder Aufklärung, kein freier Zugang zu Verhütungsmitteln – und eine Geheimniskrämerei, die aus dem katholischen Background stammt.

Sabine K., 38, hat fünfmal abgetrieben, das erste Mal mit 17. Es war jedes Mal „ein traumatisches Erlebnis“. Aktivisten vor der Abtreibungsambulanz am Wiener Fleischmarkt beschimpften sie als „Mörderin“, der Vorgang selbst war „unwürdig“. „Wie im Schlachthaus“, fügt eine ihrer Freundinnen hinzu, die vor 20 Jahren ebenfalls am Fleischmarkt abgetrieben hat. Damals war das Ambulatorium aufgrund seiner Quasimonopolstellung und des Abtreibungstourismus aus den Bundesländern stark überlastet. Es gab keine psychologische Betreuung, nur ein paar Erklärungen zur Verhütung. „80 Prozent der Frauen, die ich kenne, haben abgetrieben“, sagt die Freundin.

Österreich gehört mit seriös geschätzten 30.000 bis 40.000 Schwangerschaftsabbrüchen im Jahr zu den Top-Abtreibungsländern in Europa – nach Russland und Rumänien, etwa gleichauf mit Ungarn und Bulgarien. Umgerechnet auf 1000 Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 44 Jahre), wie international üblich, kommt Russland auf 45, Rumänien auf 31, Bulgarien und Ungarn auf 22 Abtreibungen im Jahr. Österreich liegt mit jährlichen 17 bis 23 Aborten pro 1000 gebärfähige Frauen etwa am unteren Rand der ehemaligen Ostblockstaaten. Nahezu alle westeuropäischen Länder schneiden deutlich besser ab, mit den Spitzenreitern Schweiz (6,5), Deutschland (8), Belgien (8), und Niederlande (8,5).

Da Abtreibungen in Österreich nicht meldepflichtig sind und auch nicht von der Kasse bezahlt werden, existieren keine amtlichen Zahlen. Die Experten sind daher auf Schätzungen angewiesen, die mal seriöser, mal weniger seriös sein können. Genannt wurden Zahlen zwischen 16.000 und 100.000. Aber die seriöseste Schätzung, die auch von anderen in dem Bereich tätigen Medizinern für realistisch gehalten wird, stammt von dem Wiener Gynäkologen Christian Fiala, Ärztlicher Leiter der Abtreibungsklinik Gynmed am äußeren Mariahilfer Gürtel. Er kennt die Situation in Österreich wie kaum ein anderer.

Fiala hat nicht nur eine Ausbildung zum Allgemeinmediziner und ein Fachstudium der Frauenheilkunde und Geburtshilfe absolviert, sondern zusätzlich in Schweden ein Doktoratsstudium speziell zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Seit 25 Jahren sammelt er im In- und Ausland Daten, besucht Kongresse und diskutiert mit Experten in verschiedenen Ländern. Er verfügt über ein umfassendes Archiv zum Thema, einschließlich zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen.

Sein Befund: „In Österreich gibt es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern viel zu viele Abtreibungen.“ Wesentlicher Grund laut Fiala: zu wenig bis gar keine Prävention. Dazu gehöre ein offener Umgang mit dem Thema, umfassende Sexualaufklärung, Verhütungskurse in den Schulen, Verhütungsmittel und Abtreibung auf Kassenkosten. „In Ländern wie der Schweiz, Holland, Belgien, Deutschland oder Finnland, wo solche Maßnahmen selbstverständlich sind, gibt es viel weniger Abtreibungen als in Österreich“, sagt Fiala.

Und er sagt noch etwas anderes, Provokantes: „Die katholische Kirche fördert indirekt Abtreibungen, indem sie die Prävention verhindert.“ Fiala hat dafür ein konkretes Beispiel parat. Er betreibt am Standort seines Ambulatoriums auch ein Verhütungsmuseum, das aufgeschlossene Lehrer im Rahmen des Sexualkundeunterrichts mit ihren Schulklassen besuchen können. Allein im vergangenen Juni zählte die Ausstellung 32 Schulklassen. Einmal wagte eine Lehrerin der katholischen Privatschule Sacre Coer in Pressbaum bei Wien, mit ihren Schülern das Museum zu besuchen. Es gab einen Skandal. Seither kommen keine Schüler aus katholischen Privatschulen mehr.

Geschlechtsverkehr. Was hätten die Jugendlichen Verbotenes sehen können? Die Magnetresonanz-Aufnahme eines Geschlechtsverkehrs, ein medizindiagnostisches Filmchen. Darüber hinaus sehr viel Lehrreiches: Anhand von Schaubildern, Texten und ausgestellten Gegenständen führt das Museum durch die Geschichte der Verhütung und der Abtreibung. Unter anderem zeigt es ­einen Küchentisch im Stil der fünfziger Jahre, darauf eine Stricknadel, um zu veranschaulichen, unter welchen Bedingungen illegale Abtreibungen vor der Fristenlösung vielfach stattgefunden haben und wahrscheinlich heute noch in vielen Ländern stattfinden. Und es zeigt die Kopie eines Dokuments, ausgestellt am 8. Dezember 1944 in Berlin, das die Hinrichtung einer „Engelmacherin“ in Wien genehmigte.

Fördert die Kirche durch ihren restriktiven Umgang mit der Sexualität tatsächlich Abtreibungen, wie Fiala meint? Dass hierzulande nach wie vor viele Menschen Probleme haben, mit Fragen der Sexualität oder etwa Verhütung offen umzugehen, wurzelt zweifellos im katholischen Background des Landes. Aber liberalere Strömungen gab und gibt es auch in der Kirche. 1968 versuchten die österreichischen Bischöfe unter Kardinal Franz König, den Verbotspassus über den Gebrauch der Pille in der päpstlichen Enzyklika „Humanae vitae“ aufzuweichen. In ihrer „Mariatroster Erklärung“ bauten sie ein Hintertürchen ein, auch um Spielraum für die pastorale Vermittlung der Bestimmung zu gewinnen. 20 Jahre später, im März 1988, veröffentlichten die Bischöfe unter Kardinal Hans Hermann Groer anlässlich des bevorstehenden Besuchs von Papst Johannes Paul II. einen deutlichen Widerruf der Mariatroster Erklärung. Zu den entschiedensten Korrektoren gehörte übrigens Kurt Krenn, damals Weihbischof in Wien.

Der Vorgang zeigt, dass manche Amtsträger mit der Absolutheit, mit der Rom jegliche künstliche Verhütung ablehnt, ihre Not haben. Möglicherweise stellt sich auch für sie die Frage, was in der Praxis zielführender ist: durch verbesserte Prävention die Abtreibungsziffern zu senken oder unter dem Dogma vom Schutz des Lebens ohne Wenn und Aber mehr Abtreibungen in Kauf zu nehmen. Dieser Gegensatz zwischen katholischen Realos und katholischen Fundis schwelt bis heute. Die Amtskirche steht freilich auf dem Boden der päpstlichen Enzykliken, die den absoluten Schutz des menschlichen Lebens ebenso fordern wie das Verbot künstlicher Verhütung. Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn formuliert es nur nicht so radikal wie der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, dessen Vergleich von Abtreibungen mit dem Holocaust den BZÖ-Nationalratsabgeordneten Ewald Stadler Anfang September zur Nachahmung animierte.

Doch in vielen Pfarren und in katholischen Laienorganisationen herrscht nicht mehr der strafende, sondern der verständnisvolle, helfende Gott. „Im Beichtstuhl wird kein Pfarrer mehr sagen, du darfst die Pille nicht nehmen“, erklärt der Innsbrucker Gynäkologe Georg Soier-Niederreiter.
So viel Realismus missfällt den katholischen Fundis, die etwa der Caritas vorwerfen, sie unterstütze Frauen bei Abtreibungen. Die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauenbewegung, Margit Hauft, trete aktiv für die Fristenlösung ein, behauptet beispielsweise der pensionierte Psychologe Josef Preßlmayer, der seit Wochen vor der Apostolischen Nuntiatur in der Wiener Theresianumgasse demonstriert, um durch Hungerstreiks, Schautafeln und Plastikembryos auf die von ihm behaupteten Umstände aufmerksam zu machen.

Es sind die gleichen Utensilien, wie sie radikale Abtreibungsgegner vor den einschlägigen Kliniken verwenden. Auf gewollt verstörende Weise attackieren sie Frauen, welche die Institute aufsuchen, mit Rufen wie „Mörderin“ oder „Töten ist Sünde“. Die pensionierte Wiener Schauspielerin Evelyn Frick, die das selbst einmal erlebt hat, sagt: „Es ist eh schon grauenhaft und wird noch grauenhafter durch die Belästigung.“ Aufgrund von Dauerprotesten radikaler Abtreibungsgegner musste eine Klinik im zweiten Wiener Gemeindebezirk bereits zusperren. Aber viel stärker als die verhältnismäßig kleine Schar von Demonstranten ist der Einfluss ihrer stillen Gesinnungsgenossen im Hintergrund. Sie sitzen in Parteien, Ministerien, Schulverwaltungen, Schulen, katholischen Organisationen und wirken auch beim Zustandekommen von Gesetzen mit.

Eklatantes Beispiel dafür ist die „Pille danach“, die in Österreich im Gegensatz zu fast allen westeuropäischen Ländern rezeptpflichtig ist. Der Oberste Sanitätsrat hatte die Frage Rezeptpflicht oder nicht im Jahr 2005 noch unter der ÖVP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat beraten. Zu diesem Zweck eingeholte Expertengutachten sprachen sich für die Freigabe aus. Begründung: Das Medikament sei keine Abtreibungspille, der Wirkstoff ungefährlich, daher sei die rezeptfreie Abgabe in Apotheken aus medizinischer Sicht vertretbar, vor allem, weil es oft um Notfälle zur Nachtzeit oder am Wochenende gehe.

Geschlechtshormon. Die Pille danach enthält das weibliche Geschlechtshormon Gestagen in geringer Dosierung, das nach neueren Untersuchungen bei rechtzeitiger postkoitaler Einnahme nur den Eisprung verhindert. Früher nahm man an, es verhindere auch die Einnistung eines bereits befruchteten Eies, womit breite katholische Kreise ein Problem haben, darunter auch die in Verhütungsfragen aufgeschlossene „Aktion Leben“, weil sie darin eine Abtreibung erkennen. Das konnte nicht ohne Auswirkungen auf das ÖVP-geführte Gesundheitsministerium bleiben. Der Vertreter des Ministeriums im Obersten Sanitätsrat, Sektionschef Robert Schlögel, sprach sich auch prompt gegen die Freigabe aus. Nachdem klar war, dass die Rezeptfreiheit für die ÖVP politisch nicht durchsetzbar war, fand der Oberste Sanitätsrat unter seinem Vorsitzenden, dem Chirurgen Ernst Wolner, eine salomonische Lösung.

Es existiert nämlich im österreichischen Apothekengesetz ein Notfallparagraf, der bestimmt, dass Apotheker bei Gefahr in Verzug rezeptpflichtige Medikamente auch ohne Vorlage einer ärztlichen Verordnung abgeben dürfen. Über Wolners Intervention verfasste das Gesundheitsministerium ein Rundschreiben an die Apotheker, um auf den entsprechenden Passus hinzuweisen. „So haben wir die Sache politisch umschifft“, berichtet Wolner. Die Krux ist: In der Praxis funktioniert das oft nicht. Viele Apotheker weisen Frauen mit der Aufforderung ab, eine Spitalsambulanz aufzusuchen oder sich ein Rezept bei ihrem Arzt zu holen.
Für den Gynäkologen Christian Fiala ist dies ein unhaltbarer Zustand, weil nach seiner Ansicht nur ein freier Zugang zu Verhütungsmitteln, möglichst rund um die Uhr und ohne jede Hürde, also auf Kassenkosten, die Zahl ungewollter Schwangerschaften senken könne – und damit in der Folge die Zahl der Abtreibungen. Anne-Marie Rey, Schweizer Expertin für Schwangerschaftsabbruch und Vorkämpferin für die (erst 2002 in Kraft getretene) Fristenlösung in der Schweiz, verweist dagegen auf Länder, in denen das nicht so sein muss, wie etwa Schweden, wo die Abtreibungsrate trotz umfassender Prävention hoch ist (20 pro 1000 gebärfähige Frauen).
Fiala und andere Experten führen das auf die traditionell geringe Akzeptanz hormoneller Verhütungsmethoden in Schweden zurück. Auch andere Länder haben ihre Eigenheiten: Italien hat eine relativ niedrige ­Abtreibungsrate, allerdings bei hohen Dunkelziffern. Noch höher sind die Dunkelziffern im katholischen Irland. Jedenfalls verzeichnen England und Wales jährlich 7000 Aborte, die an Abtreibungstouristinnen aus Irland vorgenommen werden. Der Villacher Gynäkologe Dietmar Pacher hält nicht nur Fialas Argumente für zutreffend, sondern auch dessen Zahlenschätzung für durchaus realistisch: „Fiala hat die meiste Erfahrung.“

Pacher gehört zu jenen Gynäkologen, die kein Hehl daraus machen, dass sie auch Schwangerschaftsabbrüche durchführen. „Aber es gibt viele, die es nicht offiziell machen, und daher eine hohe Dunkelziffer“, sagt der Frauenarzt. Etliche Gynäkologen würden ihre Abtreibungspraxis auf ihre angestammte Klientel beschränken, auch weil es oft um besondere Verschwiegenheit geht. „Die Frau geht fremd, der Mann darf nix wissen“, sagt Pacher. Aber es gibt offenbar noch einen anderen Grund, warum Gynäkologen ihre Abtreibungspraxis im Geheimen betreiben: „Immer wieder höre ich von Frauen, dass sie keine Quittung bekommen, möglicherweise aus steuerlichen Gründen“, berichtet Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Grazer Frauengesundheitszentrums.

Mangelnde Information. Wie Fiala fordert auch Groth eine kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln und wie in vielen anderen Ländern die rezeptfreie Abgabe der Pille danach. Und für ebenso wichtig hält sie eine offene und umfassende Information, „denn wenn Frauen und Mädchen nicht ausreichend informiert sind, kommt Leid zustande“, sagt Groth. Aber genau diese offene ­Information gebe es nicht. Als das Grazer Frauengesundheitszentrum in Zusammenarbeit mit dem Frauenreferat der Stadt Graz Material für seine mittlerweile fertig gestellte Broschüre „Ungewollt schwanger“ sammeln wollte, stießen die Rechercheure auf Schwierigkeiten: Auf der Website der steiermärkischen Krankenhausholding KAGES existiert der Begriff „Schwangerschaftsabbruch“ nicht, insgesamt fand das Team nur zwei Gynäkologen, die im Zusammenhang mit Abtreibung in dem Heft aufscheinen wollten. „Es gibt starke Tendenzen, alles unter der Decke zu halten. So wird es Frauen schwer gemacht, ihren Weg zu wählen, mit oder ohne Kind oder weiteres Kind. Das ist aber ihr Recht“, sagt Groth.

In den meisten öffentlichen Spitälern werden keine Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, selbst in Wien wird der Zustrom auf besondere Weise gebremst. Um ihre begrenzten Ressourcen zu schonen, ­verlangen jene vier Wiener Spitäler, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen (SMZ Süd, Rudolfstiftung, Krankenhaus Hietzing und Semmelweis-Klinik), von abtreibungswilligen Frauen eine Beratungsbescheinigung von einer Familienberatungsstelle als Vorbedingung für den Eingriff. „Das eigentliche Problem ist, dass wir mit der Fristenlösung einen liberalen Paragrafen haben, aber wenig Möglichkeiten der Durchführung“, sagt Mariam Irene Tazi-Preve, Politologin an der Universität Wien. „Bei uns ist das ein bisschen wie ein illegaler Zustand.“

Musterland. Die Schweiz, welche die Fristenlösung erst nach einer Volksabstimmung im Jahr 2002 eingeführt hat, ist in dieser Hinsicht sehr viel weiter. Sie gilt heute unter Experten als Musterbeispiel für einen Staat, dem es durch umfassende Maßnahmen gelungen ist, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nachhaltig zu senken. Mit einer Abtreibungsquote von 6,5 pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter (Österreich laut Fiala: 17 bis 23) verzeichnen die Eidgenossen eine der niedrigsten Abortraten der Welt und haben damit den langjährigen Spitzenreiter Niederlande abgelöst.

Dort ist die Zahl der Abtreibungen in den vergangenen zehn Jahren wieder leicht gestiegen, vorwiegend aufgrund zahlreicher Einwanderer. Auch die Schweiz verzeichnet bei Einwanderern drei- bis fünfmal so hohe Abtreibungsraten wie bei gebürtigen Schweizern. Anne-Marie Rey von der Arbeitsgruppe von Fachleuten im Bereich Schwangerschaftsabbruch und Kontrazeption (APAC-Suisse) führt den Spitzenplatz der Schweiz auf einen weitgehend offenen Umgang mit dem Problem zurück. Die Aufklärung in den Schulen wird vielfach von eigens geschulten Sexualpädagogen durchgeführt und auch in Frauen- und Jugendzeitschriften thematisiert. Schwangerschaftsabbrüche werden vorwiegend in Spitälern und auf Kassenkosten vorgenommen, „nur die Verhütung gibt es außer für Sozialhilfeempfänger leider nicht auf Kasse“, sagt Rey. In den Niederlanden hingegen werden auch Verhütungsmittel von der Kasse bezahlt.

Verhütung. Auch in Deutschland, wo die Abtreibungsrate kaum halb so hoch ist wie in Österreich, werden Verhütungsmittel wie die Pille oder das so genannte Implanon bis zum 20. Lebensjahr von der Kasse bezahlt. Das Implanon ist ein mit Hormonen angereichertes dünnes Plastikstäbchen, das unter die Haut implantiert wird. Es verhütet für die Dauer von drei Jahren zuverlässig eine Schwangerschaft. Abtreibungen sind wie in den meisten europäischen Ländern meldepflichtig, die Kosten werden von den Sozialämtern übernommen, wenn das eigene Nettoeinkommen der Frau unter 1000 Euro liegt. In norwegischen Schulen werden Verhütungsmittel gratis verteilt.

In Österreich scheint das noch immer undenkbar. Umfassende Sexualaufklärung betreiben nur wenige engagierte Biologielehrer, in AHS eher als in Hauptschulen. Bettina Weidinger vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik berichtet von einer Fülle von Sexualmythen, die unter Jugendlichen kursieren. So etwa, dass man beim ersten Mal nicht schwanger werden könne oder dass das Urinieren nach dem Verkehr die Samenfäden wieder aus der Scheide spüle. „Die Unwissenheit von Jugendlichen ist erschreckend“, konstatiert auch der Villacher Gynäkologe Pacher.

Entsprechend oft kommt es zu ungewollten Schwangerschaften. Zumeist geht es um Verhütungsunfälle vielfältiger Art: die Pille nicht vertragen, auf die Einnahme vergessen; trotz Kondom schwanger geworden; dem Gynäkologen vertraut, der sagte, dass keine natürlich herbeigeführte Schwangerschaft möglich sei. Jede Erzählung ist anders. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: dass sich die meisten Männer abputzten, dass ­alles an der Frau hängen bleibe; dass, wer abgetrieben hat, bis heute unter Schuldgefühlen leide, etwas Abgründiges, Böses getan zu haben. Im Leben vieler Frauen war Sexualität stets von Heimlichkeit, Verstecken und Schweigen umhüllt, „viele trauen sich bis heute nicht, ein Kondom zu kaufen“, sagt K.’s Freundin.

Und das Schweigen dauert an: Nur nicht aufrütteln, lautet die Devise. Nach einer kurzen Aufwallung anlässlich der 30-Jahr-Feier der Abtreibungsklinik am Fleischmarkt Anfang September zeigen weder Parteien noch Kirchenvertreter ein gesteigertes ­Interesse, darüber zu reden. Das Thema ­Abtreibung soll dort bleiben, wo es offenbar hingehört: unter dem Mantel des Schweigens.

Mitarbeit: Tina Goebel