Jakob von Uexküll: „Diese Leute sind verrückt”

Jakob von Uexküll, Gründer des Alternativen Nobelpreises, über seine Briefmarkensammlung, schlaue Besitzstandswahrer und Weltverbesserer, die sich verzetteln.

Interview: Edith Meinhart

profil: Wem verdanken Sie die Briefmarkensammlung, die so wertvoll war, dass Sie damit den Alternativen Nobelpreis ins Leben rufen konnten?
Von Uexküll: Ich habe sie nicht geerbt, wie oft geschrieben wurde, sondern professionell mit Briefmarken gehandelt, weil das der Weg war, mich zu ernähren.

profil: Und dann haben Sie alles auf den Markt geworfen, um besondere Menschen auszuzeichnen?
Von Uexküll: Ein Preis bringt viel mehr als so eine Sammlung.

profil: Wenn man die Welt verbessern will, schon.
Von Uexküll: Eigentlich wollte ich Journalist werden wie mein Vater. Aber als mich der Chefredakteur der „Neuen Politik“, für die er schrieb, fragte, ob ich ihm helfen könnte, Geld für seine Zeitschrift zu sammeln, war klar, dass ich davon nicht leben kann.

profil: Deshalb handeln Sie heute noch mit Briefmarken?
Von Uexküll: Ja, ich habe mich auf arabische Postgeschichte spezialisiert. Ich hätte mich auf die chinesische verlegen sollen, dafür gibt es viel mehr Sammler.

profil: Konnte Ihr Vater vom Journalismus leben?
Von Uexküll: Er hat für die „Zeit“ und die „Welt“ geschrieben. Als Axel Springer nach Moskau fuhr, um Chruschtschow für die deutsche Wiedervereinigung zu gewinnen, und man ihm sagte, Chruschtschow verhandle darüber nicht mit einem Zeitungsbesitzer, mussten alle Springer-Blätter auf eine fanatisch ­antisowjetische Linie umschwenken. Mein Vater, der in der Friedensbewegung war, hat dann gekündigt.

profil: Die kritische Haltung scheint in der Familie zu liegen. Sie haben, weil Ihnen der Nobelpreis nicht gefiel, einen eigenen gegründet.
Von Uexküll: Ich habe der ­Nobelstiftung vorgeschlagen, einen Preis für Ökologie zu stiften. Einen Ökonomiepreis gab es schon, gestiftet von der schwedischen Reichsbank. Doch man hat abgelehnt, weil Alfred Nobel das nicht vorgesehen habe.

profil: Beim Ökonomie-Nobelpreis störte das offensichtlich nicht.
Von Uexküll: Das war kontroversiell. Die Familie Nobel, die keinen Einfluss auf die Stiftung hat, hat die Einführung eines Ökonomiepreises stark kritisiert. Das Seniormitglied der Familie war deshalb sogar eine Weile bei uns im Vorstand.

profil: Was geschah, nachdem Sie mit Ihrer Idee abgeblitzt waren?
Von Uexküll: Ich hatte so vielen Menschen von meinem Vorhaben erzählt, dass ich nicht umhinkonnte, den Preis zu gründen. Der Handel mit Briefmarken ist aber nicht so profitabel wie die Erfindung von Dynamit. Nach fünf Jahren fing das Geld an auszugehen, und ich musste Spender finden.

profil: Die ersten Preise wurden 1980 vergeben. Wie sah die Welt damals für Sie aus?
Von Uexküll: Ein großes Thema war die Gefahr der radioaktiven Strahlung. Die Ökologiefrage war schon aktuell, aber noch nicht so erschreckend dringlich. Die Welt war in Ost und West geteilt. Ich mietete ein Lokal und fand zwei Preisträger. In den Medien wurde spekuliert, ob es sich um ein KGB- oder ein CIA-Komplott handle, um den Nobelpreis zu diskreditieren.

profil: Wie ging die Spekulation aus?
Von Uexküll: Als ich im folgenden Jahr wiederkam, hatte man sich geeinigt, dass ich eine merkwürdige Einzelperson bin.

profil: Die Nobelstiftung war über die Publicity-Konkurrenz vermutlich nicht erfreut.
Von Uexküll: Der damalige Vorsitzende war nicht glücklich, aber er schrieb mir, der Preis sei wichtig. Sein Nachfolger war nicht so positiv und ärgerte sich, wenn Journalisten anfragten, wo sie die Preisträger kennen lernen könnten, weil sie dachten, der Alternative Nobelpreis gehöre zum Nobelpreis.

profil: Die ersten Preisträger haben Sie selbst ausgesucht. Wer waren sie?
Von Uexküll: Der Ägypter Hassan Fathy, der das Buch „Architecture for the Poor“ geschrieben hat. Statt Wellblechhütten, wo die Kleinkinder tagsüber an Hitze sterben und nachts erfrieren, entwarf er für die Armen traditionelle Lehmbauten und verband sie mit modernen wissenschaftlichen Kenntnissen. Der zweite war Stephen Gaskin, der in Tennessee die „Farm Community“ gegründet hatte, eine Kommune mit einem eigenen, international erfolgreichen Hilfsprogramm.

profil: Inzwischen hat es eine Jury übernommen, herausragende Figuren zu suchen. Wer fällt Ihnen als Erstes ein?
Von Uexküll: Wangari Maathai, Politikerin, Wissenschafterin und Umweltaktivistin aus Kenia, bekam 20 Jahre nach-dem sie unseren Preis bekommen hatte, den Friedensnobelpreis. Sie hat mich dann nach Oslo zur Preisverleihung eingeladen. Unser Preis hat sie geschützt, als die Regierung sie verfolgte. Wir wissen auch von anderen, dass der Preis Gefängnistüren geöffnet, Leben gerettet und sogar die Rückkehr eines Diktators verhindert hat.

profil: Erzählen Sie!
Von Uexküll: Der aus Paraguay geflohene Menschenrechtsanwalt Martín Almada kehrte nach dem Sturz der Diktatur zurück, fand die Archive der Geheimpolizei und brachte mehrere Folterer ins Gefängnis. Er sagte, der Preis habe ihm einen so hohen Status verliehen, dass Ex-General Alfredo Stroessner seinen Plan zurückzukehren aufgab, aus Angst, im Gefängnis zu landen.

profil: Ist Ihre Vision, mit dem Preis die Welt zu verändern, rückblickend aufgegangen?
Von Uexküll: Ja und nein. Die Arbeit macht Menschen, die etwas riskiert haben, über Landesgrenzen hinaus bekannt. Anderen, die auch etwas riskieren, gibt sie die Hoffnung, dass am Ende ihres Wegs vielleicht der Alternative Nobelpreis steht, nicht nur Gefahren oder Lächerlichmachung. Aber bis vor zehn Jahren glaubte ich, das Alternative werde der neue Mainstream. Das war ein Irrtum. Alte Strukturen sind schwer zu überwinden.

profil: Gingen Sie deshalb in die Politik?
Von Uexküll: Deshalb habe ich 2007 den World Future Council gegründet. Vorher war ich eine Periode lang für die Grünen im Europaparlament. Das hat mir geholfen zu verstehen, dass Anreize für Veränderungen oft von Gesetzen kommen. Die meisten Menschen sind keine Don Quichottes oder Dissidenten. Wenn sie etwas Gutes tun, wollen sie unterstützt werden. Wer etwas verändern will, muss also Gesetze ändern.

profil: Die Niederungen der Parteipolitik lagen Ihnen nicht. Täuscht der Eindruck?
Von Uexküll: Die deutschen Grünen waren sehr polarisiert, und ich hätte mich tief in die Parteiinnereien begeben müssen, entweder als Realo oder Fundi. Ohne über­heblich sein zu wollen: Ich hatte den Eindruck, dass ich von außen mehr bewirken kann.

profil: Das klingt nach „Politik, nein danke!“.
Von Uexküll: Nein, ich habe im Parlament viel gelernt, und ich bin ein öffentlich und politisch engagierter Mensch. Im alten Griechenland nannte man solche Leute „Polites“. Jene, die sich verweigerten, „Idiotes“. Heute gilt man als Idiot, wenn man in die Politik geht. Das halte ich für gefährlich.

profil: Das Vertrauen in Politiker ist gesunken. Wem vertrauen Sie noch?
Von Uexküll: Das ist das größte Problem, vor dem wir stehen: Die Menschen vertrauen ihren Regierungen nicht, die Regierungen vertrauen einander nicht. Mit Vertrauen aber können Sie fast alles, ohne Vertrauen nichts. Politik ist Leadership, die Bereitschaft voranzugehen.

profil: Welcher Name fällt Ihnen da ein?
Von Uexküll: Bundeskanzler Helmut Kohl führte den Euro gegen massive Widerstände ein. Nur verstand er als Nicht-Ökonom nicht, wie man diese Währung konzipieren muss. Er wurde von Ideologen hereingelegt, die sagten, der Staat müsse dem Markt unterworfen werden. Die Linken und Grünen verstehen leider gar nichts von Geldpolitik.

profil: Sie zeichnen Menschen aus, an denen sich andere aufrichten. Gibt es einen Politiker, den Sie bewundern?
Von Uexküll: Meine Helden sind unsere Preisträger. Das reicht mir. Die wenigsten machen ihr Leben lang etwas, für das ich sie bewundere. Gorbatschow hat die Welt vor dem Atomkrieg gerettet, danach eröffnete er Pizzerias.

profil: Als Obama Präsident wurde, spürte man die Sehnsucht nach Helden. Sind auch Sie ihr erlegen?
Von Uexküll: Ja, sicher. Doch man wird immer enttäuscht. Dass Obama ein Konsensmensch ist, begriffen die Leute erst, als er nach der Finanzkrise die Banken nicht zur Verantwortung zog. Wen man im Vergleich dazu bewundern kann, ist Franklin Roosevelt. Er hat gesagt: „Ich weiß, die Wall Street hasst mich. Ich begrüße ihren Hass!“ Wir haben keine Politiker, die das wagen.

profil: Unter den Menschen, die Sie vor den Vorhang holten, waren auch ein paar Ökonomen. Was zeichnete sie aus?
Von Uexküll: Dass sie alle den Nobelpreis verdient hätten, aber nicht in das herkömmliche Denken passten: der Chilene Manfred Max-Neef, Begründer der Barfuß-Ökonomie, der für ein Wirtschaftssystem kämpfte, das hilft, die Lebensbedigungen zu verbessern; der Österreicher Leopold Kohr, der vor Größenwahn warnte; der Amerikaner Herman Daly, Initiator der Steady-State- Theorie, einer Ökonomie, die ohne Wachstum funktioniert. Übrigens: Als Daly von der Weltbank an die Universität zurückkehrte, bekam er zu hören, er sei kein Ökonom, er glaube nicht an Wachstum. Entlassen konnte man ihn schlecht, deshalb versetzte man ihn in die Erdkundeabteilung.

profil: Waren Sie mit den Nobelpreisträgern immer einverstanden?
Von Uexküll: Es gab Physiker und Chemiker, die meinten, sie müssten über Relevanz nicht reden. Diese Elfenbeinturm-Wissenschaft sollte man nicht auszeichnen. Alfred Nobel schrieb in seinem Testament, der Preis sollte an jene gehen, die der Menschheit den größten Nutzen bringen. Er wollte gesellschaftliche und Zukunftsrelevanz, nicht nur wissenschaftliche Brillanz. Die Nobelstiftung folgt nicht seinem Willen.

profil: Hat Ihre Nebenveranstaltung den Nobelpreis verändert?
Von Uexküll: Den Friedensnobelpreis ja. Das ist ein politischer Preis, der in Norwegen vergeben wird. Da ist man flexibler. Die naturwissenschaftlichen Preise nicht. Es ist immer noch unvorstellbar, dass jemand, der nicht aus der modernen, westlichen Medizin kommt, einen Medizinnobelpreis bekommt, noch immer hat kein Solarenergieforscher den Physikpreis bekommen.

profil: In Amerika warnen Intellektuelle wie Richard Sennett und Saskia Sassen, die aktuellen Verwerfungen nur als Finanzkrise zu deuten. Wie sehen Sie das?
Von Uexküll: Es gibt eine Hierarchie der Gefahren und Risken. Auf einem Symposium in Liechtenstein sagte Lord Antony Giddens, der frühere Rektor der London School of Economics: Wenn wir so weitermachen, wird die Erde vor Ende dieses Jahrhunderts unbewohnbar so wie die Venus. Danach ging man zur Tagesordnung über.

profil: Mit einer Apokalypse, die nicht unmittelbar droht, scheint sich die Menschheit zu arrangieren.
Von Uexküll: Mein Sohn ist 16 Jahre alt. In seinen Schulbüchern in London steht, die Temperatur auf der Erde werde wahrscheinlich um fünf Grad steigen. Das ist unglaublich. Laut Studien überlebt bei einem Anstieg von sechs Grad weniger als ein Zehntel der Bevölkerung. Leider werden wir von Menschen regiert, die von Ökonomen beraten werden, die eindeutig verrückt sind.

profil: Verrückt?
Von Uexküll: Unser Preisträger Herman Daly untersuchte, was Ökonomen zum Klimawandel sagen. William Nordhaus, bekannter US-Ökonom, und Thomas Schelling, Nobelpreisträger, schrieben: Der Klimawandel betrifft vor allem den Agrarsektor. Dieser macht in einem Industrieland wie den USA drei Prozent des BIP aus. Wenn er um 50 Prozent einbricht, kann man diese 1,5 Prozent durch Wachstum in anderen Bereichen wettmachen. Wenn ich sage, diese Leute sind verrückt, ist das keine Kritik, sondern ein Statement of Fact.

profil: Reden wir auch kurz über Geld: Glauben Sie, dass es den Euro in fünf Jahren noch gibt?
Von Uexküll: Unbedingt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass europäische Politiker so wahnsinnig sind, alles zu riskieren, was sie seit dem Krieg aufgebaut haben. Das Problem ist, dass man den Euro falsch konzipiert hat. Man muss den Maastricht-Vertrag ändern: Es gibt keinen Grund, Privatbanken zu erlauben, neues Geld gegen Schulden zu schaffen. Wenn die Europäische Zentralbank Geld druckt, das für neue Leistungen eingesetzt wird, ist das nicht inflationär.

profil: Wie sehen die radikalen Umstellungen aus, die Sie fordern?
Von Uexküll: Wir entdecken gerade, dass wir nicht so reich sind, wie wir dachten, dass wir auf Kosten der Um- und Nachwelt gewirtschaftet haben und die Kosten jetzt fällig werden. Die Frage ist: Schaffen wir das, bevor die Natur kollabiert, auf der unsere Wirtschaft beruht?

profil: Die Rettung der Banken geht vor. Das findet sogar die Sozialdemokratie.
Von Uexküll: Heute sagen SPD-Politiker: Es war wie eine neue Religion, man hat uns was erzählt, wir haben es gemacht.

profil: In Ihren Reden beschwören Sie die Macht des Wandels von unten. Was kann der Einzelne bewirken?
Von Uexküll: Sehr viel. Doch wenn er sich nicht aktiv politisch engagiert, dann entmächtigt er sich. Das Hauptproblem ist, dass die Besitzstandswahrer viel von Konkurrenz reden, in Wirklichkeit aber gut zusammenarbeiten. Sie finanzieren Institutionen, Karrieren, Lobbyisten, Medien. Die Leute hingegen, die Teil der Lösung sein wollen, liegen im Wettstreit: Wale retten da, eine Schule auf einer Insel dort, auch wenn die bald unter Wasser steht. Vieles dient nur der eigenen Glorifikation.

profil: Sind Krisenzeiten nicht auch gute Zeiten für neue Ideen?
Von Uexküll: Die Ideen sind längst da. Doch die Überwindung der alten Strukturen ist langwierig und langweilig. Aber, ich zitiere den Autor Thomas Friedman, „the more boring it is, the more important it is“.

Jakob von Uexküll, 67
kam in Uppsala, Schweden, als Sohn des Journalisten Gösta von Uexküll und Enkel des Biologen Jakob Johann von Uexküll auf die Welt. Er studierte Politik, Philosophie und Wirtschaft und rief 1980 den Right Livelihood Award ins Leben, der als Alternativer Nobelpreis rund um den Globus bekannt wurde. Von 1987 an saß er zwei Jahre lang für die deutschen Grünen im EU-Parlament. Von Uexküll schrieb mehrere Bücher (etwa: „Das sind wir unseren Kindern schuldig“, 2007). Vor sieben Jahren würdigte ihn das „Time Magazine“ als „European Hero“. Er gründete damals den World Future Council in Hamburg, der Parlamentarier mit zukunftsfähigen Visionen, Politiken und ­Gesetzen unterstützen will. www.worldfuturecouncil.org