Beruf: Schlepper

Sie bringen Ausländer illegal über die Grenze und gehen angeblich dabei über Leichen. Aber wie böse sind Menschenschmuggler ­wirklich? Eine Recherche mit überraschenden Ergebnissen.

Ganz am Ende einer sehr langen Reise ist es Gewissheit: Die Männer und Frauen, die am 19. Oktober im Saal 1 des Landesgerichts Eisenstadt auf der Anklagebank sitzen, sind schuldig. Sie haben sich der Schlepperei strafbar gemacht, schlimmer noch: Sie sind mitverantwortlich für die Qualen, die den Opfern dabei zugefügt wurden. 30 Afghanen haben sie zum Teil in unfassbar enge Hohlräume unter dem Boden eines Autobusses gepfercht, zum Teil waren die Kammern nur 25 Zentimeter hoch.
Viele Stunden dauerte die Reise, es gab kaum Luft zum Atmen. Die Eingesperrten hatten fast nichts zu essen und zu trinken. Die Schlepper hingegen bereicherten sich gewerbsmäßig an ihren Opfern.

Der Schuldspruch des Landesgerichts bestätigt, was man über Schlepper längst weiß. Sie rauben armen Teufeln die Menschenwürde, sie knöpfen ihnen das letzte Geld ab und überlassen sie schließlich ihrem Schicksal. Sie nützen die Notlage von Flüchtlingen aus. Sie sind Leute, denen man auf keinen Fall vertrauen sollte.

Schleppern kann man vertrauen.
Hamid (Name geändert), ein junger Afghane, beschließt Anfang des Jahres 2011, seine Heimat zu verlassen. Er will in den Westen, in die Europäische Union, und wendet sich an einen Freund, von dem er vermutet, dass er gute Kontakte hat. Der Freund nennt ihm einen Schlepper. In seiner Aussage bei der Polizei in Österreich gibt Hamid an, was er über diesen Mann weiß: „Männlich, Afghane, 165–175 cm groß, ca. 85 kg, 35–40 Jahre alt, dunkle Haare.“

Der Schlepper verspricht, Hamid und 29 weitere Männer in einem Bus in den Iran zu bringen. Dafür verlangt er 500 US-Dollar. Am Grenzübergang steigt der Schlepper aus und spricht mit den iranischen Beamten. Dann steigt er wieder ein, der Bus fährt los, keiner der Männer im Bus wird kontrolliert. Drüben im Iran sagt der Schlepper schließlich zu den Männern, dass sie aussteigen und ihrer Wege gehen sollen. Er hat seinen Vertrag erfüllt.

Hamid verbringt zwei Monate in der nordiranischen Region um den Berg Damawand, ehe er dort einen weiteren Schlepper kennen lernt. Dieser macht ihm ein Angebot: für 1300 US-Dollar in die Türkei. Das Geld solle Hamid überweisen, wenn er dort eintrifft. Diesmal ist es ein Deal mit einem gänzlich Unbekannten – 200 cm groß, dunkle Haut, dunkles Haar, sehr schlank, 45–50 Jahre alt.

So werden die meisten einschlägigen Verträge geschlossen: mündlich, ohne Bekanntgabe der Identität des Schleppers und des Kunden. Der Markt wird weitgehend durch die Nachfrage bestimmt. Dass Schlepper ihren Klienten paradiesische Zustände im Westen vorgaukeln, ist ein Märchen. Erstens würde niemand wegen der Erzählungen eines Unbekannten seine Heimat für immer verlassen, und zweitens brauchen Flüchtlinge unterwegs nicht dazu motiviert zu werden weiterzufahren. Hamid hat Afghanistan nicht den Rücken gekehrt, um im Iran zu bleiben.

Der Schlepper bestellt Hamid zu ei­nem Treffpunkt. Dort wartet er mit einem schwarzen Datsun Pick-up. Der junge Afghane legt sich mit elf weiteren auf die Ladefläche. Sie richten sich auf eine längere Fahrt ein. Irgendwann hält der Schlepper an und sagt, sie seien nahe der türkischen Grenze. Sie warten bis zum Abend, fahren dann noch ein Stück in Richtung Türkei und marschieren schließlich acht Stunden durch „ausgetrocknetes Gebiet“, erinnert sich Hamid. Schließlich gelangen sie zu einem alten Haus, wo sie übernachten. Sie seien jetzt ganz sicher in der Türkei, sagt der Schlepper. Hamid, der nie einen Reisepass besessen hat und nie zuvor im Ausland gewesen ist, glaubt ihm. Und tatsächlich, sie sind auf türkischem Staatsgebiet, und tags darauf geht es weiter nach Istanbul.

Da Schlepperei ein Delikt ist und das Image der Schlepper in unseren Breitengraden jenem von Kinderschändern gleichkommt, ist es schwer nachvollziehbar, dass diese Leute für Flüchtlinge Vertrauenspersonen darstellen. Aber auch Schlepper haben in der Szene einen Ruf zu verlieren. Arbeiten sie gut und erfolgreich, werden sie auf informellem Weg weiterempfohlen. So bleiben sie im Geschäft.
Hamid und seine Mitreisenden werden mit einem weißen Bus nach Antalya gebracht, dort steigen sie in einen Linienbus nach Istanbul. Hamid ruft zu Hause an und bittet seinen Vater, 1300 US-Dollar an den Schlepper zu überweisen.

Schlepperbanden ­werden selten von mächtigen ­Paten befehligt.
Nicht jeder Schlepper bietet nur einen einzigen illegalen Grenzübertritt an und verschwindet danach. Bei manchen können Flüchtlinge Komplettreisen von der Heimat bis ins Zielland buchen. Das erfordert viel Know-how und das Zusammenspiel zahlreicher Komplizen. In der Diktion des Strafgesetzbuchs nennt man dergleichen eine „kriminelle Organisation“. Ihren Kopf dingfest zu machen ist der Traum der ­Exekutive.
Im Fall von Tatjana (Name geändert) ist das gelungen. Die moldauische Staatsbürgerin wurde aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen, als sie von München in die USA fliegen wollte. Jetzt steht sie in Eisenstadt vor Gericht, angeklagt der Schlepperei in 249 Fällen. Die junge Frau trägt enge Jeans, schwarze Stiefel mit sehr hohen Absätzen und einen schwarzen Rollkragenpullover. Ihre blondierten Haare hat sie zu einem kurzen Pferdeschwanz geknotet. Sie weint.

Die österreichischen Ermittler haben herausgefunden, dass Tatjana nicht nur Ausreisewilligen Plätze verschafft hat, sondern auch für die Auszahlung der Gelder an die Schlepper verantwortlich war, die von den Geschleppten hinterlegt wurden. In abgehörten Telefongesprächen erkundigte sie sich, ob bestimmte Personen im Zielland – Österreich, Italien, Frankreich – angekommen seien: für das Gericht ein Beweis, dass Tatjana der Kopf einer großen Organisation sei.

Die Angeklagte hingegen sagt, sie sei lediglich eine einfache Vermittlerin gewesen. Sie habe in der Hauptstadt Chisinau gewohnt, und viele Menschen aus ihrer Heimat am Land hätten sie gefragt, ob sie ihnen bei der Ausreise helfen könne. Sie habe alle an einen gewissen „Tudor“ weitergeleitet. Dieser habe sich um den Transport gekümmert.
Die Richterin bohrt nach, will wissen, auf welcher Hierarchieebene Tatjana gestanden habe. Tatjana: „Es gab sehr viele Vermittler wie mich. Da können sie halb Moldawien verhaften.“

Als Belastungszeugin tritt eine bereits verurteilte moldauische Schlepperin auf. Sie hat gestanden, Chefin eines Schlepperrings gewesen zu sein. Doch auf die Frage, wie viele bei den Schleppungen von Moldau bis Österreich involviert gewesen seien, sagt sie zum Erstaunen des Gerichts: „Drei, vier Personen.“ Sie selbst habe niemandem Aufträge erteilt. „Jeder hat seinen Teil gemacht. Der Transport der ­Leute betraf eine eigene Organisation.“ Sowohl die Angeklagte wie auch die Belastungszeugin geben an, von jedem Geschleppten 100 bis 200 Euro kassiert zu haben. Ein Geschleppter musste jedoch über 2000 Euro zahlen, die angeblichen Chefs hätten also gerade einmal zehn Prozent davon verdient.

Das passt alles nicht ins Bild des großen Bosses einer kriminellen Organisa­tion. Tatsächlich scheint es einen solchen in vielen Fällen ganz einfach nicht zu geben. Oberst Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität des österreichischen Bundeskriminalamts (BKA), beschreibt die Struktur von Schlepperringen so: „Sie haben meist flache Hierarchien, die Mitarbeiter sind zu gleichen Teilen finanziell beteiligt, sie machen einander keine Konkurrenz.“ Das bedeutet auch, dass einzelne Komplizen in der Kette leicht zu ersetzen sind.
Tatjana, für die bis zu einem Urteil die Unschuldsvermutung gilt, erwartet in ­Österreich möglicherweise eine mehrjährige Haftstrafe. Dass die Organisation, für die sie gearbeitet hat, deshalb lahmgelegt sei, nimmt kein Ermittler ernsthaft an. Meldungen, wonach eine Schlepperorganisation durch die Verhaftung ­ei­niger Mitglieder „zerschlagen“ worden sei, entspringen meist frommem Wunsch­denken.

Schlepper sorgen sich um das Leben ihrer Opfer .
Es müssen miese Typen sein, die andere in winzige Kisten sperren, sie in Laderäumen mit knapper Luftzufuhr extremer Hitze ­aussetzen; die mit Flüchtlingen in hoffnungslos überladenen Booten gefährliche Überfahrten riskieren. All das passt in das Bild des menschenverachtenden Schleppers, der es gewohnt ist, über Leichen zu gehen.

Und dennoch: Es ist eine der wesentlichen Aufgaben eines Schleppers, das Risiko so zu kalkulieren, dass bei der Reise niemand ums Leben kommt und der illegale Grenzübertritt trotzdem gelingt.
Hamid hatte Glück. Er musste auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland nur einen Fluss überqueren. Es war Nacht, und er und zwei Dutzend anderer Flüchtlinge wurden angewiesen, in zwei Schlauchboote zu steigen. Der Fluss war an die 100 Meter breit, in einem der Boote saß der Schlepper. Alle erreichten das Ufer.

Adil (Name geändert), ein Afghane, der es bis nach Wien geschafft hat, berichtet, in der Türkei von Schleppern geschlagen worden zu sein, weil er nicht in ein Boot steigen wollte. Er hatte nicht gewusst, wie klein das Boot war, mit dem sie zum griechischen Festland übersetzen mussten, und bekam Angst. Die Fahrt dauerte fast acht Stunden, das Salzwasser verätzte Adil am Auge, weshalb er sich in Wien einer Operation unterziehen musste.
Bei Transporten mit Lkws bekommen die Geschleppten so gut wie immer ein Mobiltelefon, mit dem sie um mehr Luft bitten können. Bei Autobussen oder kleineren Fahrzeugen werden Klopfzeichen vereinbart. Die Ver­-
sorgung ist knapp, Wasser und Kekse sind üblich.

Oberst Tatzgern sagt, Schlepper würden über die ihnen anvertrauten Menschen sprechen, als hätten sie es mit einer x-beliebigen Ware zu tun. Aber auch Tatzgern räumt ein, dass ein Todesfall bei einer Schleppung nicht eingeplant sei. Ein Toter bedeutet weniger Geld. Allein deshalb ist den Schleppern daran gelegen, alle Reisenden unversehrt ans Ziel zu bringen. Berichte über Morde und Vergewaltigungen bei Schleppungen widerlegen dieses Faktum nicht. Verbrechen werden in einem kriminellen Umfeld in höherem Maße verübt, sie stehen aber deshalb nicht in ursächlichem Zusammenhang mit der Schlepperei.

Lebensgefahr besteht naturgemäß oft auch für Schlepper selbst. Wenn ein Flüchtlingsboot kentert und die Passagiere ertrinken, wird jedoch selten darauf hingewiesen, dass unter den Flüchtlingen auch Schlepper waren.
Gewalt und Machtmissbrauch herrschen auch unter den Schleppern. Im Mai kam ein Slowake zur Polizei in Neusiedl am See, um sich zu stellen. Er sagte, er sei Schlepper und solle zehn Leute illegal über die slowakisch-österreichische Grenze bringen. Man glaubte ihm nicht und wies ihn an, tags darauf wiederzukommen. Das tat er auch, allerdings erst nachdem er tatsächlich zehn Personen nach Österreich befördert hatte.

Es stellte sich heraus, dass Ladislav (Name geändert) gezwungen wurde, als Schlepper zu arbeiten. Er war bereits einschlägig vorbestraft und hatte eine Strafe in Österreich abgesessen, als ihn ein Mann in Bratislava mit vorgehaltenem Messer aufforderte, wieder Fahrten durchzuführen.
Namen konnte er keine nennen. Seine Komplizen trugen Fantasie-Pseudonyme wie „Messi“ oder „Peter“. Neun Fuhren hatte Ladislav nach eigenen Angaben gemacht. Er wurde erneut verurteilt und sitzt derzeit in Österreich in Haft.

Die Zahl der Schlepper ist nicht besorgniserregend.
Der nächtliche Himmel ist am Abend des 14. Oktober nur eine vage Idee. Der Nebel über dem Flughafen in Wien-Schwechat hängt so tief, dass er das Gebäude der Flugeinsatzstelle verschluckt. Pilot Klaus Jäger öffnet das Tor zu einem kleinen Hangar, in dem sein Dienstfahrzeug auf einem Anhänger geparkt ist: ein Polizeihubschrauber, ausgerüstet mit einer ­Forward-Looking-Infrared-Kamera (FLIR) und einem Suchscheinwerfer. Jäger und sein Kollege Richard Wagner, der FLIR-Operator, sollen in dieser Nacht einen Großeinsatz der Sonderkommission Ost aus der Luft unterstützen. Die Wärmebildkamera kann Illegale in der Dunkelheit auch im unwegsamen Gelände ausfindig machen. Doch wegen des starken Nebels ist an einen Hubschrauberstart nicht zu denken.
Eine gute Nacht für Schlepper also.
Doch die Exekutive hat noch viel mehr Gerätschaften und Personal bereitgestellt, um die Kriminellen dingfest zu machen. Vom Polizeikooperationszentrum im burgenländischen Nickelsdorf aus sind 55 Streifen im Einsatz, viele davon in „gemischter Besetzung“, also mit je einem österreichischen und ungarischen oder slowakischen Kollegen. Dadurch werden aktuelle Informationen aus den drei Ländern ohne Verzögerung weitergegeben. Revierinspektor Harald Hauptmann und Fähnrich Zoltan Toth etwa verständigen sich ganz ausgezeichnet auf Ungarisch. Toth kann anhand der ungarischen Kennzeichen ablesen, ob ein Fahrzeug zum Beispiel aus Südungarn nahe der serbischen Grenze stammt, wo Schlepper bevorzugt agieren.

An einer Shell-Tankstelle an der A4 haben sich mehrere Einheiten postiert. Zivilstreifen fischen verdächtige Fahrzeuge aus dem Fließverkehr. Ein rumänischer Mercedes-Transporter mit zwei Männern und einer US-Flagge im Fond: leer. Ein serbischer Reisebus mit etwa 20 Passagieren. Die Beamten öffnen jedes Türchen, klopfen jede Verkleidung im Kofferraum ab – nichts. Ein Fahrzeug nach dem anderen wird gestoppt, durchsucht. Kein Aufgriff. Einmal hebt sich ein Kopf unter der Decke im Laderaum eines Peugeot. Doch es ist nur die Mutter des Fahrers, die es sich – unerlaubt – hinten bequem machen wollte.

Wegen der Schengen-Bestimmungen dürfen die Beamten nahe der Grenze eine Schwerpunktkontrolle nicht länger als etwa eine Stunde durchführen. Dann verlagern sie die Kräfte.
Auf dem Parkplatz einer Raststätte ist ein Mercedes-Transporter geparkt, ausgerüstet mit hochmodernem Equipment zur Identifikation gefälschter Papiere. Jeder Ausweis, jeder Geldschein, jeder Pass kann sofort als Falsifikat erkannt werden. Zwei Beamte scannen und vergrößern und beleuchten und stellen scharf. Noch immer nichts.
Am Rastplatz Leobersdorf an der A2, der Südautobahn, werden in dieser Nacht alle Fahrzeuge abgeleitet und kontrolliert. Der Shop hat nur wegen des Soko-Ost-Einsatzes geöffnet, hin und wieder kommen Beamte und wärmen sich ein wenig auf.

Trotz der Beteiligung von insgesamt 300 Polizisten, trotz grenzübergreifender Zusammenarbeit und modernster Technologien bleibt die Fahndung nach Schleppern eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Irgendwo da draußen sind sie ­unterwegs, mit halb beladenen Gemüsetransportern, Kühlfahrzeugen mit doppelten Böden oder mit ganz normalen Pkws und harmlos aussehenden Beifahrern. In dieser Nacht werden 13 Personen vor­übergehend festgenommen, weil sie in Österreich mit Aufenthaltsverbot belegt sind. Ein Verwaltungsdelikt. Kein großer Fang. Zumeist wird ihnen die freiwillige Ausreise gestattet.
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner nennt das Ansteigen der Illegalen im Land „besorgniserregend“. Tatsächlich stieg die Zahl der in Österreich aufgegriffenen Illegalen im Jahr 2011 (bis 25. Oktober) um 28 Prozent (von 13.424 auf 17.178), während die Zahl der erwischten Schlepper um 13 Prozent sank (von 276 auf 240). Das bedeutet, dass entweder weniger Schlepper mehr Personen ins Land gebracht haben oder ganz einfach weniger Schlepper gefangen wurden.

Wenn man bedenkt, dass so gut wie jeder Flüchtling, der nach Österreich gekommen ist, dazu einen Schlepper benötigt hat, ist das Ausmaß, das dieses Ge­werbe angenommen hat, nicht weiter er­-
staunlich. Judith Ruderstaller, Leiterin der Rechtsabteilung des Vereins „Asyl in Not“, sagt, die Dublin-Verordnung, wonach jeder Asylwerber in dem Staat der Europäischen Union einen Antrag stellen muss, in den er als Erstes eingereist ist, treibe „den Schleppern die Leute in die Arme“. Will nämlich ein Flüchtling nach Österreich, Deutschland oder Frankreich, so muss er dies tun, ohne in einem der EU-Staaten, durch die er reist, Behördenkontakt zu haben – und das schafft man üblicherweise nur mithilfe von Schleppern.

Die Zahl von 240 Schleppern ist somit weniger besorgniserregend als vielmehr erwartbar.

Schlepperei ist nicht gleich Menschenhandel.
Ein Schlepper bringt Menschen gegen Bezahlung illegal über die Grenze. Ein Menschenhändler hingegen tut dies gratis, um seine Opfer danach auszubeuten. Die Zentralstelle des BKA, die Gerald Tatzgern leitet, ist für beide Delikte zuständig. Doch selbst er kennt keinen Fall, in dem Geschleppte in Österreich unter Zwang schuften mussten. Große Ausnahme ist die Pros­titution. Diese wird, wenn die Frauen aus dem Ausland kommen, oft mit der Schlepperei in Zusammenhang gebracht, was jedoch nicht immer der Fall ist. Als vor drei Wochen Bulgaren verhaftet wurden, weil sie Frauen zur Prostitution gezwungen haben sollen, wurden sie in den Medien als „bulgarische Schlepperbande“ bezeichnet. Mit Schlepperei hat das nichts zu tun, denn zur Einreise benötigten die bulgarischen Opfer nicht einmal ein Visum.

Schlepper sind meist selbst arme Teufel.
Als die Reise von Hamid und 29 weiteren Afghanen auf der allerletzten Etappe von Griechenland nach Wien am 29. August dieses Jahres von der Polizei beendet wird, gehen der Exekutive nicht weniger als 25 Schlepper ins Netz – zwei Fahrer, ein Begleiter und 22 als Touristen getarnte Komplizen. Diese 22 sitzen am 19. Oktober im Saal 1 des Landesgerichts Eisenstadt, und wüsste man nicht, dass sie die Angeklagten sind, würde man sie wohl für Opfer halten.
Fast alle stammen aus einem Einwandererbezirk der griechischen Stadt Thessaloniki. Geboren wurden sie in Georgien oder Armenien. Einer von ihnen, ein 34 Jahre alter Familienvater, ist zum Beispiel als Jugendlicher mit seiner Mutter vor dem armenisch-aserbaidschanischen Krieg geflüchtet. Seit Mai hat er keine Arbeit.

Ein Bekannter sagte ihm, es gebe da ein Reisebüro, bei dem man mit Busfahrten nach Wien 100 Euro verdienen könne. Er solle zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einer „grünen Tankstelle in Thessaloniki“ kommen und mitfahren.
Dass es sich dabei um Schlepperei handelte, blieb unerwähnt. Dass irgendetwas Kriminelles im Spiel war, musste jeder der Mitreisenden annehmen, und spätestens als sie die Flüchtlinge bei Rastpausen aus den Verstecken kriechen sahen, wurde den Mitreisenden klar, worum es ging.
Manche nahmen bis zu neunmal an den Schlepperfahrten teil. Für Familien, die gemeinsam mit einer einzigen Pension von 313 Euro pro Monat auskommen müssen, sind 100 Euro Belohnung für eine zweitägige Fahrt nach Wien ein verlockendes Angebot. Die jüngste Angeklagte wollte damit ab diesem Herbst ihr Studium ­finanzieren, ein anderer hat ein behin­dertes Kind zu Hause. Fast alle sind beschäftigungslos. Bei manchen Familien fahren Vater, Mutter und ein Kind mit, um das Nebeneinkommen zu verdreifachen. Die Staatsanwältin leitet daraus den Vorwurf der Gewerbsmäßigkeit ab.

Die Strafen, die das Gericht in dem großen Schlepperprozess ausspricht, reichen von neun bis 24 Monaten, allesamt zum Teil bedingt.
Die meisten der wegen Schlepperei verurteilten Kriminellen sind kleine Fische. Slobodan (Name geändert), ein 30 Jahre alter Serbe, fuhr mit seinem Auto von Serbien über Ungarn nach Österreich. An einer Raststätte nahe Budapest ließ der unbescholtene Automechaniker drei Männer einsteigen und nahm sie mit nach Österreich. Ob die drei wie Europäer oder Araber ausgesehen hätten, fragt die Staatsanwältin. „Ganz normal“, sagt Slobodan, der einen billigen, dunkelblauen Trainingsanzug trägt: „Wie Türken.“ Er habe nicht gewusst, dass er Afghanen die illegale Einreise ermöglichte, als er die Autostopper mitnahm.
Die Afghanen hatten jedoch ausgesagt, sie seien wortlos in Slobodans Auto eingestiegen, und er sei losgefahren. Das Urteil: acht Monate, davon zwei bedingt.

In einem anderen Fall wird ein serbischer Student verurteilt. Er war in einem Kaffeehaus in der serbischen Stadt Subo­tica angeworben worden, einer Schlepperhochburg, zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt. Mit dem Geld, das er dabei verdiente, wollte er eine Geld­strafe wegen Schnellfahrens bezahlen, von der seine Eltern nichts erfahren sollten. 21 Monate, davon 14 bedingt.

Schlepperprozesse in Österreich bieten selten Geschichten von unermesslicher Bereicherung und dämonischer Bösartigkeit. Der Verstoß gegen den Paragrafen 114 des Fremdengesetzes (Schlepperei) rechtfertigt nicht die Abscheu, die Schleppern medial entgegengebracht wird. Seltsam ist, dass etwa österreichische Staatsbürger Schlepper weitaus negativer beurteilen, als dies die Opfer der Schlepperei selbst tun. Afghanen, Tschetschenen, Armenier, die mehrere tausend Kilometer und viele Wochen mit Menschenschmugglern unterwegs waren, beurteilen die Verbrecher auffallend milde.

Hamid und die anderen 29 Afghanen, die schließlich in Wien-Simmering nahe dem Alberner Hafen von der Polizei entdeckt wurden, haben es dank ihrer Schlepper ans Ziel geschafft. Adil, der in der Türkei ins Boot geprügelt wurde und dessen Bruder noch unterwegs ist, sagt, er sei „dankbar, dass ich ohne Probleme nach Österreich gekommen bin“. Abdullah (Name geändert), ein Afghane, der in der Türkei von Schleppern zwei Wochen in einem Keller festgehalten wurde, weil seine Verwandten das Honorar nicht gleich überwiesen hatten, erinnert sich an die Fahrt im Lkw, wo Kübel und Flaschen als Klo dienten, aber: „Ich habe alles in Kauf genommen.“ Und Ari (Name geändert), der aus Armenien gekommen ist, erzählt anerkennend, wie die Schlepper die slowakischen Polizisten bestochen haben: „Es war perfekt organisiert.“