Die pragmatischste Generation der Nachkriegszeit probt die Revolte

Die pragmatischste Generation der Nachkriegszeit probt die Revolte und verhandelt ­demokratische Spielregeln neu. Edith Meinhart über die überraschende Politisierung der Studenten.

Tagelang hatte man Argumente und Gegenargumente gehört, Wertefragen erwogen und Entscheidungen im Kollektiv gefällt. Plötzlich gehen der Moderatorin die Nerven durch. Sofort nimmt ihre Kollegin das Mikrofon an sich und sagt ins Publikum: „Wir sind auch nur Menschen.“ Dann geht es weiter mit dem Debattieren, Abwägen, Handheben, Beschließen. So eine Versammlung hat man lange nicht erlebt. Beinahe könnte man vergessen, dass es „auch nur Menschen“ sind, ganz junge noch dazu, eine Generation, von der es immer geheißen hat, so unpolitisch und auf das eigene Fortkommen bedacht wie diese sei vor ihr noch keine gewesen. Nun sitzen hunderte Vertreter dieser Generation im größten Unihörsaal des Landes, fast ständig sind zweitausend weitere via Livestream im Internet dabei, und treiben auf eine ernsthafte, frische und leichtfüßige Art Politik.

Das Experiment ist unvermutet ausgebrochen und könnte die Generation politisieren und prägen. Am Donnerstag vor zwei Wochen eskalierte ein Streit an der Akademie für bildende Kunst. Vierhundert Studenten besetzten daraufhin das Auditorium maximum der Universität Wien. Überfüllte Seminare und die Klagen über knappe Forschungsmittel, unbezahlte Praktika und finstere Aussichten am Arbeitsmarkt gibt es seit Langem. Wer rechnete damit, dass die Superpragmatiker dagegen aufbegehren? Nun fordern die Besetzer des Audimax nicht nur bessere Bildung, Demokratisierung der Hochschulen, freien Zugang zum Studium, mehr Geld und die Hälfte aller Unijobs für Frauen (siehe Kasten), sondern proben auch gleich eine neue Form der Studentenrevolte und verhandeln über die Spielregeln der Demokratie.

Auf der Uni haben die jungen Menschen gelernt, in Gruppen zusammenzuarbeiten, andere gelten zu lassen, zu mode­rieren, gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen und dieses vor anderen zu präsentieren. Reden darf jeder, aber nerven niemand. Das gilt im Netz ebenso wie im Audimax. Sie sind mit SMS, Twitter und Facebook groß geworden und darin geübt, sich auf Zehenspitzen durch die ethnische und kulturelle Vielfalt ihrer global vernetzten Welt zu bewegen. Ihre Sprache ist knapp, präzise, fast immer freundlich. Langatmige Egoreferate, Anspielungen, die nur Insider verstehen, Diffamierungen und Drüberfahren sind verpönt. Zu den häufigsten Fragen gehört: „Passt das für euch?“, „Ist das okay?“, „Seid ihr damit einverstanden?“ Fährt ein Zwischenrufer grob dazwischen, wird er höflich daran erinnert, dass es eine Rednerliste gibt. Und für alle, die lernen wollen, ihre Anliegen auszudrücken, ohne andere vor den Kopf zu stoßen, veranstaltet ein Student einen Workshop.

Die „richtige“ Politik wirkt gegen die Pax Audimax gestrig. Wie sinnvoll ist es, Schüler und Schülerinnen auf die Besucherbühne des Parlaments zu lotsen, wenn sie von dort aus nur die demokratische Praxis des 20. Jahrhunderts zu sehen bekommen, alte Politik? Über eine neue wird ein paar hundert Meter Luftlinie weiter gerade verhandelt. Innerhalb weniger Tage hatten sich dutzende Arbeitsgruppen gebildet. Eine schreibt und druckt die U-Bahn-Zeitung, um die Anliegen der Bevölkerung nahezubringen. Andere machen Straßentheater, koordinieren Gespräche mit Univertretern und Medienkontakte, kümmern sich um rechtliche Belange des Protests oder denken über neue Formen der studentischen Selbstbestimmung, den Bologna-Prozess, gewaltfreie Kommunikation und internationale Vernetzung nach. Alles, was in Gruppen geschieht, wird hinterher dem Audimax ausgesetzt, debattiert, verworfen oder verabschiedet. Das Mikrofon steht allen offen, Moderatoren und Pressesprecher wechseln ständig, alle dürfen alles machen, wenn es der Bewegung hilft.

Die Diskussionen, viele davon auf hohem Niveau, dauern lange, weil weder kleine organisatorische noch große demokratiepolitische Fragen ausgespart bleiben: Wer räumt den Müll weg, braucht man einen Ordnerdienst, dürfen Burschenschafter aufs Podium, und wie geht man damit um, dass Medien und Politik Namen und Handynummern verlangen, die Bewegung aber keine Aushängeschilder produzieren will?

Getragen wird der Protest von einem bunten Haufen von Einzelnen, die Geschichte, internationale Entwicklung oder Veterinärmedizin studieren und einander oft nicht einmal von Vorlesungen kennen. Fast ein wenig ratlos mischt sich die organisierte Studentenschaft ins Geschehen. Innerhalb weniger Tage hatten die Audimax-Besetzer dank Facebook, Twitter und Wiki ihren Organisationsgrad auf ein Niveau hochgeschraubt, von dem selbst etablierte Einrichtungen mitunter nur träumen können. Vieles läuft dieses Mal nach neuen Regeln ab: Für die Demo am vergangenen Mittwoch mobilisierte zwar auch die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH); eine Delegation sprach tags darauf mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP). Doch ohne jedes Mandat der Besetzer. Man sah der Vorsitzenden Sigrid Maurer (GRAS) an, dass diese Rolle ungewohnt für sie war.

Partymacher, Politfunktionäre und „das Kollektiv“ treffen im Audimax aufeinander. Unterschiedlicher könnten die Milieus kaum sein. Bis jetzt wusste die Bewegung es zu verhindern, dass sie übereinander herfallen. Doch schon sickern von allen Seiten Warnungen ins Audimax, die Bewegung werde wie alle anderen am basisdemokratischen Experiment scheitern. Das Plenum balanciert zwischen dem Wunsch nach einem herrschaftsfreien Raum und der Angst, an den eigenen Ansprüchen zu ersticken. Man kämpft für Transparenz, demokratische Strukturen und berauscht sich an der Erfahrung, wie mächtig das Wir nicht nur im Netz, sondern auch im wirklichen Leben sein kann. Als in den ersten Tagen des Protests das W-LAN zusammenbrach, bauten Studenten innerhalb kurzer Zeit ein eigenes Computernetzwerk auf – ganz ohne Delegierte und Beschlüsse. Gleichzeitig muss die Generation Wikipedia erkennen, wie lähmend es ist, wenn das Plenum über jede anzuschaffende Telefonwertkarte abstimmen muss. Das macht müde und ebnet den Weg für jene, die sich nach Hierarchien sehnen.

Die Besetzer des Audimax ärgern sich, wenn sie deswegen als halblustige Utopisten und Weltrevolutionäre in Che-Guevara-T-Shirts verniedlicht werden. Sie ringen um Demokratie und Transparenz, wollen mitgestalten und machen Vorschläge für eine bessere Bildung. Die jungen Menschen, die mit ihren iPhones, Laptops und Jausenpaketen jene Bank­reihen okkupieren, in denen sie normalerweise professoralen Vorträgen lauschen, wollen ernst genommen werden. Immer wieder winkt jemand nach dem Mikrofon, um das euphorische Momentum mit den anderen zu teilen: „Es ist großartig, was wir geschafft haben. Man kann nicht mehr einen von uns herauspicken und angreifen.“ Sie schauen sich selbst via Livestream im Internet zu, lesen über sich in den Medien, die nicht wissen, wie sie mit dieser Versammlung umgehen sollen, und machen zum ersten Mal die Erfahrung, dass sie ein gesellschaftlicher Faktor sein könnten.

„Wir entlassen euch nicht aus der Verantwortung, ihr habt die Macht, den Zugang zu den Medien, ihr müsst unsere Anliegen hinaustragen“, sagte eine Besetzerin vergangene Woche zum Podium, auf dem die Studentengeneration der Hörsaalbesetzung 1987 saß. Sie, ihre pragmatischen Nachfolger, machen sich kaum Illusionen darüber, dass die Politik versuchen wird, ihre Bewegung „auszusitzen“. Egal, wie man die aufbegehrenden Studierenden von 2009 nennen wird, „kreativ“, „idealistisch“ oder sonst wie, gemeint sein wird: „unwesentlich“. Sehr wahrscheinlich wird eine kurzsichtige Politik die unvermutete Revolte niedertreten. Dabei wäre der Generation Audimax ein Erfolg zu gönnen. Langfristig haben die Steuerzahler und Einzahler ins Pensions­system von morgen die besseren Argumente: Was sonst, außer einer guten Bildung und möglichst vielen frei denkenden, schöpferischen Menschen, soll die Zukunft Europas im globalen Wettbewerb sichern?

Wenn die Besetzung zu Ende geht, werden diejenigen, die dabei waren, ein bisschen was gelernt haben. Ob das auch für die Politik gilt, muss sich zeigen. Über dem Seiteneingang zum Audimax hat jemand den Spruch angebracht: „Teile und herrsche.“ Draußen, vor der Universität, versteht man „teilen“ in der Regel im Sinne von „spalten“. Im Audimax hat er in den vergangenen zwei Wochen eine andere Bedeutung bekommen. In der Sprache der neuen Wir-Mächtigen bedeutet „teilen“: offenlegen, für alle zugänglich machen.

Foto: Christian Müller