Die Haider-Millionen: Neue Dokumente aus dem Irak

Ein Insider packt aus: Jörg Haider hat von Saddam Hussein Millionen bekommen. Auch an der Stichhaltigkeit der von profil in der Vorwoche veröffentlichten Papiere aus dem irakischen Innenministerium besteht inzwischen kein Zweifel mehr.

Der Tag war nicht ereignisarm: In Den Haag begann der Kriegsverbrecherprozess gegen Slobodan Milosevic, Taiwan wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert, und im Iran prallte eine russische Verkehrsmaschine gegen einen Berg. 199 Menschen starben.

Die Spitzenmeldung der Abendnachrichten des irakischen TV galt an jenem 12. Februar 2002 dennoch einem anderen Thema: Stolz berichtete das Staatsfernsehen, „Gouverneur Jorg Haider“ habe Staatspräsident Saddam Hussein bei einem Besuch „die Solidarität des österreichischen Volks mit dem Irak und seiner weisen Führung“ bekundet. Die staatliche Nachrichtenagentur INA jubelte im Regime-Jargon: „Herr Haider versicherte, die Verbindungen zwischen der FPÖ und der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei in einer Art und Weise zu stärken, dass eine weitere bilaterale Zusammenarbeit und Koordination in internationalen Foren im Dienste der Ziele beider Länder ermöglicht wird.“

Der irakische Diktator, von den Vereinten Nationen mit einem Handelsembargo belegt, benötigte solchen Zuspruch dringend: Er musste seinem Volk demonstrieren, das Land habe auch im Westen Freunde. Der Mann, der maßgeblich zum Zustandekommen von Haiders Irak-Visite beitrug, sagt nun im profil-Interview, was Saddam Hussein diese Werbeeinschaltung wert war: 500.000 Dollar, ausbezahlt an Haiders Sekretär und Pressesprecher Karl Heinz Petritz nach der Rückkehr nach Kärnten. Drei Monate später folgten weitere zwei Millionen, gibt der Kärntner Geschäftsmann Franz Limpl nun zu Protokoll.

Seine Aussagen untermauern, was profil bereits in der Vorwoche unter Berufung auf Erkenntnisse aus dem irakischen Innenministerium berichtete: Jörg Haider hat einst Geld von Saddam Hussein kassiert. Die mit Mai 2008 datierten Unterlagen aus Bagdad nennen zudem auch Haiders langjährigen Weggefährten Ewald Stadler als Zahlungsempfänger.

Stadler weist dies entschieden zurück.
Auch der von Franz Limpl belastete ehemalige Haider-Sprecher Petritz dementiert mit aller Vehemenz: „Das sind völlig abstruse Behauptungen. Herr Limpl fantasiert. Weder Haider noch ich haben jemals Geld aus dem Irak bekommen. Ich werde klagen.“

Doch Bauingenieur Franz Limpl, 62, weiß, wovon er spricht. Er pendelt seit 1981 zwischen Bagdad und seiner Heimatgemeinde nahe Villach. Elf Jahre lang war er beim irakischen Industrieministerium angestellt und managte Großprojekte. Er hatte Zugang zu den höchsten Stellen des Staats – auch zu Saddam Hussein. Der Diktator persönlich beauftragte Limpl dann mit einem Projekt der etwas anderen Art: Der isolierte Staatschef brauchte Freunde aus dem Westen – und gab es da nicht diesen „Revoluzzer“ Haider, von dem man selbst in Mittelost ständig in der Zeitung las?

Im profil-Interview erzählt Franz Limpl nun, wie die Reise und deren Dotierung wirklich aussahen. 500.000 Dollar im ­Februar 2002, weitere zwei Millionen im Mai – das war Haiders Tarif auf der Bühne der Weltpolitik.

Wie viel sonst noch bezahlt wurde – etwa nach Haiders wohlgefälligem Interview für den arabischen TV-Sender Al Jazeera – entzieht sich Limpls Kenntnis. Aber dass gezahlt wurde, weiß er.

Kronzeuge Limpl eignet sich nicht für die Denunziation als „Linkslinker“. Seine Frau Johanna Limpl-Trodt, Volksschullehrerin und Bezirksschulinspektorin, saß ab 2004 für die FPÖ im Kärntner Landtag, wechselte dann mit Jörg Haider zum BZÖ und verblieb dort, als die Scheuch-Truppe zur FPÖ zurückkehrte. Zu Strache wollte sie nicht mehr.
Und Franz Limpl wollte nach eigenen Aussagen nicht länger schweigen, als ihn profil vergangene Woche auf die Ereignisse in Bagdad ansprach.

Die Annäherung der FPÖ an den Irak hatte schon lange vor Haiders erster Visite begonnen. 1999 war der Linguistik-Professor Naji Sabri al-Hadithi Saddams Botschafter in Österreich geworden. Naji Sabri leitete einen Kurswechsel ein: Hatte sein Vorgänger eher Kontakte mit den araberfreundlichen Exponenten der SPÖ gesucht, setzte der neue Botschafter auf die FPÖ. Bald konnte er einen ersten Erfolg verbuchen: Im Mai 2001 gründete FPÖ-Klub­obmann Ewald Stadler die Irakisch-Österreichische Gesellschaft. Formaler Chef ­wurde der 81-jährige ehemalige Wehrmachtspilot Sepp Fröschl, ein Freund von Haiders Vater.

Stadler stimmte in einem Interview denn auch Saddam Hussein zu, als dieser nach 9/11 erklärte, das seien eben die Folgen der „zionistischen Politik der USA“. Stadler damals gegenüber profil: „Husseins Reaktion ist verständlich, sein Land befindet sich seit elf Jahren im Krieg mit den USA.“ Kurz zuvor, im August 2001, war Naji Sabri nach Bagdad zurückbeordert worden, Saddam Hussein hatte Höheres mit ihm vor: Er wurde Außenminister. Seine letzte Visite in Österreich führte den Karrierediplomaten nach Kärnten, wo er sich bei einem Mittagessen in Maria Loretto am schönen Wörthersee von seinem neuen Freund, dem Landeshauptmann, verabschiedete.

Im Schlepptau nach Bagdad. Wahrscheinlich wurde dort der Plan ausgeknobelt, Haider solle mit einigen Kärntner Unternehmern im Schlepptau im November zur Bagdad-Messe kommen. Schön wäre es, würde dann auch gleich die nach dem ersten Irak-Krieg geschlossene österreichische Botschaft wieder eröffnet, wurde ihm bedeutet. „Verbindungsoffizier“ zwischen Bagdad und Kärnten war Franz Limpl, Vertrauter beider Seiten.

Ob Haiders Bemühungen um die Wiedereröffnung der Botschaft im Wiener Außenministerium schließlich von Erfolg gekrönt gewesen wären, wird man nie erfahren: Ab dem 11. September 2001 sah die Welt anders aus – und Jörg Haiders Reisepläne waren obsolet.

Erst am 11. Februar 2002 war es dann so weit. Nur von seinem Pressesprecher Karl Heinz Petritz und einer Vorarlberger Krankenschwester begleitet – medizinisches Equipment für die Versorgung von Kriegsopfern durfte wegen des UN-Embargos nicht ins Land –, traf Haider in Bagdad ein. Die Organisation hatten Naji Sabri und Franz Limpl besorgt. Haider aß mit Vizepräsident Tarik Aziz zu Abend und traf am nächsten Tag Saddam Hussein. Es war der Beginn einer schicksalsbedingt nicht allzu langen Männerfreundschaft.

Warum gerade Haider? Gewiss: Allzu groß war Saddam Husseins Auswahl potenzieller Besucher nicht, da war der Kärntner „Gouverneur“ noch der reputierlichste Kandidat. Haider selbst deutet in seinem Buch über die Besuche bei Saddam mögliche weitere Gründe an. In verblüffender Offenheit schildert er etwa, wie ihm der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlas stolz ein Blumengemälde von Adolf Hitler zeigte. Saddams Sohn Udai habe ihm während eines seiner letztlich drei Bagdad-Besuche seinen „Respekt vor den deutschen Tugenden“ ausgedrückt. Sie lägen, meinte Udai, dem deutschen Volk im Blute und könnten niemals ausradiert werden.

Für die arabischen Despoten war Haider ein Rechtsextremist, damit auch ein Antisemit und logischerweise ein Feind Israels. Also ein Freund.
Hussein war der Besuch eines solchen Mannes jedenfalls 2,5 Millionen Dollar wert – dessen ist sich Limpl sicher. Dass das irakische Innenministerium laut den vergangene Woche von profil veröffentlichten Erkenntnissen aus 2008 nur von 1,25 Millionen Dollar für Haider und 3,75 Millionen für Stadler beziehungsweise dessen Irakisch-Österreichische Gesellschaft wusste, kann nicht überraschen. Durchaus möglich, dass man heute bei den Recherchen über Saddams „Subventionen“ schon weiter ist.
Tatsächlich versuchen die Iraker seit dem Sturz von Saddam verzweifelt, jene Milliarden zu finden, die das Regime veruntreut hatte. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sind denkbar heikel, weil ihre Veröffentlichung das ohnehin fragile Verhältnis des Landes zum Westen – in den ein erheblicher Teil der „Spenden“ geflossen sein dürfte – belasten würde. Das erklärt auch, warum Bagdad bis heute keine Stellungnahme dazu abgegeben hat. Auch die irakische Botschaft in Wien wollte sich auf Anfrage von profil nicht äußern.

Das BZÖ hat über Tage nichts anderes versucht, als der Öffentlichkeit einzureden, das von profil publizierte Papier sei eine ­simple Fälschung. Doch die Herren in Orange können die Vorwürfe gegen ihren Parteigründer nicht vom Tisch wischen. profil liegen drei Dokumente vor: die mit 22. Mai 2008 datierte Vorlage in arabischer Sprache, eine beglaubigte Englischübersetzung aus Syrien sowie die in der Vorwoche gezeigte weitere Abschrift, ebenfalls auf Englisch.

Werbung für Saddam.
Das arabische Original wurde nach profil-Recherchen im Frühsommer 2008 im irakischen Innenministerium erstellt. Der Wortlaut ist bekannt: Haider und Stadler hätten 2002 insgesamt fünf Millionen Dollar von Saddam Hussein erhalten. Erwartete Gegenleistung: Werbung auf europäischem Parkett für das Regime und dessen Politik.

Das arabische Papier trägt das Wappen der Generalverwaltung für Sicherheit und innere Angelegenheiten, eine Abbildung des zuständigen Behördenleiters sowie eine Paraphe. Mittlerweile ist klar, dass dieses Dokument nie zur Veröffentlichung im Ausland gedacht war. Genau genommen hätte es Bagdad gar nicht verlassen dürfen. Das mag auch erklären, warum die Übersetzung ins Englische nicht im Irak, sondern im benachbarten Syrien erfolgte. Der in Damaskus etablierte gerichtlich beeidete Dolmetscher Wasil Amin Abou Damaa bestätigt gegenüber profil, den Text 2008 aus dem Arabischen ins Englische übertragen und mit seinem Siegel versehen zu haben: „Ja, ich kann mich daran erinnern, das war unsere Arbeit.“ Den Auftraggeber habe er aber nicht mehr präsent: „Wir haben sehr viele Kunden.“

Die Übersetzung ist korrekt.
Das wurde dem Magazin von einem weiteren beigezogenen Dolmetscher bestätigt. Eines fällt jedoch auf: In der irakischen Vorlage und konsequenterweise auch in der Übersetzung aus Damaskus wird als Datum des Haider-Besuchs der 11. bis 13. Februar 2002 genannt. Damals war der Kärntner Landeshauptmann zwar tatsächlich in Bagdad, nicht jedoch Ewald Stadler. Dieser hatte lediglich die von Haider mitgeführte medizinische Hilfslieferung organisiert. Gemeinsam waren Stadler und Haider erst drei Monate später vor Ort: von 3. bis 6. Mai 2002. Dieses – korrekte – Datum trägt auch jenes dritte Papier, das von profil in der Vorwoche veröffentlicht wurde.

Das arabische Dossier wurde sechs Jahre und einen Krieg später verfasst. Gut möglich, dass die Iraker bei Haiders Besuchsfrequenz – 2002 war er insgesamt dreimal in Bagdad – den Überblick verloren und die Daten verwechselt haben.

Es darf nicht weiter verwundern, dass das BZÖ die profil-Berichterstattung seit Tagen nachgerade hysterisch begleitet. Ewald – im Irak-Dossier „Edwald“ genannt – Stadler habe Saddam nie persönlich getroffen, folglich könne er auch kein Geld bekommen haben. Es war auch nicht anzunehmen, dass der Diktator seinerzeit in die Schatulle griff, um Besuchern höchstselbst dicke Bargeldbündel in die Hand zu drücken. Das legt auch die Aussage des Zeugen Franz Limpl nahe: Demnach seien die Summen in Bagdad vereinbart, aber erst über einen irakischen Mittelsmann in Österreich physisch ausbezahlt worden. Und es wird wohl niemand ernsthaft glauben, dass Ewald „Edwald“ Stadler die ihm von irakischer Seite zugeschriebenen 3,75 Millionen Dollar selbst verprassen durfte. Das Geld floss mit Sicherheit ins System Haider, für „Wahlkämpfe beziehungsweise Werbekampagnen“, wie der Zeuge mit Hinweis auf Äußerungen Petritz’ erzählt.

Die österreichische Justiz hat seit Monaten sehr konkrete Hinweise auf diese Vorgänge. Der Lobbyist und frühere FPÖ-Generalsekretär Walter Meischberger hatte in seinem so genannten Tagebuch freimütig über Zahlungen aus Libyen und dem Irak an Haider berichtet und über entsprechende Geldflüsse nach Liechtenstein und in die Schweiz.

Meischbergers Notizen wurden im Februar im Zuge von Hausdurchsuchungen beschlagnahmt und anschließend bei der Staatsanwaltschaft Wien schubladisiert. Möglicherweise auch deshalb, weil die Justiz darin keinen strafrechtlich relevanten Tatbestand ableiten konnte: Parteienfinanzierung, zumal aus dunkler Quelle, ist in Österreich nicht strafbar und Haider ohnehin tot.

Dennoch:
Dass Teile der Justiz Meischbergers Notizen zunächst umstandslos als „Gerücht“ abqualifizierten, ohne auch nur einen Moment der Recherche investiert zu haben, ist angesichts der von profil in den vergangenen Wochen zusammengetragenen Fakten und Indizien geradezu fahrlässig.