Barbara Albert: „Mittlerweile schäme ich mich nicht mehr“

Die Lebenden - Barbara Albert: „Mittlerweile schäme ich mich nicht mehr“

Die österreichische Filmemacherin Barbara Albert über Anti-Nazifilme, Tarantinos Zynismus, ihr Misstrauen gegen den „weiblichen Blick“ und ihren neuen Film „Die Lebenden“.

Interview: Stefan Grissemann

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Sie haben acht Jahre gebraucht, um „Die Lebenden“ zu realisieren.
Barbara Albert: Ja, und das finde ich entschieden zu lang. Das mach’ ich kein zweites Mal. Ich hatte Probleme mit der Finanzierung, gerade die deutschen Förderungen wollten diese Art von Film lange gar nicht; also musste ich das Projekt billiger machen, das Buch immer wieder umschreiben. Der Film war mir aber so wichtig, dass mir klar war, ich musste ihn drehen – gegen alle Widerstände. Vor zwei Jahren sah es so aus, als sei der Film endgültig tot, aber dann sprang der SWR drei Tage vor Weihnachten noch ein. Aber acht Jahre sind bei einem solchen Unternehmen auch deshalb ein Problem, weil man selbst sich ja verändert.

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In „Die Lebenden“ wird viel geweint und heftig mitgefühlt. Woher kommt dieses Pathos? Von Ihnen selbst, einer Regisseurin also, die ihren Stoff besonders persönlich nimmt – oder ist das eher die Emotionswelt Ihrer jungen Heldin?
Albert: Das ist schwer zu trennen. Vermutlich bin es eher ich als sie. Ich machte ja etwas ganz Ähnliches durch, als ich vor ein paar Jahren die Geschichte meiner Familie recherchierte. Das Schwierige, darüber nun einen Film zu drehen, besteht darin, dass es schwer zu erklären ist, was mit einem passiert, wenn man herausfindet, dass der eigene Großvater Teil der NS-Vernichtungsmaschinerie war. Das ist nicht in einem Satz abzuhandeln, hat mit Sprachlosigkeit zu tun. Meine Heldin kann, genau wie ich selbst, zunächst die Tragweite dessen, was sie da herausgefunden hat, eigentlich gar nicht beurteilen. Ich erzähle daher einfach nur von einer Figur, die wissen möchte, was geschehen ist – aber ohne Hintergedanken, ohne ein besonderes Ziel zu verfolgen. Es gibt für sie am Ende vielleicht keine Läuterung im klassischen Sinn, dennoch wird sie mit einer anderen Haltung durchs Leben gehen und Entscheidungen anders und bewusster treffen als davor.


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Die große Emotionalität Ihres Films erscheint auch mutig angesichts eines Themas wie diesem. Es hat ja einen Grund, warum so viele Filme, die vom Holocaust erzählen, besonders kühl verfahren, auf intellektuelle Distanz gehen. Gerade in diesem Feld hat man mit Claude Lanzmanns Werken oder Andrzej Munks „Pasazerka“ auch enorme filmhistorische Vorgaben.
Albert: Aber man darf schon noch Filme über dieses Thema machen. Ich hab das auch im Vorfeld von den Förderungsstellen oft gehört: Es gebe ja schon so viele Filme zu diesem Thema. Gut, es gibt etliche Bücher und Dokumentarfilme von der Enkelgeneration, die sich mit den Großeltern als NS-Täter auseinander setzen, aber Spielfilme, in denen sich eine Enkelin auf die Suche macht, die Wahrheit zu finden, gibt es eigentlich kaum. Es stimmt, dass meine Heldin sich anfangs ziemlich naiv in dieser Recherche bewegt, aber das liegt auch daran, dass sie von ihrem Alter her schon eine typische Urenkelin sein könnte: Ich wollte diese Figur aber nicht zu weit von der Tätergeneration entfernen, auch um meinen Film ganz jungen Leuten nahe zu bringen, die diesem Thema oft schon so fern sind, dass sie damit gar nichts mehr anfangen – auch weil viele ihre Urgroßeltern nicht mehr kennen gelernt haben.

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Was soll der Film denn vermitteln? Dass den Holocaust „ganz normale“ Leute zu verantworten haben? Ist die historische Lektion, die er erteilt, nicht als bekannt vorauszusetzen?
Albert: Es gibt viele Menschen um die 20, die beispielsweise den Unterschied zwischen SS und Wehrmacht nicht mehr kennen. Es war schon auch mein Anliegen, einen Täter ins Zentrum meines Films zu setzen, denn ich fand immer, dass das im Kino fast ein Tabu ist. Es ist fast so, als dürfe man Holocaustfilme nur auf ganz bestimmte Arten machen: Wenn man Quentin Tarantino heißt, darf man ein bisschen zynische Filme darüber machen, wenn man Oskar Roehler heißt, schon nicht mehr. Aber man muss offenbar immer die Distanz wahren. Und jedes Mal stellt sich da ein Autor hin und verkündet, er wisse, was gut und was böse sei. Oder er deckt auf, dass das Gute eigentlich böse war und das Böse eigentlich gut. Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ war der Anfang dieser Filme; von da an ging’s in eine falsche Richtung, fand ich.

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Sie wollten die Frage der Schuld ganz anders stellen?
Albert: Schon. Ich wollte eine sehr grau schattierte Figur zeichnen: einen Täter, der eben kein Monster ist, sondern genauso wie wir. Ich bin überzeugt davon, dass dieses Abrutschen ins Kriminelle unter massivem Druck uns allen passieren kann. Als ich in Bosnien für einen früheren Film recherchierte, interviewte ich viele junge Leute, die Täter waren, aber auch nicht anders wirkten als ich. Und doch waren das Menschen, die andere massakrieren wollten. Ich sehe „Die Lebenden“ als einen Film über die Abgründe, die blinden Flecken einer Familie. Man kann den Nazi übrigens jederzeit ersetzen durch irgendeinen anderen Geheimnisträger; es geht darum, ob und wie man akzeptieren kann, Teil einer Täterfamilie zu sein. Erst wenn die Tabus aufgedeckt werden, kann man seine Identität wirklich finden. Meine Protagonistin versteht über diesen Prozess auch sich selbst am Ende besser.

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Sie sind fasziniert vom Thema Schuld?
Albert: Immer schon. Aber es geht in „Die Lebenden“ eben nicht nur um historische Schuld, sondern auch um die Frage, wo und wie wir selbst uns heute schuldig machen. Welche politische Verantwortung müssen wir übernehmen? Ursprünglich war mein Drehbuch, das ich schon vor zehn Jahren begonnen hatte, viel breiter angelegt, war ein politisches Gegenwartspanorama, hatte beispielsweise viel mit der Antiglobalisierungsbewegung zu tun; aber das erschien manchen Fördergebern zu komplex, deshalb musste ich das Buch vereinfachen – und deshalb brauchte ich auch so viele Jahre, es überhaupt zu verfilmen. Und irgendwann begriff ich auch, dass die Geschichte mit dem Großvater, der in Auschwitz Verbrechen begangen hatte, alle anderen Plots und Themen erschlagen würde. Also konzentrierte ich mich auf ihn, aber wollte nicht nur in der Vergangenheit wühlen, sondern nebenbei auch das aus der Geschichte entstandene Lebensgefühl im heutigen Europa vermitteln – Erzählungen von Migration, Öffnung und Vertreibung.

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Wie persönlich nehmen Sie diesen Film denn?
Albert: Sehr. Die Spurensuche in die Vergangenheit meiner eigenen Familie war die Grundlage für die Bewegungen der Handlung und die Figur des Großvaters. Es gibt Passagen in meinem Film, die ich eins zu eins aus der Wirklichkeit übernommen habe. Andere habe ich adaptiert, umgeschrieben. Aber mein Großvater war in Auschwitz – auf der Täterseite.

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„Die Lebenden“ ist also fast ein autobiografischer Film?
Albert: Leider ist der Film sehr nah an meiner Familie. Ich habe lange überlegt, ob es wichtig ist für den Film, das auch vorab zu deklarieren, fand dann aber, das sei gar nicht nötig. Ich wollte diese Information nicht gleich so hinwerfen, wollte keinen Bekenntnisfilm machen. Wenn man so etwas über seinen Großvater erfährt, ist zunächst Scham da; mittlerweile schäme ich mich nicht mehr. Ich habe mit der Täterschaft meines Großvaters letztlich nichts zu tun. Ich kann mich auch nicht zum Opfer stilisieren; mir geht es nicht schlecht, weil es so war. Ich will, dass sich der Zuschauer mit meiner Hauptfigur identifiziert, mitleidet; deshalb gebe ich ihr Gefühle, die sich etwa in Weinen äußern. Zugleich stellt sich die Frage: Darf sie das überhaupt als Täterenkelin? Sie ist ja nicht die, die leidet. Ihre Tränen durften nie zum Ausdruck von Selbstmitleid werden.

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Warum war es Ihnen wichtig, vor den Toren von Auschwitz-Birkenau zu drehen? Musste man diesen Todesort auch zeigen, um die Emotionen zu authentifizieren?
Albert: Ich fand es entscheidend, diesen Ort zu zeigen: die erschreckende Banalität dieses Schauplatzes.

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Aber kann man sich anmaßen, an einem solchen Ort, wo derart Unfassbares geschehen ist, zu drehen? Kann man ihm je gerecht werden mit einem kleinen Familienfilmdrama?
Albert: Es ist für meine Figuren wichtig, diesen Ort zu sehen; also musste ich die Szene dort drehen. Es stimmt schon: Dokumentarische Bilder sind, was dieses Thema betrifft, immer stärker. Ich habe darum ja auch keine Bilder nachgestellt, keinen historischen Film gemacht. Und ich zeige bewusst keine Leichenberge. Ich zeige Auschwitz-Birkenau heute, quasi dokumentarisch. In einigen Einstellungen beschreibe ich einfach die Atmosphäre, die ich dort vorgefunden habe.

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Warum haben Sie nie einen Dokumentarfilm über Ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Familie ins Auge gefasst?
Albert: Ich fühle mich, wenn ich dokumentarisch arbeite, nicht sicher genug. Ich brauche mehr Kontrolle, vielleicht bin ich auch deshalb mehr Spielfilmregisseurin als Dokumentarfilmerin.

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„Die Lebenden“ gibt sich ultrarealistisch, ist durchwegs mit ziemlich wackeliger Handkamera gedreht.
Albert: Dieses Schwanken entspricht dem Grundgefühl der Hauptfigur: Das ist ein Beben, ein Herzklopfen. Sie ist immer in Bewegung, sehr lebendig, das wollte ich auch visuell nachstellen.

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Sehen Sie als Ihre Aufgabe, sozial oder politisch relevante Filme zu machen?
Albert: Ja, ich würde sogar gerne noch relevantere Filme machen.

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Es wäre undenkbar für Sie, etwa eine zeitlose Romanze zu inszenieren?
Albert: Es wäre mir fremd. Ich habe allerdings Sehnsucht danach, einmal einen Film zu machen, der sich vom Realismus weit weg bewegen würde. Ich sehe mich gar nicht so sehr als Realistin, liebe etwa Geistergeschichten. Auch in „Die Lebenden“ findet man viele eher symbolische Einschübe, das Herz beispielsweise, aber auch die Ton- und Musikebene. Ich mag das Unheimliche im Kino gern, die Versinnbildlichung von Ängsten durch Phantome – ich schreibe übrigens gerade an einem Geisterfilm.

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„If all of the living are dead now instead / And all of the dead will revive“, heißt es in dem Gustav-Song „IFALL“, den Sie im Soundtrack einsetzen: Geht der Filmtitel auf diesen Text zurück?
Albert: Nein, das war ein glücklicher Zufall. Ich fand dieses Stück, da hieß der Film lange schon „Die Lebenden“. Ursprünglich wollte ich ihn ja „Die Lebenden und die Toten“ nennen, aber davon nahm ich bald Abstand; denn es geht in meinem Film ja weniger um die Toten, als um die Frage, was die Lebenden mit der historischen Schuld machen. Da passte das Lied dann perfekt dazu.

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Ihre Filme scheinen stets dem weiblichen Blick verpflichtet zu sein.
Albert: Ich muss die weibliche Perspektive wirklich nicht mehr verteidigen.

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Aber Sie arbeiten doch bevorzugt mit Frauen?
Albert: Stimmt, aber ich arbeite auch gern mit Männern. Es geht beim Drehen allerdings oft um Machtverhältnisse, und mir passiert es hier und da erstaunlicherweise immer noch, dass ein männlicher Mitarbeiter am Set ein Problem damit hat, die Vorstellungen einer Regisseurin umzusetzen. „Die Lebenden“ ist mit großem Einsatz meines weiblichen und männlichen Teams entstanden.

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Geht es Ihnen auf die Nerven, ständig auf die Frauenperspektive angesprochen zu werden?
Albert: Ja. Ich kann den nämlich nicht einmal selbst so richtig definieren: den weiblichen Blick. Es gibt für mich gute und schlechte Filme von Frauen wie von Männern. In einer Festivaljury, in der außer mir nur Männer saßen, ging es einmal darum, ob man einen bestimmten Film, den eine Frau inszeniert hatte, nicht mit dem Hauptpreis auszeichnen sollte. Alle waren dafür, nur ich fand den Film wahnsinnig betulich und eigentlich schrecklich. Damals war es den anderen Jurymitgliedern schleierhaft, wie ich „als Frau“ diesen wunderbaren weiblichen Blick nicht würdigen konnte. Seither finde ich diese Frage schwierig.

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Es fällt trotzdem auf, dass alle Ihre Filme von Heldinnen getragen werden. Da ist kein einziger, der eine männliche Hauptfigur hätte.
Albert: Stimmt, dabei hatte ich 2008 eine Produktion mit einen jungen Mann im Zentrum fast schon drehfertig. Da ging es um einen Neonazi, um die „White Supremacy“-Bewegung. Das hätte ich um ein Haar in Amerika gedreht, aber dann wurde nichts daraus. Die Finanzkrise kam drei Monate vor Drehbeginn dazwischen.