Die Volksempfänger: Heinz-Christian Strache und sein Mentor Jörg Haider

Die Volksempfänger: Heinz-Christian Strache und sein Mentor Jörg Haider

Was unterscheidet Jörg Haider? Der eine ist Vergangenheit, der andere Zukunft. Beide mobilisieren ihre Anhängerschaft durch Niedertracht. Und beide wissen, dass sie mit dem Feuer spielen.

Es war ein denkwürdiges Treffen und emotional höchst belastend. Am 8. Oktober 2008 saßen sich Jörg Haider und Heinz-Christian Strache auf einer Couch im Besprechungszimmer des FPÖ-Parlamentsklubs gegenüber. Haider hatte um das Treffen gebeten, und der Jüngere bestand gegen die Gesetze der Höflichkeit darauf, dass der Ältere zu ihm pilgern müsse.
Das Thema Alter spielte damals keine geringe Rolle in Haiders Leben. Man sah es ihm an. In den Fernsehdebatten des Nationalratswahlkampfs 2008, in denen er auf seinen Gegenspieler Strache traf, hatte Haider wie ein alternder Punk ausgesehen. Die kurzen Haare standen zu Berge und waren verdächtig blond. Mit seinem Vertrauten Stefan Petzner hatte er in diesen Wochen oft über das Altwerden geredet. Haider haderte mit dem Lauf der Natur. Im Gegensatz zu ihm habe er, der 27-Jährige, das ganze Leben noch vor sich.

Haider war auch verbittert. Strache wurde offenbar verziehen, was man ihm nie hätte durchgehen lassen. Man stelle sich nur einmal vor, von ihm wären Fotos von Wehrsportübungen mit Neonazis aufgetaucht, beschwerte er sich unter seinesgleichen. Strache nehme man das nur deshalb nicht übel, weil er ein Leichtgewicht sei, sagte Haider boshaft in aller Öffentlichkeit.

Haider verlor die Nerven
Einer wie Haider konnte schwer alt werden. Er hatte den Populismus in Österreich salonfähig gemacht, und den Jugendwahn in der Politik etabliert. Er war 36 Jahre alt gewesen, als er 1986 in einem Handstreich die Partei übernahm. Er tourte von Wahlsieg zu Wahlsieg, erschloss neue Wählerschichten. Zuerstliefen ihm die bürgerlichen, dann die sozialdemokratischen Sympathisanten zu. Er brachte seine Partei in die Regierung und er akzeptierte sogar, dass er nicht dabei sein durfte. Doch das war zu viel: Haider verlor die Nerven. Als ein jüngerer, viriler Gegenspieler namens Strache auftauchte, zerriss der Alteseine Partei und gründete eine neue.

Strache war ebenfalls 36 Jahre alt, als er die FPÖ übernahm. Auf die Frage, was ihn von Haider unterscheide, meinte er dummdreist, er sei „größer und jünger“.

Waffenstillstand
Bei dem Treffen im Parlament vor fünf Jahren sollte eine Art Waffenstillstand vereinbart werden. Gegen alle Erwartungen hatte Haiders BZÖ bei den Nationalratswahlen fast elf Prozent der Stimmen gewonnen. Gemeinsamwären Haider und Strache stärker gewesen als zu Haiders Hochzeiten. Eine Versöhnung schien ein Gebot der Vernunft. Das Gespräch sei „atmosphärisch korrekt und ordentlich abgelaufen“, hieß es danach. Doch schon zwei Tage später verhöhnte Strache sein einst bewundertes Idol. Er wurde im „Standard“ mit den Worten zitiert: Haider versuche krampfhaft, sich allen Parteien an den Hals zu werfen. Haider biedere sich an. Das grenze schon an Stalking. Wenn jemand für alles offen sei, dann sage man nicht umsonst, der könne nicht ganz dicht sein.
Beleidigender geht es nicht.

24 Stunden nach Erscheinen der Ausgabe der Zeitung war Haider tot. In seinem VW Phaeton war er mitten in der Nacht stockbesoffen mit 180 km/h in eine Kurve gefahren.

Strache hatte in jungen Jahren selbst einmal leidenschaftlich um die Zuneigung des Älteren gebuhlt. Zahlreiche Briefe schrieb er an Jörg und Claudia Haider, adressiert ans Bärental. Da war er 22 Jahre alt, freiheitlicher Bezirksrat in Wien-Landstraße und ein glühender Verehrer. Er hatte Haider im Wiener Wahlkampf 1991 am Viktor-Adler-Platz bei einem Infostand der FPÖ persönlich kennengelernt.

Lesen Sie die Titelgeschichte von Christa Zöchling und Eva Linsinger in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.