Bildersturm

Graphic Novels sind in den Verlagsprogrammen präsenter denn je: so vielfältig die Stile und Themen, so hochgesteckt die künstlerischen ­Ambitionen. Die deutschsprachige Comic-Szene kämpft dennoch um ­Anerkennung.

Von Philip Dulle

In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2003 dringt ein Mann in den ersten Stock des Wiener Kunsthistorischen Museums ein und entwendet Benvenuto Cellinis Meisterwerk Saliera. Um 3.55 Uhr schlägt der Bewegungsmelder an, aber erst gegen 8.20 Uhr wird der Diebstahl entdeckt. Alles Weitere ist österreichische Kriminalgeschichte. Auf 32 aquarellfarbenen Seiten beleuchtet nun der Südtiroler Zeichner Josef Rainer in „Das Leben des Benvenuto Cellini und der Diebstahl der Saliera“ (erscheint am 15. September beim Wiener Folio Verlag) nicht nur den florentinischen Schöpfer des berühmten Salzfasses aus dem 16. Jahrhundert und den dreisten Wiener Dieb neu, sondern indirekt auch das Konzept deutschsprachiger Verlage, sich mit Comics neue Absatzmärkte zu erschließen.

Der Buchhandel hat offenbar ein aktuelles lieb Kind: Knapp 84.000 Einträge findet der Onlineversand Amazon zum Suchbegriff „Graphic Novel“ und führt neben Klassikern des Genres wie der Holocaust-Aufarbeitung „Maus“ von Art Spiegelman und der auch in Filmform berühmten ­Comics-Dokumentation über den Libanonkrieg, „Waltz with Bashir“ (von Ari Folman und David Polonsky), allerlei Absonderliches auf: etwa die Jane-Austen-Satire ­„Pride and Prejudice and Zombies“ oder „Anne Frank: die Comic-Biografie“. Christian Maiwald vom Berliner Reprodukt ­Verlag betrachtet die Graphic Novel als ­potenten Neuzugang in der literarischen Verwertungskette: „Große Verlage sehen neben den klassischen, am Markt etablierten Hörbüchern nun die schöne Option, neben dem belletristischen Hauptwerk eine Comic-Adaption zu veröffentlichen.“ Reprodukt, der 1991 gegründete kleine Independentverlag mit sechs fixen und einer Handvoll freien Mitarbeitern, setzt im Gegensatz zu den größeren Verlagshäusern lieber auf die originären Werke seiner Comics-Stammautoren. Maiwald betreibt nebenbei auch die Liebhaber-Internetseite „graphic-novel.info“, die nicht nur die Geschichte hinter den Werken und die Kunstform selbst erklären will, sondern auch täglich über Neuerscheinungen, Interviews und Kritiken informiert.

Die Graphic Novel hat sich in den vergangenen Jahren radikal transformiert: Die lange Zeit dominanten Superhelden-Comics aus der klassischen Ära des Mediums sind inzwischen nur noch eine Randerscheinung auf den Präsentiertischen der Buchhandlungen: Da findet man statt­dessen Reisereportagen, Existenzialismusstudien, Kriegsberichterstattung und Neuinterpretationen moderner Literaturklassiker – alles in gezeichneter Form. Selbst der ehrwürdige Suhrkamp Verlag setzt nun auf Comics-Variationen seines ­Portfolios: Mit Thomas Bernhards „Alte Meister“ von Nicolas Mahler erscheint im Herbst eine erste Neuinterpretation, die im Frühjahr 2012 mit Publikationen moderner Weltliteratur fortgesetzt werden soll. Um welche Werke es sich dabei handeln wird, will der Verlag derzeit nicht verraten.

Der Begriff „Graphic Novel“ entspricht den hohen Ambitionen größerer Publikationshäuser und auch der wachsenden Bereitschaft der Buchhändler, Comics in ihr Programm aufzunehmen: Man umgeht das oft abschätzig konnotierte Wort „Comic“, um sich mit seriös konzipierten Bildgeschichten besser an ein erwachsenes Zielpublikum wenden zu können. Das Gros der Zeichner wehrt sich allerdings noch gegen die neue Trennung von vermeintlicher Schund- und neuer Intellektuellenliteratur. Auch für Maiwald sind Graphic Novels schlicht eine Unterkategorie der Comic-Gattung. Der einzige große Unterschied bestehe darin, „dass Graphic Novels in sich abgeschlossene Inhalte wiedergeben und nicht als Serien oder fortlaufende Alben veröffentlicht werden“. Geprägt wurde das Wort von der Graphic Novel vermutlich bereits in den sechziger Jahren, zugeschrieben wurde es später dennoch immer wieder dem Sohn einer in die USA emigrierten jüdischen Familie aus Österreich und Rumänien: Der Comics-Künstler Will Eisner (1917–2005) popularisierte den Begriff 1978, als er sein Werk „Ein Vertrag mit Gott“ veröffentlichte, in dem er ein Kompendium an New Yorker Großstadt- und Mietshausgeschichten schuf und vom Leben in den Bronx während der dreißiger Jahre erzählt.

Gut drei Jahrzehnte nach Eisners Meisterwerk hat sich der Hype etwas gelegt. Sebastian Broskwa sieht das Phänomen gelassen. Der Wiener Buchhändler, der mit Pictopia die einzige österreichische Graphic-Novel-Verlagsauslieferung betreibt, spricht von einem „in Österreich überschaubaren Markt“, der dem deutschen immer noch hinterherhinke. „Seit ein paar Jahren werden Graphic Novels immerhin schon bei innovativen Buchhandlungen geführt“, stellt Broskwa trocken fest. Nicht allen Verlegern erscheint die Lage indes so entspannt. Vanessa Wieser vom Wiener Milena Verlag, die eng mit den Fachverlagen Reprodukt und Edition Moderne zusammenarbeitet, gibt zu bedenken, dass sich die Ambitionen der großen Verlage negativ auf das Geschäft der unabhängigen Häuser auswirken könnten, deren unermüdliche Aufbauarbeit den Aufstieg der Graphic Novel im deutschsprachigen Raum erst bewerkstelligt habe. „Preistreiberei und unlauterer Konkurrenzkampf“ sind laut Wieser nur zwei Nebeneffekte, die in Zukunft virulent werden könnten. „Wir haben mit Comics begonnen, da ich persönlich diese Kunstform sehr schätze und auch österreichische Autoren fördern wollte“, sagt Wieser. Zuletzt erschien in ihrem Verlag der erste H.-C.-Artmann-Comic.

Christian Maiwald erkennt einen kleinen Verkaufstrend in Sachen Graphic ­Novels vor allem seit Marjane Satrapis immens lukrativer autobiografischer „Per­se­polis“-Verfilmung von 2007; die beiden davor erschienenen Bücher verkauften sich allein im deutschsprachigen Raum an die 50.000-mal. Die Auflagen- und Verkaufszahlen anderer Autoren seien seit dem Erfolg der Geschichte von der jungen Frau während und nach der islamischen Revolution im Iran leicht gestiegen. Obwohl die aktuellen Absatzzahlen im deutschsprachigen Raum kaum berauschend sind, können deutsche Zeichner im Gegensatz zu ihren österreichischen Kollegen mittlerweile von ihrer Kunst leben, so Maiwald im Gespräch mit profil: Sechs- bis siebentausend Exemplare seien von den Bestsellern seines Hauses – „Babys in Black“ (von Arne Bellstorf) und „Gift“ (von Peer Meter und Barbara Yelin) – jeweils seit 2010 abgesetzt worden. „Ein durchschnittlicher Titel verkauft um die dreitausend Exemplare – Tendenz steigend.“

Aber nicht alle großen deutschen Verlage sprechen auf die neue Verwertungsstrategie an. Beim Münchner Sanssouci Verlag – der zum Verlagsriesen Hanser ­gehört – hat man sich mit dem Thema ­Comics auf dem deutschen Buchmarkt lange beschäftigt. Aber: „Angesichts der Verkaufszahlen müssen wir leider sagen, dass die Graphic Novel nach wie vor einen schweren Stand hat. Es gibt bei uns keine ausgeprägte Comic-Tradition wie in Frankreich oder Amerika“, heißt es bei Sanssouci. Auch der deutsche Knesebeck Verlag führt neben seinen üppigen Fotobänden seit 2006 nur eine Handvoll Graphic Novels im Repertoire – allerdings namhafte: Klassiker wie Marcel Prousts „Auf der ­Suche nach der verlorenen Zeit“, Dantes „Göttliche Komödie“ und sogar Franz ­Kafkas surreale Traumstudie „Die Verwandlung“ wurden schon zu Comics verarbeitet.

Der Welt der Graphic Novels scheinen stilistisch und thematisch keine Grenzen gesetzt zu sein; kein Literaturjuwel ist mehr unantastbar, kein Feld scheint mehr zu weit entfernt. So wird auch das älteste Filmfestival der Welt, die Ende August beginnende 68. Mostra in Venedig, wenigstens indirekt wieder von der umtriebigen Comic-Kunst erfasst werden. Marjane Satrapi stellt dort nämlich gemeinsam mit Vincent Paronnaud ihren zweiten Film, „Huhn mit Pflaumen“, vor: ein auf der ­Comic-Vorlage der Regisseurin basierendes, diesmal allerdings mit realen Schauspielern besetztes orientalisches Märchen über die letzten Tage im Leben von Satrapis Großonkel Nasser Ali Khan, einem iranischen Lautenspieler. Aber auch einer der ganz Großen der Szene kehrt Anfang September mit einer wohl aufsehenerregenden neuen Arbeit zurück: Der Amerikaner Art Spiegelman, 63, der sich erst unlängst vom Intellektuellenmagazin „New Yorker“ getrennt hat, wird in wenigen Wochen, pünktlich zum Jahrestag des nationalen Traumas, seine Graphic Novel „Im Schatten keiner Türme“ veröffentlichen – eine komplexe Bearbeitung der Terroranschläge vom 11. September 2001.