Insolvenz: Vermögen verputzt

Richard Lugner, Österreichs schrillster Bauunternehmer, steht vor der Pleite. Um nicht alles zu verlieren, muss er sein Lieblingsprojekt, die Lugner City, zu Geld machen. Der Haken: Sie gehört ihm gar nicht mehr.

Ein ganz normaler Tag im Leben des Ehepaares Lugner: Richard steht im Bademantel vor dem Spiegel und rasiert sich. Mausi joggt durch die Weinberge. Richard flaniert durch die Lugner City. Mausi geht zum Zahnarzt. Richard absolviert einen Geschäftstermin bei einer Architektin. Mausi geht ins Kosmetikinstitut.

Am Dienstag vergangener Woche lief auf ATV+ die vorletzte Folge der Reality Soap „Die Lugners“. Aufgezeichnet wurde im Sommer, die Sonne scheint also noch. Und außer diversen ehelichen Spannungen gibt es in der Familie Lugner keine Probleme, möchte man meinen.

Doch dann fällt ein für TV-Konservenware bemerkenswert aktueller Satz: „Hut ab, Mausi ist ein echtes Organisationstalent“, säuselt die ATV-Kommentatorin, „sie wäre glatt in der Lage, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.“

Wie es aussieht, könnte diese Fähigkeit in der Familie Lugner tatsächlich bald an Wert gewinnen. Denn die Einzelfirma „Baumeister Ing. Richard Lugner“, so etwas wie das Zentralgestirn der familiären Unternehmungen, steht vor der Insolvenz. Die Frage ist derzeit nur, ob Lugner einen Ausgleich schafft oder in Konkurs geschickt wird. Im Namen einiger Gläubiger hat der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) vergangene Woche bereits zwei Konkursanträge gestellt. Um seine Schulden zu zahlen, sucht Richard Lugner nun einen Käufer für das Einkaufszentrum Lugner City. Misslingt dieser Plan, sieht es schlecht aus für Österreichs bekanntesten Baumeister. Dass er sich für den nächsten Opernball wahrscheinlich keine Miet-Celebrity einfliegen lassen kann, wird dann sein kleinstes Problem sein.

Eigentlich hatte Lugner vorgehabt, es sich in Zukunft gemütlich zu machen. Schon seit Monaten arbeitet er daran, sein Unternehmen zu liquidieren. Bis Jahresende, so der Wunsch des 71-Jährigen, sollte alles über die Bühne sein. Neue Aufträge wurden Schritt für Schritt von den im Juni gegründeten Unternehmen seiner Söhne aus erster Ehe, Alexander (Ing. Alexander Lugner GmbH) und Andreas (Ing. Lugner Bau GmbH), übernommen.

Doch die Strategie hatte einen nicht unwesentlichen Haken: Lange vor dem Happy End ging dem Baumeister das Geld aus. Durchschnittlich 108 Tage nach dem vereinbarten Zahlungsziel soll Lugner zuletzt seine Rechnungen bezahlt haben. Jetzt platzte einigen Geschäftspartnern der Kragen – und es wird eng. Gelingt es Lugner in den nächsten drei Wochen nicht, seine Zahlungsfähigkeit zu beweisen, wird das Konkursverfahren eröffnet.

Wie viel Geld in Summe fehlt, konnten bisher auch die Gläubigerschützer nicht exakt feststellen. Derzeitiger Stand der Vermutungen: rund 35 Millionen Euro. Der Großteil davon entfällt auf Bankkredite und ist grundbücherlich besichert – die Geldinstitute halten bis jetzt also ziemlich still. Doch fünf Millionen Euro, mit denen der Baumeister nach eigenen Angaben bei Finanzamt, Krankenkasse und Lieferanten in der Kreide steht, sind nicht besichert und sofort fällig.

Keine Bilanzen. Viel mehr als Lugners Aussagen steht den Gläubigerschützern an Recherchematerial nicht zur Verfügung. Denn Lugner hat nie, wie eigentlich vorgeschrieben, seine Bilanzen im Firmenregister hinterlegt; über die Haftungsverhältnisse zwischen den Gesellschaften, den zwei Familienstiftungen und Lugner selbst gibt es nur Spekulationen. „Wir haben bis heute keinen klaren Überblick über das Ausmaß der Verbindlichkeiten und die werthaltigen Aktiva“, klagt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte beim Kreditschutzverband von 1870 (KSV).

Offenbar wusste auch Lugner selbst nicht genau, welche Kettenreaktion er in Gang setzen würde, als er sich im Juni daranmachte, sein Unternehmen aufzulösen. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass der Finanzbedarf die eisernen Reserven bei weitem übersteigt.

Anfang Oktober versuchte Lugner deshalb, sich mit seinen Gläubigern auf einen so genannten stillen Ausgleich zu verständigen. 27,9 Prozent der offenen Forderungen sollten bezahlt werden, bot er seinen Geschäftspartnern an. Zur Organisation dieser Schuldentilgung hatte Lugner die Unternehmenssanierungs- und Ausgleichsberatungs-Kanzlei GmbH (USAB) angeheuert. Geschäftsführer Peter Manhardt und seine Mitarbeiter dürften sich den Gläubigern gegenüber mitunter im Ton vergriffen haben. Liselotte Förster, Chefin des Zulieferunternehmens Fobau, eines Lugner-Gläubigers, resümiert: „Die USAB hat uns diese 27,9 Prozent angeboten. Als uns der AKV abgeraten hat, erklärte man uns schroff, wenn wir das nicht annehmen, bekommen wir gar nichts.“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt rächte sich auch Richard Lugners durch unermüdliches Herumturnen vor den „Seitenblicke“-Kameras geschaffene Popularität. Sein Sohn Alexander glaubt jedenfalls, dass jeder andere Schuldner in der gleichen Situation ohne Konkursanträge über die Runden gekommen wäre. „Der Name Lugner motiviert die Leute offenbar zu solchen Aktionen.“

Seine vielfach zur Schau getragene Protzerei – Lugners vierte Ehefrau Christina (vulgo „Mausi“) posiert bevorzugt in Versace-Kleidern, der Gemahl nennt als Lieblingsspeise Austern mit Ketchup – wirkt jetzt besonders deplatziert. Dazu kommt ein böser Verdacht: „Es gibt Hinweise, dass Vermögen in die Stiftung und zu den Söhnen verschoben wurde“, sagt Alois Schönfeld vom AKV.

Der Nachwuchs bestreitet das entschieden: „Ich habe ihm Geräte und Maschinen abgekauft, die hab ich vollständig bezahlt. Und ich habe einige ehemalige Mitarbeiter von ihm angestellt. Sonst war nichts“, betont Alexander Lugner.

Genaue Prüfung. Auffällig ist jedenfalls, dass die Familienstiftung, in der bisher nur Ehefrau und Tochter als Begünstigte aufschienen, seit 13. Oktober auch die von Richard Lugner für seine Söhne eingerichtete Privatstiftung zu den Begünstigten zählt (siehe Faksimile). „Selbst wenn es sich nur um einen Ausgleich handeln sollte, werden wir die Transaktionen sehr genau prüfen“, kündigt KSV-Mann Kantner an, „schließlich muss man immer mit einem Anschlusskonkurs rechnen.“

Richard Lugner will zu den aktuellen Schwierigkeiten nichts sagen. Ausgerechnet er, der sich noch vor kurzem eher die Zunge abgebissen hätte, als eine Journalistenfrage nicht zu beantworten, schweigt jetzt eisern. „In der Sache gebe ich keine Interviews“, wehrt er ab, als profil ihn am Handy erreicht. „Ich will gar nichts aufklären, ich will meine Ruhe haben.“

Auch Ehefrau Christina, im Umgang mit Medien für gewöhnlich noch unkomplizierter als der Gemahl, reagiert auf das Thema Nummer eins nicht artgerecht. Ihr ist nur ein „No comment“ zu entlocken.

Etwas redseliger sind Lugners Söhne: „Die Bilanzen waren immer in der Hand meines Vaters. Er hatte den Überblick über die Finanzlage“, weist Andreas Lugner den Verdacht zurück, er habe als langjähriger Prokurist im väterlichen Betrieb Mitschuld am Niedergang. Sein Bruder Alexander, ebenfalls bis Juni Prokurist, kritisiert die Extravaganzen des Papas: „Diese ATV-Serie war sehr schlecht für ihn. Man kann nicht Leuten Geld schulden und gleichzeitig so auftreten.“

Schrulliger Zausel. Die Soap „Die Lugners“, wöchentlich auf ATV+ zu bewundern, ist der bisherige Gipfel des Lugner’schen Exhibitionismus. Gezeigt wird das Baumeister-Ehepaar samt Töchterchen Jacqueline bei verschiedensten Verrichtungen, die nach Alltag aussehen sollen – aber trotz der urbanen Umgebung wie Bauerntheater anmuten. Christina Lugner dürfte zum Produktionsteam bessere Beziehungen haben als ihr Mann. Stets wird sie nur perfekt geschminkt ins Bild gerückt und pausenlos für ihre Aktivitäten gelobt; der Gemahl dagegen hat den Part des schrulligen alten Zausels ausgefasst – und die Kameras verweilen immer wieder lustvoll auf den Tränensäcken des Seniors.

Als folge er einem geheimen Masterplan, hat sich der Baumeister in den vergangenen zehn Jahren mit sehr viel Geschick und Liebe zum Detail als Kasper der Nation profiliert. Lugner und seine Ehefrau Christina, in den Klatschspalten präsent als „Mörtel“ und „Mausi“, wurden zum Power-Couple der Klatsch-und-Tratsch-Gemeinde. Außerhalb ihrer alljährlichen Hochsaison rund um den Opernball war den beiden kein Anlass schlecht genug, um in den Medien zu gastieren – und sei es ein Viagra-Test für „News“.

Auch die Politik blieb nicht verschont. 1998 kandidierte Lugner bei den Bundespräsidentenwahlen, 1999 mit seiner Liste „DU“ (Die Unabhängigen) bei der Nationalratswahl. Die beiden Wahlkämpfe sollen insgesamt fast drei Millionen Euro gekostet haben und waren – zumindest glaubt das Lugners Sohn Alexander – mitschuld an der Finanzmisere. „Daher kommen die Schulden.“

Für Richard Lugner geht es jetzt nicht nur ums Geld, sondern auch um seine Reputation als Geschäftsmann – nach Meinung vieler die einzige, die er noch hat. Denn was ihm selbst die bösesten Kritiker zugute halten mussten, waren seine Erfolge als Unternehmer. Die „Baumeister Ing. Richard Lugner“ beschäftigte in Spitzenzeiten über 600 Mitarbeiter und galt als erstklassige Adresse für schwierige Althaussanierungen, gewerbliche Neubauten und die Errichtung von Tankstellen. „Ich hab zweimal von ihm etwas bauen lassen“, erzählt der Wiener Honda-Händler und Lugner-Freund Heinz Havelka, „er war einer der exaktesten Baumeister, mit denen ich zu tun hatte“.

Showmaster. Zum lieb Kind des Chefs wurde die 1990 eröffnete Lugner City. Mit dem Shopping Center im 15. Wiener Gemeindebezirk hat er sich eine eigene Bühne mit praktisch unendlich vielen Auftrittsmöglichkeiten geschaffen. Lugner machte sich selbst zum wichtigsten Werbeträger der Einkaufs-Mall und moderiert bis heute dort fast jede Veranstaltung – von der Bücherlesung bis zum Damen-Wrestling.

Und ausgerechnet die Lugner City soll ihren Namensgeber jetzt retten. Richard Lugner hat den Gläubigerschützern vorgeschlagen, das Einkaufszentrum zu verkaufen und mit dem Geld seine Schulden zu bezahlen. Das Problem: Die Lugner City gehört ihm gar nicht mehr. Zwar hält der Baumeister zehn Prozent an der Betriebsgesellschaft, die Immobilie selbst aber steht seit 1993 im Eigentum einer Privatstiftung, die er für seine Söhne eingerichtet hat. Diese soll den Bau jetzt verkaufen und dann vom neuen Eigentümer zurückleasen. Nach Abzug der Schulden sollte, so hofft Lugner, genug Geld übrig sein, um das nächste Großprojekt in Angriff zu nehmen: ein riesiges Kinocenter, gleich im Anschluss an die Lugner City.

„Erschöpft“. KSV-Experte Hans-Georg Kantner war dabei, als Lugner am Mittwoch seine Sanierungspläne erläuterte. „Er war merklich erschöpft“, sagt Kantner, „offenbar hat er in den letzten Tagen wirklich hart gearbeitet.“ Die Präsentation sei etwas bodenständig, aber glaubwürdig gewesen.
Die Stichhaltigkeit des Sanierungsplanes ist auch den Gläubigern zu wünschen. Denn eine Pfändung der Person Richard Lugner brächte bloß Peanuts. Dem Gründer selbst gehört nämlich nur noch eine Immobilie, das Haus in der Wiener Mollardgasse 21–23 – es ist allerdings schon mit sieben Millionen Euro belastet.

Nach all den Schwierigkeiten trifft es sich gut, dass Familie Lugner diese Woche in den Urlaub nach Tunesien aufbricht. Ein paar Tage Sonne, Meer und die Annehmlichkeiten eines Luxushotels werden den vom Schicksal Gebeutelten gut tun.
Bloß dumm, dass die Ferien nur auf ATV+ stattfinden.