BBC-Skandal: Die Abgründe des Pop

Der Fall des Fernsehmoderators Sir Jimmy Savile, der nun als pädophiler Serientäter enttarnt wurde, wirft nicht nur ein schiefes Licht auf die BBC, sondern auf das gesamte britische Establishment.

Von Robert Rotifer

Er war der allererste Moderator der Hitparaden-Show „Top of the Pops“, ein guter Bekannter von Prince Charles, Hausgast bei Margaret Thatcher und zwischen 1960 und 1995 eine der prominentesten Figuren in der britischen Medienszene. 1990 wurde er von Elizabeth II. zum Ritter geschlagen, im selben Jahr verlieh Papst Johannes Paul II. dem bekennenden Katholiken den Gregoriusorden. Als Sir Jimmy Savile 2011 in seiner Heimatstadt Leeds zu Grabe getragen wurde, trugen die Royal Marines seinen in Goldfarbe lackierten Sarg durch ein Spalier Tausender Trauernder.

Inzwischen steht sein Gedenken im Mittelpunkt einer der weitreichendsten Ermittlungen von Kindesmissbrauch, mit denen Scotland Yard je zu tun hatte. Die Enthüllungen über einen wegen seiner wohltätigen Werke verehrten Clown, der sich posthum als wahre Bestie erwiesen hat, schockieren nun schon seit Wochen die britische Öffentlichkeit. Savile, der Exzentriker mit dem langen weißen Haar und einer Vorliebe für dicke Zigarren, auffällige Sonnenbrillen, Goldschmuck und grelle Trainingsanzüge erfüllte in seiner Sendung „Jim’ll fix it“ (Jim wird’s schon richten) Kinderwünsche. Wie sich herausstellte, nahm er minderjährige Studiogäste dabei nicht selten in seine Garderobe mit. Aber der mächtige Moderator lebte seine pädophilen Neigungen nicht nur hinter den Kulissen des Fernsehstudios aus. Als Galionsfigur seiner eigenen Wohltätigkeitsorganisation sammelte er Spenden für Spitäler, psychiatrische Anstalten, Sonderschulen und Kinderheime in Leeds, Aylesbury, London und auf der Kanalinsel Jersey. Dafür ließ er sich Nachtquartiere und Generalschlüssel geben, um unter dem Deckmantel freiwilliger Hilfsdienste den wehrlosen jungen Insassen nachzustellen. Selbst das Spendensammeln bei seinen reichlich publizierten Dauerläufen quer durch Großbritannien nützte Savile dazu, junge Fans in seinen Caravan zu locken.

Die Zahl der noch lebenden Opfer, die sich in den Wochen nach der Ausstrahlung eines Dossiers des Privatsenders ITV bei der Polizei gemeldet haben, steht nun bei knapp 300. Nicht wenige der Kinder (vor allem Mädchen) hatten den jeweiligen Autoritäten von ihrem Missbrauch durch Savile erzählt, aber scheinbar wollte ihnen niemand glauben. Ehemalige Kollegen behaupten nun, den Star und seine Musikerfreunde, etwa den verurteilten Pädophilen Gary Glitter, in kompromittierenden Situationen mit Minderjährigen ertappt zu haben, beteuern aber im selben Atemzug, es hätte gar keinen Sinn gehabt, ihre Vorgesetzten darauf hinzuweisen. Savile sei unantastbar gewesen.

Als Hintergrund dafür wird gern die permissive „Groupie-Kultur“ der 1970er-Jahre ins Treffen geführt. Aber diese Ausrede gilt wohl kaum für die von der BBC 2011 kurz nach Saviles Tod getroffene Entscheidung, einen für die Nachrichtensendung „Newsnight“ geplanten Report inklusive des Interviews mit einem Missbrauchsopfer „aus redaktionellen Gründen“ zu streichen. Stattdessen liefen über die Weihnachtsfeiertage Sondersendungen zum Gedenken an den Moderator.

Vergangene Woche sendete die BBC eine äußerst selbstkritische Dokumentation über die widersprüchlichen Hintergründe dieser Affäre und die generelle Geschichte des Verhältnisses zwischen Savile und der Rundfunkanstalt, die ihn zum Star machte.

Der erst Mitte September als BBC-Generaldirektor angetretene, zur Zeit von Saviles Tod als Programmdirektor beim Fernsehen tätige George Entwistle musste sich tags darauf dem Kulturausschuss des Unterhauses zur Befragung stellen und machte dabei eine unglückliche, weil ahnungslose Figur. Offenbar besitzt die BBC nicht einmal mehr Aufzeichnungen darüber, wer bei Saviles Sendungen einst die Redaktion betreute. Die Gegner der öffentlich-rechtlichen Corporation innerhalb der konservativen Regierungsfraktion rufen bereits lautstark nach Entwistles Rücktritt. Der Labour-Abgeordnete Tom Watson will wiederum Informationen über Verbindungen zwischen Savile, einem Pädophilenring und dem Mitarbeiter eines früheren Premierministers erhalten haben. Die Polizei führt nun Ermittlungen gegen noch nicht namentlich genannte „Männer hohen Ansehens“ sowie drei Ärzte, die sich in den von Savile mit Spenden überhäuften Spitälern an sexuellen Übergriffen gegen Kinder beteiligt haben sollen.

Letztlich bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass ein bunter Hund wie Savile mit seinen bloß dürftig verborgenen Missetaten nur auf eine Weise davonkommen konnte: Mit seinen Spenden für gute Zwecke kaufte er sich das Wegschauen der Gesellschaft. Und dazu gehören in jedem Fall mindestens zwei.