<i><small>Kommentar: Anton Pelinka</small></i>
Mein Abschied vom Wiener Wiesenthal Institut

Als 2005 das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust Forschung (VWI) gegründet und Anfang 2006 in einer größeren Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, waren wir – der gesamte Gründungsvorstand – voll des kämpferischen Optimismus:

Wir wollten eine internationale Forschungsstätte, die – international und interdisziplinär – den Holocaust in allen seinen Dimensionen erforschen und vermitteln sollte. Ich war, auf Vorschlag des damaligen Generalsekretärs der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Avshalom Hodik – der ebenfalls dem Gründungsvorstand angehörte, zum Vorsitzenden des siebenköpfigen Vorstandes bestellt worden.

In mühsamen Verhandlungen mit der Bundesregierung gelang uns 2008 der Durchbruch, um die öffentliche Finanzierung zu sichern. Die Stadt Wien hatte schon vorher zugesagt, sich wie der Bund an der Finanzierung zu beteiligen. Ende 2008 wurde ein Geschäftsführer bestellt, 2009 weiteres Personal, und im Sinne der Förderungsverträge sollte nun mit der Forschung begonnen werden. Von Anfang an war dokumentiert, dass – neben dem Wiesenthal-Archiv – das Archiv der IKG eine der Forschungsgrundlagen sein sollte. Mit dem Wiesenthal-Archiv wurde auch rasch ein Leihvertrag geschlossen. Im Verhältnis zur IKG begannen sich jedoch – für mich zunächst völlig überraschend – Hindernisse aufzutürmen. Als im April 2009 Hodik – mit meinem Wissen und meiner Zustimmung – endlich im Direktgespräch mit dem Präsidenten der IKG, Ariel Muzicant, eine Lösung herbeiführen wollte, war für uns das Vorbild der Nutzungsvertrag, den die IKG mit dem United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) schon vor einiger Zeit abgeschlossen hatte. Aus Gründen, die mir bis heute rätselhaft sind, kam es nie zu dieser Lösung. Als ich endlich Ende Mai Muzicant ankündigte, der Vorstand würde zurücktreten, wenn nicht ein Leihvertrag analog dem mit dem USHMM uns endlich die Durchführung der Forschungsarbeiten im Sinne der bereits abgeschlossenen Förderverträge ermöglichen sollte, schickte mir Muzicant einen Brief, in dem er den Abschluss eines Leihvertrages nach dem Muster der Vereinbarung mit dem USHMM grundsätzlich zusagte.

Dann geschah viele Wochen wieder nichts. Im Juli erhielt der Vorstand der IKG einen Vertragsentwurf, der so meilenweit von der Zusage Muzicants entfernt war, dass der gesamte VWI-Vorstand unter Protest zurücktrat. Offenbar hatte dieser Rücktritt Wirkung. Ende August einigte sich der nur mehr provisorisch im Amt befindliche Vorstand mit der IKG, Verhandlungen aufzunehmen, um doch noch zu einem Vertrag zu kommen, der zumindest weitgehend der ursprünglichen Muzicant-Zusage entsprach. Der VWI-Vorstand nominierte für diese Verhandlungen aus den eigenen Reihen drei Personen, die eine besondere Erfahrung mit Archivforschung hatten – Hodik, Brigitte Bailer und Bertrand Perz. Überdies wurde festgehalten, dass der mit dem IKG-Archiv besonders vertraute VWI-Geschäftsführer, Ingo Zechner, in die Verhandlungen ebenfalls eingebunden werden sollte.

In den folgenden Wochen gab es eine mühsame, schrittweise Annäherung. Ich musste aber auch feststellen, dass Hodik und Zechner zunehmend von den Verhandlungen de facto ausgeschlossen wurden. Und bei Kontakten mit der IKG-Führung wurde mir klar, dass Hodik, der frühere Generalsekretär und Archivbeauftrage der IKG, und Zechner, der Jahre hindurch in der IKG als Historiker gearbeitet hatte, zu Sündenböcken aufgebaut wurden. Hodik wurde von Personen der IKG-Spitze der Vorwurf gemacht, er hätte den IKG-Vorstand getäuscht, als es um den Vertrag mit dem USHMM gegangen war. Auf diese Weise sollte offenbar begründet werden, dass die IKG dem VWI nicht die Rechte einräumen will, die dem USHMM schon eingeräumt waren.

Hodik zog sich verbittert zurück und erklärte, keine weiteren Konzessionen in Richtung IKG verantworten zu können. Ich war noch immer bereit, auch einen ohne Hodik zustande gekommenen Kompromiss zuzustimmen, wenn nur endlich ein akkordierter Vertragstext auf dem Tisch liegen würde. Doch ein solcher lag auch bei der Generalversammlung am 5.November nicht vor. Ich informierte im Oktober zweimal Muzicant von der Mitteilung des VWI-Anwalts, dass immer wieder bereits mündlich getroffene Vereinbarungen vom IKG-Anwalt nicht in den provisorischen Vertragstext aufgenommen worden waren; dass es offenbar eine Politik des „ein Schritt vor – einer zurück“ gab. Muzicant ließ dies unkommentiert.

In dieser Phase verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass die Energien des VWI sich sinnlos erschöpften. Ich formulierte ein Papier über die Zukunft des VWI und ließ es innerhalb des Vorstandes zirkulieren. Der Tenor: Entweder das VWI versucht, auch nach eventueller Unterzeichnung eines höchst unvollkommenen Leihvertrages sich jeder weiteren Umklammerung durch die IKG zu entziehen, um sich endlich seinen eigentlichen Aufgaben zuzuwenden und unter Nutzung der bereits hergestellten internationalen Vernetzung ein eigenständiges Forschungsprogramm zu erarbeiten; oder aber ich könnte für mich keinen Sinn in einem weiteren Engagement für das VWI sehen. Vier der sechs (anderen) Vorstandmitglieder äußerten sich zustimmend.

Für die Wahl des Vorstandes bei der Generalversammlung am 5.November hatte ich eine Liste vorbereitet, auf der Personen standen, die ein Weiterarbeiten in dem von mir skizzierten Sinne ermöglichen sollten. Ich erklärte vor der Abstimmung, dass ich bei Ablehnung dieser Liste nicht mehr für eine Vorstandsfunktion zur Verfügung stehen würde. Der Vertreter des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Lutz Musner, gab eine analoge Erklärung ab. Meine Liste erhielt nur drei von sieben Stimmen und war damit durchgefallen. Die entscheidende Stimme kam vom Wiesenthal-Archiv, in dem man in einer – vorsichtig ausgedrückt – eigenartigen Vorgangsweise der langjährigen Mitarbeiterin Simon Wiesenthals, die dieser noch für die Vertretung im VWI nominiert hatte, eben diese Vertretung entzogen hatte.

Das Ergebnis: vier der sieben Mitglieder des Gründungsvorstandes gehören dem neuen Vorstand nicht mehr an. Der Geschäftsführer und das gesamte Personal des VWI werden dieses in den nächsten Tagen verlassen. Und das Protokoll der Generalversammlung weist aus, dass fünf der nunmehr sechs Mitglieder des neuen Vorstandes auf Vorschlag einer einzigen Person gewählt wurden – auf Vorschlag Ariel Muzicants.

Von einem bekannten Sozialwissenschafter stammt der Satz, dass – wann immer ein Interesse einer Idee begegnet – diese den kürzeren ziehen wird. Die Frage, die mich beschäftigt, ist die: welchem Interesse musste die Idee des VWI weichen?

Ich weiß schon, der Verein VWI besteht weiter. Und ich wünsche ihm und dem neuen Vorstand alles Gute. Nur: Das ist nicht das VWI, wie es vom Gründungsvorstand entwickelt wurde. Das ist ein anderes Institut.


* Anton Pelinka (Institut für Konfliktforschung, Wien) hat diesen Beitrag profil online zur Verfügung gestellt