Landschaftsflegel: Schladming erstickt in teuren Bausünden

Schladming war eine nette Kleinstadt mit guten Skipisten, freundlichen Leuten und den für Touristenorte üblichen kleinen Bausünden. Doch dann kam die Ski-WM. Rosemarie Schwaiger über die Verwandlung eines Ortes, der plötzlich zu viel Geld ausgeben konnte.

Auf dem Foto im Internet sieht das Gästehaus Waschl in Schladming sehr gemütlich aus. Das Bild wurde an einem schönen Sommertag aufgenommen, die Sonne scheint, auf dem Holzbalkon blühen die Geranien, im Hintergrund locken Wälder und Berge. „Nichtraucherhaus in Bestlage“, verspricht der Begleittext. Die kleine Pension, auch bekannt als „Planaihaus“, wirkt auf dieser Buchungsplattform des Tourismusverbands wie eine Oase der Ruhe. Wer große, unpersönliche Hotels nicht mag, kann sich hier wie daheim fühlen.
Der Lokalaugenschein bestätigt den positiven Eindruck. Am Mittwoch der Vorwoche schneit es heftig in Schladming. Und der Winter steht dem kleinen Haus mindestens so gut wie der Sommer. Auf dem Dach liegt eine dekorative Schneehaube, der Weg durch den Garten wurde ordentlich freigeschaufelt. Alles wirkt gepflegt, sauber und freundlich. Hier lässt sich bestimmt ein angenehmer Urlaub verbringen.
Allerdings nur, wenn man in der Lage ist, die Nachbarschaft völlig auszublenden.

Auf der rechten Seite des Planaihauses, buchstäblich Wand an Wand, steht die Bar „Platzhirsch-Alm“ mit Freiluftbetrieb. Links hat sich das TUI-Hotel „Aqi“ breitgemacht. Schräg links vor der Pension, nur ein paar schwungvolle Schritte entfernt, bewirtet das Après-Ski- und Disko-Imperium „Hohenhaus-Tenne“ seine Gäste fast rund um die Uhr und gern bis zu deren Bewusstlosigkeit. Ein Blick aus den Waschl-Fenstern nach rechts vorne mündet in der kalten, blau-grün schimmernden Glasfassade der Planai-Talstation. Aber es empfiehlt sich derzeit ohnehin nicht, aus dem Fenster zu schauen: Direkt vor dem Garten türmt sich die etwa 15 Meter hohe Zuschauertribüne des WM-Zielstadions. Seit Dezember wird es im Haus deshalb nicht mehr richtig hell.

Wie von feindlichen Armeen umzingelt kauert das Häuschen auf seinem kleinen Grundstück inmitten einer touristischen Sonderwirtschaftszone. Erich Müller, der Hausherr, nimmt die Situation mit Humor. „Wir sind ordentlich eingemauert worden“, feixt er. „Kennen Sie dieses Foto aus New York, auf dem ein winziges Haus zwischen den Wolkenkratzern steht? So ähnlich kommen wir uns vor.“ Eine Straße dahinter wohnt Hans Waschl, der Bruder von Müllers Schwiegervater. Sein Sinn für Humor ist mittlerweile ausgereizt. „Also eine Gaudi war das nicht in den letzten Jahren. Wir hatten permanent eine Baustelle vor der Tür.“
Am 29. Mai 2008 entschied der internationale Skiverband FIS, die Alpine Ski-WM 2013 in Schladming stattfinden zu lassen. FIS-Präsident Gianfranco Kasper war zu diesem Zeitpunkt sicher nicht bewusst, was er damit anrichten würde. Die 4500-Einwohner-Stadt am Dachstein veränderte sich seither bis zur Unkenntlichkeit. Rund 400 Millionen Euro wurden verbaut, mindestens die Hälfte kam aus öffentlichen Mitteln. Das Land Steiermark muss zwar sparen, aber wenn ab 4. Februar Skifans in aller Welt nach Schladming blicken, darf man nicht knausern. Die beste WM aller Zeiten soll es werden, mit der spektakulärsten Zielarena, den tollsten Pisten, den buntesten Partys, der perfektesten Infrastruktur.
Vom schönsten Veranstaltungsort war bisher nicht die Rede. Auch im Tourismus hat das Geflunker offenbar Grenzen.

Das Geschäft mit der WM
Schladming galt schon vor dem WM-Hype nicht als Kandidat für das Unesco-Weltkulturerbe. So etwas wie ein stimmiges Ortsbild gab es hier noch nie. Das ist nicht schlimm. Es muss ja nicht jedes Dorf in Österreich so perfekt sein, dass die Chinesen es abkupfern. Schladming hat attraktive Berge, ein erstklassiges Skigebiet, ein paar ordentliche Gasthöfe und herzerwärmend freundliche Bewohner. Das reicht eigentlich für einen Tourismusort, und die Region durfte sich in der Vergangenheit auch über solide Zuwachsraten freuen. Doch dann kam die WM und mit ihr der Plan, ganz groß ins Geschäft zu kommen.
Das Inferno der vergangenen Jahre machte aus einer netten, unaufgeregten Kleinstadt mit den für Fremdenverkehrsorte typischen Bausünden eine stellenweise bizarre Sehenswürdigkeit. Allein die Idee, neben der Planaibahn ein vierstöckiges Parkhaus mitten in die Landschaft zu klotzen, zeugt von beachtlicher ästhetischer Brutalität. Gleich daneben steht der „Tauernhof Austria“, laut Eigendefinition ein christliches Freizeithaus, im bewährten Alpenbarock. Wie um der Parkgarage zu trotzen, errichteten die Christen-Hoteliers im vergangenen Sommer einen etwa gleich hohen Kletterturm, auf dessen Plattform eine frohe Botschaft montiert wurde: „Jesus Christus. Der Weg, die Wahrheit, das Leben.“ Das matcht sich wiederum hervorragend mit der überdimensionalen Audi-Werbung auf der Parkgarage.
Man kann hier ziemlich lange stehen und schauen und gar nicht merken, wie der eigene Unterkiefer immer tiefer sackt. „Planet Planai“ heißt die 2010 eröffnete Talstation der Seilbahn. Der Name ist gut gewählt; das Ensemble wirkt in der Tat extraterrestrisch.

„Das Viertel am Zielhang war bis vor ein paar Jahren eine ganz normale Wohngegend“, erzählt Werner Handlos, der dort eine Pension betrieb. „Aber jetzt ist das für die meisten Einheimischen nicht mehr auszuhalten.“ Handlos zog vor eineinhalb Jahren die Konsequenz und verkaufte sein Haus: „Für mich wäre die WM eine Chance gewesen, mehr in die Qualität des Tourismus zu investieren als in die Masse. Aber ein Fünf-Sterne-Hotel gibt es in Schladming immer noch nicht.“ Werner Handlos ist froh, dass er die Großveranstaltung nicht live vor der eigenen Haustür verfolgen muss. Er mag die Skifans nicht mehr sonderlich. Bei den Nightraces im Weltcup sei es mitunter vorgekommen, dass Besucher sein Haus enterten, die Toilette nicht gleich fanden und sich in einem Eck der Küche erleichterten, erzählt Handlos. Die für Weltcup-Bewerbe gebräuchliche Abkürzung WC-Rennen ist offenbar doppeldeutig.

Nörgler wie Handlos und Waschl sind allerdings deutlich in der Minderheit. Das Gros der Schladminger schwebt auf Wolke sieben. „I g’frei mi voi. Des wird supa“ ist derzeit die Standardantwort, wenn man die Einheimischen um ihre Meinung zum bevorstehenden Großereignis bittet. Bürgermeister Jürgen Winter begegnet allfälliger Kritik an den architektonischen Einzelleistungen in seiner Gemeinde mit Pragmatismus: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du stellst einen Glassturz über die ganze Region. Oder du nützt das, was gut ist, und baust es aus.“
Während Politiker überall sonst sparen mussten, konnte Winter in den vergangenen vier Jahren aus dem Vollen schöpfen. Investiert wurde nicht nur in Skilifte und Hotels. Auch die Infrastruktur erhielt eine Radikalkur. Schladming bekam einen neuen Bahnhof, ein Kongresszentrum für 2000 Personen, ein multifunktionales Sportzentrum, eine Umfahrungsstraße und verbesserte Zufahrten samt Lärmschutz, eine Bio-Fernwärmeanlage, ein runderneuertes Abwassersystem und eine hochmoderne Glasfaservernetzung. Für zwei Wochen Ski-WM wäre das alles zwar nicht unbedingt nötig gewesen. Aber da die Subventionstöpfe schon einmal geöffnet waren, griff die Stadt gern zu. „Die WM-Vergabe 2008 hat für uns ein Zeitfenster aufgemacht“, sagt Winter und grinst zufrieden: „Die politische Konstellation im Land war günstig. Man konnte viele Wünsche deponieren.“ Abgelehnt wurden nur offensichtliche Unverschämtheiten wie die von der Stadt angeregte neue Aufbahrungshalle. Die meisten Ideen fanden Gehör.

Getriebener Bürgermeister
Winter ist ein sportlicher 47-Jähriger, der selbst als ehemaliger Planai-Sieger durchgehen könnte, wenn er in seinem gelben Anorak durch die Stadt marschiert. Die Gemeinderatswahl im Jahr 2010 gewann seine Partei, die ÖVP, mit 61 Prozent. Der Mann ist offenbar beliebt. Doch Winter ist auch ein Getriebener. Als Veranstalter der Ski-WM fungiert der Österreichische Skiverband – und dieser hat für gewöhnlich das letzte Wort. ÖSV-Präsident Schröcksnadel sorgte für den Aufreger des vergangenen Herbsts, als er verfügte, dass der so genannte „Loop“, eine gewaltige Betonspange im Planai-Zielstadion, auf die der Architekt besonders stolz war, wieder abgerissen werden musste. Nach Schröcksnadels Dafürhalten kostete die Behübschung zu viele Sitzplätze bei den WM-Rennen. Seit Monaten hält sich in Schladming das Gerücht, der ÖSV-Boss wolle die Planai-Bahnen nach dem Event vom Mehrheitseigentümer Land Steiermark übernehmen und in seine Unternehmensgruppe integrieren. Schröcks­nadel dementierte das zwar. Aber ganz unlogisch wäre es nicht.

Wenigstens Winters Arbeitsplatz, das Rathaus, ließen die Bagger und Kräne in Ruhe. Das ehemalige Jagdschloss des Prinzen von Sachsen-Coburg wirkt mit seinem kleinen Park wie eine Insel inmitten des Baustellenwahnsinns, der selbst jetzt, zwei Wochen vor Beginn der WM, nach wie vor herrscht. Gleich beim Rathaus-Park wird gerade das ÖSV-Haus errichtet – ein moderner Fertigteilkubus mit viel Holz und Glas. Es steht direkt neben einer hübschen alten Villa. Gut passt das nicht zusammen, aber was soll man machen mit dem alten Zeug?

Künstliche Wirtschaft
Ein paar Kilometer weiter östlich, in der Gemeinde Haus, wohnt Franz Mandl. Der drahtige 59-Jährige ist Umweltschützer, Alpinforscher aus Leidenschaft, Autor zahlreicher Bücher und Gründer des privaten Vereins „Anisa“, der sich unter anderem die Untersuchung heimischer Felsbilder zur Aufgabe gemacht hat. Mandl hat mit dem Treiben im Nachbarort natürlich keine Freude. Umgekehrt ist es auch so. Der Mann gilt in Schladming als Kauz. Mandl stört unter anderem, dass die Ski-WM als ökologisch nachhaltig vermarktet wird. „Da stehen 900 Schneekanonen. Was soll daran ökologisch sein?“, fragt er und breitet umfangreiches Informationsmaterial auf seinem Küchentisch aus. Auch das Geschäftsmodell erscheint ihm nicht durchdacht. „Mit hohen Subventionen wird eine künstliche Wirtschaft hochgepuscht, die sich selber nicht tragen kann.“ Schladming habe kein Buchgeschäft, kein Kino und kein Haubenlokal – aber 4300 Gästebetten und 4000 Pkw-Parkplätze. Mandl: „Das passt doch alles nicht mehr zusammen.“

Bei manch einer Großinvestition wissen auch die Schladminger noch nicht so recht, ob sie langfristig funktionieren wird. Der größte Brocken ist das neue Konferenzzentrum, das bei der WM als Medienzentrum dienen wird – danach aber erst einmal gefüllt werden will. Gelingt das nicht, hat die Stadt als Eigentümer ein sehr viele Quadratmeter großes Problem. „Es wird eine Herausforderung, das wirtschaftlich erfolgreich zu bespielen“, sagt der Bürgermeister.

Die neue Polizeiinspektion wird diesbezüglich wohl keine Schwierigkeiten verursachen. Der Neubau war, erraten, ebenfalls eine Folge der WM-Bewerbung. Das niedliche, aber unpraktische alte Haus, in dem die Wachleute bisher Dienst schoben, galt nicht mehr als zumutbar. Jetzt haben die Polizisten eine topmoderne Bleibe mit allerlei technischem Schnickschnack. Sogar die Arrestzelle sieht recht wohnlich aus. Ein, zwei Tage wäre es darin locker auszuhalten.
Gefeiert wurde die Eröffnung dieser erfreulichen Infrastrukturmaßnahme in der Vorwoche mit viel Prominenz aus Stadt und Land im Stadtsaal. Diese Immobilie ist an sich bestürzend schmucklos und stammt offensichtlich aus einer Zeit, in der das Geld noch nicht so locker saß. Doch die Schladminger wissen sich zu helfen. Weil der Stadtsaal während der WM als „Schladming-Stadl“ firmieren soll, wurde eifrig dekoriert. Das heißt im Detail: An den Wänden hängen Plastikplanen mit aufgedruckten Fotos von Holzbalken. Sogar ein stilisierter Holzbalkon und ein paar Fenster (mit Ausblick auf die Berge) gingen sich aus. Ganz in der Nähe hatte der örtliche Würstlstand dieselbe Idee.

Das ist, nun ja, originell. Mit ein wenig gutem Willen kann man sich vielleicht einreden, dass hier so etwas wie touristische Selbstironie waltet.
Am Mittwochnachmittag trinkt Hermann Gruber, Tourismuschef der Region Schladming-Dachstein, im Sporthotel Royer Kaffee – und ist ein erkennbar glücklicher Mann. Seit neun Jahren macht der heute 36-Jährige diesen Job, aber so befriedigend wie jetzt war die Arbeit noch nie. „Wir sind alle sehr froh, dass wir die WM haben“, sagt er. Gerade saß er noch mit einem Team des deutschen Fernsehsenders ARD zusammen, der vor jedem Rennen eine ausführliche Vorberichterstattung über Schladming und seine Bewohner bringen wird. Hansi Hinterseer befindet sich derzeit in der Stadt und absolviert Dreharbeiten zur TV-Sendung „Wintertraum in Schladming“, die noch vor der WM im ORF und im deutschen Fernsehen laufen wird. Eine zweiteilige „Universum“-Reihe über den Dachstein und die Entwicklung des Wintersports ist bereits im Kasten. Außerdem hat Arnold Schwarzenegger zugesagt, der Eröffnungsfeier am 4. Februar beizuwohnen. Kann es noch perfekter werden?

„Heuer werden wir wegen der WM sicher weniger Geschäft machen“, erklärt Gruber. Normale Gäste kommen nicht in dieser Zeit, und die Skiteams, Journalisten und Betreuer konsumieren nicht wie gewöhnliche Touristen, sondern bleiben bevorzugt in den VIP-Zelten. „Allein die vielen Einzelbelegungen der Zimmer werden uns 50.000 Nächtigungen kosten“, rechnet Gruber vor. Der positive Effekt soll erst in den nächsten Jahren spürbar werden. Der Tourismuschef hofft auf ein jährliches Nächtigungsplus zwischen fünf und zehn Prozent.
Dass der „Planet Planai“ samt umliegender Großbauten in einem normalen Winter etwas überdimensioniert wirken könnte, glaubt der Experte nicht. Idylle und Authentizität schätze der Gast hauptsächlich bei der Unterkunft, erklärt Gruber. „Aber wenn es ums Skifahren geht, kann es gar nicht modern genug sein.“

Dem Haus Waschl stehen also großartige Zeiten bevor. Auf noch engerem Raum lassen sich diese zwei Anforderungsprofile kaum darstellen. Hausherr Erich Müller ist folglich bester Dinge: „In Schladming ist viel passiert. Ich seh das absolut positiv.“

Infobox
„Drei-Sterne-Region“
Schladming hat 4432 Einwohner und fast genauso viele Gästebetten, nämlich rund 4300. Allein im Jahr 2011 kamen 1200 Betten dazu. Die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle der Stadt und der umliegenden Gemeinden ist der Tourismus.

Bisheriges Rekordjahr war 2009, als in der Region Schladming-Dachstein rund 2,15 Millionen Nächtigungen gezählt wurden. Im Folgejahr gab es einen kleinen Rückgang, 2011 wurde die Bestmarke mit exakt 2.127.502 Übernachtungen beinahe wieder erreicht. Etwa eine halbe Million entfiel auf die Stadt Schladming, der Rest auf die Gemeinden im Umland. Der langfristige Trend geht eindeutig nach oben. Seit 2006 gab es ein Plus von 15 Prozent.

Für einen Urlaub in Schladming muss man nicht unbedingt das kleine Schwarze oder den guten Anzug einpacken. Sonderlich nobel geht es am Fuß des Dachsteins nicht zu. Während etwa in Kitzbühel mehr als 50 Prozent der Betten auf Vier- und Fünf-Sterne-Hotels entfallen, gehören hier nicht einmal 20 Prozent zur Vier-Sterne-Kategorie. Eine richtige Luxusbleibe gibt es in Schladming gar nicht – obwohl sich die Politik seit Jahren darum bemüht. Der Markt sieht offenbar keine Notwendigkeit dafür. „Bei der Urlaubsregion Schladming-Dachstein handelt es sich um eine eindeutige Drei-Sterne-Region“, heißt es im aktuellen Marketingplan des Tourismusverbands. „Auch der Anteil an Privatvermietern liegt über dem Schnitt vergleichbarer Urlaubsregionen.“

International bekannt wurde Schladming als Austragungsort des Weltcup-Nightrace, das jedes Jahr bis zu 50.000 Zuseher anlockt. Im Vergleich dazu wird es bei der Ski-WM vom 4. bis 17. Februar in der Stadt richtig leer sein: Erwartet werden pro Bewerb nur etwa 30.000 Besucher.

Fotos: Sebastian Reich für profil