Warum die Jungen im Alter kein Geld haben werden

Lebensstandard - Warum die Jungen im Alter kein Geld haben werden

Es war ein Versprechen, das für alle Zeit gelten sollte: Die Kinder werden es einmal besser haben als ihre Eltern. Doch für heute 20-Jährige stimmt das nicht mehr, und selbst deren Eltern kämpfen gegen den sozialen Abstieg. Spätestens in der Pension werden sie ihren Lebensstandard zum Teil drastisch senken müssen.

Österreich geht es gut, darüber lässt sich nicht streiten. Wann immer die heimische Politik für ihre Lethargie kritisiert wird, können Bundeskanzler Werner Faymann und sein Vize Michael Spindelegger mit Zahlen kontern, die den Erfolg des Landes beweisen: Österreich kam bisher besser, also mit weniger Schulden, durch die Krise als die meisten anderen EU-Staaten.

Österreich hat mit 4,5 Prozent die niedrigste Arbeitslosenrate in der Europäischen Union. Österreichs Wirtschaft wird nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds heuer um 0,9 Prozent und kommendes Jahr um 1,1 Prozent wachsen – stärker als die Ökonomie in den meisten anderen Ländern Europas. Und Österreich ist jenes Mitglied der EU, das Kinderarmut am wirksamsten bekämpft, stellte die EU-Kommission vor Kurzem fest.

Angesichts solcher Zahlen wirkt jede Widerrede wie Jammern auf hohem Niveau. Doch volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen erzählen wenig über die Lebenssituation des Einzelnen. Und schon ein Blick in die Prognosen von Pensionsexperten dämpft den Optimismus merklich. In ganz Europa müssen sich die Menschen von der Vorstellung verabschieden, dass ihr Lebensstandard ständig wachsen werde. Österreich macht da keine Ausnahme. Heute 20-Jährige finden einen sehr viel schwierigeren Arbeitsmarkt vor als ihre Eltern. Auch eine gute Ausbildung garantiert keinen gut bezahlten Job mehr, schon gar nicht auf Dauer. Geschützte Bereiche wurden weniger, dafür boomen Leiharbeit und Teilzeitverträge. Die nächste Generation wird es aller Voraussicht nach nicht mehr besser haben, sondern hart darum kämpfen, wenigstens einen Teil des Erreichten zu erhalten.

Billige Genies
Die Einkommen stagnieren, obwohl die Qualifikation steigt.

Ein ganz normales Stelleninserat in einer österreichischen Tageszeitung: „Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Junior Controller.“ Die Anforderungen an den neuen Mitarbeiter: abgeschlossenes Studium, gute Buchhaltungskenntnisse, Berufserfahrung, sehr gute Englisch- und EDV-Kenntnisse, Durchsetzungsvermögen, Kommunikationsstärke, sehr gutes Auftreten und hohe Reisebereitschaft.

Gesucht wird offensichtlich eine Spitzenkraft. Bezahlt wird ein Bruttojahresgehalt von 35.000 Euro – das sind 2500 Euro im ­Monat. Dem Nachwuchsgenie bleiben nach Abzug von Steuern und Abgaben nicht einmal 1700 Euro. Davon kann man leben, natürlich. Aber stimmt die Relation zwischen Gehalt und Anforderungsprofil wirklich noch? „If you pay peanuts you get monkeys“, lautet ein amerikanisches Sprichwort. Doch die Lektüre einer ganz normalen Wochenend-Karrierebeilage zeigt, dass viele Arbeitgeber nur den ersten Teil des Spruchs verinnerlichten. Sie zahlen schlecht – und erwarten dafür Top-Qualifikationen.

Florens Eblinger von der Wiener Personalberatung Eblinger und Partner empfiehlt zwar, die offiziell angegebenen Gehälter nicht ganz ernst zu nehmen. „Meistens gibt es noch Spielraum nach oben.“ Die gestiegenen Anforderungen muss der Fachmann aber bestätigen: „Das ist eine sehr gut ausgebildete Generation, von der man viel verlangen kann.“

Es war das große Versprechen in den 1970er-Jahren:
Lernt etwas, dann wird es euch gut gehen – und auf jeden Fall viel besser als euren Eltern. Die Österreicher glaubten daran. 1970 bestanden etwa 16.000 junge Menschen pro Jahr die Matura, 2010 waren es über 42.000. Die Zahl der Studienabschlüsse hat sich im gleichen Zeitraum fast verfünffacht. Aber zumindest in den vergangenen 15 Jahren brachte das Pauken nicht sehr viel. Die realen Nettobezüge der unselbstständig Erwerbstätigen stiegen laut einer Wifo-Studie seit 1995 im Schnitt nur um 0,2 Prozent pro Jahr.

Von der Bildungsoffensive profitierten nicht zuletzt die Arbeitgeber: Sie bekommen heute billige Akademiker für Jobs, die früher mit Handelsschulabsolventen besetzt wurden. Gar nichts lernen ist allerdings auch keine Lösung: Am unteren Ende der Einkommenspyramide (bis zu 1100 Euro brutto) waren die vergangenen 15 Jahre ein finanzielles Blutbad. Das Wifo errechnete Reallohnverluste von bis zu einem Viertel.

Österreich hat im europäischen Vergleich eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit, aber fast zehn Prozent sind es dennoch. Und wer Arbeit hat, kann oft nicht davon leben. Die so genannte „Generation Praktikum“ hat auch hierzulande regen Zulauf. In manchen Branchen gelten ein paar Hungerjahre zu Beginn als selbstverständlich. Der finanziell holprige Berufseinstieg mag zuerst nicht sehr wehtun – vor allem dann nicht, wenn die Eltern aushelfen. Doch die Gratis-Fron rächt sich, spätestens in der Pension.

Das Ende der goldenen Jahre

Die Pensionen werden sinken – und zwar noch stärker als befürchtet.

Wenn Karl Blecha und Andreas Khol zu einer Pressekonferenz einladen, darf man getrost auf ein paar flotte Sager und geharnischte Schimpftiraden hoffen. Die beiden Chefs des überparteilichen Seniorenrats neigen nicht zur Zurückhaltung. Am Montag vergangener Woche wetterten sie über eine „Kampagne von neoliberalen Interessengruppen“ und einen „Angriff auf die soziale Sicherheit in Österreich“. Gemeint war ein von zahlreichen Experten vorgestelltes neues Pensionsmodell, nach dem künftig jeder Rentner nur noch – allerdings verzinst – das ausbezahlt bekäme, was er zu aktiven Zeiten eingezahlt hat.

Blecha (79) und Khol (71) klagen stets am lautesten, wenn von Pensionsreformen die Rede ist. Dabei sind Angehörige ihrer Generation ohnehin auf der sicheren Seite. Kaum ein Politiker traut sich, in bestehende Pensionen einzugreifen oder das auch nur zu fordern.

Für die Alterskohorten davor gibt es deutlich weniger Mitgefühl. Wenn heute 47-Jährige im Jahr 2030 ihren Ruhestand antreten, können sie die Auswirkungen der Pensionsreform 2003 bereits in ihrer vollen Pracht genießen. Sämtliche Deckelungen und Übergangsregelungen sind bis dahin ausgelaufen. Zur Berechnung der Pensionshöhe werden ab dann alle 45 Berufsjahre herangezogen. Rentner in den 1990er-Jahren konnten noch die besten 15 Jahre geltend machen.

Das hört sich gar nicht so schrecklich an, kann aber ordentlich ins Geld gehen. Für ein paar Jahre mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs oder längere Phasen von Teilzeitbeschäftigung kommt Jahrzehnte später die Quittung in Form einer reduzierten Rente. Außerdem ist der volle Pensionsanspruch erst nach 45 Arbeitsjahren erreicht – nicht wie bisher schon nach 40 Jahren. Macht in Summe einen erheblich weniger goldenen Lebensabend als bei heutigen Pensionisten. Ulrich Schuh, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, rechnet mit einem Minus von bis zu 25 Prozent allein durch die bisher beschlossenen Maßnahmen. „Erwerbsarbeit ist heute nicht mehr so angelegt, dass man 40 Jahre lang durchgehend gut verdient“, sagt auch Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut.

Das Gros der Experten rechnet damit, dass weitere Einschnitte nötig werden, weil sich das Pensionssystem sonst einfach nicht mehr finanzieren lässt. In dem von Finanzministerin Maria Fekter vor ein paar Tagen präsentierten Budget für 2013 machen die Bundeszuschüsse zu den Pensionen bereits 18 Milliarden Euro aus – ein Viertel der Gesamtausgaben.
Es scheint also äußerst ratsam, selbst noch ein wenig für den Ruhestand vorzusorgen. Aber auch das ist nicht so einfach. Wegen der Finanzkrise werfen private Pensionsversicherungen derzeit kaum Renditen ab. In vielen Fällen wäre es klüger, das Geld unter den Kopfpolster zu legen; dabei fallen wenigstens keine Gebühren und Provisionen an. Auch die einst von Finanzminister Karl-Heinz Grasser eingeführte und heftig beworbene Zukunftsvorsorge erweist sich als schlechtes Geschäft. Die Renditen bleiben weit hinter den ursprünglichen Annahmen zurück. Beim jüngsten Sparpaket halbierte Maria Fekter die staatliche Förderung auf nur noch 4,25 Prozent. So etwas wie Vertrauensschutz, ansonsten das Zauberwort bei Pensionsdebatten, dürfen die Privatvorsorger nicht erwarten.

Um wie viel erfreulicher die Aussicht auf den Lebensabend früher war, lässt sich – auf hohem Niveau, aber deshalb umso anschaulicher – an den Beispielen heimischer Politiker studieren: Ex-Innenminister Karl Blecha kassiert rund 15.000 Euro pro Monat, Staatssekretär Sebastian Kurz, 26, wird eines Tages wohl nicht weit über 2500 Euro hinauskommen.

Wenigstens machen sich die Menschen keine Illusionen über ihre finanzielle ­Zukunft. Auf die Frage „Werden Sie von Ihrer Pension einmal leben können?“ ­antworteten in einer Karmasin-Umfrage für profil 59 Prozent mit Nein . Am zuversichtlichsten sind die über 50-Jährigen, am meisten Angst haben Menschen unter 30.

Die Burn-out-Gesellschaft

Angst, Druck, Sparzwang: Die Arbeitswelt ist ungemütlich geworden.

Gibt es schon Kandidaten für die Unverfrorenheit des Jahres? Hier ein Vorschlag: die jüngste Kreation von H&M. Der Textilkonzern erklärte vor ein paar Tagen, es sei dem Unternehmen „wichtig, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen abwechslungsreichen Arbeitsalltag zu bieten“. Das wäre ja an sich lobenswert. Nur der Anlass dieser Klarstellung war es nicht. Laut Gesetz müssen Kassenkräfte mehr verdienen als das normale Verkaufspersonal. Um das zu umgehen, hält H&M seine Mitarbeiter an, nebenbei noch T-Shirts zu falten, den Boden zu fegen und Kleiderbügel zu sortieren. Hauptberufliches Kassenpersonal gebe es somit nicht, die Kritik der Gewerkschaft an dessen zu niedrigen Gehältern sei also völlig unbegründet, erklärt H&M. Die Mitarbeiter kriegen ihre Abwechslung, das Unternehmen spart 50 Euro pro Nase und Monat. Alle sind glücklich. Oder etwa nicht?

Es ist oft pure Nostalgie, wenn Menschen davon schwärmen, dass in der Vergangenheit alles besser war. Doch verglichen mit dem aktuellen Hauen und Stechen in vielen Unternehmen muss Erwerbstätigkeit früher ein wahres Vergnügen gewesen sein. In einer Meinungsumfrage des Instituts Karmasin für profil finden 81 Prozent der Österreicher, dass die Arbeitswelt heute härter sei als vor 20 Jahren; nur neun Prozent sind anderer Ansicht. Sie arbeiten vermutlich bei einer Sozialversicherung oder im Wiener Rathaus. Und selbst dort gelten die Privilegien nur noch für Altverträge.

Die neue Ungemütlichkeit hat Gründe: Durch die Globalisierung ist der Konkurrenzdruck größer geworden. Aktionäre und Investoren pochen auf Renditen, und jeder Mitarbeiter zu viel stört da bloß. In der Krise stieg europaweit die Arbeitslosigkeit – in der Eurozone liegt sie derzeit bei über elf Prozent. Das schwächt die Verhandlungsposition von Gewerkschaften und macht auch jenen Menschen Angst, die noch einen Job haben.

So mancher versucht sein Glück da lieber ohne Chef. Die Zahl der Einpersonenunternehmen stieg auf mehr als 240.000. Aber das Geschäft ganz alleine ist hart: Ein Fünftel dieser Solisten macht weniger als 10.000 Euro Jahresumsatz.

Von allen im Vorjahr genehmigten Frühpensionierungen ging ein Drittel auf psychische Erkrankungen zurück. Die Krankenstandstage aus demselben Grund haben sich seit 1995 mehr als verdoppelt. Burn-out mag, in gewisser Weise, auch eine Modeerscheinung sein. Aber es sagt über das Klima in einer Gesellschaft doch einiges aus, wenn Depressionen, Schlafstörungen und völlige Überforderung gesellschaftlich anerkannte Konsequenzen von Berufstätigkeit darstellen.

„Jede Zeit hat ihre Regeln“, meint der Personalberater Florens Eblinger. Er warnt davor, die Schuld an den veränderten Rahmenbedingungen nur bei den Unternehmern zu suchen. „Auch die Loyalität der Mitarbeiter zu ihren Arbeitgebern ist nicht mehr so groß, wie sie einmal war.“

Besser wird es nicht
Wer jetzt nichts hat, wird vermutlich auch nichts mehr bekommen.

Ist alles verloren? Nicht unbedingt. Man kann die Lage auch positiver sehen. ­Wifo-Expertin Christine Mayrhuber gibt etwa zu bedenken, dass die Ausgangssituation eine durchaus komfortable sei. „Den meisten Kindern und Jugendlichen geht es heute materiell viel besser, als es ihren Eltern in diesem Alter ging.“ Dadurch sei die Aufstiegsperspektive natürlich eine andere geworden. Auch die Arbeits- und Einkommenssituation von Frauen habe sich verändert, weshalb die Pensionistinnen in 20 Jahren besser dastehen werden als ihre Geschlechtsgenossinnen heute. „Die Lebensentwürfe sind unterschiedlicher als früher. Man kann schwer sagen, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählen wird“, meint Mayrhuber.

Auch Reinhold Popp, Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg, möchte nicht zu sehr schwarzmalen. „In 20 Jahren werden die Folgen der Krise überwunden sein. Dann kann sich wieder sehr viel Neues entwickeln.“ Außerdem sei schon der Umstand erfreulich, dass die Menschen immer älter werden. „Dieser Zeitwohlstand ist ja auch etwas wert.“

Das gewichtigste Argument liefert Optimisten aber schlicht der in den vergangenen Jahrzehnten angehäufte Reichtum im Land. Laut einer aktuellen Studie der Nationalbank haben 35 Prozent der Haushalte bereits von einer Erbschaft oder einer Schenkung profitiert. Das durchschnittliche Vermögen eines heimischen Haushalts liegt bei 265.000 Euro. Zig Milliarden werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten also noch von einer Generation zur nächsten wandern. Und mit einer begüterten Erbtante in der Verwandtschaft lässt sich die Angst vor dem Pensionsschock doch erheblich reduzieren.

Allerdings erhob die Nationalbank auch, dass die Vermögen in Österreich ungleich verteilt sind. Zehn Prozent haben so gut wie gar kein Geld, zehn Prozent verfügen über Reserven von mehr als einer halben Million Euro. Ge- und vererbt wird zumeist innerhalb dieser Vermögensklassen. Wer jetzt noch nichts hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch nichts bekommen.
Und für den sozialen Aufstieg aus eigener Kraft sind die Bedingungen derzeit leider ungünstig.