Servitenkloster-Flüchtling: „Ihr habt mich in den Tod zurückgeschickt“

Pakistan und Asyl - Servitenkloster-Flüchtling: „Ihr habt mich in den Tod zurückgeschickt“

Einer der acht aus dem Servitenkloster abgeschobenen Pakistanis über sein Verhör am ­Flughafen Islamabad, seine Nächte im Wald und seine Angst vor den Mördern seiner Brüder.

Nennen wir ihn einfach Mohammed, auch wenn er in Wahrheit nicht so heißt. Aber das ist egal, denn was zählt, ist seine Botschaft: „Ihr habt mich in den Tod zurückgeschickt“, sagt er und meint damit das österreichische Innenministerium, das Bundesasylamt und die Polizei. Vor nunmehr zwei Wochen wurde Mohammed nach Pakistan deportiert – wo er nach Ansicht der hiesigen Behörden keine Verfolgung zu befürchten hat. Genauso wie ihm erging es unter dem Applaus von FPÖ und Boulevardzeitungen sieben weiteren Asylwerbern aus dem Servitenkloster.

„Es wird in jedem Einzelfall genau geprüft, ob im Herkunftsland Gefahr besteht“, rechtfertigte ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Ende Juli die umstrittenen Abschiebungen.

Zwei Wochen danach muss daran gezweifelt werden: Bis auf Mohammed, zu dem profil Kontakt herstellen konnte, sind alle Schubhäftlinge verschwunden, seit sie von österreichischen Polizeibeamten an der Passkontrolle des Benazir-Bhutto-Flughafens in Islamabad abgeliefert wurden.

Einem pakistanischen Journalisten der BBC wurde auf Nachfrage von den dortigen Behörden erklärt, die von Österreich als Flüchtlinge abgelehnten Männer seien „nicht eingereist“. Bei Freunden und Unterstützern haben sie sich, soweit bekannt ist, auch nicht gemeldet.

Vor einem Monat hatten Mohammed und seine sieben Landsleute den Beginn des Ramadan im Servitenkloster gefeiert. Als der Fastenmonat sich vergangene Woche zu Ende neigte und auf einem Tuch am Boden Linsen- und Reisspeisen angerichtet wurden, waren sie nicht mehr dabei. Ab und zu fielen ihre Namen und jemand suchte auf einem Mobiltelefon die Bilder dazu.

Dass Mohammed bedroht wird, halten die heimischen Asylbehörden zwar für glaubhaft. Allerdings ist es eine kriminelle Bande, die ihm nachstellt. Er wird weder aus religiösen noch aus politischen Gründen verfolgt – daher gilt er nicht als Flüchtling.

profil hat ihn trotz schwieriger Umstände mehrmals telefonisch erreicht und mit Hilfe eines Dolmetschers ein Interview über seine Situation geführt. Laut Einschätzung einer pakistanischen Hilfsorganisation, die mit ihm vor Ort Kontakt hatte, kann Mohammed dort, wo er jetzt ist, unmöglich bleiben: „Hier ist sein Leben in Gefahr.“

profil: Mohammed, wo sind Sie?
Mohammed: Ich bin in meinem Heimatort. Drei meiner Brüder wurden erschossen, und ich habe Angst, dass ich auch getötet werde.

profil: Die Polizei kann Sie nicht schützen?
Mohammed: Die Menschen werden hier jeden Tag vor ihren Augen umgebracht. Sie macht nichts. Ich bin nicht als Wirtschaftsflüchtling nach Österreich gekommen, sondern weil ich Schutz gesucht habe.

profil: Wurden die Mörder Ihrer Brüder gefunden?
Mohammed: Die Taten wurden angezeigt und aufgenommen, aber es wurde niemand verhaftet.

profil: Können Sie irgendwo untertauchen?
Mohammed: Ich bin nirgendwo sicher. In Pakistan ist alles korrupt. Die Mafia arbeitet mit der Regierung zusammen und umgekehrt.

profil: Wo schlafen Sie?
Mohammed: Manchmal besuche ich Verwandte in der Stadt. Aber bevor es dämmert, gehe ich hinaus auf die Felder oder in den Wald. Dort verbringe ich die Nacht. Ich kann jederzeit angegriffen werden. Meine Mama sagt: „Bitte verschwinde!“ Aber ich habe kein Geld, um zu flüchten.

profil: Wie sind Sie vom Flughafen in den Ort gekommen, an dem Sie jetzt sind?
Mohammed: Als ich abgeschoben wurde, haben mir die Polizisten ein Paket gegeben, in dem 105 Euro waren. Aber davon ist nichts mehr da.

profil: Wissen Sie etwas von den Männern, die mit Ihnen abgeschoben wurden?
Mohammed: Ich habe sie das letzte Mal im Servitenkloster gesehen. Bei der Polizei wurde jeder von uns in einem eigenen Zimmer festgehalten.

profil: Im Flugzeug haben Sie einander nicht mehr getroffen?
Mohammed: Ich war allein, begleitet von drei Polizisten. Sie sind einen Tag vor der Abschiebung zu mir gekommen und haben gesagt, ich werde wie ein Mensch abgeschoben, wenn ich mich entsprechend benehme. Aber wenn ich nicht will, wird man mich zwingen. Ich habe gesagt, ich möchte gar nicht abgeschoben werden. Am nächsten Tag haben sie mich zum Flughafen gebracht.

profil: Was ist nach der Landung in Islamabad passiert?
Mohammed: Die österreichische Polizei hat mich an die pakistanische Immigrationspolizei übergeben, und diese hat mich an die Beamten von der Federal Intelligence Agency (FAI) weitergeleitet, die mich drei bis vier Stunden festgehalten und verhört haben.

profil: Was wollten sie von Ihnen wissen?
Mohammed: Sie haben mich gefragt, wie es mir gelungen ist, nach Österreich zu kommen. Sie wollten die Route wissen.

profil: Sonst nichts? Haben Sie dort erzählt, dass Sie Angst um Ihr Leben haben?
Mohammed: Die Offiziere wollten nur wissen, wie ich nach Österreich gelangt war. Es interessierte sie nicht, warum ich weg bin oder wer getötet worden ist.

profil: Wie haben die Polizisten Sie behandelt?
Mohammed: Kein Polizist behandelt andere Menschen dort wie einen Menschen, sondern wie einen Hund.

profil: Wurden Sie geschlagen?
Mohammed: Nein. Ihre Methoden waren Stoßen, Schimpfen, Beleidigen.

profil: Mussten Sie ihnen Geld geben, damit Sie freikommen?
Mohammed: Nein, man hat mir nichts abgenommen.

profil: Was haben Sie gemacht, nachdem man Sie freigelassen hat?
Mohammed: Ich habe versucht, meine Familie zu kontaktieren. Als ich in Österreich war, wusste ich nicht, dass meine Brüder im April ermordet worden waren. Ich bin nach Lahore gefahren. Dort habe ich erfahren, wo sich meine Mama aufhält.

profil: Hat sie sich versteckt?
Mohammed: Ja, seit längerer Zeit. Die Ermordung meiner Brüder ist ein Schock für sie. Sie hat zu mir gesagt: „Mein Sohn, ich bin eine alte Frau, ich bin mir egal, aber um dich mache ich mir große Sorgen. Es ist nicht gut, dass du zurückgekommen bist.“

profil: Sind Sie das einzige Kind, das sie noch hat?
Mohammed: Ich habe noch zwei Brüder. Sie sind geflüchtet. Einer ist im Ausland, vom anderen weiß niemand, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt.

profil: Wo sind Ihre toten Brüder begraben?
Mohammed: Sie liegen in einem Nachbardorf.

profil: Wissen Sie, wer sie umgebracht hat?
Mohammed: Das war eine kriminelle Gruppe, deren Feindschaft wir uns zugezogen haben. Sie hat viel Macht, Geld und Beziehungen zur Regierung.

profil: Wie viele Mitglieder hat sie?
Mohammed: Es sind 400 bis 500 Leute, die sich in Dörfern und Städten im ganzen Land aufhalten.

profil: Wurden Sie von der Gruppe bedroht, seit Sie wieder in Pakistan sind?
Mohammed: Nein, Sie haben mich noch nicht gefunden.

profil: Wie verbringen Sie den Tag, wo bekommen Sie Essen?
Mohammed: Ich verbringe meine Zeit mit Gebeten, damit mir nichts passiert. Ich kann nicht an Essen denken. Ich bin nur bemüht, mein Leben in Sicherheit zu bringen.

profil: Wie soll es weitergehen?
Mohammed: Bitte holen Sie mich zurück. Ich habe keine Gelegenheit, es den österreichischen Politikern zu sagen, aber in meinem Herzen weiß ich: Ihr habt mich in den Tod zurückgeschickt.

Mitarbeit: Anna Giulia Fink