GAU-Zone Therapie

Sexueller und psychischer Missbrauch, unseriöse Behandlungsmethoden, falsche Diagnosen und Therapeuten, die sich als Gurus inszenieren und Menschen in die Abhängigkeit treiben: wie im Geschäft mit der Seele Menschen kaputt und krank gemacht werden können.

„Berührungsbehaglichkeit“ nannte der Psycho- und Sexualtherapeut eine Facette seiner Behandlung und legte sich kurzerhand zu seiner Klientin ins Bett. Am zweiten Abend eines Gruppenseminars in einem Kloster hatte der mehr als doppelt so alte Mann der damals 26-jährigen MS-Patientin eine in Tibet erprobte Massagetechnik, die besonders bei multipler Sklerose Wirksamkeit entfalten sollte, in Aussicht gestellt und lud sie in sein Zimmer ein, wo bereits alles vorbereitet war. „Als er von mir wollte, dass ich mich auf den Rücken umdrehe, habe ich mich schon nicht wohlgefühlt“, erzählt Katharina K.*). „Doch dann hat er von dieser Berührungsbehaglichkeit als Teil der Therapie gesprochen. Durch das große Vertrauen, das er in mir weckte, und die in Aussicht gestellte Besserung ließ ich es schließlich zu. Außerdem wusste er aus früheren Therapiestunden, dass ich Schwierigkeiten habe, mich selbst zu behaupten, und auf eine Vaterersatzfigur sehr anfällig bin.“

Die seit mehreren Jahren an MS leidende Studentin hatte 2009 psychotherapeutische Betreuung benötigt, weil ein weiterer Krankheitsschub ihr seelisch schwer zu schaffen machte. Mit diesem Anliegen war sie auch in die therapeutische Praxis gegangen. Der später erfolgte sexuelle Missbrauch verlief aus ihrer Sicht im Rückblick schleichend. „Zuerst Therapie oder Bett?“, lautete die Frage des Therapeuten öfters zu Beginn der Stunden. Denn er wollte „das strikt voneinander trennen“. Neben dem Behandlungszimmer befand sich ein Zimmer mit einer Couch, auf der es nach der absolvierten Sitzung immer wieder zu „Berührungsbehaglichkeiten“ und mehr gekommen ist. „Ich habe für jede Stunde 150 Euro bezahlt“, so Katharina K., „und hatte zunehmend das Gefühl, dass ich den Mann für Sex entlohne.“

Dass sie sich lange nicht zur Wehr setzte, ist nachvollziehbar. „Er nutzte seine Position und meine Bedürftigkeit aus und kreierte eine Scheinwelt, in der er mir den Vater ersetzte und mir das Gefühl einer Besonderheit vermittelte. Ich war also in meinem damaligen Zustand leichte Beute. Dafür nahm er sich Sex als Gegenleistung.“

Dass Psychotherapeuten ihre Machtposition missbrauchen, um mit ihrer Klientel in sexuellen Kontakt zu treten, kommt öfter vor, als man denkt. Ein alarmierendes Ergebnis brachte eine 2008 publizierte Studie der Psychotherapeuten Egon Michael Haberfellner und Sabine Zankl zutage. In einer anonymisierten Umfrage hatten sie die Einstellungen oberösterreichischer Psychotherapeuten zum Problemfeld „Sexualität in der Psychotherapie“ erfragt. Von 610 verschickten Fragebögen wurden 204 ausgefüllt zurückgeschickt – mit durchaus brisantem Inhalt: 22 Prozent der Therapeuten war nicht bewusst, dass sexueller Kontakt zu Patienten strafrechtlich verfolgt werden kann, 60 Prozent meinten, dass nach Abschluss einer Psychotherapie eine sexuelle Beziehung zu Patienten vertretbar sei, was eine schwere Fehlannahme ist. „Ein Anlass für die Studie war, dass sich die Beschwerdefälle in Bezug auf sexuelle Gewalt in der Psychotherapie gehäuft haben“, erklärt Zankl. „Und die Ergebnisse haben unsere Vermutungen leider wirklich bestätigt.“

Die Umfrage zeigte auch, dass die tatsächliche Zahl der Übergriffe höher sein dürfte, als es die Statistik der Beschwerdestellen des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie nahelegt. Dort werden jährlich im Durchschnitt fünf Fälle sexuellen Missbrauchs gemeldet. In der Studie erklärten 36 Prozent der Psychotherapeuten, dass ein Patient oder mehrere von sexuellen Übergriffen durch andere Psychotherapeuten berichteten. Insgesamt wurden in den 204 Antworten 174 Missbrauchsfälle thematisiert, von denen zu 90 Prozent Frauen betroffen waren. Das Fazit der Studienautoren: „Obwohl solche Statistiken mit Unsicherheiten behaftet sind, muss man feststellen, dass sexuelle Übergriffe in der Psychotherapie keine seltenen Einzelereignisse sind und dass die Berufsgruppe eine selbstkritische Aus­einandersetzung nicht scheuen sollte.“

Es geht nicht darum, die Effizienz von Psychotherapie prinzipiell anzuzweifeln oder die Methode in Verruf zu bringen, sondern um die Schäden, die unseriöse Methoden, Blitztherapien, Überschreitungen der fachlichen Kompetenzen und vor allem das sittenwidrige Verhalten von Psychotherapeuten, Energetikern, Coaches und Lebensberatern nach sich ziehen. Denn im Fahrwasser der lukrativen „Ich-als-Opfer-Industrie“, wie der britische Soziologe Frank Furedi den Psychoboom beschreibt, tummeln sich auch jede Menge Scharlatane, selbst ernannte Gurus und Therapeuten, die mit ihrer Verantwortung überfordert sind. „Wenn Menschen ohne jegliche Ausbildung therapeutisch dilettieren, kann das sehr schnell gefährlich werden“, erklärt die Psychotherapeutin und Juristin Rotraud Perner, die sich dem Thema der Psychosekten unter anderem in ihrem jüngsten Buch „Der erschöpfte Mensch“ widmet. In „einem solchen Klima der Verwundbarkeit“ könne es „schnell zu Sex- und Machtfantasien kommen“.

In einem professionellen Setting kann kompetente Psychotherapie, von der inzwischen in Österreich 21 Richtungen offiziell anerkannt sind, in dramatischen Fällen lebensrettend, in der Regel lebensverbessernd wirken – aber nur dann, wenn man sich auf den oft langwierigen, komplizierten Prozess aus freien Stücken einlässt. „Wenn man glaubt, sich bei einer Psychotherapie zur Reparatur abgeben zu können, liegt man falsch“, so Eva Mückenstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. „Passiv kann hier nichts passieren, es bedarf der aktiven Mitarbeit.“

Fahrlässige psychotherapeutische Betreuung und falsche Diagnosen, die natürlich auch aus­reichend ausgebildeten Psycho­therapeuten unterlaufen, können hingegen oft nicht nur nichts nützen, sondern Krankheiten verschlechtern und Menschen so über Monate und Jahre aus der Bahn werfen. „Im schlimmsten Fall können Fehltherapien und Fehldiagnosen in den Selbstmord münden“, erklärt die Schweizer Klinikleiterin und Psychiaterin Barbara Hoch­strasser im profil-Interview. „Ansonsten kann es zur Chronifizierung der klinischen Störungen kommen.“

Das Sicherheitsnetz, das in Österreich gegen standeswidrige Verhaltensweisen bei Psychotherapeuten eingezogen wurde, scheint der Papierform nach kaum fehleranfällig zu sein. Im Zuge des 1991 in Kraft getretenen Psychotherapiegesetzes wurde die Ausbildung zum Psychotherapeuten streng formalisiert und höchst aufwändig gestaltet: Allein der theoretische Teil des psychotherapeutischen Propädeutikums umfasst 765 Pflichtstunden; bereits im Vorfeld werden Anwärter auf ihre Berufstauglichkeit überprüft, und nach der Ausbildung sind 120 Supervisionsstunden als Präventionsinstrument gegen professionelle Entgleisungen üblich.

Vor diesem Zeitpunkt allerdings bedurfte es nur einiger Kurse und des Nachweises mehrerer Psychotherapiestunden in der Rolle des Klienten, um offiziell praktizieren zu können. Das heißt, dass noch ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz praktiziert, der nicht diese Ausbildung genossen hat.

Im Rahmen der Gesetzesnovelle 1991 wurde auch der Psychotherapiebeirat des Gesundheitsministeriums ins Leben gerufen. In einem verbindlichen Berufskodex wurde dort die Handhabung von Missbrauchsfällen klar definiert: „Missbrauch liegt dann vor, wenn Angehörige des Berufs ihren psychotherapeutischen Aufgaben gegenüber den Patienten untreu werden, um ihre persönlichen Interessen, insbesondere sexueller, wirtschaftlicher, sozialer, emotionaler, politischer oder religiöser Natur zu befriedigen.“ Von Missbrauch in der Psychotherapie kann also nicht erst dann die Rede sein, wenn sich ein Therapeut sexuell an Klienten vergeht, sondern auch schon, wenn er eine private Beziehung zu ihnen aufbaut. „Es kommen immer wieder Fälle vor, in denen Therapeuten mit ihren Klienten auf Urlaub fahren“, erzählt Zankl, die auch in der Beschwerdestelle des burgenländischen Landesverbands tätig ist. „Oder auch Fälle, wo ein Therapeut mit einer Klientin Tennis spielen geht, weil sie so einsam ist. Dann muss man ihn darauf hinweisen, dass das eine Grenzüberschreitung darstellt. Seine Aufgabe wäre es, ihr zu helfen, jemanden zum Tennisspielen zu finden.“

Insgesamt registrieren die Beschwerdestellen des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie durchschnittlich 70 Beschwerden pro Jahr. Für Renate Hutterer-Krisch, Psychotherapeutin und 16 Jahre lang Ausschussvorsitzende im Psychotherapiebeirat, ist das ein deutlicher Hinweis auf die Qualität des Angebots: „Wenn Sie das in Relation setzen zu rund 4000 behandelnden Therapeuten mit jeweils gut 30 Klienten, kommen Sie auf einen Prozentsatz von knapp über null Prozent.“ Hutterer-Krisch, die maßgeblich an der Verfassung des Berufskodex österreichischer Psychotherapeuten mitgewirkt hat, sieht darin vor allem einen Effekt der hohen Ausbildungsstandards: „In der Ausbildung sind zwei Semester Berufsethik vorgesehen. Dabei kann man schon sehr in die Tiefe gehen. Meinen Schülern sage ich schon in den ersten Stunden: Wenn jemand gern unverbindlichen Sex mit vielen wechselnden Partnern hat, wird er besser Skilehrer oder Rockstar. Mit der psychotherapeutischen Arbeit ist das nicht vereinbar.“

Doch das rosige Berufsbild und die niedrige Anzahl von Beschwerdefällen täuschen. An der Donau-Universität Krems wurde kürzlich eine noch unveröffentlichte Studie abgeschlossen, in welcher der Psychotherapie-Ausbildner Anton Leitner die Antworten von 2600 Online-Fragebögen von in Psychotherapie befindlichen Menschen analysierte. 20 Prozent der Befragten gaben an, negative Behandlungserfahrungen gemacht zu haben.
Leitners Fazit: „Negativ besetzt waren großteils Settings, in denen ein Mann eine Frau therapierte oder die von überdurchschnittlich langer Dauer waren.“ Eva Mückenstein gibt als Durchschnittswert für eine effiziente Psychotherapie 40 bis 80 Stunden oder die Dauer von eineinhalb Jahren an.
Im Zuge der Recherchen wurde profil mit zahlreichen Opfergeschichten konfrontiert, die Schatten auf die Branche der Psychotherapeuten und ihre Ableger wie Coaches, „Energiearbeiter“, Bioresonanz-Therapeuten oder Familienaufsteller werfen. Denn die Facetten des Missbrauchs einer Machtstellung sind oft subtil und für die oft nicht ausreichend informierten Konsumenten nicht auf den ersten Blick dechiffrierbar.

Da ist die Rede von Psychotherapeuten, die ihre Stunden dazu missbrauchen, um ihre eigenen Befindlichkeiten zu thematisieren, oder mit ihrer Klientel auch privaten Kontakt halten. Oder von verletzenden Abwertungserlebnissen, wie sie der von einem Rosenkrieg schwer gezeichnete Versicherungsangestellte Robert F. erlebte, der bei einer von der Kasse zugeteilten Psychotherapeutin hoffte, sein Frauenverhältnis zu „entstören“. Als er der Frau seine Ängste und das vorausgegangene Trennungsdrama schilderte, schlug sie ihm vor, es doch auch einmal mit Männern zu probieren. In weiterer Folge wurde ihm von der Therapeutin, deren Aufgabe Neutralität und keinerlei Wertung wäre, Gewaltbereitschaft gegenüber seiner Ex-Frau unterstellt: „Ich hatte das Gefühl, dass die Dame von einem tiefen Männerhass bestimmt war.“ Seine Beschwerde beim Berufsverband für Psychotherapeuten blieb ohne Konsequenzen; Robert F. absolvierte die ihm bewilligten zehn Stunden dennoch – die Wartezeiten auf einen neuen Kassenplatz wollte er nicht noch einmal auf sich nehmen.

Die wichtigste Voraussetzung für einen therapeutischen Erfolg wäre, so die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, Eva Mückenstein, „eine funktionierende persönliche Beziehung zwischen dem Klienten und dem Therapeuten“, denn „anders kann keine Vertrauensbasis entstehen“. Doch in der Realität des Kassensystems unterliegt ein solcher Wohlfühlfaktor dem Prinzip Zufall. „Es gibt nun einmal sehr wenige Kassenplätze, und Klienten haben keine Wahl, sondern müssen zu dem Therapeuten, der gerade einen Platz frei hat“, kritisiert Eva Mückenstein. „Selbst wenn Klienten sich nicht wohlfühlen, wechseln sie oft trotzdem nicht, da sie nicht wieder so lange warten wollen.“

Dass die falsche Wahl des Therapeuten ein Leben zerstören kann, zeigt die Geschichte der heute früh pensionierten Daniela W., 37, die in ihrer Kindheit von ihrem Vater missbraucht wurde. Die von einer posttraumatischen Belastungsstörung gequälte Salzburgerin hatte von ihrem 15. Lebensjahr an geschätzte 30 Therapeuten (darunter auch einer, der ihr klare sexuelle Avancen machte) ausprobiert, ehe sie in der auf Missbrauchsopfer spezialisierten Salzburger Psychotherapeutin Gundula Sein jemanden mit der nötigen Heilungskompetenz fand. Sein war selbst schockiert, wie „wenig meine Kollegen über Traumatherapie Bescheid wissen. Solche Menschen wie Daniela müssen ganz speziell therapiert werden, ansonsten kann sehr viel Schaden angerichtet werden.“
„Ich weiß, dass viele Patienten Hemmungen haben, sich zu beschweren, da in der Therapie sehr persönliche Themen angeschnitten werden“, sagt Sabine Zankl. Eine Meinung, die auch Rotraud Perner teilt: „Bei meinen wenigen Klienten stolpere ich immer wieder über haarsträubende Geschichten, die sie in der Psychotherapie erfahren haben. Nur schämen sich viele, das offiziell zu erzählen, oder sie fürchten sich davor, dass ihnen nicht geglaubt werden könnte.“

Katharina K. musste das hautnah erleben. Als sie sich dazu aufraffte, ihre eingangs erzählte Leidensgeschichte im Wiener Landesberufsverband für Psychotherapeuten zu deponieren, reagierte der diensthabende Berufsvertreter nicht nur mit äußerst müdem Interesse, sondern auch mit der Bemerkung, dass es in dieser Beziehung „sicher auch schöne Zeiten gegeben habe“. „Man hatte den Eindruck, dass da eine Krähe der anderen kein Auge aushacken wollte“, erzählt die Studentin.

Die Ethikkommission für Psychotherapie im Gesundheitsministerium erwies sich jedoch als „vorbildlich und schnell“, als sie auf den Fall durch eine von Katharina K. beauftragte Rechtsanwältin aufmerksam gemacht wurde. Dem Verdächtigten wurde vorübergehend die Berufsberechtigung entzogen, man erstattete sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die auch nach der Berufung zum zweiten Mal abgewiesen wurde: „Ich war wie vom Schlag getroffen, dass das so ausging. Ich habe durch diese belastende Geschichte erneut einen Krankheitsschub bekommen.“

Rotraud Perner, die das gerichtliche Gutachten erstellte, ohne dabei den ­Namen des angezeigten Psychothera­peuten zu kennen, machte diese Entscheidung fassungslos: „Sehr wohl handelte es sich dabei um sexuellen Missbrauch. Diese junge Frau ist massiv geschädigt und kann bis heute schlecht schlafen und arbeiten. Meine Kritik an der Justiz ist generell, dass die Richter über keinerlei Fortbildung im Umgang mit Sexualdelikten verfügen.“

profil holte auch bei dem damals unter Verdacht stehenden Psycho- und Sexualtherapeuten eine Stellungnahme ein. „Es gab zwischen mir und der Frau keine Psychotherapie im klassischen Sinn“, gibt sich der Fachmann unschuldig. „Ich unterstützte sie bei ihrer Diplomarbeit und wurde dafür bezahlt. Während dieser Zeit kam es zu keinerlei intimem Kontakt. Der fand erst sehr viel später statt – im Zuge einer gemeinsamen Japanreise zu Forschungszwecken und danach.“ Sexuelle Grenzüberschreitungen haben in der Psychotherapie eine lange Tradition. Aus der Urzeit der Psychoanalyse sind etliche prominente Fälle überliefert, die nach heutigen Standards als schwere Verfehlungen eingeschätzt würden und auch damals keineswegs dem psychoanalytischen Abstinenzdogma entsprachen. Der Freud-Jünger Otto Rank ging eine sexuelle Beziehung zu seiner Patientin, der Schriftstellerin Anaïs Nin, ein. Wilhelm Reich begann gleich mehrere Liebesverhältnisse mit ehemaligen Analysandinnen, Erich Fromm heiratete seine Lehranalytikerin Frieda Fromm-Reichmann. Zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung kam es im Frühjahr 1909 zu einem bemerkenswerten Briefwechsel über die „Spielrein-Angelegenheit“: Sabina Spielrein hatte 1905 eine Analyse bei Jung begonnen, aus der rasch eine Liebschaft wurde. Nach dem Auffliegen der Affäre sah sich Jung zu einem Hilferuf an seinen Lehrer Freud veranlasst: „Sie machte mir einen wüsten Skandal ausschließlich deshalb, weil ich auf das Vergnügen verzichtete, ihr ein Kind zu zeugen.“ Freud versuchte zu kalmieren: „Kleine Laboratoriumsexplosionen werden bei der Natur des Stoffes, mit dem wir arbeiten, nie zu vermeiden sein.“ Unter dem Eindruck weiterer „Laboratoriumsexplosionen“ dekretierte der Begründer der Psychoanalyse allerdings in seinen „Bemerkungen über die Übertragungsliebe“ 1915: „Die Kur muss in der Abstinenz durchgeführt werden.“

Im unkontrollierbaren Bereich der Seelenheilsindustrie machen sich vor allem esoterische Heiler und Coaches nahezu epidemisch breit. Der Schritt von diesen spirituellen Ratgebern zu sektenartigen Glaubensgemeinschaften ist oft nur ein kleiner. Vor allem in so genannten Selbsterfahrungsseminaren in der Gruppe werden autoritätsanfällige und psychisch verletzliche Menschen oft zur leicht manipulierbaren Beute für machtbesessene Gurus und Ersatzelternfiguren. Die heute 61-jährige Künstlerin Terese Schulmeister verbrachte 20 Jahre in der Otto-Muehl-Kommune im Burgenland, wo von Wilhelm Reich inspirierte Aktionsanalysen in der Gruppe zum Alltag gehörten. Schulmeister beschreibt ihren früheren Guru rückblickend als „einen Mann, der von einer großen Lust, Macht auszuüben, besessen war, und die Kommunarden mit ihrer Zuwendung manipulierte. Diese Kunst beherrschte er perfekt. Meinen Töchtern hätte ich diese Kindheit gerne erspart.“

Die Erfahrung der Zuwendungsmanipulation machte auch die 34-jährige Berliner Architektin Caro W., als sie eine körperorientierte, bioenergetische Therapie begann: „Der Weg in die totale Abhängigkeit verlief schleichend. Diese Marina hat mich da total hinmassiert. Sie übte in den Einzelstunden zunehmend Druck auf mich aus, auch zu den Wochenendseminaren zu kommen. Dort wurde ich im Kreis anderer regelmäßig zur Sau gemacht, meine Mutter verglich sie mit Hitler, und am Ende haben wir uns alle weinend in den Arm genommen. Ich habe jedoch eineinhalb Jahre gebraucht, um mich aus dieser Umklammerung zu befreien. Das lief wie bei einer fanatischen Religionsgemeinschaft ab – wollte man sich einmal einen Schritt aus der Gruppe bewegen, wurde man von den anderen wie ein Verräter behandelt und beschimpft. Bald drehte sich mein ganzes Leben nur um die Gruppe – von meinen Freunden und meiner Familie wurde ich durch diese Dauergehirnwäsche entfremdet. Mithilfe eines anderen Abtrünnigen habe ich mir meinen freien Willen langsam wieder zurückerobert.“

„Auf spirituellen Abwegen“ heißt das Buch, in dem die Wiener Energetikerin Karin Handl ihr Abhängigkeitsmartyrium von einem „spirituellen Persönlichkeitsentwickler“ beschreibt, der auch Angebote wie „Quantenheilung, Self-Processing, Überbewusstsein und Lichtarbeit“ in seinem esoterischen Bauchladen hatte: „Dort erlebte ich, wie einem das Hirn weich gespült werden kann und man zuerst in die Willenlosigkeit und in der Folge in den totalen Zusammenbruch manipuliert werden kann. Ich musste ins Spital und Infusionen bekommen, so fertig und kaputt war ich.“
Von solcherlei dubiosen, schwer esoterisch überzuckerten Angeboten wie Engelsflüstern, Edelsteintherapie, Rückführungen und anderen „Lichtarbeiten“ sollte man sich in jedem Fall fernhalten.

Was die Psychotherapie betrifft, gilt in jedem Fall: besser ein Mensch zu viel therapiert als einer zu wenig. Bei der Wahl des Psychotherapeuten sei der Blick auf die Psychotherapeutenliste des Gesundheitsministeriums angeraten. Ansonsten sind Empfehlungen durch Mundpropaganda und die persönliche Intuition bei einem kostenfreien Beschnupperungsgespräch die verlässlichsten Indikatoren.

Seelenheil ist auch im 21. Jahrhundert noch immer eine Klassenfrage.
Immer wieder kritisiert der Bundesverband für Psychotherapie die Versorgungssituation: Von den 65.000 Österreichern in Psychotherapie seien nur 35.000 voll kassenfinanziert, der Rest erhalte lediglich den seit 1992 nicht indexangepassten Kostenzuschuss von 21,80 Euro pro Stunde. Insgesamt geht der Bundesverband sogar von 170.000 Behandlungswilligen aus, die sich die Therapie schlicht nicht leisten könnten, und spricht von „unterlassener Hilfeleistung“ und einem „beschämenden“ Versorgungsgrad von nur 0,8 Prozent der Bevölkerung. In Deutschland beträgt der Versorgungsgrad 2,5 Prozent.

Die Mängel dieses Systems in Kombination mit dem grassierenden Psychoboom in der Mittel- und Oberschicht führen zu einem Paradoxon: Immer mehr Menschen werden von Krankheiten geheilt, an denen sie nicht leiden, während vielen wirklich psychisch Erkrankten der Zugang zur Heilung versperrt bleibt.

Lesen Sie außerdem im profil 11/2012 ein Interview mit Holger Reiners, Autor des Buches "Psychotherapeuten im Visier".