Religion und Staat: Was soll die Kirche in der Schule?

Religion und Staat: Was soll die Kirche in der Schule?

In Österreich existieren Schule und Kirche traditionell in einer engen Symbiose. Doch immer mehr Eltern verwehren sich gegen die Präsenz klerikaler Inhalte und Symbole im öffentlichen Bildungssystem. Was hat Gott im Jahr 2013 nach Christus noch in der Schule verloren?

Nach der „Universum“-Sendung war Hannah dann doch ein bisschen verwirrt. Es ging nämlich um den Urknall. Aber die Geschichte vom Weltraum, der da vor vielen, vielenJahren aus dem Nichts herausexplodiert sei, sie passte so gar nicht zu dem, was Hannah in der Schule von der Entstehung der Welt gehört hatte. Die Schule war eine kleine Volksschule in einer kleinen Gemeinde im Burgenland, die Entstehung der Welt ging so: Der liebe Gott hat diese in sechs Tagen erschaffen, erst das Licht, dann den Himmel, dann die Erde und die Pflanzen und so weiter, am Schluss den Menschen. Also wie jetzt?

Nach Hannahs entstehungsgeschichtlichem Einwand lag es an ihrem Vater, verwirrt zu sein.Bestürzt aber auch. „Wir haben Hannah aus Überzeugung agnostisch erzogen. Sie ist nicht getauft und übrigens trotzdem ein sozial denkender Mensch geworden“ sagt Jürg Christandl, im weltlichen Leben „Kurier“-Fotograf: „Wir sind sicher nicht hysterisch antireligiös, aber wir legen schon Wert darauf, dass es zur Kindererziehung kein 2000 Jahre altes Buch braucht. Zum Glück gibt es zu dem Thema ja schon zwei, drei Neuerscheinungen.“ Den Religionsunterricht in ihrer Volksschule besuchte Hannah, weil sonst keine Aufsicht verfügbar war, notlösungsmäßig als Freifach. „Natürlich hatten wir dabei Bauchweh. Aber sie war in der Schule das erste und einzige Kind, das vom Religionsunterricht abgemeldet war. Die wussten schlicht nicht, wie sie damit umgehen sollen.“

Inzwischen besucht Hannah das Gymnasium in Oberpullendorf, dort war die Abmeldung kein Problem, die Abgrenzung von der katholischen Sphäre aber schon. „Nach ein paar Monaten hat sie uns nebenbei erzählt, dass beim Deutschlehrer in der ersten Stundeimmer ein Morgengebet gesprochen wird. Das war dann der Punkt, wo ich aktivgeworden bin. Es soll jeder beten, der will, aber bitte nicht im Deutschunterricht. Wir schreiben schließlich das Jahr 2013 nach Christus. Diese seltsame Symbiose zwischen Schule und Kirche muss ein Ende haben.“

Das sagt sich so leicht. Diese Symbiose ist verfassungsgesetzlich fest einzementiert. Vor genau 80 Jahren, am 5. Juni 1933, unterfertigten der damalige österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und sein Unterrichts- und Justizminister Kurt Schuschnigg in der Vatikanstadt das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich. Neben weitreichenden finanziellen Zugeständnissen der Republik an die katholische Kirche regelte der völkerrechtlich bindende Vertrag dieBedingungen für den katholischen Religionsunterricht in österreichischen Schulen. Am 9. Juli 1962 unterzeichneten der Apostolische Nuntius in Österreich und Titularerzbischof von Ancira, Monsignore Opilio Rossi, und die österreichischen Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten und Unterricht, Bruno Kreisky und Heinrich Drimmel, die bis heute gültige, aktualisierte Fassung des Vertragswerks. Unter anderem gesteht dieses der Kirche ein Mitbestimmungsrecht bei der Anzahl der Religionsstunden, die alleinige Hoheit über Lehrpersonal und -plan des konfessionellen Unterrichts sowie die Freistellung von Lehrern und Schülern zur Teilnahme an Schülergottesdiensten und anderen religiösen Veranstaltungen zu. Der Staat verpflichtet sich unter anderem, die Kosten für katholische Religionslehrer an öffentlichen Schulen sowie das Lehrpersonal an konfessionellen Schulen zu übernehmen. Aktuelle Kosten, allein für den Pflichtschulbereich: etwa eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Ein einseitiger Deal, dessen Zustandekommen 1933 eher ideologische und 1962 eher realpolitisch-kuhhändlerische Hintergründe hatte und in der Folge auch in die einschlägigen Bundes- und Landesgesetze einfloss. Die Trennung von Staat und Kirche, institutionell und verfassungsrechtlich eindeutig geregelt, kommt in Österreichs Schule an ihre verschwommenen Grenzen.

Mitschöner Regelmäßigkeit wird diese Grenzverwischung von agnostischen oderatheistischen oder laizistischen Eltern beklagt …

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