Besser sterben

Eine rapide überalternde Gesellschaft braucht eine neue Sterbe- und Krankheitskultur. Wie man Vorkehrungen für ein Ende in Würde trifft. Wo die Defizite in der Versorgung liegen. Was bei Patientenverfügungen zu beachten ist. Und wie kommerzialisierter Freitod und aktive Sterbehilfe in anderen Ländern betrieben werden.

Selbstbestimmung und Freiheit waren schon immer die wichtigsten Eckpfeiler im Leben des Edi Keck. Der Gedanke, in einem Zustand der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins an Fremde sein Leben unter Qualen beenden zu müssen, wurde nach seinem sechzigsten Geburtstag zunehmend bedrohlicher. Deswegen nahm der Werber undAutor mit Linzer Herkunft, der sich bester Gesundheit erfreut und leidenschaftlicher Extrembergsteiger ist, statt der obligaten Zigarre seineWalther PPK in den Mund und ließ sich in dieser Selbstmörderpose auf dem Cover seines eben erschienen Buchs „Sterben für Fortgeschrittene“ abbilden. Das Buch ist eine kraftvolle Polemik für einen selbst bestimmten Abgang und das Recht auf Freitod, aber auch ein Ventil seines Zorns gegenüber einer Politik, die Sterbehilfe nicht auf ihrem Agenda stehen hat. „Es ist ein Armutszeugnis“, stellt er fest, „dass die Religionslobby noch immer ihren Terror ausübt und die politischen Parteien um dieses Thema einen großen Bogen machen.“ Wer seinem Leben in Österreich ein Ende setzen möchte, dem bliebe nur, „sich vor die Eisenbahn zu werfen, die Pistole anzusetzen oder den Weg in die Schweiz aufsich zu nehmen.“

Die „Schweiz“ bedeutet in diesem Fall der Verein Dignitas, der von dem Journalisten und Anwalt Ludwig Minelli 1998 im Kanton Zürich gegründet wurde und den PR-Slogan „Menschenwürdig leben – menschenwürdig sterben“ trägt. Inzwischen haben rund 1400 Menschen, darunter auch prominente Österreicher wie der Schauspieler Herbert Fux und der Zeitungsverleger Kurt Falk, dort ihrem Leben durch „assistierten Freitod“ ein Ende gesetzt. Die gesetzliche Vorschrift sieht eine mit Videokamera und im Beisein von zwei Zeugen getätigte Einnahme desMittels Natrium-Pentobarbital vor, um zu beweisen, dass der Tod freiwillig und ohne Fremdhilfe erfolgte. Rund 6350 Euro, inklusive Krematorium, Bestattung und Behördengebühren kostet das legalisierte Selbstmord-Arrangement, exklusive eines jährlichen Mitglieds- beitrags von 66 Euro für Inländer und 196 Euro für Ausländer. Zum Vergleich: Eine Bestattung kostet in Österreich durchschnittlich zwischen 3500 und 6000 Euro.

Der britische Fantasy-Autor Terry Pratchett, selbst an Alzheimer im Frühstadium erkrankt, stieß im vergangenen Jahr mit der inzwischen preisgekrönten BBC-Dokumentation „Choosing To Die“ in eine Tabuzone, als er den Freitod eines an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidenden 71-jährigen britischen Konserven-Millionärs bei Dignitas mitfilmen ließ. Das Szenario wirkte weniger schockierend als gespenstisch banal. Im sachlichen Ambiente eines blauen Containerbaus, der einsam in der Winterlandschaft steht, checkte der Mann, gestützt von seiner äußerst gefassten, adrett zurechtgemachten Frau ein. Die weißhaarige Sterbebegleiterin Erika servierte Tee und Schokolade und stellte ihrem Klienten dann die vorschriftsmäßige Frage: „Sind Sie sicher?“ Er antwortete ruhig: „Ich habe das Gefühl, keine wirkliche Wahl zu haben, wenn ich mir das große Design meines zukünftigen Lebens vorstellen muss.“ .....

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