Supermacht Vatikan: Die sinistre Zentrale für Milliarden Katholiken

Nach der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. wird in Rom heftig über die Hintergründe des überraschenden Entschlusses spekuliert. Der Rückzug des 85-jährigen Josef Ratzinger sei nicht nur altersbedingt, sondern den Machtintrigen in der Kurie zuzuschreiben, berichten Vatikan-Insider.

Diese Konflikte seien für den Papst vor allem nach dem aufsehenerregenden Vatileaks-Skandal unerträglich geworden.

Von einem Machtkampf im Vatikan wird in Rom offen gesprochen. Spekuliert wird, dass Benedikt das Handtuch geworfen hat, um dem internen Krieg in der Kurie ein Ende zu setzen. Benedikt, ein Mann der Bücher, kümmere sich zu wenig ums Regieren, wurde zuletzt immer wieder moniert, und als Monarch im Vatikan habe er nicht für Transparenz in seinem Staat gesorgt.

profil beleuchtete im Frühjahr 2010 (14/2010) die "Supermacht Vatikan". Das Porträt der sinistren Kommandozentrale für Milliarden Katholiken in der Nachlese.

Vertuschung als Kommunikationsstrategie , dubiose Todesfälle, Undercover-Katzen und Bankomaten, die Latein sprechen. Ein Zwergstaat als gigantische Geldwäscherei. Wie es hinter den pompösen Kulissen der sinistren Supermacht zugeht.

Der offizielle Chefexorzist der Diö­zese Rom, teufelsversiert durch 12.000 Dämonenaustreibungen in 25 Jahren, hat einen Sündenbock gefunden für die schwerste Kirchenkrise, mit der ein Pontifex maximus je konfrontiert war. „Im Herzen der katholischen Kirche hat sich der Satan breitgemacht“, erklärt der 82-jährige Pauliner-Pater Gabriele Amorth, dessen Memoiren „Ein Exorzist erzählt“ im vergangenen Herbst erschienen sind, in einem Interview, „der Rauch des Satans in den heiligen Hallen ist verantwortlich für Gewalt, den Missbrauch und die Machtkämpfe von Kardinälen, die nicht an Jesus glauben, und Bischöfen, die mit dem Dämon verbunden sind.“ Der Teufel dürfte sich vor allem in der Kommunikationsstrategie des in schweren PR-Notstand geratenen Machtapparats verkriechen.

Reuebereitschaft, Fehlerreflexionen und die Bitte um Versöhnung, wie sie der damals 79-jährige Johannes Paul II. im März 2000 in seiner legendären „Mea culpa“-Predigt im Petersdom demonstriert hatte, an der Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation maßgeblich beteiligt gewesen war, fehlten beim diesjährigen Palmsonntags-Balkonauftritt seines Nachfolgers.

Zwei Tage zuvor war eine folgenreiche Entscheidung des damaligen Münchner Erzbischofs an die Öffentlichkeit gedrungen: Ratzinger hatte 1980 der Versetzung eines Priesters von Essen nach München zugestimmt, der zuvor einen Elfjährigen missbraucht haben soll. Später wurde der problemlos rehabilitierte Priester in der Seelsorge zum Wiederholungstäter. Schwere Vorwürfe erhob gleichzeitig die „New York Times“ gegen den Papst. Zweihundert gehörlose Kinder waren von 1950 bis 1974 in einer Taubstummenschule in Wisconsin von dem inzwischen verstorbenen Priester Lawrence Murphy missbraucht worden. Die Missbrauchsopfer hatten vergeblich bei den kirchlichen US-Behörden um Hilfe gebeten. 1996 hatte der Erzbischof von Milwaukee, Rembert G. Weakland, den Präfekten der Glaubenskongregation Ratzinger in zwei Briefen von den Vorfällen informiert – und bis heute keine Antwort erhalten. Ebenso wurde zum Auftakt der Karwoche bekannt, dass auch Vertreter des Vatikans demnächst vor US-Gerichte geladen werden könnten: Bei Bundesgerichten in zwei Bundesstaaten liegen laut „Washington Post“ Missbrauchsanklagen gegen den Kirchenstaat vor. Die dramatischen Vorfälle kommentierte Benedikt XVI. in seiner Palmsonntagpredigt erstaunlich schnoddrig. Der Glaube an Jesus Christus gäbe ihm die Stärke, sich „nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern zu lassen“. Sein Pressesprecher Federico Lombardi schoss hinterher, dass diese Medienberichte allein als „schmachvoller Versuch“ zu werten wären, dem Papst und seinen engsten Beratern um „jeden Preis zu schaden“.

Eine kopernikanische Wende in Richtung Reue und Schuldeingeständnisse ist auch bei der Ostersonntagsshow auf dem Petersplatz nicht zu erwarten. Bis zur offiziellen Rehabilitierung des Inquisitionsopfers Galileo Galilei seitens der Kirche sind beispielsweise 350 Jahre in den Vatikan gezogen. Päpste, so heißt eine interne Regel des Vatikans, haben nicht in Tagen, sondern ausschließlich in Jahrhunderten zu denken.

Hardliner. Dieser Papst gilt zusätzlich als unbeugsamer und reformverdrossener Hardliner, der schon eine Hierarchie-Etage tiefer intern den Spitznamen „der Panzerkardinal“ verpasst bekommen hatte. Im Gegensatz zum Eventkatholizismus, der die 26 Jahre und fünf Monate dauernde Amtszeit von Karol Wojtyla prägte und der ihn auf 104 Reisen von insgesamt 582 Tagen Dauer führte, ist mit „Papa Ratzi“ als dem 265. Nachfolger des Apostelfürsten Petrus ein Oberhaupt auf den Vatikanischen Hügel gekehrt, der die „stabilitas loci“ schätzt. Benedikt XVI. hat die Zügel des Apparats weit fester im Griff als sein reisefiebernder Vorgänger, durch dessen häufige Abwesenheiten den Kardinälen mehr Handlungsfreiheit und Spielraum gegeben war.

Wie kein anderer Pontifex maximus kennt er die Macht- und Intrigenprozesse der Kurie, wie seit dem 11. Jahrhundert die Gesamtheit der Leitungs- und Verwaltungsorgane des Heiligen Stuhls bezeichnet wird. Seit 1981 war der oberbayrische Kardinal Präfekt der Glaubenskongregation, dem mit 40 Mitarbeitern bedeutendsten der insgesamt neun Vatikan-Ministerien, und wachte strengen Blicks über die dogmatische Festigkeit der katholischen Kirche. Zwar war er 2002 in dieser Funktion auch zuständig für die Ausarbeitung der Leitlinien im Umgang mit sexuellem Missbrauch, seine wesentliche Aufgabe sah er allerdings darin, die katholische Kirche vor Irrlehren, Spaltungen und säkularen Aufweichungen zu bewahren. Wenig überraschend transponierte er die Leitlinien seiner dogmatischen Härte auch auf seine Funktion als Gottes Vertreter auf der Erde und führt vom Heiligen Stuhl aus ein Sechstel der Menschheit – die Zahl der Katholiken weltweit wird auf 1,1 bis 1,5 Milliarden Menschen geschätzt – mit einem absolutistischen Herrschaftsanspruch.

Monomanie.
Die sture Monomanie seines Chefs hält den Pressesprecher des Heiligen Stuhls, ­Federico Lombardi, seit dessen Amtsantritt im April 2005 unter Starkstrom. Sei es die Regensburger Rede mit der Islam-Attacke, die Verurteilung von Kondomen auf dem Flug nach Kamerun, die Rehabilitierung der rechtsextremen Pius-Bruderschaft, allen voran des Holocaust-Leugners Richard Williamson, die Vorantreibung der Seligsprechung des historisch umstrittenen Pius XII., der tatenlos dem Holocaust zugesehen hatte, sowie sein äußerst verhaltener und schockierend zögerlicher Kommentar zu den täglich wachsenden Missbrauchsfällen: Seit seinem Amtsantritt im April 2005 hat der Oberhirte Benedikt XVI. kaum ein mögliches Katastrophengebiet unbetreten gelassen.
Die Verzweiflung des PR-Lammes Lombardi war so groß, dass er ihr nach der Williams-Eskalation im Jänner 2009 in einem Interview mit der katholisch-französischen Zeitung „La Croix“ branchenunüblichen Ausdruck verlieh. In der Kurie herrsche „keine Kultur der Kommunikation“, die einzelnen Abteilungen würden nur ihre eigenen Ziele verfolgen. Vor allem wenn es sich um „heiße Themen“ handle, wäre es vorzuziehen, „die Erklärungen gut vorzubereiten“. Die Rechtfertigung des Papstes, dass er über Williamsons Geschichtsbewusstsein nicht informiert gewesen wäre und der Betreiber der Lefebvristen-Wiederaufname, der erzkonservative Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos, es verabsäumt hätte, ihn davon zu informieren, lässt tief in das defizitäre päpstliche Krisenmanagement blicken.

„Er benimmt sich wie ein Imperator“
, begründet der ­deutsche Theologe Hans Küng in einer arte-Dokumentation die Dialogstarre seines ehemaligen, damals „durchaus von Reformkräften getragenen“ Studienkollegen, „lässt sich hofieren und verehren. Und ist dementsprechend überzeugt von seiner Unfehlbarkeit.“

Dass dieser Papst linientreue Erfüllungsgehilfen wie den ehemaligen Genueser Erzbischof Tarcisio Bertone zum Kardinalstaatssekretär und damit zum zweitwichtigsten Mann im Vatikan machte oder den blassen aus San Francisco stammenden William Levada zum neuen Präfekten der Glaubenskongregation erhob, ist ein weiterer Beweis dafür, dass Benedikt XVI. sich vor allem mit einem nicht aufhalten lassen will: Diskussionen um einen neuen Reformkurs. Im 1997 vom damaligen Präfekten der Glaubenskonkregation Ratzinger wesentlich mitgestalteten und bis heute gültigen Katechismus heißt es: „Jede menschliche Gemeinschaft bedarf einer Autorität, von der sie geleitet wird. Die von der sittlichen Ordnung geforderte Autorität geht von Gott aus.“

Wie wenig Berührungsängste der in Kürze 83-jährige Pontifex maximus im Umgang mit Machtausübung besitzt, dokumentiert eine winzige Episode, die der deutsche Publizist Alan Posener für sein als „Streitschrift“ deklariertes Buch „Benedikts Kreuzzug“ recherchiert hat. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt entließ der frisch gewählte Papst den Schneider Francesco Gammarelli, dessen Familie seit 1793 für das Outfit der göttlichen Oberhirten die Verantwortung getragen hatte. Der Grund: Die Soutane, die er bei seiner ersten Audienz tragen sollte, war zu kurz geraten. Stattdessen wurde sein langjähriger Privatschneider Raniero Mancinelli mit dem Sticheln der päpstlichen Soutanen in dreifacher Ausführung (für Sommer, Winter und eine Variante für den Feiertagsspeck) betraut.

Gesetz des Schweigens.
An sich sind Vertuschungspraktiken und die „omertᓠ– das Gesetz des Schweigens – seit jeher eiserne Grundregeln für jeden Würdenträger in der katholischen Trutzburg, die 932 Einwohner zählt, 4000 Menschen beschäftigt und in der sogar die Bankomaten des Lateinischen mächtig sind. Nur in den seltensten Fällen dringen Geheimnisse aus den Mauern der absoluten Monarchie, die intern als ein „Dorf von Waschweibern“ gilt, die „vor der Lust an Verschwörungstheorien nur so vibrieren“, so ein ­anonymer Informant des britischen „Economist“.
Da verwundert es nicht, dass vor jeder Papstwahl Spionagetechniker in die Sixtinische Kapelle entsandt werden, die den Ort der Abstimmung vorauseilend nach Wanzen durchsuchen und mittels Infrarottechnik gegen jeden möglichen Lauschangriff abschotten.

„Der Vatikan ist ein Ort voller Widersprüche, tief in der Geschichte versunken, aber mit dem Versuch, die Gegenwart zu kontrollieren“, zeichnet der US-Jesuit Thomas Reese die vatikanische Unternehmenskultur in seinem Enthüllungsbuch „Inside the Vatican“ als von Machtgier zerfressenen Intrigantenstadl, „mit Menschen, die sich dem Dienst von Papst und Kirche verschrieben haben und dennoch der Versuchung von Ehrgeiz und Macht unterliegen; mit einer Bürokratie, die alle Fallen des königlichen Hofs bereithält. Doch es dürfte letztlich wenige überraschen, dass der Vatikan noch nie seinen eigenen Idealen entsprochen hat – die Kirche hatte schon immer mehr Sünder als Heilige in ihren Reihen.“

Und wenn es vereinzelte Verräter des Schweigegesetzes gibt, dann leben sie gefährlich. Das wusste auch Monsignore Renato Dardozzi, bis in die späten neunziger Jahre eine führende Figur in der Verwaltung der Vatikan-Finanzen. Dardozzi nahm über Jahre hinweg an allen Sitzungen der engsten päpstlichen Mitarbeiter teil, war mit den illegalen Geschäften der Sancta Ecclesia also bestens vertraut.

Irgendwann beschloss er, sein Wissen um die sündigen Geschäfte der Kirche nicht länger geheim zu halten. Über 5000 Dokumente, Buchungsbelege, vertrauliche Mitteilungen und Banküberweisungen der Vatikan-Bank IOR (Istituto per le Opere di Religione) hatte Dardozzi im Lauf der Jahre gesammelt und sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einem Bauernhof im Schweizer Tessin versteckt. Zu Lebzeiten wagte es Dardozzi nicht, sich mit dem Vatikan anzulegen. Doch nach seinem Ableben 2003 sollte ein befreundeter Journalist auf all diese dunklen Geheimnisse Zugriff bekommen und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen: Gianluigi Nuzzi (siehe Interview Seite 78). Nuzzi reiste unter Personenschutz in das Tessin und brachte die Aktenstöße nach Italien. Nach monatelanger, „einsamer“ Recherche verfasste er ein Buch, das erst in Italien und seit Kurzem in zahlreichen euro­päischen Ländern zum viel diskutierten Bestseller wurde
und in den kirchennahen Buchhandlungen nicht aufliegt: „Vatikan AG“.

Darin schreibt der Autor von unzähligen Geschäftsverbindungen mit der Mafia, Geldwäsche in vielfacher Millionenhöhe, Stiftungen, die nur in fiktiven Namen existieren, und Rechtshilfeersuchen, die an den Mauern des Vatikans abprallen. Papst Johannes Paul II. wurde auf die Missstände aufmerksam gemacht, sagt Nuzzi, aber er habe nichts getan: „Im Gegenteil. Es wurde eher noch schlimmer.“

Bis heute schweigt der Vatikan beharrlich über Nuzzis Buch. Eine handelsübliche Nichtreaktion wie die österreichische Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer konstatiert: „Wenn der Vatikan auf jedes der zuhauf erscheinenden Skandalbücher reagieren würde, hätte er viel zu viel zu tun.“

Seilschaften.
Hinter den Kulissen dürften die Dokumente aber wie eine Bombe eingeschlagen haben. Nachdem das italienische Original von „Vatikan AG“ im Mai 2009 herauskam, wurde Angelo Caloia nach 20 Jahren an der Spitze der Vatikan-Bank IOR vorzeitig aus dem Amt entlassen.
Der Finanzpolizei bleibt der Zugang zu Konten und Unterlagen dennoch weiterhin versperrt. „Das Stillschweigen schützt das Vertrauensverhältnis zu den Gläubigen, um Schäden zu vermeiden“, schreibt Nuzzi im Vorwort seines Buchs. „Nicht zuletzt nützt diese Verschwiegenheit aber auch den Seilschaften der Kardinäle und hilft ihnen, ihre Machtposition weiter zu festigen.“

Mafia-Verbindungen, Erpressung von Politikern und Kontakte zur ominösen Freimaurer-Loge P2 – der Vatikan hatte schon immer ein Händchen für Skandale, die sich bestens für Verschwörungsthriller eignen. In Francis Ford Coppolas Mafia-Drama „Der Pate III“ basiert die Rolle des Erzbischofs Gilday in vielen Punkten auf der realen Figur des zwielichtigen US-Kardinals Paul Casimir Marcinkus, lange Jahre Vorstand der Vatikanbank IOR.

1982 schlitterte das IOR unter Marcinkus in einen bis heute ungeklärten Finanz- und Politskandal. In den Morgenstunden des 18. Juni fand ein Mitarbeiter der Londoner Tageszeitung „Daily Express“ eine Leiche, die an einem Pfeiler der Blackfriars Bridge baumelte. Der Tote war Roberto Calvi, Direktor der Mailänder Banco Ambrosiano, die wenige Wochen zuvor in Konkurs gegangen und mit dem IOR eng verwoben war. Calvis Witwe schloss Selbstmord aus. „Wenn mir etwas zustößt, muss der Papst zurücktreten“, soll Calvi ihr kurz vor seinem Tod anvertraut haben.

Ermittlungen ergaben, dass Kardinal Paul Casimir Marcinkus zusammen mit Calvi und dem als Mafia-Banker und Geldwäscher bekannten Michele Sindona riesige Summen verschoben und veruntreut haben soll. Sindona starb später im italienischen Gefängnis an einem vergifteten Espresso – angeblich einen Tag, bevor er seine Aussage machen wollte.

Rätselhaft bleibt in diesem Zusammenhang auch der ­plötzliche Tod von Johannes Paul I., der 33 Tage lang regierte und 1978 unter ungeklärten Umständen verstarb. 1984 veröffentlichte der britische Autor David Yallop das Buch „Im Namen Gottes“. Darin behauptet er, Johannes Paul I. sei vergiftet worden, da er korrupte Machenschaften der Vatikanbank aufdecken und beseitigen wollte – eine These, die nicht nur passionierte Verschwörungstheoretiker für plausibel halten.

Machenschaften.
Der ehemalige Patriarch von Venedig, Albino Luciani, so der bürgerliche Name von Johannes Paul I., wollte die dubiosen Machenschaften des IOR, das sich seine venezianische Hausbank unter den Nagel gerissen hatte, zur Aufklärung bringen. Yallop hält den Chef der Freimaurer-Geheimloge P2, Licio Celli, für den Drahtzieher im plötzlichen Ableben des 33-Tage-Papstes, wie in dem Enthüllungsbuch „Geheimnis Vatikan“ des österreichischen Autorentrios Boberski/Bruckmoser und Pfeifer vermerkt wird.

Einen todkranken Papst der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie es bei Johannes Paul II. über Monate geschehen war, wäre in früheren Jahrhunderten schier undenkbar gewesen. „Es hätte nur zwei Möglichkeiten gegeben“, so der Kirchenhistoriker und Jesuit Thomas Reese, „entweder hätte man ihn in seinen Gemächern weggesperrt oder – was immer wieder vorkam – vergiftet.“

Das letzte Blutbad im heiligen Zwergstaat liegt zwölf Jahre zurück: Am 4. Mai 1998 fand man den wenige Stunden zuvor zum Kommandanten der Schweizer Garde ernannten Alois Estermann, seine venezolanische Ehefrau und den 23-jährigen Korporal Cédric Tornay erschossen in der Wohnung der Estermanns. Die schnelle Erklärung des Vatikans, der den italienischen Behörden den Zutritt zu Untersuchungen verwehrte und keinerlei Autopsie anordnete: Tornay hätte in einem Anfall von Wahnsinn seinen Vorgesetzten und dessen Frau getötet und dann sich selbst gerichtet, weil ihm wieder einmal die lang ersehnte Ehrenmedaille verweigert worden war.

Unter dem Pseudonym „Discepoli di Veritᓠ(Jünger der Wahrheit) schlüsselt eine Gruppe kritischer Vatikan-Mitglieder in dem Buch „Ihr habt getötet“ eine ganz andere Theorie auf: Es handelte sich um dreifachen Mord, der auf einer erbitterten Fehde zwischen dem ultrakonservativen Netzwerk Opus Dei, dem Estermann angehört hatte, und der Freimaurer-Geheimloge P 2 basierte.

Netzwerke.
Unter den innerkatholischen Netzwerken kommt dem Opus Dei im Vatikan bis heute mit Abstand das größte Gewicht zu. Weltweit hat die Laienorganisation etwa 85.000 Mitglieder und damit zwar deutlich weniger Anhänger als etwa die – kaum weniger reaktionäre – Bewegung des Neokatechumenalen Weges mit ihren weit über 200.000 Mitgliedern. Dafür verfügt das Opus Dei, dem immer wieder ein Sektenähnlichkeit nachgesagt wird, über enorme Geldmittel (Schätzungen gehen von mehreren Milliarden Euro aus) und ähnelt damit der 1954 in Mailand von dem Priester Luigi Giussani gegründeten Bewegung Comunione e Liberazione (Gemeinschaft und Befreiung). Deren Einfluss wurde spätestens mit dem Tod Giussanis im Februar 2005 deutlich: Sein Requiem hielt übrigens Joseph Ratzinger. Der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez zeigte sich vor über 25 Jahren bei einem Besuch bei Johannes Paul II. mehr als ernüchtert: „Das Innere macht einen trostlosen Eindruck auf mich. Riesige leere Säle mit vereinzelten ­Gobelins und endlose Korridore. In der erstarrten Atmosphäre war von Gott nichts zu spüren, dafür spürte man die Macht seiner Stellvertreter.“

Die hinter den Fassaden des Pomp dafür mit einem verhältnismäßig bescheidenen Lebensstil bezahlt werden: Ein Kardinal verdient durchschnittlich – steuerfrei – 2300 Euro, ein Schweizer Gardist 1300. Früher mussten sich die Kardinäle in ihren Wohnzellen im Apostolischen Palast zu zehnt eine Toilette teilen – was mit den wachsenden Prostataproblemen der oftmals greisen Würdenträger auf Dauer nicht zu vereinbaren war.

Der Papst selbst arbeitet für Gottes Lohn.
Und darf ­offiziell wie alle anderen Vatikan-Bewohner keine Haustiere halten. Der „Gattone“ (Katzenliebhaber) tut es trotzdem, wie jüngst der „Corriere della Sera“ vermeldete. Zwei ­Kätzchen wohnen „undercover“ in den privaten Gemächern von „Papa Ratzi“ im dritten Stock des Palastes, wo auch seine Privatsekretäre und drei Nonnen residieren. Der Papst soll sich mit seinen Tieren im oberbayrischen Dialekt unterhalten. Selbst im kleinsten Detail zeigt sich ein alter Insiderspruch im Kirchenstaat: „Im Vatikan kannst du fast alles ­bekommen – außer Aufrichtigkeit und eine Schale guten ­Kaffee.“

Mitarbeit: Tina Goebel