Wunderdroge: Sport auf Rezept - Ärzte verordnen immer öfter Bewegung statt Pillen

Körperliche Aktivität hält nicht nur länger fit und gesund, sie vermag auch schwere Krankheiten zu lindern oder gar zu heilen. Ärzte verordnen immer öfter Bewegung statt Pillen – warnen jedoch zugleich vor Übertreibung: Moderater regelmäßiger Sport lautet das Rezept für eine lange Gesundheit.

Viele Patienten staunen nicht schlecht, wenn Valentin Leibetseder seinen Rezeptblock zückt. Denn der junge Arzt an der Medizinischen Universität Wien verordnet seiner Kundschaft keine Pillen oder Salben, sondern etwas, das sie in keiner Apotheke bekommen, ihnen jedoch nach Leibetseders Überzeugung am meisten fehlt: Bewegung. Zu seiner Klientel zählen Herz-, Krebs- und Lungenleidende, Diabetiker, Osteoporose- und Schlaganfallpatienten sowie Menschen, die an Bluthochdruck laborieren. Penibel lässt sich der Mediziner ihre Krankengeschichten erzählen, untersucht ihre Leistungsfähigkeit und verordnet ihnen dann sein Medikament: „Ergometer bei Herzfrequenz 125, dreimal pro Woche 25 Minuten.“

Dass Bewegung heilend wirkt, hat Leibetseder, einer der wenigen praktizierenden Leistungsphysiologen Österreichs, mittlerweile oft erlebt. So nahm Reneé Fugger, der als Diabetiker zehn Jahre lang Insulin spritzen musste, die „Bewegungspille“ genau nach Verschreibung. Der stark übergewichtige Mann radelte sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren 20 Kilo vom Leib. Das Insulin-Spritzbesteck konnte er anschließend wegpacken. „Ich habe mich wie neugeboren gefühlt“, berichtet Fugger.

Ähnlich erging es Maria Schwarzhapl, die nach einer chronischen Lungenentzündung die Hälfte ihrer Lungenfunktion einbüßte. Ganz langsam begann sie mit dem Training. Anfangs stand dreimal pro Woche zehn Minuten „Leertreten“ am Hometrainer auf dem Programm. Dann steigerte die Patientin allmählich die Belastung. Nach 18 Monaten hatte sie die Restkapazität ihres intakten Lungenflügels so weit ausgereizt, dass sie heute auf dem Ergometer nahezu 100 Prozent Leistung erbringt.

Heilende Kräfte. Bewegung bringt den Körper in Schwung, auch wenn er bereits angeschlagen ist. Sie aktiviert Reserven, die man nicht vermutet hätte, und sie erzielt Wirkungen, die selbst Experten überraschen. „Über die heilenden Kräfte der Bewegung weiß die Medizin eigentlich schon seit Langem Bescheid“, sagt Leibetseder. „Als Therapie wird sie aber bis heute noch viel zu selten angewandt.“ Dabei belegen mittlerweile viele Studien, dass Bewegung eine der am besten wirkenden Therapien bei einer Vielzahl von Erkrankungen ist – sofern sie wohldosiert und im für den jeweiligen Menschen richtigen Ausmaß praktiziert sowie nicht sinnlos übertrieben wird (siehe Kasten Seite 82).

Bei maßvollem Einsatz hilft Bewegung indes gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gegen Diabetes und Fettleibigkeit sowieso. Medizinische Trainingstherapie kann Knorpelschäden im Kniegelenk aufhalten und eine Alternative zur Bandscheibenoperation sein. Englische Orthopäden stellten zudem bereits Kosten und Nutzen von Versteifungsoperationen, bei denen Wirbel fest verschränkt werden, einem Trainingsprogramm für den Rücken gegenüber. Ihr Resultat: Trainieren ist genauso wirksam, dafür aber sicherer und billiger.

Körperliche Aktivität hält überdies die Nerven gesund. Wer sich in den mittleren Jahren seines Lebens viel bewegt, senkt sein Alzheimer- und Parkinson-Risiko um 60 Prozent. Bewegung wirkt gegen depressive Verstimmungen und lässt im Hirn sogar frische Nervenzellen wachsen. Der Verfallsprozess des Gehirns lässt sich durch Bewegung zumindest verzögern. Gezielte Bewegungsschulung verbessert Koordination und Muskelkraft selbst bei ältesten Patienten. „Trainieren kann man, solange man lebt“, lautet die Devise des Wiener Universitätsprofessors für interne Medizin, Paul Haber, eines Spezialisten für medizinische Trainingstherapie. „Selbst 90-Jährige können ihre Muskulatur wieder so in Schwung bringen, dass sie auf Gehhilfen verzichten können.“

Durch die wiedererlangte Muskelkraft steigt auch die Trittsicherheit. Hüftfrakturen werden seltener, Stürze können durch größere Beweglichkeit leichter abgefangen werden. Der neue Bewegungsreiz, den die Muskeln auf die Knochen ausüben, wirkt zudem dem Knochenschwund entgegen. Haber: „Es gibt kein wirksameres Medikament gegen Osteoporose als Bewegung.“

Otto Praschl, 81, trainiert jetzt jedenfalls regelmäßig. Am Institut für Präventiv- und Angewandte Sportmedizin in Krems hat man ihm nach einem Herzinfarkt auch Kraftübungen empfohlen. „Zuerst war ich schon mies beieinander. Jetzt führe ich ein normales Leben.“ Mit Sport. Radfahren und Bergwandern; im Winter rutscht Praschl sogar wieder über Pisten.

Untersuchungen, in denen die Krankheitsverläufe von zehntausenden Patien-

ten über Jahrzehnte analysiert wurden, zeigen, dass Bewegung auch das Risiko für Krebs senkt – für häufige Krebsarten wie Darm-, Brust- oder Lungenkrebs sogar um bis zu 50 Prozent. Die Methodik, um diesen Schutz zu erlangen, klingt denkbar einfach: Effiziente Krebsvorsorge betreibt bereits, wer fünfmal die Woche mindestens 30 Minuten flott spazieren geht.

Fitness gegen Krebs. Bewegung soll sogar nützen, wenn eine Krebserkrankung schon ausgebrochen ist. Davon ist die amerikanische Buchautorin Carolyn Kaelin überzeugt, eine der bekanntesten amerikanischen Brustkrebs-Chirurginnen. Die 43-jährige Mutter zweier Kinder erkrankte 2003 selbst an Brustkrebs. Trotz Chemotherapie und fünf Operationen inklusive operativer Entfernung der Brüste ließ sie sich nicht davon abhalten, weiterhin im Fitnessstudio zu trainieren oder zu Fuß zur Arbeit zu gehen. „Es war oft eine Selbstüberwindung, denn ich fühlte mich überhaupt nicht danach“, berichtet Kaelin, die heute meint, dass ihr Bewegungsprogramm lebensrettend war. Jetzt hat sie nach ihrem ersten Buch auch einen Fitnessplan für Brustkrebspatientinnen erarbeitet.*)

Studien stützen Kaelins Behauptungen eindeutig. Michelle Holmes, Epidemiologin an der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, untersuchte über einen Zeitraum von 14 Jahren den Krankheitsverlauf von 3000 Brustkrebspatientinnen. Das Ergebnis: Frauen, die sich drei bis fünf Stunden pro Woche aktiv bewegten, wanderten oder viel zu Fuß gingen, steigerten ihre Überlebenschancen um knapp 50 Prozent. Einen ähnlich positiven Effekt konnten Mediziner vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston bei Dickdarmkrebs beobachten: Von 816 Patienten erlitten diejenigen deutlich weniger Rückfälle, die zwei bis drei Stunden pro Woche joggten.

„Bewegung aktiviert offenbar das Immunsystem“, sagt James Barnard, Physiologe an der University of California in Los Angeles. „Die Produktion bestimmter insulinabhängiger Wachstumsfaktoren wird reduziert. Zelleigene Reparaturmechanismen und der programmierte Zelltod werden angeregt.“ Laborstudien zeigten zudem, dass Bewegung den Krebsschutzfaktor p53, ein Molekül, das die DNA-Reparatur induziert, auf das Zwei- bis Dreifache steigern kann und natürliche Killerzellen vermehrt.

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass besonders das Prostatakarzinom höchst sensibel auf Lebensstilfaktoren wie Bewegung reagiert. Forscher untersuchten das dadurch ausgelöste Krebszellen-„Selbstmordprogramm“ genauer: Männer, die an Prostatakrebs im Frühstadium litten, wurden in zwei Untersuchungsgruppen eingeteilt. Eine Gruppe wurde traditionell behandelt. Die andere bekam eine fischreiche Diät verordnet sowie sechsmal wöchentliches Joggen oder Walken von jeweils 30 bis 60 Minuten. Nach einem Jahr fanden sich im Blut der Aktivgruppe um 60 Prozent weniger Krebszellen als zu Beginn der Studie. In der Kontrollgruppe ohne Bewegungsprogramm betrug diese Verringerung nur neun Prozent.

Fatale Schonung. Auch wenn es für solche Phänomene noch keine vollständigen biochemischen Erklärungen gibt: In der Praxis schreiben Onkologen der Bewegung in der Krebstherapie immer größere Bedeutung zu. Die Empfehlung „Schonung“, lange Zeit eine Devise bei der Behandlung, gilt heute jedenfalls als überholt. „Das Konzept ‚Ich bin krank und lege mich ins Bett‘ gilt es zu überwinden“, sagt der Krebsspezialist Christoph Zielinski von der Medizinischen Universität Wien. „Wir sind heute deshalb sehr darauf bedacht, dass sich unsere Patienten gezielt bewegen.“ Das körperliche Training hilft, Muskelkraft und Ausdauer während einer zehrenden Therapie zu erhalten. Und neben dem gestärkten Immunsystem bleibt auch die Autonomie bestehen, selbstständig und ohne fremde Hilfe weiterleben zu können.

Für den Krebspatienten Thomas Schlink, 33, gehört Bewegung daher neuerdings zum Alltag. Zur Vorbeugung gegen Rückfälle und Erhöhung der Lebensqualität wurde ihm dreimal 15 Minuten schnelles Gehen pro Woche verordnet. Die ersten Erfolge des durch Chemotherapie geschwächten Mannes: „Drei Stockwerke Treppen steigen schaffe ich schon, ohne atemlos zu werden“, sagt Schlink.

Vinzenz Zwick, früherer Primar am Krankenhaus Lainz, hat ähnliche Erfahrungen mit Patienten gemacht, die an COPD (Chronic obstructive pulmonary disease) leiden, im Volksmund „Raucherlunge“ genannt. Hundert der schwer Atmenden und fast Bettlägrigen trainierten über ein Jahr Kraft und Ausdauer. Muskelaufbau und frische Kondition zeigten tatsächlich Wirkung: Dank Bankdrücken, Hantelheben und Hometrainer verbesserten alle Patienten ihre Leistungswerte. Manche konnten durch das Training sogar die Leistungsfähigkeit gesunder untrainierter Alterskollegen wiedererlangen. Die Grunderkrankung, so Zwick, sei mit dem Training zwar nicht verschwunden, „aber allen Patienten brachte das Training Lebensqualität zurück“. Zumindest war wieder flottes Gehen möglich. Und während die im Durchschnitt 60-jährigen Patienten vor der Studie im Schnitt 24 Tage jährlich im Krankenhaus verbringen mussten, sank die Zahl ihrer Krankenhaustage nach einem Jahr Training fast gegen null. Zwick: „Ohne Bewegungsprogramm hätten sie das nicht geschafft.“

Was Bewegungsmangel auslöst, macht nicht zuletzt die Raumfahrtmedizin mit speziellen Experimenten deutlich. Um die Wirkungen langer Raumflüge zu simulieren, wurden Freiwillige über Wochen zu absoluter Bettruhe verdonnert. Die Ergebnisse sind eine Steigerung dessen, was falsch verstandene „Schonung“ bewirken würde: Wer acht Wochen bewegungslos im Bett verharren muss, verliert im Durchschnitt rund 25 Prozent Muskelvolumen, die Knochendichte nimmt ab, der Herzmuskel verkleinert sich um zehn Prozent.

Wann immer möglich, sollten nicht nur Krebs-, Herz- oder Lungenpatienten heute daher schon bald nach einer Operation mit dem Training beginnen. Denn gegen Muskelschwund oder Sarkopenie (vom griechischen Wort für „Fleisch“ und „penia“ für Mangel) lässt sich nur eine wirklich wirksame Pille verschreiben: Bewegung. „Wer den Muskel dazu bringen will, Proteine in seine Struktur einzubauen, muss diese nicht nur essen, sondern den Muskel auch belasten“, sagt Leistungsphysiologe Leibetseder.

Das Gleiche gilt ganz besonders für schwache Herzen. Auch nach einem Infarkt und bei chronischer Herzschwäche galt Ruhigstellen noch bis vor einigen Jahren als Standardmethode. „Man hatte Angst, dass Bewegung Infarktnarben zerreißen würden“, erinnert sich der Internist Christian Leithner vom Wiener Kaiser-Franz-Joseph-Spital. Heute sieht man das anders: „Es wird zwar sicherlich niemand einen Infarktpatienten in der akuten Phase auf das Ergometer setzen“, sagt der Kardiologe Harald Gabriel von der Medizinischen Universität Wien. „Aber in der stabilen Phase wäre Schonung das komplett Falsche.“ Gefragt sind Kondition und Muskelaufbau – sowohl für kranke als auch für gesunde Herzen. Allerdings: Ein gemütlicher Sonntagsspaziergang an der frischen Luft ist für einen Trainingseffekt zu wenig. „Ohne ausreichende Intensität hilft die ganze Bewegung nichts.“ Um die heilende Kraft der Bewegung wirklich nützen zu können, so Sportmediziner Haber, muss man den Begriff „regelmäßig“ richtig verstehen: „Regelmäßig trainieren heißt: mindestens zwei- bis viermal die Woche, zwölf Monate im Jahr, und das ein Leben lang.“

Herztraining. Werner Redl, 53, hat jedenfalls sein Leben „total umgestellt“. Vierzehn Tage nach seinem 50. Geburtstag ereilte ihn ein Herzinfarkt. Ein Schuss vor den Bug, wie er heute meint. Die Konsequenz, die er daraus zog: Neben leichterer Kost sitzt er nun fast täglich auf dem Rad. Zehn bis 30 Kilometer am Stück sind für ihn kein Problem, im Gegenteil: „Ich fühle mich besser als je zuvor.“

Wer mit Konsequenz Kraft und Ausdauer pflegt, schlägt jedenfalls auch den Zivilisationskrankheiten ein Schnippchen: Die Blutfette normalisieren sich meist ohne pharmazeutische Cholesterinsenker, der Blutdruck kehrt ohne Tabletten in den Normbereich zurück, durch die vergrößerte Muskelmasse verbrennt der Körper mehr Energie, das Übergewicht schwindet. Der regelmäßig erhöhte Puls lässt das Blut schneller durch die Gefäße zirkulieren. So genannte Scherkräfte treten auf, die Mechanismen anregen, welche die Gefäßverkalkung zurückbilden. Die Muskelzellen können Glukose wieder besser aufnehmen, die Bauchspeicheldrüse muss weniger Insulin produzieren, um den Blutzuckerspiegel auszugleichen. Der Zuckerstoffwechsel pendelt sich ein, und die Diabetesgefahr sinkt.

Den wissenschaftlichen Beweis, dass Training tatsächlich hält, was Experten versprechen, erbrachte eine bahnbrechende Studie von Jonathan Myers von der Stanford-Universität in Palo Alto, Kalifornien. Er und seine Kollegen verglichen die Ergebnisse von 6213 Männern, die über einen Untersuchungszeitraum von 13 Jahren Leistungs-EKGs auf einem Ergometer absolviert hatten. Gesunde und Herzkranke konnten derart erstmals unter exakt denselben Bedingungen analysiert werden. Das Ergebnis: Gut Trainierte, die auf 130 bis 150 Prozent der üblichen Leistungswerte ihrer Altersklasse kamen, hatten sich durch die körperliche Fitness quasi einer inneren Verjüngungskur unterzogen, die sie vor allem gegen den Herztod wappnete. Verglichen mit den Unsportlichsten ihrer Altersklasse, die nur 75 Prozent der Durchschnittsleistung schafften, verringerten die Fittesten ihr Herzinfarktrisiko auf ein Viertel. Und nicht nur das, so Myers: „Kein anderer Ko-Risikofaktor, weder Bluthochdruck noch Rauchen oder Diabetes, konnte einen frühzeitigen Herztod besser erklären als mangelnde Fitness.“

Trotz solcher Erkenntnisse bleiben Bewegungsarmut und mangelnde Fitness die Grunderkrankung der modernen Zivilisation. Denn statt wie unsere Vorfahren der Steinzeit auf die Jagd zu gehen oder kilometerlange Fußmärsche zwecks Nahrungssuche zu absolvieren, besteht der Alltag vielfach nur noch aus ruhenden Tätigkeiten. Studien zeigen, dass amerikanische Büroangestellte pro Tag oft gerade noch 300 Meter zu Fuß gehen. Negative Spitzenreiter brachten es auf gerade einmal 75 Meter. Der Rest des Tages wird im Sitzen oder Liegen verbracht – zu wenig Aktivität jedenfalls, um die Biomaschine Körper in Schuss zu halten. Dem Körper, seit Millionen Jahren der Evolution auf Bewegung getrimmt, ist sein wichtigstes Schmiermittel in bedrohlichem Ausmaß abhandengekommen.

Diabetesepidemie. Die in den USA und inzwischen auch in Asien grassierende Fettsucht- und Diabetesepidemie, so der Diabetesspezialist Guntram Schernthaner, hat auch da ihre Wurzel: „Wenn ich heute nach Schanghai komme, sehe ich dort keine Fahrräder, sondern nur noch Autos. Die Schwellenländer holen heute nach, was in westlichen Industrienationen seit 50 Jahren passiert.“ Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist auch der für das tägliche Leben benötigte Energiebedarf kleiner geworden als der noch in den Genen verankerte „natürliche Appetit“. Während Steinzeitmenschen pro Tag und Kilogramm Körpergewicht rund 50 Kilokalorien verbrauchten, sind es heute nur noch 32. Der Appetit aber ist weitgehend geblieben.

Und da sich der „natürliche Appetit“ auf Dauer offenbar nicht überlisten lässt, bedarf es eben sinnvoller Gegenprogramme. Haber: „Man muss den Bewegungsmangel durch künstlich strukturierte Bewegung ersetzen.“ Statt Büffeljagd und Beerensuche heißt es nun joggen, schwimmen oder radeln. Mehr noch: Es gilt, Bewegung gezielt in den Alltag einzubauen. Und das kann auch bedeuten, beispielsweise die Abendnachrichten zweimal pro Woche auf dem Ergometer strampelnd zu verfolgen oder sich zu Fuß oder mit dem Rad statt mit dem Auto zum Arbeitsplatz zu bewegen.

Auch wenn eigentlich ohnehin jeder wissen sollte, dass Bewegung der eigenen Gesundheit förderlich ist – in die Tat umgesetzt werden diese Kenntnisse noch lange nicht. Denn der Großteil der Österreicher pflegt lieber den gemütlichen Lebensstil. Zwar geben immerhin 40 Prozent der Österreicher an, zumindest einmal oder auch mehrmals die Woche Sport zu treiben. Sportmediziner glauben freilich, dass nur eine geringe Zahl davon durch ihren Sport auch wirklich einen Trainingseffekt erzielt. Leibetseder: „Golf oder Kegeln sind zwar Sportarten, einen Trainingseffekt haben sie aber nicht.“ Eine beachtliche Zahl von Menschen tut nicht einmal das in ausreichender Frequenz. Ein Drittel der Österreicher betreibt keinen Sport, eine weitere annähernd gleich große Gruppe gibt an, nur ein bis zweimal pro Monat oder seltener sportlich aktiv zu werden.

Inaktive zu mehr Bewegung und damit zu Gesundheitsprävention zu bewegen ist ein Ziel, an dem Vorsorgemediziner schon lange tüfteln. Der Wiener Sozialmediziner Michael Kunze ist mittlerweile zum Pragmatiker geworden: „Ich bin schon froh, wenn Leute eine Station früher aus der Straßenbahn aussteigen oder die Stiege statt den Aufzug nehmen.“ Leistungsphysiologe Leibetseder möchte die Österreicher gar mit sanftem Druck zu ihrem Glück zwingen. Er hält die Einführung einer staatlichen Pflegeversicherung mit einem „Bonussystem“ für sinnvoll. Denn Pflegebedürftigkeit sei nicht automatisch eine Folge des Älterwerdens, sondern eine der fehlenden Mobilität. Leibetseders Vorschlag: „Jeder zahlt einen definierten Sockelbetrag. Denn jeder kann durch äußere Mächte zum Pflegefall werden. Wer sich aber einem Ergometertest unterzieht und dort eine überdurchschnittliche Leistung erzielt, zahlt weniger in die Versicherung ein.“

Dass derartige Maßnahmen positive Auswirkungen auf die künftigen Pflegekosten haben könnten, scheint zumindest nicht ausgeschlossen. Modellrechnungen des Instituts für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien ergaben, dass ein im Durchschnitt um 25 Prozent verbesserter Gesundheitszustand der über 60-Jährigen die Zahl der prognostizierten Pflegefälle bis zum Jahr 2030 halbieren könnte – trotz erhöhter Lebenserwartung und alternder Gesellschaft.

Dass ein aktiver Lebensstil etwas für sich hat, könnte auch durch eine andere Erkenntnis überzeugen. Die Medizinstatistikerin Elizabeth Selvin von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore verglich bei etwa 2100 Männern im Alter von mehr als 20 Jahren Angaben zur Potenz mit solchen zur körperlichen Aktivität. Das Resultat war eindeutig: Das Risiko für eine Potenzschwäche beträgt bei bewegungsfreudigem Lebensstil nur ein Drittel von jenem von Couchpotatoes. Hormonspezialisten wissen auch, warum: Wer sich bewegt, bringt seinen Hormonhaushalt auf Touren – und damit seine Libido. Schon moderate körperliche Aktivität lässt die Werte für das männliche Sexualhormon Testosteron für Stunden in die Höhe schnellen. Auch Frauen profitieren von dieser natürlichen Hormonkur, sagt der Hormonexperte Markus Metka: „Durch Bewegung sinken die Östrogenwerte, und das Testosteron steigt auch bei Frauen an.“

Von Norbert Regitnig-Tillian