Wunder geschahen

Hitlers maßgeblichster Hitschreiber Bruno Balz erfand Zarah Leander und stand als Homosexueller in ständiger Todesgefahr. Der Schriftsteller Michael Leon , der an einem Drehbuch über den Stoff arbeitet, über ein einzigartiges Drama in der Künstlerelite des Dritten Reichs.

Weihnachten 1941, Tatort Prinz-Albrecht-Straße zu Berlin, Hauptzentrale der Gestapo. Der von schwerster Folter gezeichnete Textdichter Bruno Balz, der heimliche Star seines Gewerbes, wird am frühen Morgen aus der Zelle geschleift und in eine muffige Baracke verfrachtet. Dort werden ihm Stift und Papier ausgehändigt, zum Zwecke, binnen 24 Stunden einen Hit für jene Frau zu schreiben, deren magische Breitenwirkung im Dritten Reich er mit seinen Liedtexten "Kann denn Liebe Sünde sein?“ oder "Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ entscheidend mitbeeinflusst hatte: Zarah Leander. Denn für den bombastischen UFA-Unterhaltungsfilm "Die große Liebe“, wo Leander unter der Regie von Rolf Hansen als dänische Varieté-Sängerin dem geschwächten deutschen Volk große Gefühle liefern soll, fehlen noch die für den Erfolg so entscheidenden Gassenhauer. Sowohl die schwedische Diva als auch ihr langjähriger Komponist Michael Jary intervenieren für den verfemten Freund Bruno an höchster Stelle. Mit Morphium schmerzgestillt, mit Pervitin hochgepeitscht, ist dies für den wegen seiner Homosexualität als "Volksschädling“ geltenden Balz die letzte Chance, dem KZ und damit dem wahrscheinlichen Tod zu entgehen.

Bruno Balz dichtet um sein Leben.
Er braucht nun ein Wunder, und ihm fallen unter anderem folgende Zeilen ein: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n und dann werden tausend Märchen wahr. Ich weiß, so schnell kann keine Liebe vergeh’n, die so groß ist und so wunderbar. / Wir haben beide denselben Stern und dein Schicksal ist auch meins. Du bist mir fern und doch nicht fern, denn unsere Seelen sind eins …“

Unter der Bewachung der NS-Schergen schreibt der damals 34-jährige Balz in Todesangst nicht nur den Schlager "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, sondern auch das später von den Nazis als Durchhaltenummer instrumentalisierte Lied "Davon geht die Welt nicht unter“. Das Leander-Melodram "Die große Liebe“ soll mit 28 Millionen Zuschauern nicht nur der publikumswirksamste Streifen der NS-Geschichte, sondern auch der erfolgreichste deutschsprachige Film aller Zeiten werden. Nach Ablieferung seiner Texte wird Balz aus der Haft der Gestapo entlassen.

Dass die Lebensgeschichte des Bruno Balz, in der sich Glamour, Genie, die NS-Hetzjagd auf Homosexuelle und die abgründige Unterhaltungsmaschinerie des Propagandaministers Joseph Goebbels vereinen, noch nie umfassend erzählt wurde, liegt auch an der Vernichtungsakribie der Nazis, die sämtliche Spuren ihres erfolgreichsten Hit-Manns aus den Archiven tilgten. Dabei hat der kleinwüchsige Mann aus Berliner Hinterhofverhältnissen die deutsche Musik- und Schlagerkultur so nachhaltig geprägt wie kein anderer. "Kann denn Liebe Sünde sein?“, "Davon geht die Welt nicht unter“, "Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ bis zu Heintjes "Mama“ - all diese Textzeilen stammen aus der Feder von Bruno Balz, der gegen Ende seines 85-jährigen Lebens, so sein Lebensgefährte Jürgen Draeger, überzeugt war: "Niemand kennt mich. Zehn Jahre nach meinem Tod werden auch meine Lieder vergessen sein.“

Nur mit Erstem hatte er Recht: Auch im Nachkriegsdeutschland hatte sich niemand der Mühe unterzogen, die künstlerischen Gratwanderungen zwischen Leben und Tod näher zu erforschen. Was auch daran lag, dass Balz per Testament verfügte, dass sein Universalerbe Draeger erst zehn Jahre nach seinem Tod über die wahren Hintergründe seines Lebens sprechen dürfe. Der Schlüssel zu dieser dramatisch-poetischen Geschichte, die jetzt zum Film werden soll, führt einige Jahre zurück nach Wien. Dort erlag Bruno Balz, der schon 1929 den ersten deutschen Tonfilm "Ich habe dich geliebt“ mit seinen Liedzeilen veredelt hatte, der lyrischen Altstimme der gebürtigen Schwedin auf der Bühne des Theaters an der Wien. Die damals 29-jährige Sara Stina Hedberg, so Leanders bürgerlicher Name, Tochter eines Musikers und Orgelbauers, feierte am Theater an der Wien in Ralph Benatzkys Operette "Axel an der Himmelstür“ triumphale Erfolge - bis zu 62-mal wurde sie in der Rolle der Gloria, einer Greta-Garbo-Parodie, vor den Vorhang geholt.

Denn während Marlene Dietrich in Hollywood Karriere machte, mangelte es dem Dritten Reich an einem weiblichen Star, der einen ähnlichen Verführungsmagnetismus zu entfalten imstande war wie die Berlinerin mit den Endlosbeinen. Balz telegrafierte Entwarnendes an Carl Opitz, den Werbechef der Ufa, die Dietrich-Lücke schien nun mit Würde geschlossen: "Volltreffer! Zarah - tatsächlich ein hinreißendes Naturtalent!“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Balz bereits seine erste Haftstrafe hinter sich gebracht - mehrere Monate war der frühere Geliebte des sexualwissenschaftlichen Pioniers Magnus Hirschfeld und Aktivist der Schwulenbewegung schon unter lebensbedrohlichen Bedingungen in Haft gesessen und nur unter Auflagen wieder entlassen worden.

Mit dem als Textdichter nun von den Nazis zur Anonymität gezwungenen Balz und dem Komponisten Michael Jary als Masterminds im Rücken avancierte die Leander zu Hitlers zugkräftigster Diva. Die äußerst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Leander und Balz fand jedoch ein Ende, als Balz 1941 zum zweiten Mal wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde. Das KZ schien ihm nunmehr sicher. Da sich jedoch nach dem frühen Winterbeginn an der Ostfront in Russland eine Niederlage der deutschen Wehrmacht abzeichnete, war Goebbels’ Ruf nach dem "Kriegsartikel gute Laune“, wie der Propagandaminister in seinen Tagebüchern notierte, besonders groß.

Goebbels musste bald einsehen, dass "Die große Liebe“ ohne Balz’ Poesie nicht die erwünschte emotionale Sogwirkung zu enfalten imstande sein würde.

Während Zarah Leander durch Balz zum Weltstar gekrönt wurde, blieb der Mann, durch dessen Wortkunst unzählige Sternchen zu Stars avancierten, bis heute weitgehend im Dunkeln. Und nimmt auch nur eine Marginalie in den Leander-Biografien ein. Für Leander, die durch das Image der Nazi-Diva in ihrem Heimatland Schweden mehr geächtet wurde als im Nachkriegsdeutschland und mit der Balz eine lebenslange Freundschaft verband, sollte er auch 1973 seinen allerletzten Liedtext "Adieu“ verfassen.

Über ihre Zeit als NS-Diva hatte die Leander häufig nur den lakonischen Satz "Ich war ein politischer Idiot“ als Rechtfertigung parat. Mithilfe von Jürgen Draeger, der auch den Nachlass verwaltet und Universalerbe von über tausend Titeln ist, lässt sich biografische Spurensicherung betreiben. Bruno Balz wurde 1902 im Berliner Arbeiterviertel Prenzlauer Berg als Sohn eines Sattlers in einem Hinterhof geboren und sandte bereits während seiner kaufmännischen Lehre erfolgreich Gedichte bei Zeitungswettbewerben ein. Über tausend vertonte Stücke lieferte Balz bis zu seinem Tod 1988, unter anderem für Hans Albers, Curd Jürgens, Charles Aznavour, Udo Jürgens, Paul Hörbiger, Marika Rökk, Peter Alexander, Ilse Werner und Johannes Heesters - kurzum, kaum ein bekannter Interpret zwischen den dreißiger und sechziger Jahren, der von seinen Texten nicht zu profitieren wusste. Und manch einer verdankte ihm einen Gutteil seines Ruhms. Wie beispielsweise Heinz Rühmann, dem Balz den formidablen Gassenhauer "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ in den Mund legte, der an jeder Ecke geträllert und vom Soldatensender Radio Belgrad an alle Fronten ausgestrahlt wurde. Nicht weniger populär "Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ oder das Schlaflied "La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“; Evelyn Künneke wurde berühmt mit "Sing Nachtigall, sing“, Heidi Brühl mit "Wir wollen niemals auseinandergehn“ und Zarah Leander mit "Kann denn Liebe Sünde sein?“, "Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ und "Er heißt Waldemar“; bis hin zu Heintje, der mit "Mama“ eine ganze Generation weichspülte. In über 200 Filmen - begonnen mit dem ersten deutschen Tonfilm "Dich hab’ ich geliebt“ bis Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds“ - sind seine Werke zu hören.

Eines der losen Enden, die aus der von den Nazis verstümmelten Balz-Biografie ragen, führt zurück ins Jahr 1933. Ein Studententrupp des SA Turnerbunds plünderte das einmalige, in Berlin Dahlem ansässige Institut für Sexualwissenschaft, das der jüdische Forscher Magnus Hirschfeld 1919 gegründet hatte. Zweifellos eine Brutstätte liberalen Denkens und darum ein Dorn im Auge der neuen Reichsführung. Dennoch schritt die Polizei sofort nach der Barbarenaktion ein und protokollierte ordnungsgemäß, was demoliert wurde. Der Hausherr war bereits zwei Jahre vorher in die USA geflüchtet. Trotz des Totalschadens des Instituts und der dann auf dem Opernplatz niedergebrannten Bibliotheksliteratur wurden dennoch Hirschfelds berüchtigte "Psychobiologische Fragebögen“ herausgefiltert. Balz, der sich darin als Schwuler geoutet hatte, sowie die meisten derjenigen, die diese Bögen ausgefüllt hatten, bevorzugt Freunde und Unterstützer der universitären Einrichtung, waren fortan ihres Lebens nicht mehr sicher.

Im Zuge dieser Enthüllung wurde Balz 1936 auf Grundlage des bereits von den Preußen geschaffenen Paragrafen 175, der die gleichgeschlechtliche Liebe untersagte, verhaftet. Der 175er, der zu einem geflügelten Wort im Volksmund reifte, war unter dem Eindruck des Röhm-Putsches gerade verschärft worden. Nun galt der Tatbestand der Homosexualität bereits als erfüllt, wenn auch nur wollüstige Absicht, zum Beispiel durch begehrliche Blicke, unterstellt werden konnte. Eines In-flagranti-Beweises bedurfte es nicht mehr. Umso einfacher war es nun, Leute wie Bruno Balz anzuklagen, zu drangsalieren oder zu erpressen, indem man ihnen etwa anbot, sie bei einem Geständnis nicht zu kastrieren. Balz gestand nicht und landete im Gefängnis. Auf Intervention der Ufa, die längst den verlängerten Arm der Reichsunterhaltungsindustrie darstellte, wurde er nach einigen Monaten entlassen. Er durfte unter der Maßgabe weiterarbeiten, seine Existenz fortan zu verschleiern. Weder Name noch Fotos durften in der Öffentlichkeit genannt oder gedruckt werden. Er war Persona non grata geworden und sah sich außerdem gezwungen, mit Selma, einer aus Pommern stammenden Bäuerin, eine Scheinehe einzugehen. Die Ehe sollte nie vollzogen, aber auch nie geschieden werden. Selma Balz hatte sich zu sehr an das Leben im Fahrtwind des Glamours gewöhnt und verweigerte die Trennung. Mit der Leander verband Balz nicht nur die Leidenschaft für Lieder, sondern auch für Männer - große Blonde, die nicht mit Bildung belastet waren. Der besonders kleine Balz und die um einen Kopf größere Diva verschmolzen zu einem illustren Paar, das in dieser Konstellation auch auf gemeinsamen Beutezug ging. Der Komponist Peter Kreuder beschrieb das Partygeschehen in Leanders Berliner Bleibe so: "Dort duftete es nach Moschus, und die Wohnung war stets angefüllt von vielen Leuten, die alle auf irgendeine Weise mit Hormonschwierigkeiten zu kämpfen schienen. Hier hätte ein geschäftstüchtiger Chirurg eine Sammelbestellung für Geschlechtsumwandlungen aufnehmen können.“

Die hochgewachsenen "Blondonen“ teilten sie sich auch freundschaftlich im Bett. "Zarah und Bruno hatten eben ein Faible für denselben Typus - blonde, bodenständige, unverbildete Hünen, die nichts mit dem Showbusiness zu tun hatten“, erzählt Jürgen Draeger, der Balz 1960 kennen lernte und bis zu dessen Tod an seiner Seite war.

Die Leander, die mit einem Schweden verheiratet war und schon aus erster Ehe zwei Kinder hatte, stand im Ruf der amourösen Unersättlichkeit. Was ihrer Reputation aber keinen Abbruch tat, im Gegenteil, nichts Geringeres erwartete man von einer echten Diva. Obwohl Goebbels gerade hinsichtlich Zarahs Herkunft skeptisch war, stimmten ihn die baldigen Erfolge um. Die Lichtspielhäuser füllte sie Schlag auf Schlag: "Zu neuen Ufern“, "Der Blaufuchs“ oder "La Habanera“ hießen ihre Kassenschlager. Bruno Balz, der zu ihrem Leibtexter avanciert war, fand in dem Komponisten Michael Jary, einem gebürtigen Polen, einen kongenialen Partner. Die eintragsreichste Hitmaschine der Ufa glühte. Denn zu einer Zeit, als längst nicht alle Haushalte über einen Plattenspieler verfügten, war das Kino auch gleichzeitig noch Konzertsaal. Deswegen nahm es nicht wunder, dass viele Songs der damaligen Zeit zuerst im Kino präsentiert wurden, bevor man sie auf Schellack wiederfand.

Allerdings behagte nicht jedem das zauberhafte Trio, das aus einer Schwedin, einem Polen und einem Schwulen bestand. Laut dem durchaus den Künsten zugeneigten Reinhard Heydrich, Leiter des neu geschaffenen Reichssicherheitshauptamts, dem nun alle Polizeieinheiten unterstanden, war "die Bande ein Schlag ins Gesicht eines jeden anständigen Deutschen“. Besonders auch, da die Leander, bei Weitem bestbezahlte Künstlerin im Reich, die Frechheit besaß, sich einen Gutteil ihres Salärs in Kronen tauschen und auf eine schwedische Bank überweisen zu lassen. Gerüchte und gezielte Desinformation, sie würde für den englischen, den schwedischen oder gar russischen Geheimdienst arbeiten, blühten daher. Und so ist es durchaus denkbar, dass Bruno Balz, der 1941 dann in eine von der Gestapo aufgestellte Liebesfalle tappte, das eigentliche Ziel gar nicht war. Jürgen Draeger kommentiert das so: "Denen war doch piepegal, ob der Balz schwul war, der Hansen war doch auch schwul. Aber die aus dem Himmler-Stall, die hatten es auf die Leander abgesehen.“ Doch die Ufa-Göttin direkt anzugreifen war unter der Patronatenschaft Goebbels’ nicht möglich. Zumal selbst der Führer sie angeblich mochte, es aber dennoch vermied, sich mit ihr ablichten zu lassen.

Zarah Leander drehte jedoch mit "Damals“ nur noch einen Film in Deutschland, dann endete ihr Ufa-Vertrag, und sie kehrte Ende 1942 nach Schweden zurück. Zuvor hatte sie die von Goebbels angebotene deutsche Staatsbürgerschaft abgelehnt. Im Reich allerdings wurde alles getan, um sie vergessen zu machen. Lediglich in Heinrich Himmlers "Politischem Dienst für SS und Polizei“ fand sich, in beißenden Anspielungen auf ihre Filmtitel, ein Artikel:, Zu neuen Ufern.‘ Wir sahen sie eine Zeit lang nicht, das Überweib Zarah Leander. Kaum wissen wir noch, wie das war, als sie zum ersten Mal im deutschen Film auftrat. ‚Kann denn Liebe Sünde sein?‘, bei ihr war sie es nicht, und wenn sie es wäre - und den Eindruck hatte man bei ihr oft -, so war es ihr egal., Yes Sir‘ - der Weg zur Dirne war bei ihr nie weit und ein vollendet begangener Schleichpfad zum Glück …“ Nach dem Zusammenbruch war Bruno Balz der einzige deutsche Liedtexter, der sich für seine Nazi-Vergangenheit vor Gericht wiederfand.

Heimtückischerweise nun als Fachmann für Durchhalteparolen gebrandmarkt, klagten die Alliierten ihn an. Gegen seine Absicht musste er nun seine Homosexualität sowie die Scheinehe als Beweis für die Verfolgung anführen. Das aber stieß ihn wieder auf den Paragrafen 175, der ja, auf den preußischen Stand zurückgesetzt, erhalten blieb. Wie viele andere: Derjenige, der im Dritten Reich mit dem Rosa Winkel behaftet wurde und sich nach dem Krieg von den Versorgungsämtern für seine Verfolgung, seinen KZ-Aufenthalt oder seine Kastration alimentieren lassen wollte, musste erst einmal Selbstanzeige erstatten und damit rechnen, inhaftiert zu werden. Die meisten der Verfolgten vermieden dieses Risiko und behielten die erlittenen Demütigungen und Torturen auch aus Schamgefühl für sich. Die Schätzungen der in Konzentrationslagern umgekommenen Homosexuellen und Lesben schwanken zwischen 10. 000 und 600.000 Opfern. Ganz zu schweigen von der unbekannten Zahl, die in den SA-Revieren ihr Leben ließen oder verstümmelt zurückblieben.

Wie Bruno Balz kulturpolitisch auch nach dem Krieg unter den Teppich gekehrt wurde, lässt sich heute noch an der DVD-Edition der "Großen Liebe“ anlässlich Leanders 100. Geburtstag 2007 erkennen. Bruno Balz, der alle Liedtexte geschrieben hat, taucht im Vor- und Abspann nicht auf. Stattdessen hockt ein Ufa-Mann auf einem Stühlchen vor der Kamera und erklärt die Sachlage. Immerhin.

Am 26. Oktober 1946 wurde Bruno Balz von einem amerikanischen Gericht freigesprochen. Denn gerade die Hits, die der Führer sich damals so gewünscht hatte und die Balz für sein Überleben schrieb, waren ihm als Propagandavehikel angelastet worden. Dabei spiegelte doch die Hoffnung auf das Wunder nämlich, lebend der Hölle zu entkommen, gleichzeitig die Hoffnung auf ein Ende der Tyrannei.

Bruno Balz ging nicht nur als freier Mann aus dem Prozess hervor, sondern wurde auch maßgeblich beim Aufbau des US-Besatzungssenders Rias eingesetzt. Für die Amerikaner war er inzwischen zum Helden geworden, der das Dritte Reich auf seine Art bezwungen hatte. Danach suchte der Deutschjude Irving Berlin, der schon in den frühen dreißiger Jahren geflohen war, Kontakt zu Balz. Berlin war mit "White Christmas“ ein internationaler Smash-Hit gelungen, mit dem bis heute wertvollsten aller Song-Urheberrechte. In Balz fand er endlich den Liedertexter, dem er zutraute, seinen Song ins Deutsche zu interpretieren. Eine Strophe der Balz-Version lautet: "Süß singt der Glocken Ton - Weihnacht, das Fest der Liebe ist nun da. Und ein einziger Wunsch stellt sich ein - möchte’s auf Erden Frieden immer sein.“

Michael Leon ist deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor, zuletzt erschien sein Roman "Exit Goa“ bei Czernin. Er lebt in Wien.