Elbphilharmonie-Chef Lieben-Seutter: „Ich muss hier keine Avantgarde machen“

Christoph Lieben-Seutter: "Würde mich wirder für Hamburg entscheiden"

Christoph Lieben-Seutter: "Würde mich wirder für Hamburg entscheiden"

Der Elbphilharmonie-Chef und Exil-Wiener Christoph Lieben-Seutter über Akustik, Geld, Enthusiasmus und Erwartungsdruck.

Zunächst schmunzelte alle Welt über die Hamburger, die ihre neu erstehende Hafencity in der Nähe der historischen Speicherstadt mit einer windig anmutenden Marketing-Idee aufwerten wollte: mit einem Konzertsaal auf dem alten Kaispeicher als architektonischer Leuchtturm, als flotte Strichelzeichnung mit wellenförmigem Dach, hingeworfen von dem Duo Herzog & de Meuron, den Megastars der Baubranche. Das war 2001. Damals dröhnte noch der Bilbao-Effekt, mit dem Frank Gehrys Guggenheim-Museum die baskische Provinzmetropole auf die Touristenlandkarte gebracht hatte. Und ein Schnäppchen sollte die Elbphilharmonie auch sein. Dann aber lief alles aus dem Ruder. Es wurde bereits gebaut, obwohl noch nicht fertig entworfen worden war. Hotel und private Luxuswohnungen, die zwecks Kostensenkung miteingeplant waren, verteuerten den statisch und funktional hochkomplexen Bau, für den Akustikguru Yasuhisa Toyota im gefederten und mit weißer Gipsfaserhaut ausgekleideten 2000-Plätze-Saal den perfekten Klang designen sollte.

Störrische Baufirmen und überforderte Behörden stritten sich vor Gericht, ein Jahr lang ruhten alle Arbeiten. Das Konzerthaus wurde zum Politikum, die Fertigstellung verzögerte sich immer weiter, die Baukosten explodierten; aus den ursprünglich veranschlagten 280 Millionen wurden am Ende 789 Millionen Euro. Statt 2010 wird die Elbphilharmonie Mitte dieser Woche endlich eröffnet. Doch seit im November die Plaza, der öffentliche Raum auf der Fuge zwischen entkerntem Backsteinfundament und der bis zu 110 Meter hohen futuristischen Stahlglaskrone, erstmals betreten werden konnte, schwebt Hamburg im „Elphie“-Glück. Alle aufgelegten Konzerte bis Sommer sind komplett ausverkauft. Im Internet werden Lang-Lang-Tickets bereits für 10.000 Euro angeboten. Der ruhende Pol im jahrelangen Baustellenchaos heißt Christoph Lieben-Seutter. Er stammt aus Wien, leitete als Generalsekretär das Konzerthaus, ehe er 2007 als Intendant der Elbphilharmonie an die Alster zog.

profil: Wie waren Ihre ersten zehn Jahre in Hamburg?
Lieben-Seutter: Ich schaue momentan nur nach vorn. Aber die Jahre waren enorm wichtig und haben sich jedenfalls gelohnt. Ich konnte auf zunächst unerwartete Art Erfahrungen sammeln, die mir heute lieb und teuer sind. Menschlich wie beruflich. Natürlich ist es nicht schön, wenn man beschleunigen will, aber nur im ersten Gang radeln darf. Immerhin hatte ich mit der altehrwürdigen Laeiszhalle ein Konzerthaus zu verantworten und konnte viele Programmideen schon ausprobieren. Wir haben uns mit den privaten Veranstaltern zusammengerauft und gemeinsam das Hamburger Konzertangebot ausgebaut – genau wie die Musikvermittlung bis hin in kulturferne Stadtteile. Aber natürlich juckt es jetzt schon in den Fingern, nach dieser unfreiwillig langen, letztlich mit Geld nicht zu bezahlenden Werbekampagne endlich die Knöpfe drücken zu dürfen und es nun auch zu können, loszulegen, die Maschinen auf volle Kraft bringen. Allein diese Masse an Raum ist überwältigend.

profil: Ist man in der Elbphilharmonie eher Lotse oder doch Kapitän?
Lieben-Seutter: Wir sind ein Team von fast 120 Mitarbeitern. Wir wissen, wo es hingehen soll, und wir waren ja nicht faul. Navigieren können wir also. Und den gemeinsamen Kurs segne ich dann ab. Aber die Elbphilharmonie hat keine Brücke, sondern eine Terrasse mit herrlichem Hafenausblick für alle, auch für die, die nicht zu den Konzerten kommen. Jeden Tag bis Mitternacht. 15.000 Menschen täglich, wenn wir Hochbetrieb haben.
profil: Was Sie hier in den letzten Monaten betrieben haben, nennt man in der Hotel-Branche Soft Opening, man perfektioniert sich Schritt für Schritt. Ist das geglückt?
Lieben-Seutter: Ich denke schon. Die Elbphilharmonie ist ein komplexes System, wo vieles neu ist, die einzelnen Teile wie in einer Feinmechanik erst ineinandergreifen müssen. Und der Erwartungsdruck ist immens. Wir sind für den 11. Jänner bestens
gewappnet. Auch was die Wege, die Tube, unsere gekrümmte Rolltreppe, das Parkhaus, den Zugangsfluss, die Treppen, Aufzüge, Bars, Garderoben, Sanitäranlagen angeht. Wir konnten unter Echtzeitbedingungen testen und mussten nur wenig
nachjustieren. Und das Wichtigste: Von der Akustik im großen Saal sind alle begeistert. Damit wird die Elbphilharmonie wirklich ganz vorn mitspielen.

profil: Was soll dieses Haus werden, wofür soll es stehen?
Lieben-Seutter: Für einen Traum. Für das sichtbare Zeichen, dass sich eine jetzt schon ikonische Hülle mit einer uralten Menschheitskunst, mit Musik füllt. Vorwiegend mit klassischer, für die eine Stadtgesellschaft im 21. Jahrhundert enorm, ja schmerzhaft viel Geld in die Hand genommen hat. Das aber sinnvoll ausgegeben wurde, wie ich finde. Weil dieses Haus mit seiner ganz einfachen, klaren Schönheit, mit der feinsinnigen Suche nach Perfektion uns rührt und erhebt. Und weil es die hoffentlich beste Hülle ist, die darin sich entfaltende Kunst zu optimieren und in jeder Weise zu unterstützen. Hier, in einem Stück Weltarchitektur, können wir abstecken, was klassische Musik heute ist und morgen sein wird.
profil: Wie haben Sie als Wiener, aus der Welthauptstadt der Klassik nach Hamburg kommend, diese Kunst hier empfunden?
Lieben-Seutter: Auf keinen Fall als Diaspora. Auch in Hamburg gibt es eine enorm reiche, vielfältige Klassiklandschaft. Vielleicht nicht im absoluten Spitzensektor angesiedelt wie in Wien. Aber enorm variantenreich. Die Hamburger sind den Wienern nicht unähnlich, sind konservativ, an alten Werten interessiert. Aber Hamburg ist eine Hansestadt, immer mit der Nase in der Weite. Das Internationale ist hier Neugierde, man lässt sich locken, verführen, überzeugen – und reagiert dann oft ungewohnt enthusiastisch. Mit den Elbphilharmonie-Programmen in der Laeiszhalle konnte ich an vielen Stellschrauben bereits drehen, manche im Niveau auch heraufsetzen. Das war der Vorteil der vergangenen Jahre.

profil: Woran haben Sie sich orientiert?
Lieben-Seutter: Ich habe meine Wiener Sozialisierung, aber ich wusste genau, was ich aus Wien garantiert nicht in Hamburg haben wollte. Ich habe die letzten Jahre auch überprüft, wie die anderen wichtigen Häuser kochen, welche Rezepte man übernehmen kann, welche man variieren und wo man ganz neu ansetzen muss. Wir wollen ja nicht nur anderswo Erprobtes weiterführen, wir wollen auch kreieren. Und dafür haben wir das gegenwärtig beste Instrumentarium der Welt. Wichtig war dafür zweifellos die Pariser Philharmonie. Da musste auch das Musikleben verpflanzt werden, und keiner wusste, wie es laufen würde. Dort hat man aber auch sehr viel Geld für den laufenden Betrieb und hält die Schranken auch preislich sehr niedrig. Man hat eine sehr große Programmequipe mit hohem Budget und eine wirklich unglaubliche, einmalige Education-Abteilung. Wir machen es hier eben auf Hamburger Art.
profil: Braucht Hamburg die Elbphilharmonie eigentlich?
Lieben-Seutter: Ich finde schon. Ich mag die Laeiszhalle – in Deutschland gibt es nicht viele vergleichbare historische Konzerthäuser –, aber sie hat ihre Grenzen. Und Hamburg sollte über diese hinauswachsen. Dafür brauchte es ein neues Gebäude. Einen Ort in der Stadtlandschaft, diesmal sogar in der Stadtsilhouette. Das gibt der Klassik einen nachweislich neuen Stellenwert. Wir müssen aber auch etwas tun dafür, wir sind jetzt in der Pflicht, Inhalte zu ersinnen, Programme zu gestalten, die einem möglichst großen Teil der Gesellschaft etwas bedeuten, mit denen er sich identifizieren kann, an denen er partizipieren möchte, die ihm tatsächlich Freude bereiten. Und die er sich auch preislich wird leisten können.

profil: Die Elbphilharmonie hat den Anspruch, das Prinzip Konzertsaal weiterzuentwickeln. Muss sie auch inhaltlich Vorreiterin sein?
Lieben-Seutter: Das Programm muss das Versprechen der Architektur einlösen: höchste Qualität, Innovation, Neugier und Zugänglichkeit. Gleichzeitig ist der Große Saal der perfekte Ort für bewährte Formate, die andernorts antiquiert wirken mögen. Wir müssen diesen magischen Ort mit Klängen und Ideen füllen, für das Leben sorgen die Künstler und das Publikum. Ich muss hier keine Spielplan-Avantgarde machen, aber wer weiß, vielleicht fordert sie das Gebäude ja von selbst?
profil: Bisher war Hamburg zwar eine Musikstadt, aber keine mit wirklich allererstem Ruf, weder die Oper noch die drei großen Orchester werden international besonders wahrgenommen. Wird sich das ändern?
Lieben-Seutter: In jedem Fall. Die großen Klangkörper, das NDR Elbphilharmonie Orchester, das hier Hausrecht genießt, und das Philharmonische Staatsorchester, das ja in erster Linie Operndienst versieht, hatten ja auch viel mehr Zeit als gedacht, um sich vorzubereiten. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht und werden im neuen Saal über sich hinauswachsen. Das Ensemble Resonanz hat im Kleinen Saal Vorrecht. Und die Hamburger Symphoniker werden das Hausorchester der Laeiszhalle bleiben, ein qualitatives, auf die Möglichkeiten dieses Traditionsspielortes zugeschnittenes Programm anbieten.

profil: Sie haben jetzt statt 2700 Plätzen 5500 für Klassikveranstaltungen im Angebot. Werden Sie die füllen können?
Lieben-Seutter: Da bin ich optimistisch. Zurzeit ist der Zustrom auf das neue Gebäude so enorm, dass wir uns für die nächsten zwei Jahre wohl keine Sorgen machen müssen. Und für danach müssen wir jetzt die Weichen stellen; ich hoffe, dass die Hamburger und ihre Gäste nicht nur das Gebäude als Sehenswürdigkeit bestaunen, sondern auch wegen seiner Inhalte immer wieder den Weg zu uns finden werden. Vorläufig sind wir komplett ausverkauft. Das ist auch eine Chance, noch unbekanntere Namen zu fördern, nicht nur die gängigen Markenartikel. Das NDR Elbphilharmonie Orchester macht es gegenwärtig vor, hat sich mit dem jungen Polen Krzysztof Urbański einen ersten Gastdirigenten gesichert, der bestimmt an seinen Aufgaben hier wachsen wird.

profil: Und die Künstler werden nach dem ersten Hype gerne wiederkommen?
Lieben-Seutter: Der Saal ist toll, die Infrastruktur großartig, wir haben ein enthusiastisches Publikum. Warum also nicht? Sie haben ja bislang auch alle Terminverschiebungen mitgemacht … Ich plane gerade die Saison 18/19, selbst 2020 ist schon manches fix. Und da wollen viele schon wiederkommen, obwohl sie das Haus noch gar nicht kennen. Mir war auch wichtig, dass die Wiener Philharmoniker gleich in der Eröffnungsperiode mit dabei sind. Mit zwei extra für Hamburg geplanten Programmen, bei denen eines der ehemalige Hamburger Opernchef Ingo Metzmacher dirigieren wird. Sie sehen also, sogar die Wiener lassen sich auf diesen neuen Ort ein.
profil: Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten auf 2007. Würden Sie sich wieder für Hamburg entscheiden?
Lieben-Seutter: Am heutigen Tag: ganz klar – ja!

Christoph Lieben-Seutter , 52, fungiert seit 2007 als Generalintendant für Elbphilharmonie und die historische Laeiszhalle – mit kürzlich verlängertem Vertrag bis Mitte 2021. Er ließ sich bei Philips zum Software-Ingenieur und Marketing-Assistenten ausbilden. 1988 wurde er Direktionsassistent am Wiener Konzerthaus unter Alexander Pereira, dem er 1993 als persönlicher Referent ans Opernhaus Zürich folgte. 1996 bis 2007 war er Generalsekretär der Konzerthausgesellschaft, zudem künstlerischer und kaufmännischer Leitung des Festivals „Wien modern“.

Infobox

Keine Einsturzgefahr
Die Elbphilharmonie sperrt auf: Im Eröffnungsprogramm finden sich neben hochprofilierten Uraufführungen auch Pop-Experimente.

Die drei Residenzorchester werden im dreiwöchigen Eröffnungsreigen zuerst gefordert: vor allem die NDR Elbphilharmonie Hamburg, die sich für viel Geld Haus- und Titelrecht gesichert hat. Unter ihrem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock gibt es am 11. Jänner ein Überraschungsprogramm, unter anderem mit der Uraufführung von Wolfgang Rihms „Triptychon und Spruch in memoriam Hans Henny Jahnn“. Tags darauf wird mit dem freien Ensemble Resonanz der Kleine Saal eingeweiht, wofür Georg Friedrich Haas „release“ komponiert hat. Am 13.1. schließlich folgt das sonst in der Oper spielende Philharmonische Staatsorchester, dessen Chef Kent Nagano bei Jörg Widmann das Oratorium „Arche“ bestellt hat. Am 14. lässt sich mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti das erste Gastorchester vernehmen. Und ehe am 22. Jänner die Wiener Philharmoniker kommen, wird es richtig laut: Die auch wegen ihres Namens gewählten Einstürzenden Neubauten sollen den Saal auf seine Extrempoptauglichkeit testen.

Interview: Manuel Brug