Warum der österreichische Film so erfolgreich ist

Szenenbild aus "Kater"

Szenenbild aus "Kater"

Radikale Psychodramen, ultrarealistische Lebensentwürfe: Österreichs vielfältige Kinoszene besitzt - trotz ideologischer und budgetärer Krisen - Weltgeltung. An der Filmakademie Wien werden derzeit ihre Grundlagen erforscht.

Ein Hauskater wird zu Tode gebracht, am Küchentisch, ohne ersichtlichen Grund. Die psychischen Folgen sind vehement. Anderswo brüllt ein Zirkuslöwe seinen Dompteur an, durch die Gitterstäbe des Zwingers; die Aggression ist spürbar, der junge Held des Films fasst dennoch angstfrei an die Schnauze des Tiers. Zwei animalische Szenen des österreichischen Gegenwartskinos, die eine aus "Kater“ (Regie: Händl Klaus), die andere aus "Mister Universo“ (von Tizza Covi und Rainer Frimmel). Um unerwartete Eskalationen in ihren Berichten von den Gefühlslagen des Menschentiers in Zeiten der privaten und geopolitischen Krisen ist die heimische Filmszene nicht verlegen. Ihre immense internationale Strahlkraft, die sich in Festivaleinladungen und internationalen Preisen manifestiert, ist wohl auch deshalb ungebrochen. "Mister Universo“ lief allein in den vergangenen Monaten in Locarno, Toronto, Reykjavik, Rio de Janeiro und Montreal, ehe der Film nun auch hiesige Kinos erreicht.

Österreichs Regiestars sind ebenfalls sehr aktiv: Michael Haneke bewegt sich dieser Tage viel zwischen Paris und Wien, um seine bereits abgedrehte neue Produktion (ein Familiendrama vor dem Hintergrund der globalen Migrationen - Arbeitstitel: "Happy End“) in Frankreich zu schneiden, zugleich aber auch seinen Lehrverpflichtungen als Regieprofessor an der Filmakademie nachzukommen. Barbara Alberts Wunderheilerdrama "Licht“ wird in wenigen Wochen uraufgeführt, während Ulrich Seidl seine nächste Kinoarbeit vorbereitet, die "Böse Spiele“ heißen soll, eine Geschichte unter Brüdern, im Schlagermilieu, im Sprung zwischen Österreich, Rumänien und Italien. Happy End und böse Spiele: Das ist sinnträchtig, wenn man an Österreichs Autorenfilm denkt, der sich seine Weltgeltung mit ästhetischer Kompromisslosigkeit und erstaunlicher Vielfalt verschafft hat.

Seine kreative Bandbreite lässt sich anhand des aktuellen Kinoangebots demonstrieren. Nikolaus Geyrhalters "Homo sapiens“ und "Kater“ sind soeben gestartet, demnächst kommen mit "Mister Universo“, mit Michael Kreihsls unaufgeregtem Sozialfresko "Liebe möglicherweise“ und Ruth Beckermanns außerordentlicher Bachmann-Celan-Hommage "Die Geträumten“ drei filmische Trumpfkarten dazu. Und auch wenn eine ökobewegte Agitprop-Doku wie "Bauer unser“ (Regie: Robert Schabus) oder Virgil Widrichs sehr artifizieller zweiter Spielfilm, die Geistergeschichte "Die Nacht der tausend Stunden“ dazu eine Art Antithese bilden: Das Austro-Kino hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten auf eine sehr eigenwillige Spielart der filmischen Wirklichkeitsnähe spezialisiert, auf einen pessimistischen, in Ulrich Seidls Fall vielleicht auch polemischen Realismus.

Filmakademie Wien als Talenteschmiede

Eine Institution, die an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig ist, feiert demnächst ihr 65-jähriges Bestehen. Die Filmakademie Wien, aus der Regiekräfte wie Michael Glawogger, Jessica Hausner, Barbara Albert, Götz Spielmann und Wolfgang Murnberger hervorgingen, begeht im soeben begonnenen Studienjahr ihr Jubiläum. Aus diesem Anlass widmet man sich dort nun ihrer Geschichte. Ein Archivprojekt soll die Entwicklung des Filmschaffens am Haus nachzeichnen, dessen Gründervater ein streng Konservativer war. Im Wintersemester 1951 gründete "Eroica“-Regisseur Walter Kolm-Veltée eine erste Klasse für Filmkunst; Ende Februar 1952 erfolgte die offizielle Inauguration an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst. Die Studierenden konnten an Filmproduktionen mitwirken, die anfangs auf Kultur- und Bildungsfilme beschränkt blieben.

Der Schwerpunkt des laufenden Archivprojekts liegt auf den vor 1990 entstandenen Arbeiten, die nur auf 16mm-Film erhalten sind und in den Laxenburger Depots des Filmarchivs Austria lagern. 1000 Rollen Film sind dort zu sichten, ästhetisch relevante Werke aufzuspüren und wiederherzustellen. Als Restaurierungsprojekte für die kommenden Wochen sind frühe Filme von Maggie Heinrich, Fritz Lehner, Karin Brandauer, Kitty Kino und Götz Spielmann avisiert. Drei erste Ergebnisse liegen bereits vor. Die eigenwilligste dieser drei filmischen Zeitreisen ist die früheste und kürzeste: Peter Sämanns "All About Nothing“, 1969 als Dokument einer adoleszenten Verstörung inszeniert, ist ein acht Minuten langes psychedelisches Spektakel, garniert mit elektronischer Entfremdungsmusik. Ein Kollektiv von Filmakademie-Studierenden stellte 1976 den viertelstündigen Musikfilm "Prokop Descending“ her, der im Gasometer-Areal ein tristes Wien-Bild vermittelt. Konventioneller erscheint Tamara Eullers und Magdalena Sadlons "Rosa Lila Villa“ von 1984, ein Porträt der Villa-AktivistInnen und ihres budgetär bedrohten Hauses, das Wiens schwul-lesbische Szene erstmals sichtbar machte. Unerwartete Momente finden sich auch hier: ein Interview mit der früheren Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner etwa, die damals offenbar in einem Toni-Spira-verdächtigen Domizil neben Bergen von Kuscheltieren lebte.

Ruf nach Frauenquote wird lauter

Claudia Walkensteiner-Preschl, 2012 als Professorin für Film- und Medienwissenschaft an die Filmakademie berufen, leitet das Institut für Film und Fernsehen in der Metternichgasse seit Oktober 2013; sie folgte Peter Patzak nach. In den 62 Jahren vor ihr lenkten zehn Männer die Geschicke des Hauses, darunter Burgtheaterdirektor Ernst Haeusserman (1965-71), der Kameramann Elio Carniel (1975-79) und Wolfgang Glück (1997-2002) - sowie eine einzige Frau, sie allerdings länger als alle Kollegen: Die Schnittmeisterin Hannelore Götzinger absolvierte an der Filmakademie gleich zwei Legislaturperioden (1979-85 und 1993-97). Das in der Branche immer wieder geäußerte Unbehagen an der eindeutig männlich dominierten Filmakademie-Professorenschaft hat sich verschärft; Walkensteiner-Preschl ist die einzige Professorin in der neunköpfigen Führungsriege. Der Ruf nach einer Frauenquote, die an der Filmakademie per Universitätsgesetz gar nicht zulässig wäre, wird in der Szene indes immer lauter - und belastet die Beziehungen in einer ohnehin angespannten, von heftigen Verteilungskämpfen um die verfügbaren Fördergelder geprägten Situation. "Kater“-Regisseur Händl Klaus empfindet die Entwicklung seiner Branche als sanft besorgniserregend: "Es wird enger, weil es im Autorenfilm so viele gute Leute gibt - das ist die befreundete Konkurrenz, aber mit der hat es einer wie ich, der nur alle acht Jahre einen Film macht, wohl auch ein bisschen leichter.“

Das Frauennetzwerk FC Gloria hat sich in Sachen Quote in Stellung gebracht - und erste Erfolge eingefahren. Unlängst erst meldete der Filmfonds Wien, dass der Frauenanteil am TV-Förderbudget durch neue Förderrichtlinien mehr als verdoppelt werden konnte, wenn auch nur auf 25 Prozent. Die Frauenquote sei für sie "ein sensibles, aber auch selbstverständliches Thema“, sagt die Filmakademie-Chefin: "Als Wissenschafterin wurde ich mit feministischer Theorie sowie feministischer Geschichtsschreibung groß, das war Teil meiner wissenschaftlichen Sozialisation. An der Filmakademie versuche ich diese Thematik mit Argumenten und Produktions-Förderprogrammen zu den Bereichen gender/queer/diversity zu regeln. Aber natürlich überprüfe ich auch die Quoten - und da stehen wir, mit rund 40 Prozent Frauenanteil unter den Studierenden, gar nicht schlecht da.“