"Die Heimatlosen": Widerstand gegen die Furchen des Zufalls

Die Heimatlosen: Frankreich befreit, doch die Heimat Spanien verloren.

Die Heimatlosen: Frankreich befreit, doch die Heimat Spanien verloren.

Die Graphic Novel "Die Heimatlosen" des spanischen Illustrators Paco Roca ist eine gelungene Auseinandersetzung mit einer wenig bekannten Episode des Kampfes gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg.

"Warum Wege nennen, was nichts als Furchen des Zufalls sind?" Dieses Zitat des Lyrikers Antonio Machado stellt Paco Roca seiner historischen Graphic Novel "Die Heimatlosen" voran. Darin zeichnet Roca anhand der Erinnerungen von Miguel Ruiz, einem spanischen Republikaner, die Geschichte der spanischen Exil-Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg nach. Roca hat Ruiz dafür zu Gesprächen in Frankreich aufgespürt. Zu Beginn erzählt der grieskrämige ältere Mann nur widerwillig über seinen Kampf gegen den Faschismus - zunächst in Spanien gegen Franco und später gegen Hitler-Deutschland im besetzten Frankreich. Doch Roca holt den gutwilligen, aber auch verbitterten Widerstandskämpfer Stück für Stück aus der Reserve und fördert außergewöhnliche Geschichten zu Tage.


Ruiz erzählt von einer verschworenen Gemeinschaft, Brutalität im Kriegsalltag und persönlichen Enttäuschungen.

Der Hintergrund: August 1944. Nach der Irrfahrt durch das vom Faschismus zerrüttete Europa und nordafrikanische Arbeitslager erreicht eine Gruppe spanischer Kommunisten und Anarchisten das nazibesetzte Frankreich. An der Seite der Résistance kämpfen sie bis zur Kapitulation der Deutschen. „La Nueve“ hieß ihre Kompanie, zu Deutsch: die Neunte. Doch ihr größter Wunsch, die eigene Heimat Spanien von der Franco-Diktatur befreit zu sehen, soll noch jahrzehntelang unerfüllt bleiben. Ruiz war Teil von „La Nueve“ und erzählt in "Die Heimatlosen" von einer verschworenen Gemeinschaft, Brutalität im Kriegsalltag und persönlichen Enttäuschungen. Illustrator Paco verpackt die Geschichten in detaillierte Zeichnungen, die zwischen historischem Geschehen und persönlichen Erfahrungen hin und herwechseln. Darin erklärt sich auch langsam Ruiz' Giesgram, den er wie ein Schutzschild vor sich herträgt: Denn nicht nur ließen die Alliierten Francos Diktatur unangetastet, „La Nueve“ und ihr Einsatz für die Befreiung Frankreichs wurde nach Ende des Krieges zudem auch kaum gewürdigt.

Fotostrecke

Das Cover von "Die Heimatlosen" zeigt ein illustriertes Gruppenfoto mit Protagonist Miguel Ruiz.

Der Zeichner als kluger Zuhörer und Nachfrager

Paco ist ein kluger Zuhörer und Nachfrager. Mit Empathie und Neugierde tastet er sich gemeinsam mit seinem Protagonisten Schritt für Schritt an eine kaum behandelte Episode des antifaschistischen Widerstands heran. Dieser Zugang zeichnet auch die Illustrationen aus und gibt den "Furchen des Zufalls", von denen Ruiz erzählt, einen sehr persönlichen Anstrich. Das Resultat ist ein gelungenes Buch, das eine ungewöhnliche Biografie gekonnt mit einem historischen Weltereignis verbindet ohne zu heroisieren.

Paco Roca: Die Heimatlosen, Reprodukt, aus dem Spanischen von André Höchemer, Lettering von Minou Zaribaf , 328 Seiten