Im Inneren des Kinobauchs: "Fever Room"

Im Inneren des Kinobauchs: "Fever Room"

Der thailändische Regie-Star Apichatpong Weerasethakul über 3D-Kunst, Militärmacht und seine Theaterarbeit „Fever Room“, die Ende September im Rahmen des steirischen herbstes aufgeführt wird.

profil: Sie werden nicht selbst in Graz sein, wenn der steirische herbst Ihre radikale Bühneninstallation „Fever Room“ zeigt?
Apichatpong Weerasethakul: Nein, leider. Ich muss erst nach Hongkong reisen, dann weiter nach Japan, wo ich Ausstellungen haben werde. Das macht mich ein bisschen traurig, ich wäre gern dabei.

profil: Wie kamen Sie als Filmemacher und bildender Künstler denn dazu, eine Theaterarbeit zu konzipieren?
AW: Alles, was ich tue, gilt dem Kino. Als mein Produzent Simon Field und ich nach Financiers für den Film „Cemetery of Splendour“ gesucht haben, kontaktierte mich eine Kuratorin aus China mit der Frage, ob ich zur Eröffnung eines Theaters in Guangzhou ein Bühnenstück beisteuern würde. Weil sie das Kino liebte, bat sie vier oder fünf Filmemacher um Mitarbeit, darunter auch Tsai Ming-liang. Ich sagte zunächst ab, weil ich das Theater nicht mag, es entspricht nicht meiner künstlerischen Logik. Aber sie verführte mich mit Geld; sie würde in meinen Film investieren, wenn ich teilnähme. Also hatte ich, während ich „Cemetery of Splendour“ fertig stellte, die Idee, eine Art Erweiterung meines Films für den Theaterraum, eine dreidimensionale Vision zu kreieren.

"Cemetery of Splendour"

profil: Sie legen „Fever Room“ exzentrisch an – ohne Schauspieler, nur mit Filmbildern, Regenakustik, Licht und Trockeneis.
AW: Ja, das Stück entwickelte sich, auch in Zusammenarbeit mit den Bühnentechnikern. Ich wusste zunächst nur, dass ich ein Werk über Licht im Raum erschaffen wollte. „Cemetery of Splendour“ erschien mir zu wenig abstrakt. Das gab mir die Chance, weiter zu experimentieren. Ich fand auch, dass ich als Theaterregisseur nichts zu verlieren hatte, ich verspürte keinerlei Druck, konnte ganz entspannt arbeiten.

profil: Was ist „Fever Room“ nun genau? Eine Theater-Performance? Eine Art Licht-Konzert für jeweils 50 Zuschauer?
AW: Es ist ein Projektionsstück, eine Arbeit, die mit Zuspielungen auf vier Leinwände und auf die Zuschauer operiert, ein Werk auch, das sich stetig weiterentwickelt, weil es an den jeweiligen Bühnenraum angepasst werden muss: In Guangzhou sah es anders aus als im Mai in Brüssel, wo es beim Kunstenfestival aufgeführt wurde; und in Graz wird es wieder ein bisschen anders wirken.

profil: Stammen die verschiedenen Filmzuspielungen, die Sie auf die Leinwände projizieren, aus „Cemetery of Splendour“, oder ist das neues, eigens für „Fever Room“ gedrehtes Material?
AW: Es ist neues Material, eher abstrakt angelegt, an eine Story dachte ich dabei gar nicht. Ich wollte vor allem das Gefühl meiner eigenen Träume, meiner Erinnerungen nachempfinden, denn die beiden Protagonisten aus „Cemetery of Splendour“ leben in ihrer eigenen Welt. Sie waren für mich die Marionetten, mit denen ich meine Heimatstadt Khon Kaen erkunden konnte. Und ich drehte auch wieder in jener Höhle, in der bereits Szenen meines Films „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ entstanden waren. So wurde diese Performance zu einer Art Trip.

profil: Hatten Sie Platons Höhlengleichnis im Sinn, als Sie die erwähnten Szenen drehten?
AW: Natürlich. Ich fand das fast schon zu offensichtlich. Obwohl „Fever Room“ ziemlich abstrakt erscheint, ist es nicht schwierig, die Arbeit zu rezipieren. Sie bietet eine sinnliche Erfahrung.

profil: Da Sie nun so etwas wie dreidimensionales Kino gemacht haben: Wären Sie auch interessiert daran, 3D-Filme zu drehen?
AW: Ja, aber nicht in der derzeit gängigen Form. Ich hasse es, diese Brille im Kino zu tragen, die so viel Licht schluckt. Die Technologie ist noch nicht so weit, aber sobald 3D auch ohne Brillen funktioniert, bin ich dabei.

profil: In „Fever Room“ tritt das Publikum auf die Bühne und blickt in den Zuschauerraum. Worauf geht diese Umdrehung des konventionellen Theaterblicks zurück?
AW: Im Kino ist die Bühne der Ort, an dem das Licht auf die Leinwand trifft. Und ich sehe meine Zuschauer eben dort: im Inneren des Kinobauchs.

profil: Können sich Ihre Zuschauer während der Vorstellung frei bewegen?
AW: Das wäre mein Wunsch gewesen, vor allem für den zweiten Teil des Stücks; aber in Wirklichkeit sind die Menschen darauf konditioniert, dass man im Kino und im Theater still zu sitzen hat.

profil: Gehen Sie manchmal ins Theater?
AW: Nein. Null Interesse. Bis ich den Auftrag bekam, „Fever Room“ herzustellen, hatte ich über Theater nie nachgedacht. Das Physische liegt mir nicht, daher handelt auch mein Theater vor allem von Licht und Projektion, also von Unkörperlichem. Es ist eher maschinell als menschlich.

profil: Ist die Frage, ob „Fever Room“ eher eine Installation sei als ein Film oder ein Theaterstück, überhaupt zulässig?
AW: Es ist wohl eine Mischung aus all diesen Genres.

profil: Sie haben einmal gesagt, Sie sehen Ihre gesamte Arbeit im Grunde als einen einzigen langen Film.
AW: Ja, das gilt immer noch. Ich glaube, das erscheint auch vielen Zuschauern so.

profil: Darf man „Fever Room“ metaphysisch oder mythisch nennen?
AW: Die Arbeit ist sehr wissenschaftlich! Es geht um Erinnerung und um die Funktionsweisen des Gehirns im Schlaf. Damit hab ich mich in der Vorbereitung stark beschäftigt, viel gelesen, recherchiert, Ärzte interviewt.

profil: Sie haben befürchtet, mit „Cemetery of Splendour“ in Konflikt mit den thailändischen Zensurbehörden zu geraten. Stimmt es, dass Sie für die DVD-Veröffentlichung Ihres Films etliche Szenen wegschneiden mussten?
AW: Das war meine Entscheidung, niemand gab mir den Befehl dazu. Ich wollte meinen Film gar nicht in Thailand drehen, denn die Situation hier ist absurd, mit all den Generälen, die gerade das Land übernehmen und dabei so tun, als sei nichts passiert.

profil: Und deshalb haben Sie Szenen aus Ihrem Film eliminiert?
AW: Klar, sonst hätte ich mir schwere Probleme einhandeln können. Denn seit die DVD auf dem Markt ist, wurde sie in Thailand raubkopiert und tausendfach geteilt.

profil: „Cemetery of Splendour“ handelt von Stagnation, Resignation und komatösen Soldaten. Wenn man diesen Film als politisch provokant auffassen will, werden ein paar Schnitte nichts daran ändern, oder?
AW: Vielleicht, aber ich kann doch auf Sicherheit spielen und wenigstens jene Szenen entfernen, die vor einem Militärgericht skandalisiert werden könnten.

profil: Hat die Omnipräsenz von Soldaten in Ihrer Filmarbeit politische Gründe? Kommentieren Sie damit die Militärdiktatur in Thailand?
AW: Mich faszinieren Machtsysteme und die Verwandlungen ihrer Bedeutung. Durch Macht und Propaganda – und Thailand ist da ein gutes Beispiel – verwandelt sich die Historie eines Landes in Fiktion, in eine Geistergeschichte.

profil: Sie leben nach wie vor in Thailand, am Land, in Chiang Mai. Fühlen Sie sich in Gefahr? Wurden Sie je unter Druck gesetzt?
AW: Nein. Ich provoziere die Machthaber aber auch nicht. Ich kenne meinen Platz.

profil: Ihre sehr allegorischen Filme gelten nicht als Provokation?
AW: Nein, meine Filme – abgesehen nur vom jüngsten – werden als zu persönlich gesehen. Man erblickt darin keine soziale Kritik. Das liegt natürlich auch daran, dass die Leute, die das beurteilen, nicht smart genug sind.

Apichatpong Weerasethakul , 46, geboren in Bangkok, gehört zu den renommiertesten Filmkünstlern der Gegenwart. Seine Werke „Tropical Malady“ (2004) und „Uncle Boonmee“ (2010) errangen Hauptpreise in Cannes. Mit seinen Videoinstallationen bespielt er zudem regelmäßig internationale Ausstellungen, 2012 etwa die Documenta. Er lebt mit seinem Lebensgefährten und drei Boston-Terriern namens King Kong, Vampire und Dracula in Chiang Mai. Für das soeben eröffnete Festival steirischer herbst hat er die Bühnenarbeit „Fever Room“ konzipiert – ein Raum-Bilderrätsel aus Filmzuspielungen, Lichtkaskaden und Nebelschwaden, das im Grazer Orpheum in engem Zusammenhang mit seinem jüngsten Film, „Cemetery of Splendour“ (2015), gezeigt und diskutiert wird (28.–30.9.).