Martin Kušej: „Ich habe die ultimative katholische Laufbahn hinter mir”

„Mischung aus Bigotterie, Denunziation, Unfreiheit und kollektivem Wahn”

„Mischung aus Bigotterie, Denunziation, Unfreiheit und kollektivem Wahn”

Der Regisseur Martin Kušej über seinen Ruf als Theaterpatriarch, seine Rückkehr ans Burgtheater, seine sportliche Vergangenheit und seine Angst vor der Rache der FPÖ.

profil: Sie arbeiten nun nach Jahren wieder am Burgtheater. Wie fühlt es sich an?
Martin Kušej: Großartig. Die Atmosphäre am Haus ist unglaublich angenehm, die Proben sind gut organisiert und wir arbeiten stressfrei. Ich bin in gewisser Weise wieder heimgekommen und fühle mich willkommen.

profil: Seit 2011 leiten Sie das Residenztheater in München. Vermissen Sie Österreich manchmal?
Kušej: Da wird man im Lauf der Zeit tatsächlich sentimentaler. Wien hat sich zu einer beeindruckenden modernen Großstadt entwickelt. Ich genieße es sehr, hier zu sein.

profil: Spielt der Begriff Heimat für Sie eine Rolle?
Kušej: Ja, aber er lässt sich schwer in einen griffigen Satz bringen. Peter Handke hat einmal gesagt: Österreich sei das Fette, an dem er würge. Das finde ich einen treffenden Aspekt. Der slowenische Schriftsteller Ivan Cankar hat es poetisch in "Pohujšanje“ beschrieben: Ein Mann, ein Künstler, verlässt sein finsteres, abgeschottetes Tal mit seinen engstirnigen Menschen, versucht sich draußen in der Welt und mit der Kunst zu befreien, aber die Wurzeln der Heimat wachsen überall, wo er auch hinkommt, aus dem Boden, schlingen sich um seine Beine und versuchen, sein Herz, seine Seele zu erreichen. Diese Wurzeln spüre ich manchmal auch - und das ist nicht immer angenehm.

profil: Sie proben gerade an "Hexenjagd“, einem Stück, das Arthur Miller 1953 als Reaktion auf die Paranoia der McCarthy-Ära verfasst hat. Wird das auch ein Kommentar zur aktuellen politischen Lage?
Kušej: Wir sind bei den Proben überrascht, wie viel uns bekannt vorkommt von dieser Mischung aus Bigotterie, Denunziation, Unfreiheit, ungebändigtem Hass und kollektivem Wahn. Das Stück ist wieder sehr zeitgemäß, und es erfüllt Arthur Millers Einschätzung, es sei eine Warnung vor einer kommenden Tyrannei oder die Erinnerung an eine gerade überwundene. Dazu kommt eine ganz grundlegende Angst, die es in mir anspricht. Meine einzige echte tiefe Angst ist, wegen meiner Herkunft, meiner Religion oder meiner politischen Haltung plötzlich ins Fadenkreuz eines Systems oder einer Politik zu geraten, die alle demokratischen Grundsätze abgeschafft hat und die jede Verteidigung, ja die Wahrheit selbst gegen mich verwendet. Das ist fast wie in einem Roman von Franz Kafka aufzuwachen: plötzlich in einen Prozess verwickelt zu sein, der allein deshalb abläuft, um mich zu vernichten.

profil: Glauben Sie, dass das hierzulande passieren könnte?
Kušej: Ja, das kann alles wieder geschehen! Und ich bin fast paralysiert davon, wie atemberaubend schnell nationalistische, populistische und xenophobe Politik hierzulande und um uns herum wieder zum Alltag geworden ist. Als Künstler wäre ich in Polen oder Ungarn oder in der Türkei schon im Gefängnis. Und ich muss kein österreichischer Pessimist sein, wenn ich sage: Wir fahren geradewegs auf die Katastrophe zu. Sollte Norbert Hofer die kommende Bundespräsidentschaftswahl gewinnen, wäre das der erste Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Ich möchte aber nicht in die alltägliche Jammerei über den Rechtsruck und das Versagen der SPÖ einstimmen, ich bin noch positiven Mutes, dass Van der Bellen auch diesmal gewinnen wird. Wenn nicht, fürchte ich allerdings Revanchismus. Die FPÖ ist keine Partei der Toleranz und der Liberalität. Sie wird totalitär sein und sich an allen rächen, die vorher die Klappe aufgemacht haben.

profil: Apropos Bigotterie: Kam Ihnen der Hofer-Wahlkampf-Slogan "So wahr mir Gott helfe“ für Ihre Arbeit gelegen?
Kušej: Das ist exakt der "Terror im Namen Gottes“, den ich fürchte. Mich hat es angestachelt, Heinz-Christian Strache, den Parteiobmann der FPÖ, plötzlich mit einem Kreuz posieren zu sehen. Oder eben diese Anrufung Gottes auf Wahlplakaten. Das ist doch Propaganda der übelsten Sorte. Die FPÖ ist nicht die Partei des Volkes. Diese Partei war zu einem großen Teil mitverantwortlich für die Korruption, die in Österreich herrscht. Unerklärlicherweise wird das einfach vergessen. Haider, Grasser, Scheuch, Dobernig - tot oder vor Gericht. Kärnten pleite, die Politiker der FPÖ haben in großem Stil abgesahnt - in die eigenen Taschen! Wer soll uns da raushelfen? Ich sehe keinen Politiker, der das könnte.

profil: Wie finden Sie Christian Kern als Bundeskanzler?
Kušej: Finde ich spannend, und ich beobachte, wie sein Wille zur Veränderung in den Untiefen der aktuellen SPÖ auf Grund läuft. Letztlich wird eine strahlende Führungsfigur leider nicht mehr ausreichen, diese ganze miefige und sich selbst paralysierende Große Koalition wiederzubeleben. Die Angst, an Macht zu verlieren, führt dazu, dass permanent Kompromisse gemacht werden. Ich halte auch dieses defensive Taktieren und Abwarten nicht aus - gipfelnd in der Frage, ob man aus machtpolitischen Gründen eine Koalition mit der FPÖ eingehen könnte. Es müsste doch längst klar sein, dass diese Strategie zu nichts führt - außer zu Frustration, Depression und schließlich zum Verlust der Wähler.

profil: Sie sind in einer Großfamilie aufgewachsen; brachten Ihre Eltern Ihnen Grundwerte wie Respekt und Höflichkeit bei?
Kušej: Natürlich. Aber die nach dem Dritten Reich berechtigte Distanz zur autoritären Erziehung in den 1960er- und 1970er-Jahren ist, ähnlich wie die Aufklärung insgesamt, völlig umgeschlagen in einen Mangel an Nächstenliebe, Respekt und Toleranz. Gepaart mit einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung des Profits herrscht der pure Egoismus.

profil: Mussten Sie als Kind in die Kirche gehen?
Kušej: Ich habe die ultimative katholische Laufbahn hinter mir. Als Ministrant in der Dorfkirche habe ich im Winter um sechs Uhr früh mit einem Schraubenzieher das gefrorene Weihwasser aufgeklopft. Ich habe Hunderte Begräbnisse, Taufen, Hochzeiten, Christmetten und Karfreitage miterlebt. Meine Eltern gehörten aber zu einem sehr liberalen Kirchenkreis, ich habe sie nie als einengend oder streng empfunden.

profil: Hat Ihnen das Theatralische in der Kirche gefallen?
Kušej: Auf jeden Fall. Ohne diese frühe Konfrontation mit dem Ritus und mit Geschichten, die in sehr starken Bildern erzählt werden, wäre ich wahrscheinlich nie beim Theater gelandet. Deshalb passiert es mir leider immer wieder, dass ich eine hinter mir gelassen geglaubte katholische Moral noch in meinen Inszenierungen finde, obwohl ich das gar nicht will. Sünde, Bestrafung, Leiden für Leistung, Sex muss Liebe sein: Solches Zeug schwirrt scheinbar immer noch in meinem Kopf herum.

profil: Verstehen Sie sich als politischer Regisseur?
Kušej: Auf jeden Fall! Schon in meinen Konzepten, die ich zu Probenbeginn den Schauspielern vorlege, ist das offensichtlich. Ich bin grundsätzlich von der politischen Dimension von Kunst überzeugt, allerdings nicht im allgemeinen Verständnis des Begriffs und nicht aktualitätsheischend. Kunst oder Theater - das ist ein völlig anderer Zugang zur "Politik“: definiert als "Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die das Gemeinwesen betreffen“. Das mache ich, allerdings mit den Mitteln dramatischer Texte aus über zwei Jahrtausenden.

profil: Sie legen auf der Probe Regiekonzepte vor?
Kušej: Für mich ist die Frage, warum ich ein Stück inszenieren möchte, zentral. Wenn ich diese Frage nicht beantworten kann, brauche ich nicht zur ersten Probe zu kommen. Die Antwort darauf geben meine Konzepte, deren Vortrag manchmal etwas streng daher kommt. Ich bin ursprünglich Germanist - das kann ich da nicht verhehlen.

profil: Haben Sie für "Hexenjagd“ erneut ein strenges Konzept?
Kušej: Jenseits der politischen Komponente gibt es auch theatralische Probleme mit diesem Stück. Es ist schwierig, vom Teufel besessene Mädchen oder Frauen zu zeigen. Meist sieht man dann hysterische, schreiende, spuckende, kreischende Schauspielerinnen auf der Bühne. Für mich war der sehr zurückhaltende Kinofilm "Requiem“ mit Sandra Hüller als vom Teufel besessene Studentin aufschlussreich. Ich möchte eine Gesellschaft zeigen, die keine Emotionen, keine Ausbrüche kennt. Die Menschen unserer Aufführung unterdrücken ihre Triebe, reglementieren ihr Zusammenleben. Alles wird sehr, sehr leise sein.

profil: Und wie passen die besessenen Mädchen in diese Gesellschaft?
Kušej: Unterdrückte Sexualität spielt hier eine immens wichtige Rolle. Im Stück heißt es ja, die Mädchen hätten im Wald getanzt. Ja, klar, es geht um eine erotische Erforschung des Körpers. Ich stelle mir das ganz anders vor: Diese Mädchen masturbieren - und nehmen sich dabei ihren Atem. Diese Strangulationsfantasie wäre aber kein erotisches, sondern ein gesellschaftskritisches, theatralisches Bild.

profil: Die "Süddeutsche Zeitung“ nannte Sie jüngst einen "Theaterpatriarchen“, der keine Kritik dulde.
Kušej: Das ist absoluter Blödsinn! Ich weiß, die Stimmung im Residenztheater ist entspannt. Wir arbeiten im Team, ich kann mir patriarchale Führung weder vorstellen, noch kommt sie für mich infrage. Aber ich habe natürlich manchmal die alleinige Verantwortung, muss den Chef spielen. Diese Rolle musste ich mir erst aneignen, das war mitunter auch ein schmerzhafter Prozess. Ich war das eine oder andere Mal sicher raubeinig. Aber wenn man Arbeitstage mit zwölf Stunden hinter sich hat, dauernd mit Problemen konfrontiert wird und jeder erwartet, dass man sie sofort löst, ist das manchmal echt anstrengend.

profil: Sind Intendanten nicht oft zu weichgespült, mischen sich zu wenig in öffentliche Diskurse ein?
Kušej: Ich sehe mich nicht so - und ich will noch weiter gehen. Vor einigen Wochen sah ich den Kulturwissenschaftler Martin Roth im Fernsehen, er hat in London das Victoria and Albert Museum geleitet. Ich war beeindruckt davon, wie er zu seiner Haltung stand: nach dem Brexit wolle er einfach nicht mehr business as usual machen, daher nicht weiter in England arbeiten. Ich habe ihm geschrieben, wir haben uns getroffen, es war ein wirklich spannender Austausch. Wir sind einander diesbezüglich sehr ähnlich.

profil: Befindet sich das Theater nicht in einer großen Blase? Man erreicht doch mit der Bühnenkunst einen Großteil der Menschen gar nicht.
Kušej: Das ist zweifellos ein großes Problem. Menschen, die Institutionen vertreten, müssen sich viel mehr öffentlich positionieren, klare politische Haltung zeigen. Ich bin als Intendant und Regisseur eine öffentliche Person, aber der Austausch zwischen Publikum und Künstlern auf der Bühne geht viel zu wenig nach außen. Wir haben im Zuge einer Publikumsbefragung erkannt, dass das Residenztheater in der Frage "Wie politisch ist Ihr Haus?“ nicht sehr weit vorne steht. Das finde ich schade, denn ich bin davon überzeugt, dass unser Theater sehr wohl politisch ist.

profil: Früher waren Sie Handballer. Ist Sport für Sie noch wichtig?
Kušej: Ich brauche Adrenalin, nicht nur am Theater. Aber ich bin mittlerweile leider ein richtiger Sportkrüppel. Kollegen aus meiner alten Mannschaft ernähren sich ebenfalls von Schmerztabletten. Ich hab zwei operierte Hüftgelenke und Probleme mit der Wirbelsäule. Leistungssport kann ich wirklich nicht empfehlen. Mittlerweile musste ich auf so langweilige Ausdauer-Sportarten wie Schwimmen oder Radfahren umsteigen. Nur Skifahren kann ich noch gut. Das österreichische Wellenreiten. Wenn ich das nicht mehr könnte, wäre ich echt am Ende.

Martin Kušej, 55

Ende der 1980er-Jahre wurde der Kärntner mit düsteren und wuchtigen Inszenierungen wie Karl Schönherrs "Es“ (1987, Schauspielhaus Graz) und "Glaube Liebe Hoffnung“ (1990, Slowenisches Nationaltheater) berühmt. Kušej schätzt ausgefallene, selten gespielte Stücke. Im Akademietheater brillierte Birgit Minichmayr in "Der Weibsteufel“ (2008). Seit 2011 ist Kušej Intendant des Münchner Residenztheaters. Er hat seinen Vertrag gerade bis 2021 verlängert.

Kollektiver Wahn

Arthur Miller schrieb "Hexenjagd“ 1953 als Kommentar zur Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära, in der Denunziation, Verhöre und Bespitzelung zum Alltag gehörten. Im Zentrum des Stücks steht eine Gruppe junger Mädchen, die im Wald sexuell aufgeladene Rituale praktiziert. Um einer Strafe zu entgehen, flüchten die Mädchen in vorgetäuschte Krankheiten; es entsteht das Gerücht, übernatürliche Kräfte - und vielleicht sogar der Teufel - seien im Spiel. Sie beginnen, andere zu denunzieren. Der Prozess wächst dem Dorf über den Kopf, religiöser Wahn greift um sich. Im Burgtheater spielen u. a. Martin Schwab, Philipp Hauß, Dietmar König, Elisabeth Orth, Dörte Lyssewski und Ignaz Kirchner. Premiere ist am 22. Dezember.