Nina Bunjevacs "Vaterland": Wie Angst und Gewalt ihre Kreise ziehen

Nina Bunjevacs "Vaterland": Wie Angst und Gewalt ihre Kreise ziehen

Zeichnungen wie alte schwarz-weiß Fotografien, ein vorsichtig-distanzierter Blick auf fatale Ereignisse, Empathie ohne Entschuldigung für die Entscheidungen ihrer Charaktere: Nina Bunjevac legt mit ihrer Familiengeschichte zwischen Jugoslawien und Kanada ein gelungenes Graphic-Novel-Debüt vor.

Der zentrale Satz in "Vaterland" findet sich auf Seite 91 und heißt: "Es schien, als ob alles, was er je begriffen, gesehen und erfahren hatte, aus Angst und Gewalt entstanden war." Die Rede ist von Bunjevacs Vater Peter, der sich 1977 bei einer Garagenexplosion in Kanada selbst in die Luft gesprengt hat. Zwei Jahre zuvor war Bunjevacs Mutter mit Nina und ihrer älteren Schwester vor ihrem Ehemann in das Land ihrer Eltern nach Serbien geflüchtet. "Vaterland" ist der Versuch zu verstehen und mitzuteilen, wie sich Bunjevacs Vater zum radikalen Nationalisten entwickelt und im kanadischen Exil im Namen seiner serbischen Heimat Anschläge verübt hat. "Vaterland" folgt aber auch den Schmerzen, welche die Trennung der Familie auf Initiative der Mutter bei allen Beteiligten hinterließ. Beides gelingt Bunjevac - inhaltlich wie stilistisch - ausgezeichnet.

"Viele Jahre lang habe ich meine Mutter dafür beschuldigt, dass sie unsere Familie auseinandergerissen hat. Später dann habe ich meinen Vater dafür verantwortlich gemacht, dass er schlechte Entscheidungen getroffen hat", erklärt die Autorin im Interview mit profil. Mittlerweile verstehe sie jedoch, dass ihre Eltern damals nur wenig Entscheidungsspielraum in schwierigen Situationen hatten - privat wie politisch. Bunjevacs Vater wuchs während des Zweiten Weltkriegs auf, war großteils auf sich alleine gestellt und eckte im kommunistischen Jugoslawien der Nachkriegsjahre an. Die Erfahrungen dieser Jahre, die Angst und die Gewalt, sollten später nicht mehr aus seinem Leben verschwinden. Die Mutter versuchte ihrerseits wiederum der Radikalisierung und Gewalt ihres Mannes zu entkommen.


Die Charaktere begannen, ihr eigenes Leben zu entwickeln

Drei Jahre hat die 40-jährige Illustratorin an ihrem als Graphic-Novel-Debüt gearbeitet, als Vorlage dienten ihr alte Familienfotos, Gespräche und historische Dokumente. Bunjevac dazu: "Ich habe für das Buch mit meiner Mutter, Schwester und Großtante gesprochen. Zudem habe ich sehr viel durch alte Familienfotos gelernt; Gesichtsausdrücke und Körpersprache erzählen ungemein viel." Eindrücke, die Bunjevac grafisch hervorragend auf ihre Zeichnungen überträgt.

Zu Beginn habe Bunjevac noch nach Skript gearbeitet, dieses aber bereits nach der ersten Seite verworfen und einen offeneren Zugang gewählt. "Bevor ich mit dem Buch begann, war mein Zugang sehr einseitig, beschuldigend. Als ich mich jedoch auf einen organischeren Stil verließ, begannen die Charaktere ihr eigenes Leben zu entwickeln und das Buch formte sich sozusagen von selbst." Die Familiengeschichte steht dabei zwar stets im Mittelpunkt, anhand ihrer Verbindungs- und Trennlinien erzählt "Vaterland" aber parallel ebenso zentrale Dynamiken des Balkans im 20. Jahrhundert. "Der Teil über den Zweiten Weltkrieg war nicht einfach zu recherchieren, da es in den ehemaligen jugoslawischen Republiken eine Tendenz zum Revisionismus gibt", so Bunjevac. Die Guten von damals würden heute als die Bösen dargestellt und umgekehrt.

Die Frage nach Gut und Böse wird in "Vaterland" klugerweise erst gar nicht beantwortet, denn Bunjevac ist sich darüber klar geworden, dass die Gründe und Mechanismen hinter den schmerzlichen Entscheidungen ihrer Familie zwar in Schwarz-Weiß dargestellt, aber nicht verstanden werden können. Dadurch lässt sie dem Leser Raum, sich selbst in dieser fremden und zweifellos extremen Familiengeschichte wiederzufinden.


Vielleicht täte uns mehr Mitgefühl im Umgang mit Extremismus gut

"Ich bin stark davon überzeugt, dass sich hinter jedem radikalen Menschen ein sehr realer Schmerz verbirgt - sei es Entfremdung, fehlende Geborgenheit, Missbrauch, emotionale Schwierigkeiten oder eine psychische Erkrankung. Vielleicht täte uns daher ein wenig mehr Mitgefühl im Umgang mit Extremismus gut", meint die in Toronto lebende Illustratorin. Ein Plädoyer, auf das sich wohl nicht alle einigen können. "Vaterland" als Auseinandersetzung mit einer sehr spezifischen Geschichte, trägt jedoch zweifellos dazu bei, den Teufelskreis aus Angst und Gewalt ein Stück weit besser zu verstehen und zukünftig vielleicht entkommen zu können.

Nina Bunjevac: "Vaterland. Eine Familiengeschichte zwischen Jugoslawien und Kanada“, avant-verlag, 156 S., 25,70 Euro; www.ninabunjevac.com