Roger Willemsen: „Ich verzichte lieber aufs Altersheim!“

Roger Willemsen (1955-2016)

Roger Willemsen (1955-2016)

Der deutsche Bestsellerautor und TV-Intellektuelle Roger Willemsen ist tot. Willemsen erlag einem Krebsleiden. 2009 sprach er mit profil über Pornostars und Menschenfresser, Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer und das Versagen der Linken. Das komplette Interview in der Nachlese.

profil: Zum Ergebnis der deutschen Bundestagswahl 2009 haben Sie sich öffentlich noch nicht geäußert. Fühlen Sie sich von den Medien vernachlässigt?
Roger Willemsen: Nein, gar nicht. Ich bin zuvor viel gefragt worden, seither habe ich keinen Kommentar abgeben müssen. Am Wahlabend stand ich mit Dieter Hildebrandt mit unserem Programm über die Weltgeschichte des Lügens auf der Bühne. Wir haben uns zwei Stunden lang die Resultate angesehen, dann absolvierte jeder von uns ein Solo an der Rampe. Der Saal raste entsprechend, und wir hatten das Gefühl, wir sind unter unseresgleichen. Das ist zwar billig zu erntender Gesinnungsapplaus. Wir haben aber versucht, dem Programm so viel Schärfe zu geben, dass nicht mehr jeder mitapplaudieren kann.

profil: In den vergangenen Jahren waren Sie viel auf Reisen, etwa in Afghanistan und Thailand, wovon auch Ihr jüngst publizierter Reisebericht „Bangkok Noir“ erzählt. Meiden Sie Deutschland?
Willemsen: Ich bin in Deutschland einerseits Augenzeuge. Ein russisches Sprichwort sagt: „Er lügt wie ein Augenzeuge.“ Auf der anderen Seite fühle ich mich als Zaungast, als Schaulustiger. Ich halte mich aus politischen Initiativen raus. Ich finde, dass die geistige Unabhängigkeit, die der öffentlich Arbeitende für sich in Anspruch nehmen sollte, ihm sowohl verbieten sollte, depperte Werbung für die „Bild“-Zeitung zu machen, als auch, sich in jede Politrunde zu setzen, um da zu dilettieren. Ich halte nichts davon, dass Autoren und Fernsehmoderatoren unverbindlich über die Rüstungsindustrie schwadronieren oder unsachverständig den Krieg in Afghanistan kommentieren.

profil: Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung ist nach wie vor von der Notwendigkeit jenes Luftangriffs durch die Bundeswehr bei Kundus überzeugt, dem 50 Menschen zum Opfer fielen.
Willemsen: Ich bin in ständigem Kontakt mit Leuten einer Hilfsorganisation, mit denen ich in Afghanistan arbeite. Wenn Herr Jung hingeht und sagt, dass bei diesem Anschlag auf einen Laster alle Opfer Taliban gewesen seien, stelle ich mir Herrn Jung vor, wie er jede Leiche umdreht und feststellt, welche Gesinnung sie gehabt hat! Mir sagen die Leute vor Ort, dass bei diesem Unglück allein 13 Kinder anschließend bestattet wurden. Das ist bis jetzt nirgendwo gestanden. Es wird auch nicht kommentiert, dass in Kundus augenblicklich ein Exodus stattfindet. Die Leute bringen ihre Sachen auf den Markt, veräußern ihren Besitz, weil in der Region ein von Deutschen vom Zaun gebrochener Krieg herrscht.

profil: Wie betrachten Sie denn aus der Ferne die europäische Finanzkrise?
Willemsen: Die entschiedenere Linke wird in Deutschland aus den meinungsbildenden Prozessen herausgehalten. Man hat eine Finanzkrise und einigt sich in der scheißliberalen Mitte darauf, dass es zur Finanzkrise nur Positionen gibt, die folkloristisch von der Linkspartei, etwas weniger folkloristisch von der SPD vorgetragen werden – und sonst den Finanzinstituten gehören. Da kann der Ökonom Hans-Werner Sinn sagen, die Manager werden heute behandelt wie ehemals die Juden. Für etwas, das der TV-Moderatorin Eva Hermann Berufsverbot einbrachte, wird Professor Sinn in Talkshows eingeladen. Es gibt ein Meinungsspektrum, das sich so weit nach rechts ins Konservative hinein verlagert hat, dass Kritiker fast schon wie aus der Subkultur kommend auftreten. Es gibt ja auch nicht sehr viele, die sich unabhängig äußern.

profil: Wäre Österreich in Ihrer Tätigkeit als Reiseautor ein lohnendes Ziel?
Willemsen: Es wäre genau wie eine Reise ins Herz von Deutschland, ein Land, in dem ich mich mit ethnologischer Neugier treiben ließe, um dann festzustellen: Was versteh ich, was nicht? Wie lebt ihr hier? Wer lebt hier?

profil: Unter anderem Richard Lugner, André Heller, Hermes Phettberg …
Willemsen: … aber ja! Die drei würde ich sofort einschließen, auch Josef Hader würde mich natürlich interessieren. Mit Alfred Gusenbauer machte ich bereits ein Interview, ein für einen Politiker übrigens sehr ungewöhnliches Interview.

profil: Inwiefern?
Willemsen: Schon deswegen, weil Gusenbauer in den Räumlichkeiten, in denen das Gespräch stattfand, viel bescheidener aufgetreten ist als irgendein deutscher Politiker ähnlicher Rangordnung. Zweitens glänzte er mit seiner unaufdringlich vorgetragenen Bildung, man spürte: Der lebt wirklich mit Büchern und Filmen! Man kann das nun bewerten, wie man will, aber mir ist ein Mensch, der eine bestimmte Form von Selbstüberschreitung pflegt, sympathischer als einer, der das nicht tut.

profil: „Der Spiegel“ ätzte einst, Sie hielten sich für eine Reinkarnation von Karl Kraus. Ihr präsumtiver Österreich-Trip wäre so gesehen auch eine Art Heimkehr.
Willemsen: Natürlich! Ich glaube jedoch, dass sich das moralische Pathos von Karl Kraus leider überholt hat – nicht die Schärfe der Analyse, aber der Furor, mit dem er zwischen Gut und Böse unterschied. Im Vergleich zum „Spiegel“ bin ich gern Karl Kraus. Das Magazin hätte Kraus dringend nötig, denn dieser hätte zuallererst den Finger auf jene Stelle gelegt, wo sich der redaktionelle mit dem Anzeigenteil so verschlingt, dass man von einer Trennung nicht mehr sprechen kann.

profil: Von Karl May und dem Tierforscher Alfred Brehm haben Sie bereits Textsammlungen herausgegeben. In dem neuen Band „Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow“ edieren Sie nun die kuriosen Berichte eines schottischen Schneiderjungen, der um 1582 geboren wurde und als einer der ersten Weltreisenden gilt. Wo kommt Ihr Faible für Exzentriker her?
Willemsen: Das sind nun mal die interessanteren Figuren, weil sie aus ihrem Leben eine Art Roman machen. Diese Menschen leben also bereits literarisch, und es liegt mir daran, das Literarische an den Lebensläufen freizulegen.

profil: Lithgow werden aufgrund eines fatalen Liebeshandels beide Ohren abgeschnitten, worauf er sich auf seine Reise begibt. Erklärtermaßen spielt der Eros auch in Ihrem Leben eine wichtige Rolle.
Willemsen: Selbstverständlich! Nur möchte ich nicht genau wissen, was meine großen Mangelerscheinungen sind, die mich dazu bringen, permanent so viel zu schreiben, so viel zu reden und jedes erotische Steigerungsgefühl für vorbildlich zu halten und es manchmal sogar noch literarisch zu begleiten oder zu doppeln.

profil: Vielleicht weil Ihre Sturm- und-Drang-Zeit, wie Sie einmal bemerkten, vor allem der Lektüre von Büchern gewidmet war?
Willemsen: Nein, glücklicherweise gab es die Trennung zwischen dem Literarischen und dem Erotischen nicht wirklich. Denn auf der einen Seite musste ich früh begreifen, dass nicht mein Aussehen Frauen auf meine Seite bringen würde, sondern allenfalls die Fähigkeit, Frauen besinnungslos zu quatschen. Dafür können sich literarische Bildung, ein starker Wortschatz, ein blumiges, bisweilen zartes Sprechen durchaus als nützlich erweisen. Mein Interesse an Literatur und Frauen ließ sich mitunter auch sehr gut miteinander verbinden. Mit 18 habe ich zum Beispiel als Nachtwächter gearbeitet. Ich konnte lesen, gleichzeitig besuchten mich einzelne Freundinnen in der Bundesbaudirektion, im Schlachthof, in der Kerzenfabrik. In all diesen Szenerien gab es Zweideutigkeiten, das war doch sehr angenehm.

profil: „Wie war Ihr erstes Mal?“ Empfinden Sie die Frage als unanständig?
Willemsen: Niemals! Mein erstes Mal fand unter einer sardischen Agave statt, und die Blätter dieser Agave waren so fett und fleischig, dass ich gar nicht mehr richtig weiß, wo hörte die Frau auf, wo fing die Agave an. Noch heute hat eine Agave, grade wenn sie besonders fleischig ist und sich öffnet, für mich einen bestimmten erotischen Wallungswert, sodass ich sagen kann: Inzwischen reagiere ich sexuell, mit Pawlow’schem Reflex, auf Agaven. Die seinerzeit komplizierte, aber nicht lustlose Prozedur hinterließ in mir vor allem einen euphorischen Entgrenzungszustand.

profil: Als TV-Moderator und Autor haben Sie sich mit Pornostars und Menschenfressern beschäftigt. Wie müssen Phänomene beschaffen sein, damit Ihr Forscherwillen geweckt wird?
Willemsen: Ich muss zuallererst meinem eigenen Erkenntnisinteresse trauen. Das ist das Entscheidende. Zum Beispiel: Weshalb könnte ein allgemeines Verlangen an einem Japaner bestehen, der morgens als unbescholtener Bürger aus dem Bett steigt und abends, nur 18 Stunden später, zwei der wichtigsten Tabus überschritten hat: Man tötet nicht, und man isst nicht vom getöteten Menschen. Von einer Pornodarstellerin wollte ich, gleichsam bis in die Sekretabsonderung hinein, genau wissen, was der künstlich hergestellte Orgasmus einschließt, was er verlangt, welche inneren Bewegungen dabei entstehen. Das habe ich vielleicht so gelesen, wie man eine Klowand liest, die bekritzelt ist. Es hat mir jedoch einiges vermittelt.


Mein Glück hängt mit dem Aufbrechen zusammen, mit Geburtswehen, mit dem Hervorbringen selbst, nicht mit dem Sitzen auf dem Festen, auf dem fertigen Buch, mit dem Einnisten in der Bestsellerliste.

profil: Mit dem Gefangenenlager Guantánamo haben Sie sich ebenso befasst wie mit den Themen Lüge und Selbstmord. Welche Berufsbezeichnung würden Sie sich selbst zumessen?
Willemsen: Wahrscheinlich die wirklich alleroffenste und unverbindlichste: Autor oder Publizist. Mein Glück hängt mit dem Aufbrechen zusammen, mit Geburtswehen, mit dem Hervorbringen selbst, nicht mit dem Sitzen auf dem Festen, auf dem fertigen Buch, mit dem Einnisten in der Bestsellerliste. Das sind Nebenerscheinungen, die mir nicht unangenehm sind, aber nicht den Kern meiner Arbeit ausmachen. Es macht nicht mal den Kern meiner Arbeit aus, mich darum zu kümmern, was über mich gesagt oder geschrieben wird.

profil: Als gewitzter TV-Interviewer von Größen wie Madonna und dem Dalai Lama wurden Sie bekannt. Mittlerweile sind Sie selbst zum Star avanciert.
Willemsen: Fernsehleute wundern sich manchmal, wie wenige Leute eine Karte lösen, wenn sie abends auf einer Bühne erscheinen. Dazu braucht es mehr als Prominenz: Nährwert, Substanz, Hintergründigkeiten, was auch immer. Boris Beckers Buch zur Kindererziehung hat sich etwa keine einzige Woche in der Bestsellerliste gehalten, auch wenn er Stunden im Fernsehen darüber spricht. Fernsehen allein ist es nicht. Wenn ich nicht vom Fragen zum Antworten übergegangen wäre, dann, glaube ich, wäre ich heute, mit dem Ausscheiden aus dem Fernsehen, eine eher vergessene Figur. Dass ich es nicht bin, hängt wohl damit zusammen, dass ich versucht habe, mir Antworten zu Afghanistan oder zu anderen Dingen zu überlegen.

profil: War es eines Ihrer Lebensziele, berühmt zu werden?
Willemsen: Nein, darüber habe ich mir am allerwenigsten Gedanken gemacht. Als ich beim Fernsehsender Premiere anfing, hatte ich selber keinen Fernseher, ich hatte auch keine Vorstellung davon, wie man im Fernsehen Fragen stellen muss. Die ersten Sendungen waren Veranstaltungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Damals habe ich in der Redaktion gesagt: „Dem Ersten, der mich auf der Straße erkennt, schenke ich eine goldene Uhr.“ Als irgendwann ein Mann von der anderen Straßenseite herüberschrie: „Sind Sie nicht der Ansager von Premiere?“, hab ich mir gesagt: „Keine Uhr. Unverschämtheit.“ Ich bin nicht auf den hinteren Seiten von Zeitungen zu finden und war es nie. Ich habe nie Werbung gemacht, bin nie zu großen Society-Events gegangen und habe den Mehrwert des Ruhms eigentlich nicht eingeerntet.

profil: Vom Fernsehen haben Sie sich weitgehend verabschiedet. Leiden Sie unter diesem Rückzug?
Willemsen: Nein. Den persönlichen Freiheitszustand, den ich im Moment habe, möchte ich nicht wieder aufgeben. Ich kann reisen, wohin ich will. Erst vor sechs Wochen kehrte ich von einer Tour zurück, die mich von Ostsibirien über Korea und nach Polynesien und Tonga führte. Eine solche Reise anzusetzen, sie zu machen, sie so lange zu machen, wie ich will – und dann wieder für Lese- und Kabarettabende zurückzukehren auf die Bühnen: Das erscheint mir im Moment vollkommen. Dem Produktionszustand so viel Raum wie irgend möglich zu geben, sei es auf Bühnen, sei es beim Schreiben, das ist meine Vorstellung vom Glück. Wenn ich zudem finde, in der Öffentlichkeit wird das Thema US-Gefangenenlager zu wenig, falsch oder unter Ausschluss bestimmter Perspektiven behandelt, habe ich die Möglichkeit, Bücher und Dokumentationen zum Thema realisieren zu können, ohne dass ich dafür eine Zeitschrift, ein Magazin und einen Chefredakteur brauche, der mir sagt: Das darfst du, das darfst du nicht.

profil: Bereitet es Ihnen mehr Vergnügen, gefragt zu werden – oder Fragen zu stellen?
Willemsen: Im Moment antworte ich lieber. Weil Interviewen manchmal Steinemelken sein kann, zumal, wenn das Gegenüber nicht einsieht, dass es öffentlicher Wissbegierde etwas schuldig sein könnte; wenn es sich innerlich zurücklehnt und nur sagt: „Der soll mal kommen.“ Jede Frage ist dann eine Zudringlichkeit.

profil: Von der italienischen Schauspielerin Ornella Muti wollten Sie einst wissen: „In welchen Ihrer Körperteile sind Sie verliebt?“ Darf ein professioneller Interviewer seinem Gegenüber jede denkbare Frage stellen?
Willemsen: Es gibt eine Einschränkung: Es geht nicht darum, was man, sondern wie man fragt. Eine Frage, die beispielsweise immer möglich ist, lautet: „Wie haben denn Ihre Angehörigen reagiert?“ Die kann man einem Lottomillionär ebenso stellen wie jemandem, der gerade eine Krebs- oder Aids-Diagnose bekommen hat. Diese Art Fragen macht mich jedoch unfroh. Neulich begann ich ein Gespräch mit dem Comedian Thomas Hermanns mit dem Satz: „Sind wir nicht alle schwul genug?“ Eine argentinische Autorin konfrontierte ich damit: „Ist die deutsche Sprache eine Hausfrau?“ Ein gutes Gegenüber reagiert darauf zuweilen mit einer wunderbaren Antwort. Durch Kopfstellungs-Fragen lassen sich manchmal regelrechte Höchstleistungen des Gegenübers provozieren. Ein Gespräch mit Sabine Bätzing, der Drogenbeauftragten der deutschen Bundesregierung, eröffnete ich so: „Frau Bätzing, ich kiffe.“ Darauf entstand eine sehr hörbare Pause, und dann sagte Frau Bätzing: „Ja.“ Ich darauf: „Wollen Sie mir das jetzt nicht ausreden?“ Sie: „Ja, ich möchte jetzt schon mal wissen, warum machen Sie das denn?“ Bätzing wirkte immerhin sehr mütterlich. Das gefiel mir.

profil: Der Schweizer Journalist Tom Kummer fälschte dereinst Interviews mit der Begründung, erst die nachträglichen Eingriffe verwandelten die zumeist langweiligen Antworten der Hollywood-Stars in interessante Gespräche.
Willemsen: Bei Tom Kummer finde ich überhaupt nicht anstößig, was er sich für die Interviews ausgedacht hat. Anstößig finde ich eher, dass er das Bild einer Person überblendet hat mit einer Fiktion, ohne der Person die Möglichkeit zu geben, diese Fiktion auch als solche erkennbar zu machen. An Tom Kummer war aber nicht Tom Kummer das Problem, sondern es war seinerzeit der Journalismus in dessen Umfeld, der geradezu ideologisch behauptete, Wirklichkeit interessiert uns nicht! Gerade im Umfeld des Magazins „Tempo“ wurde damals unablässig gefälscht, und es gibt ganz andere Autoren, die nie namentlich genannt wurden, aber noch stärker erfundene Geschichten anboten. Am Ende einigte man sich auf Tom Kummer, zugleich wurde das Fernsehen mit Beiträgen über den Ku-Klux-Klan in der Eifel und indische, teppichknüpfende Kleinkinder für Ikea gefüttert. Die hohe Zeit des Borderline-Journalismus.

profil: Sie sind Mitglied etlicher Wohltätigkeitsorganisationen. Rousseau sagt: „Der Mensch ist ein krankes Tier.“ Ist es trotz dieses grundlegenden Pessimismus wichtig, sich zu engagieren?
Willemsen: Ich folge Rousseau in diesem Punkt nicht. Es ist Aufgabe des öffentlich Arbeitenden, das Privileg, öffentlich reden zu dürfen, auch für jene einzusetzen, die es nicht können. Das klingt pathetisch, ist es wahrscheinlich auch, es ist aber zugleich eine Minimalforderung. Zudem nötigt mir die Literatur viel Einfühlung und die Frage ab: Woher kommt die sterile Trennung, dass man sich für einen Dostojewski-Helden interessiert, sich in ihn einfühlt, in ein Guantánamo-Opfer dagegen nicht? An dieser Stelle endet meine Empathie. Auch Samuel Beckett, der so weit rausgetrudelt ist aus der Menschheit wie wenige vor ihm innerhalb der Literatur, war ein entschiedener Unterstützer der Menschenrechtsorganisation Amnesty.

profil: Nestroy meinte einst: „Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf.“ Haben Sie Ihre nähere Zukunft schon geplant?
Willemsen: Ich glaube, der Horror Vacui würde mich überschwemmen, wenn ich nicht hinter dem nächsten Buch das übernächste schon plante oder wenn mir die Projekte ausgehen würden.

profil: Peter Handke sagte, im Alter werde er mit seinen Freunden auf der Bank eines Altersheims sitzen und jungen Mädchen nachschauen.
Willemsen: Ich kann mir das Hinterherschauen sehr gut vorstellen. Ich glaube jedoch, ich verzichte lieber aufs Altersheim und auf die Badewanne, die ich im Turnus mit meinen Freunden zu schrubben hätte. Ich hoffe, im Alter ohne Treppenlift ein Haus bewohnen zu können, in dem ich meinen Verschrobenheiten nachgehe und irgendwann tot umfalle. Das wäre gnädig.

Interview: Wolfgang Paterno

Roger Willemsen

Der Start erfolgte buchstäblich aus dem Nichts: Der promovierte Literaturwissenschafter sprang 1991 als Urlaubsvertretung einer neuen Interviewsendung namens „0137“ im Pay-TV-Kanal Premiere kurzfristig ein – ohne jede Kameraerfahrung. Durch intelligenten Moderationsstil und erfrischend respektlose Fragetechnik („Denken Sie mit Heiterkeit an Ihren Tod?“) avancierte Willemsen bald zum „Vorzeige-Intellektuellen des deutschen Fernsehens“ („Der Spiegel“). Einem breiteren Publikum wurde der prononcierte Schnellredner Mitte der neunziger Jahre bekannt, unter anderem durch die TV-Formate „Willemsens Woche“ und „Willemsens Zeitgenossen“. Zum Jahresende 2001 zog sich der Kulturkritiker, Autor und Essayist weitgehend aus dem TV-Geschäft zurück. 2002 entstand die Reportage „Deutschlandreise“ – zahlreiche Publikationen folgten, darunter Anthologien („Erotik – Das Tier mit den zwei Rücken“) und Sachtitel („Hier spricht Guantánamo“) sowie autobiografisch gefärbte Arbeiten („Der Knacks“, 2008). Willemsen starb am 8. Februar in der Nähe von Hamburg.