Subventionierte Kultur: Das Schreckgespenst Compliance

Agnes Husslein-Arco, ehemalige Belvedere-Direktorin

Agnes Husslein-Arco, ehemalige Belvedere-Direktorin

Ein Schreckgespenst geht um in der Kunstszene. Es wird Compliance genannt und auferlegt öffentlichen Kulturbetrieben strenge Regeln im Umgang mit Subventionen. Ist das spießig – oder aber eine Frage des Prinzips?

Wo mit Kunst in großem Stil hantiert wird, sind Elastizität und Sinn fürs Wesentliche gefragt. In den Chefetagen hochsubventionierter Betriebe aber, das lehrt die jüngere Vergangenheit, sitzt das Geld oft allzu locker. Es scheint, als liefen in Museen, Theatern und anderen Kulturinstitutionen all jene, die sich verpflichtet fühlen, Erbsen zu zählen, akut Gefahr, das Entscheidende – den kreativen Akt, das Denken in größeren Zusammenhängen, die künstlerische Ungebundenheit – aus den Augen zu verlieren. So zumindest versuchen oft die, denen man Fördergelder zur sinnvollen Verwendung anvertraut hat, ihren schlampigen Umgang damit zu rechtfertigen.

Der Skandal um Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bildete da keine Ausnahme. Ende Juli beschloss Kulturminister Thomas Drozda die Nichtverlängerung von Hussleins Vertrag, nachdem die Prinzipalin zugegeben hatte, Spesen unzulässig verrechnet und Mitarbeiter für private Dienstleistungen herangezogen zu haben. Das klang sehr vertraut: Wer in den Jahren 2011 und 2012 die Fälle Peter Noever und Gerald Matt, die im Museum für angewandte Kunst beziehungsweise in der Kunsthalle Wien ebenfalls recht freihändig mit Subventionen hantierten, verfolgt hatte, den beschlich heuer ein Déjà-vu, in das sich auch dunkle Erinnerungen an die millionenschwere Finanzaffäre um Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann und seine einstige kaufmännische Leiterin Silvia Stantejsky mischten.

Auf strenge Einhaltung der Gesetze und die Erfüllung ethischer Richtlinien in einem Unternehmen pocht der Begriff Compliance. Er meint die Beschränkungen, die sich hiesige Kulturbetriebe als Anti-Korruptionsmaßnahme selbst auferlegt haben. Fast schon inflationär tauchte das Wort 2016 in Feuilletons, Kommentaren und Kulturausschüssen auf. Denn es trifft einen Nerv: Die Debatte um Compliance-Verstöße, so sehr sie oft um bleierne Feinheiten der Aufsichtspflicht und buchhalterische Details kreisen mag, produziert beim kunstskeptischen Normalverbraucher offenbar voyeuristische Nebenwirkungen. Die Auseinandersetzung mit Compliance-Sündern ist das neue Ventil für die alte Missgunst gegen die vermeintliche Prass-Kunst, ein Schadenfreudenfest für Kulturoberschichtshasser.

Multikontrollorganversagen

Der öffentlich geäußerte Verdacht der Selbstbereicherung ist Wutbürgern, Neidgenossen und Kulturpolitikern zu einer Art Lieblingssport geworden, um mächtige Führungspersönlichkeiten der Kunstszene aus der Fassung und um ihre Ämter zu bringen – oder sie wenigstens zu desavouieren. Nichts scheint beim ohnmächtigen Volk auf größere Gegenliebe zu stoßen als das konsequente Sägen an den Stühlen der Kulturelite. Allein der Vorwurf des missbräuchlichen Umgangs mit Kunstsubventionen scheint dem gemeinen Beobachter ein schlüssiger Beleg, fast schon der letztgültige Beweis für die flächendeckende Verkommenheit der Branche zu sein. Die Staatskunst wird totgeschrien. Diagnose: Multikontrollorganversagen.

Sogar gegen Kulturminister Drozda wurden Anfang Oktober massive Vorwürfe laut: Als Geschäftsführer des Burgtheaters zwischen 1999 und 2008 habe er, ebenso wie als Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien (2008–2016) gegen Compliance-Richtlinien verstoßen. Ein selbst ernannter Aufdecker brachte unter dem sinnträchtigen Pseudonym „Hertha Firnberg“ (sozialdemokratische Wissenschaftsministerin unter Bruno Kreisky von 1970 bis 1983, Anm.) bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft eidesstattlich Anzeige und einen „Antrag auf Einleitung von Ermittlungen“ gegen Drozda ein – „wegen des Verdachtes auf Untreue, Bestechlichkeit, Subventionsbetrug“. Der Minister habe einst die Arbeiten von Bundestheaterhandwerkern und -elektrikern in seinem Haus in Währing in Anspruch genommen, „während der Dienstzeiten und unter Verwendung von Baumaterialien aus Bundestheaterbestand“. Als VBW-Chef habe Drozda später Boten genutzt, um „private Wege erledigen“ zu lassen. Und er habe sich einen Privatchauffeur für sich und seine Familie gehalten, obwohl die Compliance-Richtlinien der Wien-Holding dies nicht vorsehen. Die Anschuldigungen, die mit Drozdas Entscheidung, Husslein-Arco aus dem Belvedere zu entfernen, direkt zusammenhängen dürften, sind mittlerweile vom Tisch, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Die Grundfrage aber bleibt: Ist es nur neumodisches Politgerassel oder gut verkäufliche Medienhysterie, wenn großspurig auftretende Kulturmanager als tendenziell korrupt verdächtigt werden? Sollte man nur bei schwerwiegenden Verstößen eingreifen, weil am Ende eben die inhaltliche Arbeit entscheidend ist? Muss man befürchten, dass die Kunstarbeit an großen Häusern durch allzu penible Auf- und Abrechnungen eher behindert als sichergestellt wird? Sollte man feudal geförderte Betriebe nicht besonders genau durchleuchten?

Man konnte jedenfalls zuletzt den Eindruck gewinnen, die erfolgreiche Führung einer Kulturinstitution stehe geradezu im Widerspruch zu allfälligen Compliance-Vorgaben. Egal, ob es sich um Noever, Matt, Hartmann oder Husslein handelte: Ihr genialisches Schaffen werde, so hieß es aus einschlägiger Ecke, durch die Mediokrität ihrer Kritiker hintertrieben, die in ihrer unerträglichen Kleinkariertheit nur darauf aus seien, das Große, Wahre, Schöne zu sabotieren.

„Wie klein und spießig Österreich noch manchmal ist … Ich will lieber gute Ausstellungen sehen als dass sich Frau Husselin die Drucker Patronen selbst zu Hause austauschen muss“, postete etwa Hussleins Freund Hubertus von Hohenlohe in leicht nachlässiger Form auf Facebook. Auch Gerald Matt, der sich vom Kunsthallenchef zum Gratisblatt-Kommentator weiterentwickelt hatte, warf sich für die Belvedere-Herrin in die Bresche: „Wo kein Fehler begangen wird, wo nie das Risiko gewagt wird, wo verwaltet statt gestaltet wird, da geht gerade das, worum es in Kulturinstitutionen gehen sollte – nämlich die Kunst – vor die Hunde.“ Und Matthias Hartmann inszenierte sich ohnehin immer als Künstler, der mit lästigen Abrechnungen nicht belangt werden wollte – er war doch mit dem Zauber des Theaters beschäftigt! Erstaunt musste jenes Publikum, von dessen finanziellen Zuwendungen Kulturbetriebe größtenteils erhalten werden, zur Kenntnis nehmen, dass leidenschaftliches Engagement und wirtschaftliche Korrektheit einander offenbar ausschließen.

Antiquierter Führungsstil

Doch wer ein passioniertes Leben für die Kunst führt, kann anscheinend nicht nur auf Compliance-Regeln pfeifen, sondern auch auf einen Führungsstil, der dem 21. Jahrhundert entspricht. Der Kunstbetrieb, so hörte und las man, sei halt keine demokratische Veranstaltung und auch kein Wellness-Urlaub, verlange von Mitarbeitern vollstes Engagement, notfalls bis hin zur Selbstaufgabe. Noever erniedrigte Kuratorinnen, so what! Husslein schrie ihre Angestellten an: Mein Gott, seit wann müssen Chefs beliebt sein? So klang die nonchalante Reaktion vieler, die selbst vermutlich schon nach einem Tag als Untergebene einer autoritär agierenden Leitungspersönlichkeit die Segel gestrichen hätten.

Ein bestimmter Führungsstil kann ein Haus durchaus stärken, gegebenenfalls aber auch deutlich schwächen. Denn irgendwann schicken gedemütigte Angestellte oder solche, die unter untragbaren Arbeitsbedingungen das Handtuch geworfen haben, kopierte direktoriale Hotelrechnungen an Journalisten oder erzählen ihrem Aufsichtsrat unschöne Details aus dem Berufsleben – und der Glamour ihrer umtriebigen Bosse, die gern die große Geste pflegen, erscheint schnell getrübt durch fragwürdige Kilometergeldaufstellungen.

Aber während jene, die aufdeckend tätig werden, um die Wahrheit der Amtsführung in ihrer Institution ans Licht zu bringen, plötzlich als hinterhältige Vernaderer erscheinen (und nicht als die couragierten Whistleblower, die sie oft tatsächlich sind), stehen jene, die sich jahrelang über Regeln hinweggesetzt haben, als die eigentlichen Opfer da – als Leidtragende einer „wochenlangen medialen Kampagne“ („Krone“-Kommentator Michael Jeannée über Husslein) oder gar einer „Menschenhatz“ (Husslein über Husslein). Als Peter Noever unter anderem über die Kosten für die Geburtstagsfeier seiner Mutter stolperte, sah der Künstler Hans Weigand angesichts aufkeimender Kritik das Land gar von einer „dritten Emigrantenwelle“ bedroht – „wenn der österreichische Kleingeist wieder mal gemeingefährlich wird“.

Natürlich weiß es der heimische Denkminimalist in seiner Ärmelschoner-Mentalität auch nicht zu schätzen, dass engagierte Kulturmanager 24 Stunden täglich unter größter Selbstaufgabe für ihre Häuser brennen und rennen. „Als Direktorin bin ich 365 Tage im Jahr rund um die Uhr im Einsatz“, schrieb Husslein in einer Stellungnahme, die sie als Massenaussendung per Mail verschickte. Daraus ergebe sich „zwangsläufig eine Überschneidung von beruflicher Tätigkeit und Privatleben“. Freilich könnte man da dezent die Frage aufwerfen, ob das nicht bei allen, die ihre Berufe lieben und darüber hinaus in Führungspositionen tätig sind, der Fall ist? Ob nicht auch ein guter Rechtsanwalt am Wochenende mit Freunden rechtliche Fragen erörtert, eine engagierte Chefärztin abends im Bett Fachartikel liest? In der Kunstszene aber hält man sich stets für etwas ganz Besonderes, fern jener schnöden Banalitäten, mit denen Topmanager anderer Branchen befasst sind. „Künstler, Sammler, Kunstschaffende funktionieren und ticken anders als ein Businessman, der einen Deal macht“, erklärte Husslein entrüstet in einem „News“-Interview. In Sachen Compliance sei eine „gewisse Flexibilität“ gefragt, betonte sie: „Man muss sich bewegen können.“

Paul Frey, der kaufmännische Geschäftsführer des Kunsthistorischen Museums (KHM), sieht dies nicht ganz so entspannt. „Ich glaube nicht, dass die Bereiche zwischen beruflich und privat im Kulturbereich stärker verschwimmen als anderswo. Ab einer gewissen Ebene wird vom Arbeitgeber immer ein höheres Engagement verlangt, egal in welcher Branche.“ Cornelia Lamprechter, Freys Kollegin im Museum moderner Kunst (Mumok), meint, dass die spezifischen Voraussetzungen eines Unternehmens berücksichtigt werden müssten – „egal, ob Kulturbetrieb oder nicht“.

Klare Regeln im Mumok

Im Mumok sind die Dinge klar geregelt. Lamprechter nennt einige Beispiele: „Nebenbeschäftigungen bedürfen der ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Freigabe durch Vorgesetzte beziehungsweise die Direktion. Die Annahme von geringwertigen ortsüblichen Aufmerksamkeiten sowie eine ortsübliche Bewirtung sind erlaubt. Darüber hinausgehende Geschenke sind zu melden und höflich zu retournieren.“ Und Bonusmeilen dürften „nur für dienstliche Zwecke eingesetzt werden“. Die schriftlich formulierten Richtlinien, die jeder Mitarbeiter berücksichtigen muss, will Lamprechter freilich nicht offenlegen – darin seien interne Informationen enthalten. Frey dagegen macht das entsprechende Regelwerk des KHM umgehend zugänglich; es umfasst immerhin 15 Seiten. Manches darin mag pingelig erscheinen. Da ist etwa festgehalten, dass die Mitarbeiter der Garderobe zwar Trinkgelder annehmen dürfen, zuvor allerdings den Besuchern deutlich mitteilen müssen, dass der Service gratis sei. Freikarten „für private Zwecke von MitarbeiterInnen“ sind „nicht zulässig“.

Für einen privaten Familienbesuch in der KHM-Schatzkammer hat Frey unlängst „selbstverständlich ein Vollpreisticket für meine Frau bezahlt“ – auch wenn dies den Kassa-Mitarbeitern „sogar irgendwie unangenehm“ gewesen sei. So viel Korrektheit mag, wie Frey es ausdrückt, „moralinsauer“ wirken. Doch in öffentlich finanzierten Betrieben sollten derartige Standards selbstverständlich sein.

Aber wie soll man überprüfen, ob all die Richtlinien und Vereinbarungen im Routinebetrieb auch wirklich eingehalten werden? Und öffnen sie nicht, wie anlässlich von Hussleins unfreiwilligem Abgang häufig kritisiert wurde, dem Denunziantentum Tür und Tor? Beginnen Mitarbeiter demnächst damit, sich gegenseitig zu bespitzeln? Muss man befürchten, dass bald Stasi-Zustände in den Museen herrschen? Lamprechter kalmiert: „Compliance ist bei uns kein Schimpfwort und wird nicht als Benimmpolizei wahrgenommen, sondern als wichtige Guideline, die im täglichen Handeln den Weg weist.“ Entscheidend sei ein „vertrauensvolles Klima“. Über die Notwendigkeit von Transparenz und einer absoluten Vorbildwirkung der Führungsebene sind sich Lamprechter und Frey einig. Dummerweise treiben es aber gerade die Chefetagen manchmal besonders bunt.

Wer andererseits die Hass-Postings in den Online-Ausgaben hiesiger Medien liest, dem könnte schwindlig werden angesichts der oft grundlosen Verachtung von Persönlichkeiten, deren Verdienste durchaus anzuerkennen sind. Natürlich dürfen nachweisliche direktoriale Entgleisungen nicht als Bagatellen oder „Peanuts“ verharmlost werden. Das Problem dabei ist meist nicht der konkrete materielle Schaden, sondern die Symptomatik: Intendanten und Direktorinnen, die leichtfertig Geld verschleudern, machtlose Mitarbeiter in die Kleiderreinigung schicken oder für ihre Privatprojekte abstellen, sind von ihren Ämtern zu befreien.

Die Leitung einer von der öffentlichen Hand getragenen Kulturinstitution ist, auch wenn sich manch Prinzipal gern so geriert, eben kein künstlerischer Akt. Im Zweifelsfall gilt daher, lieber jeden Kaffee ordnungsgemäß abzurechnen, als dem Kulturfürstentum Vorschub zu leisten. Bei allem Verständnis für unkonventionelle Lösungen: Auch der Kunstadel steht nicht über den Gesetzen.